Dienstag, August 30, 2005

ein Traum im Crew Bunk

„Ich bin müde, die Beine werden schwer, ich atme ruhig, der Lärm stört mich nicht, ich bin müde, die Beine sind schwerer, ……“ Autogenes Training scheint tatsächlich zu wirken und ich döse in meiner Zelle auf 10'000 Metern Höhe ein. Draussen ist es hell, die Flugzeugnase zeigt Richtung Tokio und ich kann die gestrige Medienattacke der Sonntagsblätter gegen uns Piloten in Ruhe verdauen. Schon bald beginne ich zu schnarchen und sitze kurze Zeit später in meinem Traum als Zuschauer inmitten eines Fernsehstudios. Der Regisseur rennt nervös durch den Raum und ein Countdown kündet an, dass die Diskussion zwischen dem Aviatikexperten (AE) und dem nationalen Airlinechef (the Boss) in Kürze beginnt.

AE: Sehr geehrter Herr X (Name dem Träumer bekannt), vielen Dank, dass sie in dieser hektischen Phase Zeit gefunden haben, sich meinen Fragen zu stellen.

The Boss: Keine Ursache Herr Y (Name dem Träumer bekannt), für Journalisten finde ich immer ein paar freie Minuten. Ich bin froh, dass ich in dieser turbulenten Zeit aus erster Hand informieren kann.

AE: Die Bilanzmedienkonferenz letzte Woche war ein ziemlicher Hammer. Schon wieder schreibt die Airline Verluste und schon wieder werden Kapazitäten und Personal abgebaut. Wo sehen sie die Hauptprobleme und wie wollen sie diese aus dem Weg schaffen?

The Boss: Der steigende Dollar und der explodierende Ölpreis machen uns sehr viel Sorgen. Einerseits werden durch die hohen Kerosinkosten alle unsere Sparmassnahmen zunichte gemacht und andererseits werden die meisten Ausgaben in der amerikanischen Währung getätigt. Beides Parameter, die wir leider nicht beeinflussen können.

AE: Das ist eine Bestandesaufnahme, die uns allen bekannt ist. Was sind aber auch Sicht eines Airlinemanagers die mittelfristigen Herausforderungen?

The Boss: Das grosse Handelsdefizit in Amerika und das damit verbundene Währungsrisiko treiben mir Sorgenfalten ins Gesicht. Die Weltwirtschaft läuft Gefahr, durch eine Dollarschwäche in eine tiefe Rezession zu stürzen. Denn vergessen sie nicht, die meisten unserer Einnahmen fallen in amerikanischen Dollars an.

AE: Jetzt bin ich aber verwirrt. Soll jetzt der Dollarkurs aus ihrer Sicht sinken oder steigen?

The Boss: Es kommt drauf an.

AE: Auf was kommt es an?

The Boss: Fragen sie meinen Finanzchef!

AE. Zum Personal und im Speziellen zu ihrem Pilotenproblem. Gemäss gut unterrichteten Kreisen haben die Verhandlungen für die neuen Einsatzpläne, sie nennen das Rotationen, letzte Woche mit einem Eklat geendet. Was genau ist passiert?

The Boss: Es ging um den Flug nach New York. Wir kamen trotz substanziellen Angeboten unsererseits auf kein akzeptables Verhandlungsergebnis.

AE: Bitte klären sie uns auf!

The Boss: Die Pilotengewerkschaft wollte auf keinen Fall auf unsere Forderung eingehen. Obwohl wir quasi als Goodie einen langen und einen kurzen Aufenthalt vorschlugen, beharrten die arroganten Piloten stur auf der jetzigen Rotation, was Mehrkosten in Millionenhöhe zur Folge hat.

AE: Erklären Sie uns bitte die 3 verschiedenen Modelle genauer.

The Boss: Heute verschwindet die Crew nach dem kurzen Flug über den Atlantik in Manhattan für eine Nacht in einem teuren Hotel und vergnügt sich mit den von der Firma bezahlten Spesengeldern in der Weltstadt. Zukünftig, so unsere Forderung, sollen die Crews nach einem kurzen Aufenthalt von 1 – 2 Stunden den Rückflug in die Schweiz antreten. Damit auch die soziale Komponente nicht zu kurz kommt, haben wir als Goodie den sogenannten ‚langen New York’ vorgeschlagen. Die längere Bodenzeit ermöglicht es den Crewmitgliedern, den Duty Free zu besuchen oder bei Mc Donalds etwas reinzuhauen.

Es schüttelt etwas, ich drehe mich unruhig im Crew Bunk, beginne zu schwitzen, schlafe und träume aber glücklicherweise weiter. Die Fernsehsendung in meinen Träumen geht weiter….

AE: Aber Herr X (Name dem Träumer bekannt), das gäbe ja Einsatzzeiten von gegen 20 Stunden! Ist denn das noch sicher?

The Boss: Andere Airlines wie Singapore oder Emirates fliegen heute schon Strecken mit ihrem A340-500 von fast 18 Stunden ohne Pause. Für unsere Crews gäbe es in New York einen Unterbruch und frische, motivierte Passagiere für den Rückflug. Es ist ja eh fast alles automatisch in den modernen Cockpits von heute.

AE: Die Gewerkschaften geben sich kämpferisch. Neben den üblichen Drohgebärden wurde auch noch die Unterschriftensammlung ‚30 STUNDEN ZEITVERSCHIEBUNG PRO MONAT SIND GENUG’ lanciert. Haben sie ihre Personalverbände noch im Griff?

