Dienstag, August 30, 2005

ein Traum im Crew Bunk

„Ich bin müde, die Beine werden schwer, ich atme ruhig, der Lärm stört mich nicht, ich bin müde, die Beine sind schwerer, ……“ Autogenes Training scheint tatsächlich zu wirken und ich döse in meiner Zelle auf 10'000 Metern Höhe ein. Draussen ist es hell, die Flugzeugnase zeigt Richtung Tokio und ich kann die gestrige Medienattacke der Sonntagsblätter gegen uns Piloten in Ruhe verdauen. Schon bald beginne ich zu schnarchen und sitze kurze Zeit später in meinem Traum als Zuschauer inmitten eines Fernsehstudios. Der Regisseur rennt nervös durch den Raum und ein Countdown kündet an, dass die Diskussion zwischen dem Aviatikexperten (AE) und dem nationalen Airlinechef (the Boss) in Kürze beginnt.

AE: Sehr geehrter Herr X (Name dem Träumer bekannt), vielen Dank, dass sie in dieser hektischen Phase Zeit gefunden haben, sich meinen Fragen zu stellen.

The Boss: Keine Ursache Herr Y (Name dem Träumer bekannt), für Journalisten finde ich immer ein paar freie Minuten. Ich bin froh, dass ich in dieser turbulenten Zeit aus erster Hand informieren kann.

AE: Die Bilanzmedienkonferenz letzte Woche war ein ziemlicher Hammer. Schon wieder schreibt die Airline Verluste und schon wieder werden Kapazitäten und Personal abgebaut. Wo sehen sie die Hauptprobleme und wie wollen sie diese aus dem Weg schaffen?

The Boss: Der steigende Dollar und der explodierende Ölpreis machen uns sehr viel Sorgen. Einerseits werden durch die hohen Kerosinkosten alle unsere Sparmassnahmen zunichte gemacht und andererseits werden die meisten Ausgaben in der amerikanischen Währung getätigt. Beides Parameter, die wir leider nicht beeinflussen können.

AE: Das ist eine Bestandesaufnahme, die uns allen bekannt ist. Was sind aber auch Sicht eines Airlinemanagers die mittelfristigen Herausforderungen?

The Boss: Das grosse Handelsdefizit in Amerika und das damit verbundene Währungsrisiko treiben mir Sorgenfalten ins Gesicht. Die Weltwirtschaft läuft Gefahr, durch eine Dollarschwäche in eine tiefe Rezession zu stürzen. Denn vergessen sie nicht, die meisten unserer Einnahmen fallen in amerikanischen Dollars an.

AE: Jetzt bin ich aber verwirrt. Soll jetzt der Dollarkurs aus ihrer Sicht sinken oder steigen?

The Boss: Es kommt drauf an.

AE: Auf was kommt es an?

The Boss: Fragen sie meinen Finanzchef!

AE. Zum Personal und im Speziellen zu ihrem Pilotenproblem. Gemäss gut unterrichteten Kreisen haben die Verhandlungen für die neuen Einsatzpläne, sie nennen das Rotationen, letzte Woche mit einem Eklat geendet. Was genau ist passiert?

The Boss: Es ging um den Flug nach New York. Wir kamen trotz substanziellen Angeboten unsererseits auf kein akzeptables Verhandlungsergebnis.

AE: Bitte klären sie uns auf!

The Boss: Die Pilotengewerkschaft wollte auf keinen Fall auf unsere Forderung eingehen. Obwohl wir quasi als Goodie einen langen und einen kurzen Aufenthalt vorschlugen, beharrten die arroganten Piloten stur auf der jetzigen Rotation, was Mehrkosten in Millionenhöhe zur Folge hat.

AE: Erklären Sie uns bitte die 3 verschiedenen Modelle genauer.

