Montag, August 01, 2005

Ansprache zum Nationalfeiertag

„Sehr geehrte Circlemember, geschätzte Erstklasspassagierinnen und Erstklasspassagiere, liebe Travelclubmitglieder, verehrte Businessklassgäste, werte Qualiflyermitglieder, Passagiere in der Holzklasse, Kolleginnen und Kollegen - es ist mir eine besondere Ehre, sie alle heute am 1. August auf diesem Flug zwischen Tokyo und Zürich begrüssen zu dürfen. Wir alle haben das Privileg, den Nationalfeiertag der Eidgenossenschaft wegen der Zeitverschiebung sieben Stunden länger geniessen zu können. Ich möchte daher die Gelegenheit am Schopf packen und die sonst so langweilige Ansage aus dem Cockpit für einmal etwas anders gestalten.
Passagiere, die jetzt versuchen statt meines Geschwätzes einen Musikkanal aufzuschalten, muss ich leider enttäuschen. Die Mitteilungen aus der Führerkabine haben absolute Priorität und können nicht ausgeblendet werden. Dafür beneiden mich Pfarrer als auch Politiker. Pfarrer, weil sie kaum 220 Seelen zusammen bringen und Politiker, weil mir die Zuhörer nicht davonlaufen können.

Ich habe mir lange überlegt, was ich zum Thema meiner ersten 1. August Ansprache wählen soll. ‚Politische Öffnung’ ist heute an den verschiedenen Höhenfeuern, verteilt über die ganze Schweiz, sicherlich ein grosses Thema. Aus Rücksicht auf einige konservative Passagiere, möchte ich auf dieses Thema nicht weiter eingehen. Sie werden heute Abend in den Gemeinden noch genügend Zeit haben, sich mit politischen Gegnern zu messen und zünftig zu raufen.
Bei der Themensuche für meine heutige Ansprache, habe ich zeitgemäss auf dem Internet recherchiert. Wer zum Beispiel ‚1. August’ im online Lexikon ‚Wikipedia’ eingibt, bekommt einen ganzen Berg von Informationen.

Apropos Berg, vor genau 150 Jahren bestieg eine Gruppe Engländer unseren höchsten Gipfel, die Dufourspitze im Wallis. Im Eintrag steht da: ‚Die Erstbesteigung unter der Leitung von Charles Hudson fand am 1. August 1855 statt. Zwei Bergführer aus dem Wallis bahnten den Engländern den Weg.’ Mit anderen Worten machten zwei Einheimische, an einem Eidgenössischen Feiertag wohlverstanden, die Arbeit und andere strichen den Lohn ein. Da soll mal einer sagen, dass Bergsteigen keine politische Dimension hat!
Einige Zeilen weiter unten dann ein Eintrag, der unsere weiblichen Passagiere in der Businessklasse freuen dürfte. Haben sie gewusst, dass der Vorgänger ihres drei Tonnen schweren Freizeitgefährtes, der Jeep, heute Geburtstag hat? Er wurde am 1. August 1941 zum ersten Mal produziert.

Ich komme etwas von Thema ab. Unser Land, unsere Heimat, unsere Eidgenossenschaft hat heute etwas zu feiern und das gehört gewürdigt! Sind wir denn die Einzigen? Die Antwort heisst klar und deutlich NEIN. Neben dem kleinen Land Schweiz hat auch die kleine Republik Benin Geburtstag. Die ehemalige französische Kolonie Dahomey wurde 1960 von den Franzosen in die Unabhängigkeit entlassen. Bei der Vorstellung der Landes auf der besagten Internetseite, springt als erstes der Wahlspruch des zwischen Nigeria und Togo liegenden Landes in Westafrika ins Auge: ‚Fraternité, Justice, Travail’. Fast unglaublich diese Verwandtschaft zu Helvetien!
Benin hat noch mehr Gemeinsamkeiten mit der Schweiz. Beide haben etwas mehr als 7 Millionen Einwohner, beide sind in der gleichen Zeitzone, beide haben eine wunderschöne und abwechslungsreiche Natur und beide wurden von den Franzosen in früheren Jahrhunderten erobert. In Benin fiel die ‚Grande Nation’ gegen Ende des 19. Jahrhunderts ein und bei uns so um 1798. Aus der alten Eidgenossenschaft wurde damals die Helvetische Republik, etwa 5 Jahre später verordnete Napoleon in der Mediationsakte eine neue Verfassung und gab der Schweiz weitgehend ihre Autonomie zurück. Wir feiern also heute quasi etwas, dass es seit über 200 Jahren nicht mehr gibt.

Bevor wir zum Höhepunkt meiner Ansprache kommen, möchte ich noch darauf hinweisen, dass trotz des heutigen Nationalfeiertages das Abbrennen von Feuerwerk an Bord des Flugzeuges strengstens untersagt ist. Liebe Kinder, habt noch etwas Geduld. Nach der Landung in Zürich könnt ihr eure Frauenfürze knallen lassen. Der Flug dauert nur noch etwa 11 Stunden.

Und jetzt zum angekündigten Höhepunkt. Wir werden unter Leitung von unserer musikalisch begabten Erstklass-Hostess den Schweizerpsalm durchstrophen. Schweizer Passagiere finden den Text auf Seite 89 des Bordmagazines und für unsere japanischen Gäste hat es auf Kanal 39 des Unterhaltungssystemes eine spezielle Karaoke Animation. Da wir leider zurzeit eine Zone mit etwas unruhiger Luft durchfliegen, bitte ich sie während der Landeshymne nicht aufzustehen. Jetzt bleibt mir nur noch ihnen, sehr geehrte Circlemember, geschätzte Erstklasspassagierinnen und Erstklasspassagiere, liebe Travelclubmitglieder, verehrte Businessclassgäste, werte Qualiflyermitglieder, Passagiere in der Holzklasse, Kolleginnen und Kollegen, einen schönen Nationalfeiertag zu wünschen.“

„Trittst im Morgenrot daher, seh'ich dich im Strahlenmeer, dich, du Hocherhabener, Herrlicher! …………………………….“

1 Kommentar:

  1. Komm sofort auf die Erde zurück und sprich diese Wort, wenn auch etwas mit einer anderen Anrede an die Leute unten auf der Erde. Die hätten bestimmt ihre grosse Freude und würden nicht nur artig Applaus geben, sondern Zugabe schreien. Ich werde Dich für skommende Jahr als 1.-August-Redner vorschlagen, es muss ja nicht das Rütli sein... Gruss ein 1.-August-Reden-Geplagter

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