Donnerstag, Oktober 13, 2005

Thromboserisiko bei Flugbesatzungen

Neulich erkundigte sich eine Fluginteressierte aus Deutschland in einem Internetforum nach dem Thromboserisiko bei Langstreckenpiloten und wie die medizinischen Verantwortlichen in den Firmen mit diesem umgehen bzw. ob wir auf Thromboseanfälligkeit untersucht werden.

Hier meine fundierte Antwort


Hallo Frau Petra

Nein, meines Wissens machen die Medizinmänner und -frauen mit uns keine Untersuchungen bezüglich Thrombose. Das heisst natürlich nicht, dass sich die Verantwortlichen in unserer Firma nicht um das Wohl von uns Flugzeugführern kümmern.

Diverse Programme wurden in der Vergangenheit eingeführt, um den Gesundheitszustand von Piloten im Allgemeinen und Langstreckenpiloten im Speziellen zu verbessern.


Crewbunk (Schlafkoje) A340

Obwohl die harte Unterlage anfangs unter den Besatzungen für Reklamationen gesorgt hat, sind die meisten der Luftkutscher heute von den angenehmen Nebenwirkungen der Nonstop-Akkupressur überzeugt und begeistert. Gerade die im Nierenbereich drückende Sicherheitsgurte regt die Tätigkeit des malträtierten Organes an und sorgt dafür, dass man alle 45 Minuten Wasser lösen kann.
Auch auf FL380 gelten die Gesetze von Murphy und so ist die Toilette in der Regel im Notfall durch ein sich schminkendes Flight Attendant besetzt. Die mindestens 15 minütige Wartezeit kann durch ein abwechslungsreiches Hüpfen vom linken auf den rechten Fuss verkürzt werden was wiederum einen positiven Effekt auf die Thromboseprävention hat.
Weiter neigen Piloten zu einer hypermobilen Nackenmuskulatur. Einerseits kommt das vom vielen Umdrehen beim Öffnen der Sicherheitstüre und andererseits vom Umschauen nach hübschen Frauen im Nightstop.
Auch hier ist die Firma mit einer rettenden Idee zur Hilfe geeilt. Neuerdings wird für 3 Piloten nur noch ein dünnes Kissen abgegeben, was wesentlich zur Wiederversteifung der besagten Nackenmuskulatur beigetragen hat.

Auch die Haut leidet unter den unnatürlichen klimatischen Verhältnissen in der Blechröhre. Passagiere der ersten Klasse pflegen ihr Leder mit einer Crème auf der Basis von Kaviar, während wir Besatzungen eine wesentlich effizientere und kostengünstigere Variante anwenden. Dank einer langen Evaluationszeit, konnte für den Crewbunk eine Decke mit einmaliger Beschaffenheit besorgt werden. Die rauhe Oberfläche sorgt für ein in der Qualität unnerreichtes Hautpeeling.
Den Mimosen unter den Piloten wurde ein Seidenschlafsack auf der Basis von PE abgegeben (mit grünem Punkt!).

Verpflegung

Als Langstreckenpilot kann ich mich wirklich nicht beklagen. Dank der Völlerei in der ersten Klasse und den damit verbundenen Essensresten, kann ich in der Regel die offizielle Verpflegung auslassen und die von den Passagieren nicht angetasteten Menues verdrücken. Das hat leider einen negativen Einfluss auf meinen BMI - wobei wir wieder beim gestiegenen Thromboserisiko wären.
Offiziell verdrücken wir Zwischenmahlzeiten von Nestlé. Kitkat fehlt genauso wenig wie das LC-1 Joghurt. Früchte wurden wegen den eingesetzten Schädlingsbekämpfungsmitteln auf ein Minimum reduziert und dafür Fertigsuppen aus dem Hause Knorr eingeführt.Wie jedes Kind weiss, sollen Passagiere und Besatzungsmitglieder viel Trinken. Wasser ohne Kohlensäure ist da die ideale Variante. Da Kohlensäure bläht, ist der Einsatz von Sprudel in einem 2-Mann Cockpit nicht ideal. Im 3-Mann Cockpit spielt dies wiederum keine Rolle - da kann man die dem Arsche entschwundenen Winde immer noch einem anderen anhängen.
Zuviel trinken ist aber auch nicht das Gelbe vom Ei. Mineralstoffe und Vitamine könnten in zu grossen Mengen aus dem Körper geschwemmt werden und die Piloten wären an der Destination noch müder als sie eh schon sind.
Darum werden seit geraumer Zeit dem Cockpit Produkte von den Phillipinen serviert. Dieses entkeimte und gefilterte Wasser ist für uns im Wasserschloss Europas lebenden Eidgenossen gelinde gesagt eine geschmackliche Zumutung, aber gute Medizin soll ja bekanntlich bitter schmecken.
All diese Massnahmen haben aber leider den Nebeneffekt, dass man nicht mehr weiss, ob der Dünnpfiff von der Mangoglacé in Bombay oder von den Bakterienkulturen im Joghurt stammt.

Arbeitsplatzergonomie

Der Tisch im Cockpit muss als Erstes erwähnt werden. Endlich sind wir Piloten den Flight Engineers gleichgestellt und können mit Stil speisen. Danke Airbus.

Im Cockpit fehlt es etwas an Ablagefläche, was bei einer 'paperless cockpit philosophie' auch nicht notwendig wäre. Noch nicht ganz paperless ist die Informationspolitik von oben. Aufgrund der vielen Bulletins (aus Spargründen doppelseitig und mit Schriftgrösse 4pt. bedruckt), muss der Papierkrieg gut organisiert werden. Das wiederum fördert die Aktivität was wiederum positiv für die Thromboseprävention ist.