The Boss: Heute verschwindet die Crew nach dem kurzen Flug über den Atlantik in Manhattan für eine Nacht in einem teuren Hotel und vergnügt sich mit den von der Firma bezahlten Spesengeldern in der Weltstadt. Zukünftig, so unsere Forderung, sollen die Crews nach einem kurzen Aufenthalt von 1 – 2 Stunden den Rückflug in die Schweiz antreten. Damit auch die soziale Komponente nicht zu kurz kommt, haben wir als Goodie den sogenannten ‚langen New York’ vorgeschlagen. Die längere Bodenzeit ermöglicht es den Crewmitgliedern, den Duty Free zu besuchen oder bei Mc Donalds etwas reinzuhauen.

Es schüttelt etwas, ich drehe mich unruhig im Crew Bunk, beginne zu schwitzen, schlafe und träume aber glücklicherweise weiter. Die Fernsehsendung in meinen Träumen geht weiter….

AE: Aber Herr X (Name dem Träumer bekannt), das gäbe ja Einsatzzeiten von gegen 20 Stunden! Ist denn das noch sicher?

The Boss: Andere Airlines wie Singapore oder Emirates fliegen heute schon Strecken mit ihrem A340-500 von fast 18 Stunden ohne Pause. Für unsere Crews gäbe es in New York einen Unterbruch und frische, motivierte Passagiere für den Rückflug. Es ist ja eh fast alles automatisch in den modernen Cockpits von heute.

AE: Die Gewerkschaften geben sich kämpferisch. Neben den üblichen Drohgebärden wurde auch noch die Unterschriftensammlung ‚30 STUNDEN ZEITVERSCHIEBUNG PRO MONAT SIND GENUG’ lanciert. Haben sie ihre Personalverbände noch im Griff?

The Boss: Die spielen nur mit den Muskeln. Jeder der Piloten und Flight Attendants will in der Firma bleiben. Wer einen Job hat, ist glücklich und glückliche Piloten bzw. Flight Attendants leisten gute Arbeit, selbst bei Flügen über 20 Stunden.

AE: Wir kommen langsam zum Schluss der Sendung. Noch eine letzte Frage an sie Herr X (Name dem Träumer bekannt): Den Piloten weht einmal mehr ein steifer Wind aus der Presselandschaft ins Gesicht. Solche Negativschlagzeilen beschäftigen die Könige der Lüfte natürlich und können hie und da auch mal zu einer schlaflosen Nacht führen. Was geben sie den Flugzeugführern für einen Tipp mit auf den Weg beim Umgang mit der Presse?

The Boss: „Streite nie mit einem Idioten, er zieht dich auf sein Niveau hinunter und schlägt dich mit seiner Erfahrung!“

Schweissgebadet erwache ich - zum Glück war das nur ein böser Traum. Meine Uhr zeigt mir, dass ich in Kürze meinen Dienst antreten muss und in etwa 8 Stunden die Kiste auf der kurzen Piste in Narita landen darf. Kurz ist die Piste wirklich. Gemäss Tabellen brauchen wir 2050m um den Airbus zu stoppen. Die Piste ist 2160m lang, ich habe also ziemlich genau 110m Reserve, vorausgesetzt ich lege eine Punktlandung hin. Klingt ein wenig nach Heldentum, ist es aber nicht. Helden flogen vor 30 Jahren, stiegen nach 6 Stunden Flugzeit aus, liessen sich im Hotel verwöhnen um dann am nächsten Tag frisch die Weiterreise anzutreten. Früher war das Personal ein Erfolgsfaktor, heute sind wir nur noch Kostenfaktor. Ich schalte jetzt meinen kleinen Compi aus, gönne mir einen Espresso und schaue etwas verträumt in die Weite der sibirischen Steppe hinaus. Die Manager können mir gestohlen bleiben, wir haben trotz allem noch einen schönen Job und sind ein klein bisschen Helden, wenn nur ein klein bisschen.

1 Kommentar:

  1. Sehr schön zu lesen, Kompliment! Zum letzten Abschnitt muss ich noch was anfügen: Für mich sind "die da vorne" auch heute noch Helden denn sie haben mich noch immer wieder heil nach Hause gebracht, manchmal auch unter etwas widrigen Umständen. Liebe Grüsse

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