Mittwoch, September 28, 2005

alles etwas fremd



Die Arbeit hat mich nach drei Wochen Ferien wieder. Ich habe mich am Flughafen nicht verfahren, der Personalausweis hat an der Sicherheitsschranke noch funktioniert und die vielen Knöpfe im Cockpit kamen mir alle noch irgendwie bekannt vor.
Trotzdem ist der Gang zum Arbeitsplatz nach 21 schönen, nachtflugfreien Tagen seltsam anders. Der Crewbag fühlt sich schwerer an, die Krawatte schränkt die Bewegungsfreiheit ein und die Uniformhosen kratzen wie früher die tannigen Militärkleider.
Zum Glück heisst die erste Destination Hongkong - eine Stadt, die ich mittlerweile recht gut kenne und unbestritten zu meinen Lieblingsdestinationen zählt.
Doch auch nach der Landung fühle ich mich nicht recht wohl. Etwas hat sich auch hier verändert. Ich brauche lange, bis ich meine Sinne geordnet habe und erkenne, was mir an dieser Stadt heute so seltsam vorkommt. Logisch, es ist das Wetter! Schon lange nicht mehr habe ich es erlebt, dass es in dieser Metropole weder regnet noch stürmt. Keine Regenschirmkämpfe auf den Gehsteigen und endlich freie Sicht auf die oberen zwei Drittel der imposanten Wolkenkratzer.
Mein ganzer Tagesplan muss aufgrund des seltenen Ereignisses umgestellt werden. Statt im Schutz von tiefen U-Bahnschächten und roten Taxis, kann ich mich heute ganz ungezwungen und ohne Angst vor nassen Socken in den Strassen bewegen.
Durch die engen und geschäftigen Gassen spaziere ich zu meinem ersten Ziel, der Star Ferry. Gemütlich tuckert die Fähre, die vermutlich vor nicht so langer Zeit noch mit Dampf betrieben wurde, Richtung Hongkong Island. Nach dem Anlegen ist es mit der Ruhe vorbei, das Boot spuckt mich aus und ich kämpfe mich mit allen fairen und unfairen Mitteln durch die Menschenmasse beim Statue Square.
Viele Zweikampfsiege und einige Niederlagen später, besteige ich das Tram Richtung Causeway Bay. Tram ist wohl nicht die richtige Bezeichnung für dieses fahrende Museum. Es sieht eher aus wie eine aufgestellte Schuhschachtel und ist so schmal wie ein Smart aus der Schmiede von Mercedes. Ich bezahle den Museumseintritt, erklimme das obere Deck und versuche meinen Hintern im engen Holzsitz zwischen zwei älteren Chinesinnen zu platzieren. Personen mit meinem Körpergewicht sollten sich vermutlich aus Schwerpunktgründen eher auf der unteren Etage niederlassen. Ich ignoriere diesen physikalischen Grundsatz und warte gespannt auf die Abfahrt.

Es geht rasant los und wegen der Beschleunigung drückt es mich in meine neben mir sitzende Nachbarin hinein. Ein Lapsus, der in Amerika mit einer Klage wegen sexueller Belästigung geendet hätte, wird von der Einheimischen neben mir nicht einmal wahrgenommen.
Gespannt schaue ich auf die Strasse und in die engen Seitengassen. Aufregend, was man hier alles erblickt. Getrocknete, marinierte Hühner sind neben Fahrradreifen aufgereiht, warten geduldig auf Käufer und stinken vor sich hin. Geschäftigkeit, wo man hinsieht. Im Augenwinkel erspähe ich plötzlich eine fernöstliche Apotheke und erinnere mich an den Einkaufszettel, den ich von einer chinesischen Heilerin aus dem Engadin erhalten habe und im Rucksack mittrage. Dank viel Glück und Kampfgeist erreiche ich im letzten Moment den Ausgang und stürme zwischen den unzähligen Autos auf die Apotheke zu.
Die Gespräche verstummen, als ein zwei Meter grosser Riese mit blonden Haaren den chinesischen Laden betritt. Nachdem sich die Verkäufer vergewisserten, dass der Eindringling mit guten Kaufabsichten kommt und nicht im Sold einer europäischen Tierschutzorganisation steht, beginnt das Verkaufsgespräch auf Kantonesisch. Sofort halte ich dem Medizinmann ein paar fernöstliche Schriftzeichen vor die Nase und der Kerl verschwindet hinter einem Vorhang. Ich muss gestehen, dass ich mich zwischen den getrockneten und pulverisierten Körperteilen der verschiedensten Tierarten nicht besonders wohl fühlte. Nach einigen Minuten kam der Apotheker mit meinem Einkaufszettel aus dem Lager zurück und stellte mir ein paar Flaschen übelriechendes Massageöl vor die Nase. Auftrag ausgeführt, stehe ich wieder auf der Strasse und schwitze vor mich hin. Nach dem Besuch im bizarren Medizinladen war es wieder da, das Gefühl, dass alles etwas fremd wirkt.
Da hilft nur eines, so schnell wie möglich den nächsten Starbucks ansteuern, im unterkühlten Etablissement einen heissen grande Latte geniessen und die Gedanken wieder ordnen.

