Sonntag, August 07, 2005

global identity

Fliegen wird nach 13 Jahren irgendwie zur Routine. Damit meine ich nicht unbedingt das Handwerk als solches, sondern die Aufenthalte in den verschiedenen Ländern. Die Bettüberwürfe sind dank rigoroser Durchsetzung der ‚Corporate Identity’ in allen Hiltons auf der Welt einheitlich, das Angebot der gezapften Biere in den Hotelbars über den Globus verteilt gleicht sich fast aufs Haar und selbst bei den aufgelegten Zeitungen in der Lobby scheint man sich global geeinigt zu haben.
Und trotz oder gerade wegen dieser versuchten Standardisierung stechen die kleinen lokalen Ausnahmen ins Auge. Hier in Muskat, wo ich übrigens zum ersten Mal meine Zelte aufgeschlagen habe, gehört zu den lokalen Eigenheiten natürlich der Charme aus 1001 Nacht. Die Frauen sind auch muslimischen Glaubens, haben aber im Gegensatz zu ihren arabischen Geschlechtsgenossinnen einiges mehr an Freiheiten. Es gibt sie auch, die bis auf einen kleinen Sehschlitz vermummten Wesen der strenggläubigen Kaste, aber die meisten weiblichen Geschöpfe verstecken ihre Gesichtszüge wie die westlichen Artgenossinnen hinter Sonnenbrillen, die sich windschlüpfrig der Kopfform anpassen und in ihrer Grösse an Motorradhelmvisiere erinnern. Scheint ein Modediktat dieses Sommers zu sein, quasi eine ‚Fashion Identity’.
Eine angenehme Überraschung erlebte ich heute Morgen beim Frühstücksbuffet. Normalerweise sind diese Orte der Völlerei bis ins Letzte reguliert. Der gestresste Businesstraveler soll auf der ganzen Welt die gleichen Eierspeisen geniessen können und die Konsistenz des Frühstückgetränkes muss international völlig identisch sein. Die Qualitätsvorlage gab hier das amerikanische Filtergebräu, das nur dank der Farbe annähernd an Kaffee erinnert. Diese globale ‚Breakfast Identity’ garantiert, dass die Tabletten der Manager gegen Sodbrennen überall auf dem Planeten zuverlässig wirken.
Jetzt zu der angenehmen Überraschung heute Morgen. Als ich mich routiniert dem Buffet näherte, kam ich plötzlich ins Stocken. Vor mir lag ein Tablett mit Gipfeli, die mich an meine Kindheit erinnerten. Von Hand gebogene Teigrollen, alle mit unterschiedlicher Grösse und Kurvenradius, lagen schön präsentiert in Griffweite. Ich zögerte nicht lange und legte zwei der leckeren Frühstücksgebäcke auf meinen Teller.
Vor dem ersten Biss hielt ich inne und schloss die Augen. Ich führte die gekrümmte Teigrolle langsam zu meinem Mund und biss erwartungsvoll zu. Keinen Augenblick wurde ich enttäuscht. Wie bei einer Weindegustation verteilte ich die Teigmasse langsam in meiner Mundhöhle und versuchte die verschiedenen Geschmacksrichtungen zu ergründen. Exzellent im Gaumen, gut in der Konsistenz und überwältigend im Abgang, so würde dieses Teigprodukt wohl an einer Degustation charakterisiert.
Dieser einmalige Geschmack und die eigenwillige Form sind natürlich ein schwerwiegender Verstoss gegen die von Freddy Hiestand ins Leben gerufene ‚Gipfeli Identity’.
Und plötzlich verstehe ich, warum die Touristen bei Temperaturen von 40 Grad und einer Luftfeuchtigkeit von annähernd 100% dieses Land bereisen. Es sind nicht die Strände, es ist nicht der Sonnenschein, nicht das blaue Meer und schon gar nicht der Sand, es ist das in der Schweiz nicht mehr vorhandene Bäckerhandwerk, dass die Reisenden aus purer Sehnsucht in diesen Glutofen zieht. Etwas gewagt meine Theorie, aber ich finde sonst keine Erklärung für die Qualen, denen sich Touristen bei diesen klimatischen Bedingungen aussetzen. Was Hiestand mit den Bäckern schaffte, versuchen jetzt die Airlinemanager in Europa mit den Piloten. Die neue ‚Flying Identity’ heisst weniger Lohn, höhere Produktivität, weniger Freitage, mehr Zeitverschiebung, weniger Ruhezeit und grössere Flexibilität. Das Resultat wird ähnlich sein wie bei den Gipfeli: Das Produkt wird vereinheitlicht, die Qualität sinkt, jeder Tankstellenwart kann das ehemalige Qualitätserzeugnis anbieten und Fachkräfte ziehen an den Golf nach Dubai, Abu Dhabi oder Muskat.
Trotz Gipfeli aus 1001 Nacht, einer mietfreien Villa, einem Captainsitz auf dem A330/340, gutem Lohn, Steuerfreiheit, gratis Krankenkasse und Aussicht auf das stahlblaue Meer, schlage ich die Offerte einer Fluggesellschaft vom Golf aus und bleibe der Schweiz treu. Ich habe die Hoffnung noch nicht aufgegeben, dass in ferner Zukunft das Brot in der Schweiz wieder mit Hefe statt mit irgendeinem chemischen Treibmittel gebacken wird und die Gipfeli schmecken wie am Frühstücksbuffet in Muscat.

1 Kommentar:

  1. Andreas Konstantindis16 August, 2005 17:27

    Deine Art Gedanken wiederzugeben finde ich immer wieder absolut faszinierend!

    Ich war vor einem Jahr selbst in Arabien, und durfte hoechspersoenlich die besagten Gipfeli kosten, allerdings nicht im Hilton, sondern im Hyatt. Ich finde diese Region einfach faszinierend, habe mir auch schon oft ueberlegt dorthin zu ziehen... einfach traumhaft!

    Weiterhin wuensche ich dir viel Spass beim fliegen, keep them in the air!

    Viele Gruesse
    Andreas
    SwissMD-11 (flightforum)

    P.S. Moeglicherweise sehen wir uns ja mal an Bord... (Vielflieger)

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