The Boss: Die spielen nur mit den Muskeln. Jeder der Piloten und Flight Attendants will in der Firma bleiben. Wer einen Job hat, ist glücklich und glückliche Piloten bzw. Flight Attendants leisten gute Arbeit, selbst bei Flügen über 20 Stunden.

AE: Wir kommen langsam zum Schluss der Sendung. Noch eine letzte Frage an sie Herr X (Name dem Träumer bekannt): Den Piloten weht einmal mehr ein steifer Wind aus der Presselandschaft ins Gesicht. Solche Negativschlagzeilen beschäftigen die Könige der Lüfte natürlich und können hie und da auch mal zu einer schlaflosen Nacht führen. Was geben sie den Flugzeugführern für einen Tipp mit auf den Weg beim Umgang mit der Presse?

The Boss: „Streite nie mit einem Idioten, er zieht dich auf sein Niveau hinunter und schlägt dich mit seiner Erfahrung!“

Schweissgebadet erwache ich - zum Glück war das nur ein böser Traum. Meine Uhr zeigt mir, dass ich in Kürze meinen Dienst antreten muss und in etwa 8 Stunden die Kiste auf der kurzen Piste in Narita landen darf. Kurz ist die Piste wirklich. Gemäss Tabellen brauchen wir 2050m um den Airbus zu stoppen. Die Piste ist 2160m lang, ich habe also ziemlich genau 110m Reserve, vorausgesetzt ich lege eine Punktlandung hin. Klingt ein wenig nach Heldentum, ist es aber nicht. Helden flogen vor 30 Jahren, stiegen nach 6 Stunden Flugzeit aus, liessen sich im Hotel verwöhnen um dann am nächsten Tag frisch die Weiterreise anzutreten. Früher war das Personal ein Erfolgsfaktor, heute sind wir nur noch Kostenfaktor. Ich schalte jetzt meinen kleinen Compi aus, gönne mir einen Espresso und schaue etwas verträumt in die Weite der sibirischen Steppe hinaus. Die Manager können mir gestohlen bleiben, wir haben trotz allem noch einen schönen Job und sind ein klein bisschen Helden, wenn nur ein klein bisschen.

Sonntag, August 21, 2005

Formel 1 in Hongkong

Nicht einmal die Einheimischen sind sich einig, ob es seit meinem letzten Besuch in Hongkong je einmal aufgehört hat zu regnen. Die Strassen sind nass, die Gehsteige wie immer voll von regenschirmtragenden Chinesen und ich pflege seit gestern wieder einmal die vielen blauen Flecken, eingefangen bei den unzähligen Kollisionen mit zu tief montierten Reklametafeln.
Wie in jeder Stadt unseres Planeten stellt sich bei solchem misslichen Wetter natürlich die Frage, was man mit der freien Zeit an einem verregneten Sonntag anfangen soll?
Für einmal habe ich mich entschlossen, es meinem Nachbarn zuhause gleichzutun und mich der Formel 1 zu widmen. Ich möchte das Rennen allerdings nicht am Fernseher als Zuschauer erleben, sondern heute ein Teil dieser Herausforderung sein.
Erwartungsvoll warte ich an der Bushaltestelle auf der gegenüberliegenden Seite des Hoteleingangs auf meine Rennbolide. Wenige Minuten nach meinem Eintreffen biegt der Bus mit der Startnummer 973 auf das Startgelände ein. Bevor ich den fahrenden Untersatz erklimme, werfe ich noch schnell einen Blick auf meinen Rennwagen. Die Serviceleute scheinen sich heute trotz regennasser Strasse für die profillosen Reifen entschieden zu haben. Ein mutiger Entscheid, den ich als Sportsmann natürlich akzeptiere. Ich werfe mich geistesgegenwärtig vor den Eingang des Busses und dank meiner Schnelligkeit, meiner Erfahrung und meines frühen Eintreffens, ergattere ich die Pole Position im Doppeldecker.
Ich sitze im ersten Stock ganz rechts - es kann losgehen! Der Fahrer teilt meine Ansicht und tritt kräftig auf das Gaspedal. Erste Positionskämpfe finden auf der vielbefahrenen Nathan Road statt und zu meiner Freude gehen wir aus den Duellen praktisch immer als Sieger hervor.
In voller Fahrt jagt der Bus Richtung Western Cross Harbour Tunnel. Eine Schikane (Radarkasten), zwingt den Fahrer zu einem akzentuierten Bremsmanöver. Wieder wird beschleunigt und der Kassenwart der Zahlstelle wird von unserem Fahrtwind beinahe aus seinem Sitz geblasen. Konzentriert erklimmt der Fahrer nach ereignisloser Durchquerung des Tunnels mit seinem breiten Gefährt die steilen Serpentinen hinauf zum Victoria Peak. Mit lauten Rufen versuche ich den Doppeldeckerpiloten vor jeder Reklametafel zu warnen. Es scheint zu nützen, wir können Schaden verhindern. Wo es raufgeht, geht es auch wieder runter. Ein Naturgesetz, das nur am Malojapass nicht zu gelten scheint. Der Fahrer beschleunigt und ich beginne trotz der Airconditioning aus allen Poren zu schwitzen. Bäume schmücken die steil abfallende Strasse auf beiden Seiten und derer Äste knallen im Sekundentakt an die Scheibe neben meinem Kopf. Dann plötzlich eine Vollbremsung - ach so, ein Rondell - schnell den Vortritt verweigern und wieder Vollgas. Die Reifen verlieren die Haftung zu meiner Freude nicht und die Leitplanke auf meiner Seite, die vor dem Sturz ins tiefe Tobel schützt, bleibt unversehrt. