Dienstag, Oktober 25, 2005

dépanneur

Meine Knochen sind noch steif und ich entsteige nach einem unruhigen Schlaf dem Hotelbett. Der Wecker zeigt 0517 Uhr, draussen ist es stockdunkel und ich stelle mit Genugtuung fest, dass ich über 9 Stunden geschlafen habe. Weder Montréal noch der Warmwasserboiler scheinen wach zu sein. Ich verschiebe meine Morgendusche auf einen späteren Zeitpunkt, blicke aus meinem Fenster auf die Stadt und sammle meine Gedanken.

Diese Stadt zu meinen Füssen muss man einfach mögen!
Montréal und die Schweiz verbindet so einiges. Im Jahre 1988 haben uns die Québécois Céline Dion hinübergeschickt, damit die Schweiz für einmal am Eurovision Song Contest den letzten mit dem ersten Platz tauschen konnte und wir übernahmen als Gegenleistung den arbeitslosen Formel 1 Rennfahrer Villeneuve ins Sauber Team. Letztes Jahr belagerten Eishockeysöldner aus der Stadt am Fusse des Mont Royal die Schweizer Stadien und heute spielt Mark Streit bei den Canadiens mit der Nummer 32.
Die Chemie zwischen Montréal und der Schweiz scheint zu stimmen. Speziell erwähnt werden muss die besondere Situation bei den Landessprachen. Montréal pflegt Französisch zu sprechen und das will akzeptiert werden. Als Schweizer hat man hier gegenüber anderen Gästen einen uneinholbaren Vorsprung. Selbst wenn man wie ich nach der ersten Lektion in der Sekundarschule das Interesse an der Sprache Molières verloren hat, wird nur schon der Versuch, den accent aigu richtig zu betonen, mit Wohlwollen belohnt.
Als Deutschschweizer, der wie mein Jahrgang mit dem Lehrbuch von Staenz (où est la clef - voici la clef – elle est ici…) gepeinigt wurde, ist die Sprachtoleranz der Einheimischen ein Segen. Nicht wie unsere Freunde aus dem Welschland, die bei einer Annäherung eines Deutschweizers sofort auf die superschnelle und unverständliche Variante des Französischen wechseln, gibt sich der Bewohner Montréals richtig Mühe, deutlich und l a n g s a m Antwort zu geben.

Innerhalb Kanadas können die Québécois aber richtig auf stur schalten. Gemäss einer Verordnung aus dem Jahre 1977 müssen sämtliche Beschriftungen in öffentlichen Gebäuden, im Strassenverkehr und an privaten Gebäuden strikte Französisch beschriftet werden.
So kaufe ich meine Wasserflaschen beim Dépanneur, der Autofahrer hält vor einem Arrèt und nicht vor einem Stopp Schild und sogar die Fastfoodkette KFC (Kentucky fried Chicken) musste innerhalb Québéc’s auf PFK (Poulet frit Kentucky) umgetauft werden. Irgendwie erinnern mich die Québécois an unsere Jurassier, die dieses Jahr den Unspunnenstein einmal mehr entwendeten und das Ungetüm damit unfreiwillig vor den Augusthochwassern retteten.

Bei dieser Liebe zu der eigenen Muttersprache verwundert auch nicht, dass selbst im ach so regulierten Luftverkehr innerhalb der Sonderregion nicht selten Französisch am Flugfunk zur Anwendung kommt. Doch auch hier haben wir Schweizer einen uneinholbaren Vorsprung. Hinter dem Mikrofon am Flughafen Pierre Elliott Trudeau sitzt nämlich ein weiterer Kulturexport aus Schweizer Landen. Während wir die Flugzeugnase Richtung Nordatlantik drehen, werden wir von einer weichen, weiblichen Stimme mit einem ‚tschau zäme, händ na en schöne Flug!’ in die dunkle Nacht entlassen. Noch bevor der Pulsschlag sich beruhigt, bin ich einmal mehr davon überzeugt, dass Montréal eine Reise wert und Züridüütsch eine Weltsprache ist.

