Dienstag, November 22, 2005

kleine New Yorker Nachtmusik

Ecke 16th/7th, es ist kalt, nass und der Wind pfeift durch die Gassen. Die Passanten eilen mit einem heissen Kaffee in der einen und einem Regenschirm in der anderen Hand auf die nächste Subwaystation zu, die Hüte sind tief ins Gesicht gezogen und die Mantelkrägen hochgeklappt.
Ich sitze mittendrin in einem Starbucks und schaue dem hektischen Treiben fasziniert zu. Alles ist extrem in dieser Stadt. Es hat extrem viele Leute, es wird extrem viel geschuftet, es hat extrem viele Bettler, man kann am Abend extrem viel anstellen, alles ist extrem teuer und die Hotels sind extrem alt.
Heute wo das Flugticket weniger kostet als eine Übernachtung in Manhattan, haben es die preisbewussten Airlines besonders schwer, zahlbare Zimmer für ihre Angestellten zu finden.
Unser temporäres Heim für 24 Stunden ist so ein extrem alter Kasten. Über 2000 Betten hat das Haus aus dem letzten Jahrtausend und die Zimmer versprühen einen Charme, wie ein Zivilschutzbunker in der Innerschweiz.
Die Infrastruktur des Zimmers funktioniert in der Regel gut. Als am zuverlässigsten zeigt sich einmal mehr der Kühlschrank. Alle fünf Minuten beginnt die etwa zweiminütige Kühlphase mit einem leichten Vibrieren gefolgt von einer sanften Rüttelbewegung. Die Zimmer sind ziemlich hellhörig und da die einzelnen Geräte nicht synchronisiert sind, geht ein dezentes Schwingen durch jeden Hotelflur.
Unterbrochen wird dieses esoterische Hintergrundgeräusch nur durch ankommende Fahrstühle. Es sind deren 10 eingebaut und jeder macht den im Jahre 1896 patentierten und unüberhörbaren ‚Ping-Ton’.
Die Kombination dieser Töne bildet den Klangteppich der kleinen New Yorker Nachtmusik. Dieses harmonische ‚GRRRROOOOOOOOM, PING PING GROOOOMMMM, PING, PING PING…’ wird rhythmisch durch das permanente Hupen der Yellow Caps und den Sirenen von Polizei, Ambulanz und Feuerwehr aufgepeppt.
Jetzt liegt es am Besucher bzw. am Bewohner dieser Stadt, so müde ins Bett zu gehen, dass man trotzdem einschlafen kann. Vermutlich ist das der Grund für das tolle Nachtleben in Manhattan.
Doch Vorsicht, auch wenn man noch so schlapp ist, sollte der vor einem liegende Stotterschlaf sorgfältig geplant werden. Die faktisch nicht vorhandene Fensterisolation kombiniert mit der nur sporadisch funktionierenden Heizung, kann das Raumklima auf SAC Hüttenniveau senken. Da Daumendecken den Weg nach Amerika noch nicht gefunden haben und die Bettlaken in der Regel mehr als ein Loch aufweisen, ist der Gebrauch einer heimischen Decke angebracht.
Ich vertraue seit Jahren auf den Mammut Kuschelschlafsack mit Minustemperaturgarantie bis -20°C. Das gibt ein angenehmes Körperklima und legt zumindest noch eine dünne schützende Schicht Stoff zwischen meine Haut und die leider zahlreich vorhandenen fremden Körperhaare im angeblich frisch gemachten Bett.
Eingekuschelt in ungarische Daunen lässt es sich zur kleinen New Yorker Nachtmusik bestens einschlafen.
So gegen 0300 Uhr stören dann die ersten Disharmonien die vertrauten Klänge. Die Schicht der Kehrrichtleute hat begonnen und jeder Abfallsack entlang der Strasse wird hupend begrüsst.
Viele Hotelgäste nehmen den gut hörbaren Arbeitsantritt der Müllmänner zum Anlass, ein kleines Geschäft zu tätigen. Die Toilettenspülungen rülpsen in allen Stockwerken und spätestens nach 3 Minuten ist jeder wach und der Wasserdruck ist so zusammengefallen, dass die eigene Schüssel den Dienst verweigert. Die Verwischung der eigenen Spuren muss bis am Morgen warten und der Stotterschlaf geht weiter.

Wer will denn da über zu wenig Schlaf klagen! Wir sind hier schliesslich in New York, eine Stadt, die nie schläft, nie ruht und vor allem nie neue Hotels baut.

Samstag, November 12, 2005

Hektik? Nein Danke!

Ich habe schlecht geschlafen! Egal ob in Hongkong, in Tokio oder zu Hause in der Schweiz, wenn ich schlecht gepennt habe bin ich gereizt.
Erschwerend kommt dazu, dass es in den Strassen in Hongkong von nervösen Menschen nur so wimmelt, das Thermometer schon über 30° gestiegen und zu allem Elend noch Samstag ist. Am Wochenende sind schon früh am Morgen alle meine Lieblingsplätze in den Starbucks besetzt, die Büros haben die offenen Internetnetze nicht eingeschaltet und alle ausser mir sind glücklich. MAN BIN ICH GEREIZT!