Montag, September 19, 2005

Osterweiterung

Die vielen Wander- und Velokilometer im Engadin scheinen Wirkung zu zeigen. Mühelos schraube ich mein Bike den steilen, letzten Anstieg zum Egelsee hoch und betrachte stolz meinen Quadrizeps, der sich kräftig unter der engen Radlerhose abzeichnet. Ich trete höhere Gänge als üblich und atme, dank der sauerstoffgesättigten Luft im Limmattal, praktisch mit Ruhekadenz.
Der höchste Punkt meiner kleinen Ausfahrt kommt näher und trotz übersäuerten Muskeln, bleibt mein Blick einen kurzen Moment an einer Gedenktafel hängen. Polnische Soldaten, die sich im 2. Weltkrieg auf der Flucht vor den Deutschen Streitkräften verlaufen haben, sind in unserem wehrhaften Land festgehalten worden und in ‚Kriegsgefangenschaft’ geraten. Die erwähnte Tafel erinnert die Spaziergänger und Biker noch 60 Jahre nach dem Krieg daran, dass die sogenannten Polenarbeiter ganz ohne Osterweiterungsverträge meine Trainingsstrecke buddelten. Unweigerlich denke ich an die Abstimmung vom kommenden Wochenende und steuere mein ‚Fully’ verschwitzt und mit viel Schwung in die enge Abfahrt hinein. Mein personalfreizügiges Gedankenspiel erweist sich, wie ich ein paar Hundertstelsekunden später bemerke, als fataler Fehler. Nur dank beherztem und gleichzeitigem Einsatz der Vorder- und Hinterbremse kann ich eine Kollision mit einem Rentner, der sich breitbeinig vor mich hinstellt, akrobatisch vermeiden. Noch während der sportliche Senior Luft holt um mich nach allen Regeln der Kunst masszuregeln, muss ich ab dem Erscheinungsbild des Waldbesuchers schmunzeln. Tirolerhut und Wanderstock fehlen genauso wenig wie aufklappbare Sonnenbrille und rote Socken. Das Lachen vergeht mir aber relativ schnell. Nicht die Bergpredigt des völlig zu recht aufgebrachten Pensionärs stimmt mich stutzig, sondern die heranrollende Verstärkung.
Augenblicklich versperren mir ein halbdutzend Wandervögel den rettenden Fluchtweg. „Hat dich der junge Velofahrer bedrängt?“ „Solche Rowdies gehören grundsätzlich nicht in den Wald und überhaupt, wieso arbeitet er nicht um diese Tageszeit?“ „Ist bestimmt ein Arbeitsloser oder sonst so ein Sozialschmarotzer!“ Von allen Seiten bombardieren mich die aufgebrachten grauen Panther und ich kann mich weder entschuldigen noch rechtfertigen.
„Wenn wir am Sonntag JA stimmen, dann ist ab nächster Woche der Wald voll mit solchen osteuropäischen arbeitslosen Velorasern!“, poltert der pfeifenrauchende Endsiebziger mit der dunkelgrünen Nylonjacke. Politische Parolen mitten im Wald, da muss ich einfach kontern. Argumente, Gegenargumente, Behauptungen und Unterstellungen – das Streitgespräch mit der Nachkriegsgeneration entpuppt sich schwieriger als ich erwartete. Selbst meine Feststellung, dass ich in 10 Jahren vielleicht froh sein werde in Polen arbeiten zu können, prallt an den Senioren ab. Erst als ich die Gruppe darauf aufmerksam mache, dass ja gerade die AHV-Bezüger um jede neue Arbeitskraft froh sein müssten, die unsere erste Säule mit Beiträgen füllen, kommt Dampf in die Diskussion. Nun ist es für mich höchste Zeit zu gehen. Die Wanderstöcke werden zu Waffen umfunktioniert und ich kann nur um Haaresbreite der aufgebrachten Menge entkommen.
Während der Abfahrt, die ich nebenbei in einem Höllentempo absolviere, frage ich mich, warum die ältere Generation die Tragweite der Abstimmung, bzw. die Folgen für die Schweiz nicht einsehen will.
Liegt es an der Propaganda? Vielleicht. Müsste ich den Wahlkampf für die Personenfreizügigkeit führen, würde ich statt intellektuellen Plakaten mit zweifarbigen Bäumen im SFDRS die Sendung Da Capo wieder aufleben lassen und in der Woche vor der Abstimmung jeden Nachmittag den alten Rühmann Schinken ‚ich denke oft an Piroschka’ einspielen. Vorteil der Kampagne: Die älteren Stimmberechtigten verlören die Angst vor den OsteuropäerInnen und ich hätte jeden Nachmittag den Wald ganz für mich alleine!

