Sonntag, Dezember 25, 2005

eine extrem stille Nacht

“Swiss one six eight, the wind is calm, you’re cleared for takeoff runway 16”, die vier Gashebel werden an den vorderen Anschlag geführt und die A340 bewegt sich langsam Richtung Opfikon. Die Reise Richtung Japan kann an diesem Heiligabend beginnen.
Nach wenigen Höhenmetern verschwindet unser Vogel im Nebel und gefühlsvoll fliegt der Kapitän die erste Linkskurve über den Dächern von Bassersdorf.
Unter uns Familien die Weihnachtsbäume schmücken, Mütter die Geschenke einpacken, Nachwuchs der sie bald wieder auspackt, Kinder die aufgeregt vor dem Fernseher sitzen, Enkel die der Grossmutter alle Folgen von Sissi programmieren, Alkoholiker die den guten Tropfen aus dem Keller holen, EKZ Monteure die stromlose Stadtteile reelektrifizieren und Metzger die wie wahnsinnig Fondue Chinoise verkaufen.
Über dem Thurgau durchschiessen wir die Wolkendecke und trotz blendender Sonne sehe ich den Säntis in aller Pracht vor mir.
Heuer können sich also alle Schweizer über weisse Weihnachten freuen, die Unterländer in Form von Hochnebel und die Bergler als Schümli über dem Pflümli in der Skihütte bei herrlichem Sonnenschein.
Ich vergesse für einen kurzen Zeitpunkt meine Arbeit und träume vor mich hin, während draussen die herrliche Bergwelt vorbeizieht.
München will etwas von mir und holt mich aus meinen Tagträumen. Kaum einer wünscht dem anderen am Funk schöne Weihnachten. Wenn man an diesem Tag arbeitet, will man nicht noch alle drei Minuten daran erinnert werden, dass zuhause Fondue Chinoise, Bescherung oder die erste Folge von Sissi verpasst werden.
Es dunkelt langsam und Russland kommt näher. Moskau wird im Slalomkurs überflogen, die aufgestellte Kollegin aus der ersten Klasse fragt wie wir Fröhlichen in dieser Nacht noch gestillt werden können und ich bestelle, was ich in so einer Situation immer bestelle: einen Nespresso.
Es ist still am Funk in dieser besinnlichen Nacht. Wo sich in der Regel Piloten aus allen Nationen auf den verschiedenen Frequenzen verständigen, hört man heute nur deutsche Akzente. Austrian, Lufthansa und wir von der Lufthansa Süd scheinen die Einzigen zu sein, die sich in dieser Nacht nicht zuhause den Bauch vollschlagen, Tannenbäume abfackeln und Berge von Geschenken auspacken.
Novosibirsk kommt näher und die Wettermeldung bestätigt mir, was ich an der rauhen Stimme des Fluglotsen schon geahnt habe: Es herrschen dort unten Temperaturen, wo es Gallonen von Glühwein braucht, um wenigstens ein bisschen Wärme zu spüren.
Weihnachten ist immer weiter weg und zu unserer Erleichterung hatten wir keinen Zwischenfall mit Rentiergespannen und anderen fliegenden Festtagsüberraschungen.
Meine Schicht ist zu Ende und ich suche im Ruhebett etwas Stille und Besinnlichkeit. Es will einfach nicht so schlafen, wie ich mir es vorgestellt habe. Weder Engel zählen noch rhythmisches Drehen von links nach rechts bringt mich in einen Dämmerzustand.
Ich kapituliere, starte das Bordunterhaltungsprogramm und konsumiere in dieser christlichen Nacht einen sehr unchristlichen Voodoofilm (the skeleton key).
Nicht ganz dem festlichen Datum entsprechend, aber immer noch besser als Sissi!

Kommentare:

  1. Moin Nff....
    Ich kann Dich beruhigen, nicht nur Du durftest(muss man heute sagen)an diesen Tag arbeiten, Nein auch wir Köche.Ich hätte sehr gerne mit Dir getauscht, habe auch mal die letzte Crew gefragt die mich nach Deutschland flog, aber sie wollten mich die B737 einfach nicht fliegen lassen, geschweige denn mich ins Cockpit lassen, naja vielleicht bist Du da anders...Du gehst für mich Köcheln und ich führ Dein Stahlvogel aus!! Ich denke mal nach nen paar stunden in der Küche funkst nach oben und wir müssen umkehren um wieder zu tauschen..grins..So wünsche noch angenehme Tage und Flüge, geschwungene Grüsse mit dem Kochlöffel, Marcel

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  2. Es geht mir schon wesentlich besser (siehe oben)!

    Muss gestehen, dass mich das Experiment Küche gegen Cockpit tauschen reizen würde :-)

    Gruss nff

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