Nach einigen Kaffee Latte im Stehen(!) läuft mein Motörchen schon etwas runder und zum ersten Mal am heutigen Tag bemerke ich, dass sich über Hongkong ein seltenes Naturschauspiel ereignet. Blauer Himmel, das habe ich in dieser Stadt schon lange nicht mehr gesehen. Mein Gemüt erhellt sich ein wenig und so etwas wie Unternehmungslust kommt auf. Die Strassen in, um und unter Hongkong sind heute absolut Tabu. Wie in jeder Metropole dieser Erde strömen am Samstagmorgen Heerscharen von Männlein und Weiblein (aber vor allem Weiblein) in die Einkaufstempel der Stadt und verbreiten eine Hektik, die ich in meinem aktuellen labilen Zustand keine Sekunde ertrage.

Lamma heisst die Lösung! Ich meine weder Dalai Lama noch das gemütliche Tier, sondern die ebenso beruhigende Insel 30 Bootsminuten von Central entfernt.
Schon das Tuckern des alten Sulzer Diesels hat mein Gemüt in den grünen Bereich zurückgebracht und mit dem iPod im Ohr habe ich dem letzten Passagier an Bord klar gemacht, dass ich absolut keine Lust auf Smalltalk habe – ABSOLUT KEINE! Die Taktik funktionierte tadellos.

Leicht entspannter als ich den Tag gestartet habe, bin ich am Hafen von Yung Shue Wan angekommen.
Als ich dann noch ein gemütliches Strandkaffee mit einem offenen Netz und Fässer voller Cappuccino gefunden habe, war der Tag definitiv gerettet!
Zwischen streunenden Hunden, verwirrten Touristen und stinkenden Fischernetzen schreibe ich diesen Bericht, meine Kaffeetasse ist noch dreiviertel voll, der Wind sorgt für angenehmes Klima, ich werde in Kürze den rund 60 minütigen Spaziergang zum anderen Hafen in Angriff nehmen und bin restlos zufrieden.

So sieht die Welt doch wieder ganz anders aus und der Schlafmangel vermag meine Lebenslust nicht mehr zu trüben.

„He, habt ihr alle gesehen, ich habe meinen iPod ausgeschaltet. Man kann wieder mit mir reden!“

Donnerstag, November 10, 2005

steif wie eine Bockleiter

Es kommt immer häufiger und in regelmässigen Abständen: das Gefühl, dass man irgend etwas substanzielles an seinem Lebensstil ändern sollte.
Ich habe immer auf die Gesundheitsapostel gehört und mich viel und intensiv bewegt. Acht Jahre bin ich mit meinem Kajak wilde Wasser hinuntergefahren, habe jahrein und jahraus unzählige Stunden im feuchten Boot verbracht, trainierte mit klammen Fingern den ganzen Winter durch auf dem Wasser und war am Ende froh, dass ich trotz meines chronisch unterkühlten Kreuzes noch das Siegerpodest besteigen konnte.
Es folgten 15 Jahre Engadin Skimarathon. In engen, viel zu kühlen Dresses skatete ich hunderte von Stunden im Reizklima des Engadins, fror mir dabei fast die Zehen ab und musste dank ebenbürtiger Konkurrenz zum Glück nie das Siegertreppchen erklimmen.
Mit Dreissig habe ich dem Wettkampfsport den Rücken gekehrt und hatte nur einmal beim New York Marathon einen Rückfall.
Seither jogge ich in den Wäldern der Umgebung, erschrecke Rentner auf dem Bike und laufe im Engadin mit ausreichend wärmenden Kleidung auf den Langlaufskiern von Gaststätte zu Gaststätte.
Mit diesem vorbildlichen Lebensstil sollte ich eigentlich der Vorzeigekunde der Krankenkassen sein und mich geschmeidig und fit fühlen. Leider ist es nicht so.

Meine Muskulatur ist seit einigen Jahren am Morgen härter als nach einem Krafttraining bei Kieser Werni, der Rücken schmerzt fast ununterbrochen und die Länge meiner Rumpfmuskulatur hat sich in den letzten Dekaden auffälligerweise der idealen Liegeposition der Fernsehcouch angepasst.
Mein Selbstversuch, die Muskulatur durch übermässigen Fonduekonsum geschmeidiger zu machen muss als gescheitert betrachtet werden.
So stehe ich jetzt einmal mehr an einem Scheidepunkt meines Gesundheitszyklus. Soll ich mich dem Wellnesstrend beugen und mich wochenendweise in schlammige, unappetitliche Bäder setzten und dabei eine kombinierte Hirse-, Dinkel-, Gersten- und Maistinktur inhalieren? Soll ich meine Langlaufstöcke zweckentfremden und wie die lustigen Weiber vom Limmattal debattierend und mit Stöcken bewaffnet durch die Wälder ziehen? Soll ich mein sicherlich schon zwanzigjähriges Gelübde brechen und mit Stretching beginnen? Nein, so stark sind die Schmerzen doch noch nicht.