Freitag, Oktober 21, 2005

ratlos

Als Pilot hat man immer eine Antwort bereit, das meinen zumindest die Passagiere hinten im Flieger. Auch wir sind alles andere als perfekt und stehen manchmal vor unlösbaren Problemen.
Es hat sich bewährt, mögliche Ereignisse und Zwischenfälle vorher durch den Kopf gehen zu lassen und verschiedene Lösungsansätze zu speichern.
Vorbereitung ist alles und darum versuche ich mir schon jetzt eine Strategie bereitzulegen, was ich bei der nächsten Einreise in die USA auf den landwirtschaftlichen Deklarationszettel schreiben soll.
Seit Jahr und Tag muss ich dem Einwanderungsamt des angeblich demokratischsten Landes der Welt beichten, ob ich in den vergangenen 14 Tagen auf einem Bauernhof war. Meine Antwort war in der Vergangenheit immer die Gleiche – NEIN.
Ich will nicht sagen, dass ich gelogen habe, aber ganz korrekt platziert war das Kreuz bei der Antwort nie. In meiner letzten Wohngemeinde logierte ich zwischen zwei Bauernhöfen und an meinem jetzigen Lagerplatz ist der nächste landwirtschaftliche Betrieb auch ohne Brille in Sichtweite.
Ein schlechtes Gewissen musste ich in der Vergangenheit trotzdem nicht haben. Schliesslich reisten verschiedenste eidgenössische Minister, Diplomaten und Bundesbeamte während der letzten Jahre in das gelobte Land und ich bin überzeugt, dass die wenigsten beim Einreiseamt der USA zugegeben haben, dass es im Bundeshaus von Bauern nur so wimmelt.

Aber seit heute ist alles anders. Bundesbern hat den Hühnern Hausarrest verordnet und das Legen von Freilandeiern unter Androhung der Todesstrafe verboten. Und genau hier beginnt mein Problem. Kurz nach Mittag degradierte Bern die Freilandhühner zu Stallhühnern und kurz vor Mittag habe ich beim Bauern noch 6 frischgelegte Freilandeier gekauft. Natürlich werde ich die herrlichen Naturprodukte weichgekocht geniessen und natürlich habe ich absolut kein schlechtes Gewissen dabei. Doch was sage ich dem kurzgeschorenen Einwanderungsbeamten in den Staaten und wo zum Henker soll ich mein Kreuzchen auf dem Deklarationszettel machen?
Fragen, wichtige Fragen bleiben unbeantwortet.

Zum Glück geht meine nächste Reise nicht nach Amerika und zum Glück habe ich noch ein paar Wochen Zeit, mir eine geeignete Strategie bereitzulegen. Vielleicht realisieren die Behörden bis dann, dass es auf dem Planeten noch viele andere ansteckenden Krankheiten gibt und entlassen die Hühner meines Nachbarn wieder aus der Beugehaft. GodverTAMIFLU!

Donnerstag, Oktober 13, 2005

Thromboserisiko bei Flugbesatzungen

Neulich erkundigte sich eine Fluginteressierte aus Deutschland in einem Internetforum nach dem Thromboserisiko bei Langstreckenpiloten und wie die medizinischen Verantwortlichen in den Firmen mit diesem umgehen bzw. ob wir auf Thromboseanfälligkeit untersucht werden.

Hier meine fundierte Antwort


Hallo Frau Petra

Nein, meines Wissens machen die Medizinmänner und -frauen mit uns keine Untersuchungen bezüglich Thrombose. Das heisst natürlich nicht, dass sich die Verantwortlichen in unserer Firma nicht um das Wohl von uns Flugzeugführern kümmern.

Diverse Programme wurden in der Vergangenheit eingeführt, um den Gesundheitszustand von Piloten im Allgemeinen und Langstreckenpiloten im Speziellen zu verbessern.


Crewbunk (Schlafkoje) A340

Obwohl die harte Unterlage anfangs unter den Besatzungen für Reklamationen gesorgt hat, sind die meisten der Luftkutscher heute von den angenehmen Nebenwirkungen der Nonstop-Akkupressur überzeugt und begeistert. Gerade die im Nierenbereich drückende Sicherheitsgurte regt die Tätigkeit des malträtierten Organes an und sorgt dafür, dass man alle 45 Minuten Wasser lösen kann.
Auch auf FL380 gelten die Gesetze von Murphy und so ist die Toilette in der Regel im Notfall durch ein sich schminkendes Flight Attendant besetzt. Die mindestens 15 minütige Wartezeit kann durch ein abwechslungsreiches Hüpfen vom linken auf den rechten Fuss verkürzt werden was wiederum einen positiven Effekt auf die Thromboseprävention hat.
Weiter neigen Piloten zu einer hypermobilen Nackenmuskulatur. Einerseits kommt das vom vielen Umdrehen beim Öffnen der Sicherheitstüre und andererseits vom Umschauen nach hübschen Frauen im Nightstop.
Auch hier ist die Firma mit einer rettenden Idee zur Hilfe geeilt. Neuerdings wird für 3 Piloten nur noch ein dünnes Kissen abgegeben, was wesentlich zur Wiederversteifung der besagten Nackenmuskulatur beigetragen hat.