Mittwoch, September 14, 2005

ÄSSYUUWEE

Sie sind nicht mehr aus unserem Strassenbild wegzudenken, verstopfen die engen Gassen, brauchen gleich zwei Parkplätze und saufen Fässer voller Benzin. SUV oder ausgeschrieben Sport Utility Vehicle, nennen sich die aufgemotzten Geländewagen.
Sobald die Garagenzufahrt steiler als 2% ist, werden in den Familienräten die Budgets überprüft und über die Anschaffung eines dieser Wunderautos gesprochen. Endeten früher solche Diskussionen über Autokäufe häufig vor dem Scheidungsrichter, sind heutzutage die Frauen ganz und gar nicht abgeneigt, einen solchen Zivilpanzer zuzulegen.
Da wundert es einem auch nicht, dass der Coop Parkplatz am Vormittag aussieht wie an einem Treffen eines Geländewagenclubs im Berner Oberland. Meine Nachbarin hat einen, Elvira Colani hat einen, unser Gärtner hat einen (kann ich verstehen), mein Zahnarzt hat einen (kann ich nicht verstehen) und ich habe bald einen.
Ja, ihr habt richtig gelesen. Ich habe mich entschieden, nächstes Jahr eines dieser ÄSSYUUWEE’s zu kaufen. Auch ich werde älter und auch ich habe meine Bedürfnisse mich zu verwirklichen. Schliesslich mache ich nächstes Jahr den wichtigen Schritt vom UVI (unter vierzig) zum UHU (unter hundert). Was passt da besser, als einen SUV zu posten?
Mein bereits geordertes Gefährt ist bulliger, grösser, gewaltiger, angsteinflössender und schöner, als alles andere was bis anhin auf unseren Wegen herumfuhr. Schon sein Name zeigt, wie kraftvoll er daherkommt. Ransom 10 nennt sich die Neuheit, die erst nächstes Jahr auf dem Markt erscheint. Ransom, englisch für Lösegeld, verlangt nach einem schwarzen Outfit mit hochgelegten Achsen. Und genauso präsentiert er sich: Karbonschwarz seine Hülle, extrem lang seine Federwege, Equalizer-TC-Dämpfer und Power Stabilizer sorgen für nie da gewesene Federung, das Intelligent Rebound Valve unterdrückt das Wippen und ein multifunktionell verstellbarer Sitz sorgt für Komfort bei langen Fahrten.
Natürlich hat so ein Gefährt auch seine Nachteile. Über den Preis rede ich lieber nicht, schliesslich ist es quasi ein Geschenk an mich selber. Aber die Grösse des Vehikels bereitet mir etwas Kopfzerbrechen. Ich weiss noch nicht, ob es in den dafür vorgesehenen Abstellplatz hinein passt. Doch was mache ich mir Sorgen? Bis zum Eintreffen des Fahrzeuges schaue ich jetzt jeden Abend den Prospekt des amerikanischen Herstellers an und träume von den langen Ausfahrten im nächsten Frühling. Warum bloss haben Träume immer so lange Lieferfristen? Ich kann es kaum erwarten, dass ich mein neues Mountainbike durch die Wälder dirigieren kann! Ein echtes Sports Utility Vehicle eben!

