Montag, September 19, 2005

Osterweiterung

Die vielen Wander- und Velokilometer im Engadin scheinen Wirkung zu zeigen. Mühelos schraube ich mein Bike den steilen, letzten Anstieg zum Egelsee hoch und betrachte stolz meinen Quadrizeps, der sich kräftig unter der engen Radlerhose abzeichnet. Ich trete höhere Gänge als üblich und atme, dank der sauerstoffgesättigten Luft im Limmattal, praktisch mit Ruhekadenz.
Der höchste Punkt meiner kleinen Ausfahrt kommt näher und trotz übersäuerten Muskeln, bleibt mein Blick einen kurzen Moment an einer Gedenktafel hängen. Polnische Soldaten, die sich im 2. Weltkrieg auf der Flucht vor den Deutschen Streitkräften verlaufen haben, sind in unserem wehrhaften Land festgehalten worden und in ‚Kriegsgefangenschaft’ geraten. Die erwähnte Tafel erinnert die Spaziergänger und Biker noch 60 Jahre nach dem Krieg daran, dass die sogenannten Polenarbeiter ganz ohne Osterweiterungsverträge meine Trainingsstrecke buddelten. Unweigerlich denke ich an die Abstimmung vom kommenden Wochenende und steuere mein ‚Fully’ verschwitzt und mit viel Schwung in die enge Abfahrt hinein. Mein personalfreizügiges Gedankenspiel erweist sich, wie ich ein paar Hundertstelsekunden später bemerke, als fataler Fehler. Nur dank beherztem und gleichzeitigem Einsatz der Vorder- und Hinterbremse kann ich eine Kollision mit einem Rentner, der sich breitbeinig vor mich hinstellt, akrobatisch vermeiden. Noch während der sportliche Senior Luft holt um mich nach allen Regeln der Kunst masszuregeln, muss ich ab dem Erscheinungsbild des Waldbesuchers schmunzeln. Tirolerhut und Wanderstock fehlen genauso wenig wie aufklappbare Sonnenbrille und rote Socken. Das Lachen vergeht mir aber relativ schnell. Nicht die Bergpredigt des völlig zu recht aufgebrachten Pensionärs stimmt mich stutzig, sondern die heranrollende Verstärkung.
Augenblicklich versperren mir ein halbdutzend Wandervögel den rettenden Fluchtweg. „Hat dich der junge Velofahrer bedrängt?“ „Solche Rowdies gehören grundsätzlich nicht in den Wald und überhaupt, wieso arbeitet er nicht um diese Tageszeit?“ „Ist bestimmt ein Arbeitsloser oder sonst so ein Sozialschmarotzer!“ Von allen Seiten bombardieren mich die aufgebrachten grauen Panther und ich kann mich weder entschuldigen noch rechtfertigen.
„Wenn wir am Sonntag JA stimmen, dann ist ab nächster Woche der Wald voll mit solchen osteuropäischen arbeitslosen Velorasern!“, poltert der pfeifenrauchende Endsiebziger mit der dunkelgrünen Nylonjacke. Politische Parolen mitten im Wald, da muss ich einfach kontern. Argumente, Gegenargumente, Behauptungen und Unterstellungen – das Streitgespräch mit der Nachkriegsgeneration entpuppt sich schwieriger als ich erwartete. Selbst meine Feststellung, dass ich in 10 Jahren vielleicht froh sein werde in Polen arbeiten zu können, prallt an den Senioren ab. Erst als ich die Gruppe darauf aufmerksam mache, dass ja gerade die AHV-Bezüger um jede neue Arbeitskraft froh sein müssten, die unsere erste Säule mit Beiträgen füllen, kommt Dampf in die Diskussion. Nun ist es für mich höchste Zeit zu gehen. Die Wanderstöcke werden zu Waffen umfunktioniert und ich kann nur um Haaresbreite der aufgebrachten Menge entkommen.
Während der Abfahrt, die ich nebenbei in einem Höllentempo absolviere, frage ich mich, warum die ältere Generation die Tragweite der Abstimmung, bzw. die Folgen für die Schweiz nicht einsehen will.
Liegt es an der Propaganda? Vielleicht. Müsste ich den Wahlkampf für die Personenfreizügigkeit führen, würde ich statt intellektuellen Plakaten mit zweifarbigen Bäumen im SFDRS die Sendung Da Capo wieder aufleben lassen und in der Woche vor der Abstimmung jeden Nachmittag den alten Rühmann Schinken ‚ich denke oft an Piroschka’ einspielen. Vorteil der Kampagne: Die älteren Stimmberechtigten verlören die Angst vor den OsteuropäerInnen und ich hätte jeden Nachmittag den Wald ganz für mich alleine!

Kommentare:

  1. ich hab den wald immer für mich alleine :-)....
    ist echt inspirierend hier zu lesen, auch wenn deine texte mir fast ein bisserl zu lang sind.
    gute nacht von einer die den wald für sich hat

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  2. Also, ich finde deine Einträge echt witzig! Werde dich wieder besuchen.
    The Pilot-Lover ;-)

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  3. Eine tolle Seite und tolle Texte...
    Auch ich werde ab jetzt des öfteren vorbeischauen.

    Poetin

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