Auch die Haut leidet unter den unnatürlichen klimatischen Verhältnissen in der Blechröhre. Passagiere der ersten Klasse pflegen ihr Leder mit einer Crème auf der Basis von Kaviar, während wir Besatzungen eine wesentlich effizientere und kostengünstigere Variante anwenden. Dank einer langen Evaluationszeit, konnte für den Crewbunk eine Decke mit einmaliger Beschaffenheit besorgt werden. Die rauhe Oberfläche sorgt für ein in der Qualität unnerreichtes Hautpeeling.
Den Mimosen unter den Piloten wurde ein Seidenschlafsack auf der Basis von PE abgegeben (mit grünem Punkt!).

Verpflegung

Als Langstreckenpilot kann ich mich wirklich nicht beklagen. Dank der Völlerei in der ersten Klasse und den damit verbundenen Essensresten, kann ich in der Regel die offizielle Verpflegung auslassen und die von den Passagieren nicht angetasteten Menues verdrücken. Das hat leider einen negativen Einfluss auf meinen BMI - wobei wir wieder beim gestiegenen Thromboserisiko wären.
Offiziell verdrücken wir Zwischenmahlzeiten von Nestlé. Kitkat fehlt genauso wenig wie das LC-1 Joghurt. Früchte wurden wegen den eingesetzten Schädlingsbekämpfungsmitteln auf ein Minimum reduziert und dafür Fertigsuppen aus dem Hause Knorr eingeführt.Wie jedes Kind weiss, sollen Passagiere und Besatzungsmitglieder viel Trinken. Wasser ohne Kohlensäure ist da die ideale Variante. Da Kohlensäure bläht, ist der Einsatz von Sprudel in einem 2-Mann Cockpit nicht ideal. Im 3-Mann Cockpit spielt dies wiederum keine Rolle - da kann man die dem Arsche entschwundenen Winde immer noch einem anderen anhängen.
Zuviel trinken ist aber auch nicht das Gelbe vom Ei. Mineralstoffe und Vitamine könnten in zu grossen Mengen aus dem Körper geschwemmt werden und die Piloten wären an der Destination noch müder als sie eh schon sind.
Darum werden seit geraumer Zeit dem Cockpit Produkte von den Phillipinen serviert. Dieses entkeimte und gefilterte Wasser ist für uns im Wasserschloss Europas lebenden Eidgenossen gelinde gesagt eine geschmackliche Zumutung, aber gute Medizin soll ja bekanntlich bitter schmecken.
All diese Massnahmen haben aber leider den Nebeneffekt, dass man nicht mehr weiss, ob der Dünnpfiff von der Mangoglacé in Bombay oder von den Bakterienkulturen im Joghurt stammt.

Arbeitsplatzergonomie

Der Tisch im Cockpit muss als Erstes erwähnt werden. Endlich sind wir Piloten den Flight Engineers gleichgestellt und können mit Stil speisen. Danke Airbus.

Im Cockpit fehlt es etwas an Ablagefläche, was bei einer 'paperless cockpit philosophie' auch nicht notwendig wäre. Noch nicht ganz paperless ist die Informationspolitik von oben. Aufgrund der vielen Bulletins (aus Spargründen doppelseitig und mit Schriftgrösse 4pt. bedruckt), muss der Papierkrieg gut organisiert werden. Das wiederum fördert die Aktivität was wiederum positiv für die Thromboseprävention ist.

Einen enormen Fortschritt bezüglich der Gesundheitsvorsorge wurde bei der Entwicklung des Toilettenstandortes geleistet. Ist beim A330 das stille Örtchen unmittelbar neben der Cockpittüre, wurde dieses beim A340 zwei Meter weiter hinten platziert. Das ergibt pro Toilettengang vier Meter mehr Bewegung - unnötig zu sagen, wie positiv sich das auf die Thromboseverhütung auswirkt!

Auch auf die zahlreich auftretenden Krankheiten wurde umgehend reagiert. Nach der letzten Maul- und Klauenseuche hat das Management umgehend gehandelt und auf den Einbau von bequemen, flauschigen Lammfellen auf den Sitzen verzichtet. Auch diese Massnahme stiess anfangs auf Widerstand im Corps. Doch heute sind sich praktisch alle einig, dass der Hitzestau im Rücken eine angenehme Abwechslung zu der chronisch unterkühlten Schulter ist.

