Dienstag, Dezember 27, 2005

arrigato gozaimasu



Keiner kann mir vorwerfen, dass ich während meines weihnachtlichen Aufenthaltes in Japan nicht aktiv war. Gestern begutachtete ich bei heiterem Sonnenschein und einer steifen Brise die Hafenstadt Yokohama und heute stand DER Klassiker, die Tempelstadt Nikko, auf dem Programm.
Früh morgens Japanzeit beziehungsweise spät abends Schweizerzeit schob ich das Duvet zur Seite und verlies noch bei Dunkelheit das stille Hilton in Narita. Dass die Japaner über die Weihnachtstage ihr Bruttoinlandprodukt aufpolieren, merkte ich spätestens am Bahnhof auf dem Perron. In langen Schlangen standen die Salarymen diszipliniert in einer Reihe und warteten schlotternd auf den Zug nach Tokio. Die Komposition fuhr ein, hielt millimetergenau vor den Markierungen still und öffnete seine Schleusentore. Die Menschenmasse ergoss sich förmlich in die engen Wagen und Sekunden später schlossen auch schon wieder die Pforten. Da stand ich nun eingepfercht zwischen frisch geduschten Bürolisten und versuchte mich so gut wie möglich an den Haltegriffen festzukrallen. Meine rechte Niere wurde von einer Laptoptasche malträtiert, im Sekundentakt schlug mir eine viel zu tief montierte Reklametafel an den Hinterkopf und die kleine Japanerin im kurzen Rock hinter mir ruhte sich entspannt an meinem breiten Rücken aus.
Die Fahrt dauerte ja nur noch knapp eine Stunde und ich habe in meinen ersten Yogalektionen schliesslich gelernt, dass erstens die Atmung stimmen muss, zweitens Balance nur möglich ist, wenn Bauch- und Arschmuskulatur angespannt sind und drittens der feste und richtige Stand die erfolgsversprechende Ausgangslage darstellt.
Meine Massai Barfusssandalen mit ihrer ‚gageligen’ Sohle waren da wohl nicht die optimale Wahl heute Morgen. So versuchte ich bei jeder noch so kleinen Bodenwelle meinen Glutaeus Maximus und die Bauchmuskulatur zu kontrahieren und so den Balancepunkt zu halten. Dieses morgendliche Muskelspiel wiederum regte meine Verdauungstätigkeit an und das bereitete mir in diesem Getümmel noch zusätzliche Sorgenfalten. Der Wirkung meiner Fürze bewusst, versuchte ich das Unheil mit aller Gewalt abzuwenden und Passagiere vor würzigen Gerüchen am frühen Morgen zu bewahren.
Unfallfrei und ohne rufschädigenden Zwischenfall habe ich letztendlich das erste Zwischenziel meiner Reise erreicht und gönnte mir in Ueno eine Gallone Milchkaffee.
Von jetzt an war es Nasenwasser. Eine kurze Fahrt in der Ginza Line nach Asakusa, in den reservierten Sitz des Schnellzuges fallen lassen, den iPod einstellen, die Zeitung lesen und nach einer Stunde und 40 Minuten auf den Regionalzug umsteigen.
Die Chillout Musik und das Surren in den Beinen genoss ich nach den Strapazen im Morgenzug sehr. Neben mir schoss die Landschaft vorbei, der Schaffner schlich fast lautlos durch die Gänge und die Airconditioning summte leise vor sich hin.
Ein zärtliches Schütteln holte mich schon bald aus meinen Träumen zurück. Eine wild gestikulierende Putzfrau versuchte mich auf irgendein Unglück aufmerksam zu machen. Das Unglück hiess Endstation und hörte sich irgendwie überhaupt nicht an wie mein Ziel Nikko. Ich landete in Kinugawa-Onsen, einem Ort in dem der letzte englischsprechende Zeitgenosse vor über 10 Jahren auswanderte.
Das Beiwort Onsen erheiterte mein Gemüt ein wenig. Onsen steht für heisse Quelle und war genau das, was ich nach zwei Stunden Schlaf in Kauerstellung jetzt brauchte.
Mit einem ausschliesslich in japanischen Schriftzeichen gehaltenen Plan machte ich mich auf den Weg zu den heissen Quellen am Berghang. Der Dampf der Bäderlandschaft am Horizont erwies sich als wesentlich bessere Orientierungshilfe als die seltsame Skizze aus dem Fremdenverkehrsamt und ich kam dem entspannenden Nass mit jeder massai’schen Abrollbewegung näher.
Mit dem gewohnten Samuraikampfgeschrei hiess mich der Bademeister als Kunde im Onsen willkommen und auf meinen Armen stapelten sich schon bald ein Berg von Frottiertüchern. Um Peinlichkeiten und grobe Verstösse gegen japanische Sitten und Rituale zu vermeiden, wurde mir ein Sekundant zur Seite gestellt. Dieser instruierte mich mit Handzeichen, wann ich die Schuhe ausziehen soll, zu welchem Zeitpunkt ich mir die Kleider vom Leibe reissen darf und mit welchem Tuch ich welchen Körperteil reinigen muss.
Dank zahlreichen Instruktionen von Röne-Sensei in den letzten Jahren, habe ich mich korrekt japanisch und sehr routiniert vor dem Bad im 45° C warmen Wasser gewaschen, meine Körperhaare ausgerichtet und mich für den entspannenden Taucher im Bassin bereit gemacht.
Man muss wissen, dass der Japaner beim Duschen sitzt. Das finde ich grundsätzlich sehr sympathisch. Man packt einen kleinen Plastikstuhl, setzt sich gemütlich vor die Duschbrause und nimmt sich extrem lange Zeit, um jede Pore des Körpers einzeln zu reinigen. Das wird nicht etwa in einer Einzelkabine erledigt, sondern sauber nebeneinander aufgereiht. Dazu wird geredet, gelacht, politisiert und getratscht.

