Sonntag, August 21, 2005

Formel 1 in Hongkong

Nicht einmal die Einheimischen sind sich einig, ob es seit meinem letzten Besuch in Hongkong je einmal aufgehört hat zu regnen. Die Strassen sind nass, die Gehsteige wie immer voll von regenschirmtragenden Chinesen und ich pflege seit gestern wieder einmal die vielen blauen Flecken, eingefangen bei den unzähligen Kollisionen mit zu tief montierten Reklametafeln.
Wie in jeder Stadt unseres Planeten stellt sich bei solchem misslichen Wetter natürlich die Frage, was man mit der freien Zeit an einem verregneten Sonntag anfangen soll?
Für einmal habe ich mich entschlossen, es meinem Nachbarn zuhause gleichzutun und mich der Formel 1 zu widmen. Ich möchte das Rennen allerdings nicht am Fernseher als Zuschauer erleben, sondern heute ein Teil dieser Herausforderung sein.
Erwartungsvoll warte ich an der Bushaltestelle auf der gegenüberliegenden Seite des Hoteleingangs auf meine Rennbolide. Wenige Minuten nach meinem Eintreffen biegt der Bus mit der Startnummer 973 auf das Startgelände ein. Bevor ich den fahrenden Untersatz erklimme, werfe ich noch schnell einen Blick auf meinen Rennwagen. Die Serviceleute scheinen sich heute trotz regennasser Strasse für die profillosen Reifen entschieden zu haben. Ein mutiger Entscheid, den ich als Sportsmann natürlich akzeptiere. Ich werfe mich geistesgegenwärtig vor den Eingang des Busses und dank meiner Schnelligkeit, meiner Erfahrung und meines frühen Eintreffens, ergattere ich die Pole Position im Doppeldecker.
Ich sitze im ersten Stock ganz rechts - es kann losgehen! Der Fahrer teilt meine Ansicht und tritt kräftig auf das Gaspedal. Erste Positionskämpfe finden auf der vielbefahrenen Nathan Road statt und zu meiner Freude gehen wir aus den Duellen praktisch immer als Sieger hervor.
In voller Fahrt jagt der Bus Richtung Western Cross Harbour Tunnel. Eine Schikane (Radarkasten), zwingt den Fahrer zu einem akzentuierten Bremsmanöver. Wieder wird beschleunigt und der Kassenwart der Zahlstelle wird von unserem Fahrtwind beinahe aus seinem Sitz geblasen. Konzentriert erklimmt der Fahrer nach ereignisloser Durchquerung des Tunnels mit seinem breiten Gefährt die steilen Serpentinen hinauf zum Victoria Peak. Mit lauten Rufen versuche ich den Doppeldeckerpiloten vor jeder Reklametafel zu warnen. Es scheint zu nützen, wir können Schaden verhindern. Wo es raufgeht, geht es auch wieder runter. Ein Naturgesetz, das nur am Malojapass nicht zu gelten scheint. Der Fahrer beschleunigt und ich beginne trotz der Airconditioning aus allen Poren zu schwitzen. Bäume schmücken die steil abfallende Strasse auf beiden Seiten und derer Äste knallen im Sekundentakt an die Scheibe neben meinem Kopf. Dann plötzlich eine Vollbremsung - ach so, ein Rondell - schnell den Vortritt verweigern und wieder Vollgas. Die Reifen verlieren die Haftung zu meiner Freude nicht und die Leitplanke auf meiner Seite, die vor dem Sturz ins tiefe Tobel schützt, bleibt unversehrt. Aberdeen kommt näher und der zunehmende Verkehr zwingt den Fahrer zu einem gemässigteren Tempo. Die Erholungszeit ist knapp, wieder eine Serpentine und wieder das Knallen von Ästen. Noch 2 Kilometer nach Stanley - noch 3 Minuten Adrenalin. Der Busfahrer gibt alles und freut sich nach der Zieldurchfahrt über die erreichte Zeit. Erleichtert und durchnässt verlasse ich zusammen mit den anderen Buspassagieren die Rennbolide und freue mich, noch am Leben zu sein. Ich fühle mich in meiner Annahme bestätigt: Selber ein Formel 1 Rennen bestreiten, ist wesentlich aufregender, als chipsessend vor dem Fernseher das monotone Geschehen über sich ergehen zu lassen. Ich bin übrigens trotz Sturm und hohem Wellengang im Schiff nach Central zurückgefahren…..

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