Leider hat die schusssichere Cockpittüre so manche gut gemeinte Aktion zunichte gemacht. Es ist erwiesen, dass die Mobilität der Besatzungen im Flugzeug seit der Einführung des 'war against terrorism tool' markant abgenommen hat. Gerade für Cockpitbesatzungen wirkt sich das äusserst negativ aus.
Neben dem Bewegungsmangel wurde aufgrund der stark abnehmenden Cockpitsbesuche vereinzelt ein Einsamkeitssyndrom beobachtet. Um die Sozialkompetenz zu steigern und die Kommunikation im Cockpit anzuregen, haben die Airbusstrippenzieher zusammen mit diversen pädagogischen Hochschulen ein Konzept erarbeitet. Neuerdings kommentieren wir unsere Handlungen während der Checklistenarbeit 'aileron left - aileron right - neutral' und damit es nicht bei Selbstgesprächen bleibt, darf der Kamerad im Cockpit das Ganze mit einem lauten und deutlichen 'checked' bestätigen. Da die Massnahme noch relativ jung ist, kann über eine gesteigerte Kommunikationstätigkeit im Cockpit noch nichts genaueres gesagt werden.

Petra, wie du siehst, sind wir Flugzeugführer bei unseren Medizinmännern in guten Händen. Ich hoffe Dich genügend informiert zu haben und verbleibe.

Samstag, Oktober 08, 2005

he DU

Ich bin ein Anhänger von flachen Hierarchien. Dienstwege sind für mich wie Serpentinen in den Alpen, abkürzen macht Spass und bringt Zeitgewinn. Ausserdem bin ich der Meinung, dass Persönlichkeiten und nicht Rangabzeichen Achtung verdienen.
Natürlich hat mir diese Lebensphilosophie vor allem in meiner kurzen Militärzeit einiges an Ärger eingebracht. Interessanterweise störten sich ausschliesslich die unteren Chargen an meiner Haltung, während die hohen Herren den direkten Kontakt weitgehend schätzten. Für mich ein zusätzliches Indiz dafür, dass Dienstwege zum Abkürzen da sind.

Seit nunmehr 13 Jahren arbeite ich in einem Flugzeugrumpf. Praktisch alles wurde X-Mal neu erfunden, umstrukturiert, verschlimmbessert und den aktuellen Managertheorien angepasst. Nur zwei Sachen sind geblieben, das fast schon heilige rot-weisse Kreuz an der Schwanzflosse und das ‚Duzis’ unter den Flugbesatzungen.
Jetzt muss man aber wissen, dass dieser Umstand früher ganz und gar nicht üblich war. Am Anfang stand die Hierarchie über allem. Herr Kapitän war Gott näher als jedem anderen Besatzungsmitglied und ausschliesslich ihm war es vorenthalten, gewissen Untergebenen das DU anzubieten. Und dies lief, wie konnte es anders sein, nach streng vorgegebenen Ritualen ab.
Am ersten Abend stiess man mit dem Chef auf den gelungenen Start an, am zweiten Abend auf den schönen Sonnenuntergang, am dritten Abend auf die bevorstehende Surfstunde, am vierten Abend auf den guten Single Malt, am fünften Abend kam man sich näher, am sechsten Abend schloss man Freundschaft und am siebten Abend erfolgte dann der Adelsschlag – aus Herrn Kapitän wurde Hans, Sepp, Ruedi oder was auch immer.
Die Lebern wurden grösser, die Rotationen kürzer und der Respekt vor den Göttern der Lüfte sank.
Urplötzlich war es da das DU. Innerhalb der Aluminiumröhre fielen die Förmlichkeiten und die Stimmung wurde lockerer. Wer es genau eingeführt hat und warum es plötzlich da war, weiss ich im besten Willen nicht mehr. Aber es war da, nicht mehr wegzukriegen. Piloten wurden in Führungspositionen gehisst und erklommen die Karriereleiter im Unternehmen im Eiltempo. Und ehe man es sich bewusst wurde, war man mit dem halben Topmanagement per DU.

Nach einer unruhigen und unwirtschaftlichen Phase, wo eine Mischung aus Basler-Deig und fliegenden Holländern die Geschicke meiner Firma leiteten, sind jetzt die Preussen da und Preussen lieben Hierarchien. Ein enormer Systemwechsel für einen Romantiker wie mich! Gottseidank haben die Deutschen etwas studiert und uns einen Boss mit zwei Vornamen geschickt. Ruft man dem CEO einmal im Affekt durch die Gänge ‚He Franz’ zu, könnte dies auch als Mundartfassung von ‚Herrn Franz’ interpretiert werden.
Trotz allem, ich muss mich zwangsläufig wieder an Befehlsstrukturen gewöhnen und übe vorsichtshalber regelmässig die Achtungsstellung vor dem Garderobenspiegel. Es gibt leider auch schon Kapitäne, die ihre Transformation vom Sepp über den Herrn Kapitän zum Gott der Lüfte begonnen haben. Harte Zeiten stehen an!

