Samstag, August 13, 2005

Schlaraffenland

Südafrika verbinde ich unweigerlich mit gutem Essen, gehaltvollem Wein und gemütlichen Tischrunden im Butcher Shop gleich neben dem Hotel. Es gibt sie hier noch, die riesigen T-Bone Steak, die kaum auf den Teller passen und soviel kosten, wie bei uns der Tomaten-Mozzarella Salat als Vorspeise.
Dazu werden jeweils gartenfrisches Gemüse und ein mit wenig Knoblauch gewürzter Kartoffelstock serviert. Bei grossem Appetit empfiehlt es sich, den einmaligen Spinat, angerichtet in einem Blätterteigbett, als zusätzliche Beilage zu bestellen. Damit der Gaumen nicht austrocknet, gönnt sich der Gast eine Flasche lokalen Rotweines und zum Dessert einen Dépéro aus heimischer Produktion.
Wenn die Qualität stimmt und die Preise so tief sind, sind die Airlinecrews nicht weit. Der Wirt dankt den Besatzungen die Treue mit gratis Wein oder anderen netten Überraschungen - ein Schlaraffenland!
Hat man die Schwelle zum 40. Altersjahr überschritten oder ist wie ich kurz davor, kommt unweigerlich die Frage nach den Nebenwirkungen solcher Eskapaden auf. Vorbei sind die Zeiten, als man um das Gewicht zu halten einfach ein Zusatztraining einschalten konnte. Als gewichtsbewusster Enddreissiger bin ich so quasi im dauernden Übertraining.
In der Vergangenheit konnte ich mich, dank einer guten Balance zwischen Fressorgien und Spitzensport, in einer gesunden Gewichtsbandbreite bewegen. Doch seit der Ölpreis rasant steigt und unser A340 etwas weniger, sind Übergewicht und der damit verbundene Mehrverbrauch von Kerosin zur überlebenswichtigen Frage der Fluggesellschaften geworden. Ein Crewmitglied ist gemäss internen Vorschriften inklusive Gepäck 90 kg schwer. Stehe ich auf die Waage, nackt und mit geschnittenen Zehennägeln, zeigt das Ding aus deutscher Produktion eine dreistellige Zahl an. Jetzt kommen noch die Uniform, der hässliche Hut, die vielen Pins, meine zahlreichen BAZL-Lizenzen, die zwei Pässe, Flugunterlagen, Notebook, iPod, Fotoapparat, Zeitungen, Kleider, Schuhe Grösse 48, nochmals Schuhe Grösse 48, der Samsonite-Koffer und das Handy dazu.
Meine Waage stoppt bei 130 kg. Ich schätze, dass ich zusammen mit der gesamten Ausrüstung gegen 150 kg wiege – vor dem Essen versteht sich. Sechzig Kilogramm über dem Sollgewicht, ich habe ein schlechtes Gewissen! Zugegeben, wenn ich trotz täglichem Sport nach dem Duschen in den Spiegel schaue, erkenne ich Ansätze von kleinen Pölsterchen an den Hüften. Natürlich erscheinen diese wegen meiner gut trainierten schrägen Bauchmuskulatur etwas grösser, aber es wäre gelogen, wenn ich behaupten würde, dass es sich hier nicht um Fett handelt.
Ein Griff in die Fachliteratur soll zeigen, ob mein leichtes Übergewicht gesundheitsschädigend ist. Studierte Gesundheitsapostel haben den so genannten ‚Bizeps-Michelin-Index (BMI)’ ins Leben gerufen. Anhand von diesem Index kann man seine Proportionen einer bestimmten Gruppe zuordnen und auf einen Blick sehen, ob und wie stark man übergewichtig ist.
Ich beginne also zu messen. Mein Bizeps misst dank Werni Kieser stolze 39 cm im Umfang. Auch der Michelinwert ist schnell bestimmt. Im Sitzen sehe ich bei mir zwei Würste am Bauch. Der Untere gross und der Obere etwas kleiner. Während der Untere voll ausgebildet ist, darf der Obere nur zu ¾ gezählt werden. Ich teile also den Bizepsumfang von 39 cm durch die 1.75 Michelin und erhalte einen Wert für meinen BMI von 22.3. Ein Blick in die Literatur zeigt schnell, dass ich mit diesem BMI als absolut normalgewichtig gelte!
So kann ich heute Abend in Johannesburg sorgenfrei mein halbes Rind geniessen und nächste Woche ohne Angst vor einem Rüffel beim ärztlichen Dienst auf die Waage stehen. Denn Zahlen und im speziellen Indizes lügen nie, dass habe ich bei den Buchhaltern der alten Swissair gelernt!

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