Donnerstag, November 03, 2005

Miami Blues

Um ein Haar hätte es mich wieder erwischt. Der Blues kam heute Morgen immer näher und ich konnte der Schwermütigkeit noch einmal im letzten Moment entkommen.
Doch eigentlich hätte ich überhaupt nichts zu klagen. Meine Firma schickte mich gestern für drei Tage an den Strand von Miami, das Wetter präsentiert sich in Hochform und weit und breit ist kein Hurricane im Anzug.
Für die Stürme selber lohnt sich der Umweg über Florida eh nicht mehr. Wilma hat ganze Arbeit geleistet und die Infrastruktur ist empfindlich verletzt. So gibt es zur Zeit zweierlei Bewohner in der Ferienecke der USA. Solche mit Strom und solche ohne. Wer keine Elektrizität hat, lebt ohne Dusche, ohne Airconditioning, ohne Kühlschrank, ohne Fernseher, ohne Weihnachtsbeleuchtung, ohne Computer, ohne Handy und ohne Mikrowelle.
Folglich wird weniger telefoniert, die Leute lesen mehr Zeitung, die Fastfoodbeizen sind voller als sonst und im Bus stinkt es zum Himmel.
Wer in Amerika Bus fährt, ist ein Looser oder ein Angestellter einer Airline, hat kein Auto, arbeitet körperlich hart, schwitzt mehr als der Bürolist, bekommt in letzter Priorität wieder Strom und riecht im Moment völlig unverschuldet etwas strenger als sonst.
Und da bin ich wieder bei meinem Blues. Von unserem Hotel aus hat man genau zwei Möglichkeiten für Ausflüge ohne Auto. Entweder man fährt mit dem Bus „S“ nach Norden ins Shoppingcenter oder mit der gleichen Blechbüchse nach Süden an die Southbeach. Wären da nicht die Stromlosen, hätte ich zwei Tage zwischen diesen beiden Fixpunkten gependelt. Aber eben, die Duftnoten von sechs elektrizitätslosen Tagen vertrieben mich schon nach wenigen Minuten aus dem öffentlichen Bus und die Schwermut schlich sich von hinten an mich ran.
Zwei Optionen blieben mir offen: Mich mit Bud light zu betrinken oder ein Auto zu mieten. Für das Erste fehlte mir eindeutig die Zeit! Um mit dem amerikanischen Lightbier räuschig zu werden, braucht man mehr als drei Tage Dauerkonsum…..

So stolzierte ich zielstrebig in die nächste Autovermietung und sicherte mir den letzten unverbeulten Wagen in Miami. Es war wirklich nur noch einer da. Take it or leave it – meinte der gut riechende Angestellte lächelnd. Ich zückte elegant meine Visa und beglich die Schuld mit Unterschriften auf mindestens 13 Papierbögen.
Plötzlich stand der brandneue Cadillac vor mir und der Blues, der noch vor einigen Sekunden bedrohlich nahe war, verzog sich mit einem Überschallknall aufs Meer hinaus.
Falls ich es in den restlichen zwei Tagen noch schaffe den Navigationscomputer von der Klimaanlage zu unterscheiden, werde ich die Fahrt nach Key West unter die Räder nehmen, mich mit meinem Laptop auf eine Terrasse mit Meersicht setzen, einen weiteren Bericht verfassen und mich dabei wie Hemingway oder Endo Anaconda* fühlen!

* Wer Endo nicht kennt ist selber schuld. Von ihm stammt übrigens der grosse Satz: Das Leben ist wie Snowboarden, entweder man kann es oder man kann es nicht!
Ich freue mich so auf den Winter!

1 Kommentar:

  1. wow...du häsch es läbe :-)
    nun...es gilt eh immer die devise:wir leben nur einmal...also lebt!

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