Mittwoch, Oktober 05, 2005

Vorbereitung auf STBY Duty


Morgen Donnerstag, 0500 Uhr gilt es wieder ernst. Das Telefon muss eingeschaltet sein und ich werde zwölf Stunden lang sprungbereit da stehen, um bei Besatzungsengpässen für einen fehlenden Copiloten einzuspringen.
Wie in fast jedem Bereich des Lebens, kann durch gute Vorbereitung der Stressfaktor markant gemindert werden. So sind z.B. die Flugunterlagen für Reisen in alle Himmelsrichtungen bereit, die Copilotenstreifen schon am Uniformhemd und der Gillette Mach17 für die abendliche Rasur frisch geschärft.
Herbst ist nicht die schlechteste Zeit für Bereitschaftsdienst. Man muss weder mit arktischen Stürmen in Montreal noch mit saunakompatiblen Temperaturen in Jeddah rechnen. Das zu erwartende Temperaturband bewegt sich so zwischen 15°C in Boston und 40°C in Saudi Arabien und das macht das Packen der Koffer um einiges leichter.
Neben den Kleidern gehört natürlich auch das überlebenssichernde Zubehör in den Koffer. Literweise Anti-Mückenmittel für die Malariagebiete in Afrika sind ebenso ein ‚must’ wie Unterhaltungsmaterial für schlaflose Nächte in Japan.
Etwas erschwerend kommt dazu, dass in den muslimischen Gegenden der Ramadan begonnen hat. Grund genug die eingepackte Literatur vorsichtig zu überprüfen! Sittenwächter haben es besonders auf barbusige Bilder abgesehen. Als Lesestoff haben ich einen Roman von Martin Suter eingepackt. Süffig zu lesen ohne allzu süffige Illustrationen – der schlüpft sicherlich durch die Kontrolle der Religionspolizei. Weltwoche, Stern und die Zeit kommen erst Morgen an die Kioske und sind die grossen Unbekannten. Die deutschen Erzeugnisse befassen sich sicherlich noch immer mit der grossen Koalition und das hat weder im erotischen noch im eigentlichen Sinne etwas mit dem ähnlich klingenden Wort Koitus zu tun und sollte darum nicht in der Zensur hängen bleiben.
In der Weltwoche ist der einzig unanständige Artikel die Kolumne von Mörgeli und ich zähle jetzt einmal darauf, dass die muslimischen Gesetzeshüter dem Deutsch nicht mächtig sind und den Text nicht deuten können. Nicht vergessen darf man während des Ramadans die Ohrenstöpsel. Muslimische Geistliche haben das unangenehme Bedürfnis, in aller herrgottsfrühe – Pardon, mohammedsfrühe, von hohen Zinnen aus das Morgengebet zu verkünden. Klingt in meinen Ohren so unangenehm, wie für einen muslimischen Gast in unserem Land die allviertelstündlich erklingenden Kirchglocken.
Eine besondere Vorbereitung erfordert aber diesmal die Destination Miami. Seit das neue Gesetz in Kraft ist, das Bürgern erlaubt, sich mit aller Waffengewalt bei Bedrohung zu verteidigen, bezeichne ich nicht mehr die Malariamücke Anopheles als meinen Hauptfeind während meiner Arbeitszeit.
Wie soll ich mich bloss verhalten? Lese ich z.B. in einem Starbucks die Mörgeli Kolumne oder ein Mail vom Management und ärgere mich dabei grün und blau - ich könnte glatt von einer 45-er Magnum niedergestreckt werden. Jogge ich z.B. am Strand entlang und kann wegen dem mexikanischen Essen vom Vorabend meine übelriechenden Winde nicht zurückhalten - ein Vietnamveteran könnte einen Giftgasanschlag vermuten und mich mit einer Salve aus einer Uzi niedermähen.
Man stelle sich einmal vor was passieren würde, wenn ich am Abend in einem Restaurant einen Sekundenbruchteil zu lange in die Augen der Tischnachbarin schaue, die neben einem frustrierten SUV-Fahrer sitzt, dem gerade das Geld für den Treibstoff seines Vehikels ausgegangen ist. Mir wird Angst und Bange!
Das sind echte Probleme, für die ich im Moment keine Lösung bereithabe. Doch was mache ich mir Gedanken, Morgen geht gar kein Flug nach Miami und vielleicht bleibt das Telefon den ganzen Tag ruhig.