Einen enormen Fortschritt bezüglich der Gesundheitsvorsorge wurde bei der Entwicklung des Toilettenstandortes geleistet. Ist beim A330 das stille Örtchen unmittelbar neben der Cockpittüre, wurde dieses beim A340 zwei Meter weiter hinten platziert. Das ergibt pro Toilettengang vier Meter mehr Bewegung - unnötig zu sagen, wie positiv sich das auf die Thromboseverhütung auswirkt!

Auch auf die zahlreich auftretenden Krankheiten wurde umgehend reagiert. Nach der letzten Maul- und Klauenseuche hat das Management umgehend gehandelt und auf den Einbau von bequemen, flauschigen Lammfellen auf den Sitzen verzichtet. Auch diese Massnahme stiess anfangs auf Widerstand im Corps. Doch heute sind sich praktisch alle einig, dass der Hitzestau im Rücken eine angenehme Abwechslung zu der chronisch unterkühlten Schulter ist.

Leider hat die schusssichere Cockpittüre so manche gut gemeinte Aktion zunichte gemacht. Es ist erwiesen, dass die Mobilität der Besatzungen im Flugzeug seit der Einführung des 'war against terrorism tool' markant abgenommen hat. Gerade für Cockpitbesatzungen wirkt sich das äusserst negativ aus.
Neben dem Bewegungsmangel wurde aufgrund der stark abnehmenden Cockpitsbesuche vereinzelt ein Einsamkeitssyndrom beobachtet. Um die Sozialkompetenz zu steigern und die Kommunikation im Cockpit anzuregen, haben die Airbusstrippenzieher zusammen mit diversen pädagogischen Hochschulen ein Konzept erarbeitet. Neuerdings kommentieren wir unsere Handlungen während der Checklistenarbeit 'aileron left - aileron right - neutral' und damit es nicht bei Selbstgesprächen bleibt, darf der Kamerad im Cockpit das Ganze mit einem lauten und deutlichen 'checked' bestätigen. Da die Massnahme noch relativ jung ist, kann über eine gesteigerte Kommunikationstätigkeit im Cockpit noch nichts genaueres gesagt werden.

Petra, wie du siehst, sind wir Flugzeugführer bei unseren Medizinmännern in guten Händen. Ich hoffe Dich genügend informiert zu haben und verbleibe.

Kommentare:

  1. es ist so goldig deine texte zu lesen.ich muss jedesmal so herzhaft lachen.diese schlilderungen haben zur Floge,dass man sich sehr gut vorstellen kann,wie das bei euch so abläuft.ich wünschte,ich hätte auch so einen schreibstil,aber jeder soll ja individuell bleiben.mir gefällt dein huomr unheimlich gut,so richtig zynisch,trocken,aber einfach gut.

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  2. He Du...oder SIE...oder so:-)
    Nachdem ich zwei wundervolle Flüge inkl. Start und Landung "hinter mir habe" hab ich mich nun den Blogs gewidmet und möcht Dir ein schönes Weekend wünschen!

    Eine Medizinfrau

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  3. Famos beschrieben, Herr nff.
    Beneidenswert der Einsatz unter vorhandener First Class [die ist bei uns fast schon weggespart worden]. Gegen Einsamkeit hilft dieser kleine Klingelruf, der in der Kabine das rote Lämpchen leuchten lässt, und die eisigen Temperaturen in der Kabine während der Nachtwache.
    Der 330 aber geht überhaupt garnicht. Sein großer Bruder ist mir wesentlich lieber. Der größte der Brüder [340-600] ist jedoch ein Sklavenschiff
    Manchmal weine ich auch noch ein kleines Bisschen dem Jumbo nach, nur ein ganz klein wenig natürlich und nur, wenn ich als Passagier fliege.

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  4. wann gibts wieder was zu lesen hier?
    :-)

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  5. Keine Angst, bald bin ich wieder in der Luft und werde meinen Laptop zum Glühen bringen.
    Bist Du schon fertig mit meinem Buch?

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  6. hallo Peter

    Es hat uns unheimlich gefreut dich wieder zu hören.
    Durch meine Schwiegermutter. hihihihi.
    Wir waren zusammen beim Röbi, du weisst schon, beim Lips Röbi in der Schule.
    Hatten schon dort viel Spass in der Schule. Und wenn's ums Engadin geht, dann kenne ich nur Surlej, du weisst ja ich komme aus der Gegend aus Poschiavo,wie heute meine Frau auch, smile.
    Dass letzte mal sahen wir uns im Hauptbahnhof in Zürich, und wir hatten es wieder einmal sehr lustig.
    Weisst du noch, der Fliegerwilli, welcher meinte, er wäre das Skitalent welcher uns aus der Misere bringen könnte?
    Ich denke, eine Klassenzusammenkunft wäre doch wieder einmal etwas, oder was meinst du?
    Bin auf alle Fälle dabei.
    Und à propos Fussball, wäre gerne Fussballprofi geworden. So wie wir im Schülerturnier zusammen 2. geworden sind.
    Also Peter alles Gute und würde uns freuen von Dir zu hören.
    Deine Schulfreunde

    Reto und Janet Semadeni
    P.S. Wir wohnen immer noch in 8905 Arni, also ganz in der Nähe

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  7. Hallo Säuliamt!

    Das freut mich aber!!!!!
    Klassenzusammenkunft klingt ausgezeichnet! Das müssen wir aber nach allen Regeln der Managementlehre delegieren:-)
    Ich schlage Erich als Tätschmeister vor. Als Architekt sollte er Zugang zu guter Festlokalität haben :-)

    Gruss

    nff

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