Nach dem sensationellen Bad im heissen Quellwasser und der Selbstverstümmelung mit einem Einwegrasierer fand ich doch noch mit Hilfe einer Ticketverkäuferin die schnellste Bahnverbindung zum ursprünglichen Ziel Nikko.
Die unglaubliche Parklandschaft hat mich dort genauso fasziniert, wie die farbenfrohen Tempel und die frisch verschneiten Wege. Einmal mehr hatte ich mit meinen MBT-Schuhen auf den eisglatten Wegen einen nicht zu unterschätzenden Nachteil. Statt wie eine Schweizer Berggeiss, schlich ich wie ein weisser Massai durch das Weltkulturerbe der Präfektur am Rande der japanischen Alpen.
Es hätte nicht viel gefehlt, und ich wäre in ein hybridgetriebenes und kubikförmiges Taxi gestiegen und hätte mich wie ein Amerikaner zu den Sehenswürdigkeiten chauffieren lassen.


Apropos Hybrid, die hier in Japan nehmen es mit dem Sparen von knappen Rohstoffen sehr ernst. Neben den Hybridantrieben für Motorfahrzeuge, die helfen Unmengen teures Benzin zu sparen, haben die Inselbewohner sogar hybride Meerestiere auf dem Speiseplan. Um die knappe Ressource Fisch zu schonen, legen die Köche einfach eine Schicht günstigen Reis unter den wertvollen Rohstoff und nennen das Ganze dann Sushi.

Ich glaube der Schlafmangel setzt mir langsam zu……..Tasukete!

Kommentare:

  1. mmmmmm..... sehr nett.... errinert mich an meine Japanreise vor wenigen Jahren.... muss aber sagen, den mit der Handzeichen-Sprache hast du um einiges besser gemeistert als ich..

    AntwortenLöschen
  2. Moin nff...also wenn ich das so Lese mit Japan, sollten wir wirklich mal Tauschen. Du darfst in die Küche und ich erst fliegen und dann noch Japan besichtigen..schluchz..Ich muss sagen du könntest ja mit deinen Erlebnisberichten ja glatt noch nen Reiseführer für Insider herausgeben.
    Ich würde Dir ja mal meine geschrienben Kolumen usw zusenden via Email, wenn interesse ist.
    Mal auf die Tauschsache zurück zukommen, sicher ist das ich nicht ins Cockpit darf, wenn Du aber mal Lust und Interesse hast in einer guten Küche zu schauen, ohne das jetzt gleich was tun musst, ausser Du willst das wirklich, dann lass es mich wissen. Ach ja im Februar fange ich meine PPL an, auf dem Euroairport in Basel. Darf ich dann halt in nen kleineres Cockpit und vorallem fliegen..grins..so nun reichts an Text, Happy Landings, Marcel

    AntwortenLöschen
  3. Der Kommentar wurde von einem Blog-Administrator entfernt.

    AntwortenLöschen
  4. Wenn wir tauschen, dann verlierst Du Sterne und ich Streifen :-)
    Viel Spass beim PPL Start!

    Gruss aus dem -25°C kühlen - Pardon: frostigen - Engadin

    AntwortenLöschen
  5. Moin nff...
    Grüsse mit ebenfalls -21Grad aus Gstaad zurück. Wenn wir Tauschen, dann mag sein das Du den einen oder anderen Streifen äh verlierst, aber ich verliere keinen stern wenn Du kochst, weil ich bin Privatkoch..grins..ha bald Privatpilotenlizenz,Privatkoch bin ich schon...fehlt nur noch mein Privatflugzeug ;-)..so ich fröne mich jetzt dem nichtstun, schöne noch,bis demnächst.

    AntwortenLöschen