Samstag, September 10, 2005

Sudoku

Meine Frau ist süchtig, viele meiner Kapitäne sind süchtig, Flight Attendants sind süchtig und Zeitungsmacher sind süchtig. Wo man hinschaut, versuchen sonst durchaus romantische und kommunikative Persönlichkeiten Zahlen hin und her zu schieben und erdulden während des Ausfüllens der Vierecke keinerlei Störung. Sudoku nennt sich das mir unbekannte Logikrätsel und fasziniert ausser meiner Wenigkeit Gross und Klein.
Ich verhalte mich wie immer, wenn ich einen Trend verschlafen habe. Im Moment befinde ich mich in der Phase der Ignoranz. Ich ignoriere einfach die Faszination des Spieles und gebe mich cool gegenüber der Anziehungskraft der Zahlenquadrate.
Das habe ich schon mit Erfolg in den 80er Jahren bei der Bancomatkarte, in den 90er Jahren beim Natel und letztes Jahr mit dem iPod durchgezogen. Diese Phase der Ignoranz ist ganz ok. Man fühlt sich überlegen, trendresistent und irgendwie abgeklärt.
Wie die Temperaturen im Frühling steigt dann irgendwann die Neugierde rapide an. Plötzlich bleibt der Blick an den Quadraten in der Zeitung hängen, die Spielanleitung wird überflogen, Leute beim Knobeln beobachtet, Nachbarn nach der Faszination gefragt und immer deutlicher darauf hingewiesen, dass man sich überhaupt nichts aus dem neuen Volkssport macht. Das nennt man die Phase der Transformation. Die Prinzipien siegen im Moment noch über die Neugierde und den Drang den neuen Trend auszuprobieren. In dieser kurzen Transformationsphase erklärt man zum Beispiel seinem besten Freund, der innerhalb Minutenfrist 200 Franken aus dem Geldautomaten bezieht, dass so eine unpraktische Plastikkarte nie den persönlichen Kontakt zum Schalterbeamten ersetzen kann und ein weltoffener Zeitgenosse grundsätzlich immer genügend Bargeld auf sich trägt. Oder man lobt die Vorteile der stinkenden Telefonkabinen gegenüber den aufdringlichen Mobiltelefonen, die sowieso viel zu teuer sind und die Umwelt mit Elektrosmog verpesten.
Die Zeit kommt, wenn selbst der Prizipientreuste einmal völlig blank vor einem geschlossenen Bankschalter steht, die einzige Telefonzelle weit und breit demoliert und die Busfahrt so langweilig ist, dass man sich nach ein bisschen Musik im Ohr sehnt. Die Phase der Rechtfertigung beginnt. Zum Glück bieten sich unzählige Gelegenheiten, wo sich die Vorteile der nicht mehr ganz neuen Trends offensichtlich zeigen und der Zweifler zumindest seine aufgeflammte Neugierde gegenüber den vorher verschmähen Gegenständen entschuldigen kann. Es ist die Zeitspanne, wo Bankomatkartenanträge diskret in der Mappe verschwinden, im Media Markt mit hochgeklapptem Kragen die Mobilfunkabteilung besucht und im Crew Bus voyeuristisch dem Flight Attendant auf dem Vordersitz zugeschaut wird, wie diese virtuos den iPod bedient.
Der Schritt zum Ausfüllen des Kartenantrages und zum Kauf des Mobiltelefones bzw. des iPod ist dann nicht mehr gross. Es beginnt die Phase der Inkonsequenz. Die Bancomatkarte verschwindet routiniert im Geldbeutel, das Handy wird benutzt als wäre es ein eigenes Körperteil und das weisse iPod Kopfhörerkabel hängt beim Gang durch die belebten Strassen lässig aus der Jeansjackentasche. Weder den Betroffenen noch das Umfeld stört dieser Wankelmut. Denn schon längst ist ein neuer Trend am aufflammen und der Prinzipienreiter kann neuerlich beweisen, wie resistent er gegenüber dem neusten Hype ist.Zurück zum Sudoku, weiterhin löse ich mit grossem Eifer die diversen Kreuzworträtsel und bin noch immer davon überzeugt, dass stupides Herumschieben von Zahlen dem anspruchsvolleren Suchen nach Synonymen und Wortwendungen total unterlegen ist. Liege ich falsch? Die nächsten Wochen werden es zeigen.

Freitag, September 02, 2005

einfach nur müde

Ich bin gelandet, ich bin müde, ich brauche Ferien, ich freue mich! Für drei Wochen habt ihr Ruhe vor mir, denn mein Traumferienziel hat weder Wireless noch Festnetzinternet - ein Paradies auf Erden! Wandernd und bikend werde ich mit meiner Frau durch die Wälder und über die Hügel ziehen und meinen Kopf auslüften. Nach drei fluglosen Wochen bringt mich der A340 dann wieder einmal nach Hongkong, wo es hoffentlich für einmal nicht regnet.
Meine wirren Gedanken werden nach den Ferien wieder ins Netz gestellt!
Haltet meinen Arbeitgeber in der Luft, fliegt Swiss :-)