Die Lösung all meiner Probleme flatterte letzte Woche mit einem Flyer ins Haus. Release Yoga heisst mein neuer Hoffnungsträger. Gestern war die erste Lektion und ich bin begeistert. Damit ich mit meiner Elastizität, die derer einer Bockleiter gleicht nicht allzu blöde dastehe, griff ich zu meiner Geheimwaffe aus vergangener Zeit.
Ein Fondue eine Stunde vor der Lektion sollte die notwendige Geschmeidigkeit geben und die Extraportion Knoblauch sorgte für die bei meiner Masse notwendige Bewegungsfreiheit. Die Lektion war ein Hammer und obwohl Release Yoga deutlich anstrengender ist als das ähnlich klingende Relax Yoga, bin ich restlos begeistert. Ich werde nächsten Mittwoch wieder antreten und hoffe, dass ich in ein paar Jahren im Schneidersitz schwebend das Fernsehprogramm geniessen kann!

Donnerstag, November 03, 2005

Miami Blues

Um ein Haar hätte es mich wieder erwischt. Der Blues kam heute Morgen immer näher und ich konnte der Schwermütigkeit noch einmal im letzten Moment entkommen.
Doch eigentlich hätte ich überhaupt nichts zu klagen. Meine Firma schickte mich gestern für drei Tage an den Strand von Miami, das Wetter präsentiert sich in Hochform und weit und breit ist kein Hurricane im Anzug.
Für die Stürme selber lohnt sich der Umweg über Florida eh nicht mehr. Wilma hat ganze Arbeit geleistet und die Infrastruktur ist empfindlich verletzt. So gibt es zur Zeit zweierlei Bewohner in der Ferienecke der USA. Solche mit Strom und solche ohne. Wer keine Elektrizität hat, lebt ohne Dusche, ohne Airconditioning, ohne Kühlschrank, ohne Fernseher, ohne Weihnachtsbeleuchtung, ohne Computer, ohne Handy und ohne Mikrowelle.
Folglich wird weniger telefoniert, die Leute lesen mehr Zeitung, die Fastfoodbeizen sind voller als sonst und im Bus stinkt es zum Himmel.
Wer in Amerika Bus fährt, ist ein Looser oder ein Angestellter einer Airline, hat kein Auto, arbeitet körperlich hart, schwitzt mehr als der Bürolist, bekommt in letzter Priorität wieder Strom und riecht im Moment völlig unverschuldet etwas strenger als sonst.
Und da bin ich wieder bei meinem Blues. Von unserem Hotel aus hat man genau zwei Möglichkeiten für Ausflüge ohne Auto. Entweder man fährt mit dem Bus „S“ nach Norden ins Shoppingcenter oder mit der gleichen Blechbüchse nach Süden an die Southbeach. Wären da nicht die Stromlosen, hätte ich zwei Tage zwischen diesen beiden Fixpunkten gependelt. Aber eben, die Duftnoten von sechs elektrizitätslosen Tagen vertrieben mich schon nach wenigen Minuten aus dem öffentlichen Bus und die Schwermut schlich sich von hinten an mich ran.
Zwei Optionen blieben mir offen: Mich mit Bud light zu betrinken oder ein Auto zu mieten. Für das Erste fehlte mir eindeutig die Zeit! Um mit dem amerikanischen Lightbier räuschig zu werden, braucht man mehr als drei Tage Dauerkonsum…..

So stolzierte ich zielstrebig in die nächste Autovermietung und sicherte mir den letzten unverbeulten Wagen in Miami. Es war wirklich nur noch einer da. Take it or leave it – meinte der gut riechende Angestellte lächelnd. Ich zückte elegant meine Visa und beglich die Schuld mit Unterschriften auf mindestens 13 Papierbögen.
Plötzlich stand der brandneue Cadillac vor mir und der Blues, der noch vor einigen Sekunden bedrohlich nahe war, verzog sich mit einem Überschallknall aufs Meer hinaus.
Falls ich es in den restlichen zwei Tagen noch schaffe den Navigationscomputer von der Klimaanlage zu unterscheiden, werde ich die Fahrt nach Key West unter die Räder nehmen, mich mit meinem Laptop auf eine Terrasse mit Meersicht setzen, einen weiteren Bericht verfassen und mich dabei wie Hemingway oder Endo Anaconda* fühlen!

* Wer Endo nicht kennt ist selber schuld. Von ihm stammt übrigens der grosse Satz: Das Leben ist wie Snowboarden, entweder man kann es oder man kann es nicht!
Ich freue mich so auf den Winter!

Dienstag, November 01, 2005

wieder stabil


Mein Bereitschaftsdienst ist nach 30 Tagen endlich Vergangenheit und ich kann mich wieder an fixen Einsatzplänen orientieren und mein Privatleben auch dementsprechend organisieren.
Instabiler Monat nennt die Planung diese jährlich wiederkehrende Periode. Instabil wird aber vor allem das Gemüt.

Genug gejammert! Morgen stürze ich mich wieder in das reguläre Arbeitsleben und werde fleissig von Diesem und Jenem aus aller Welt berichten.

Bis bald!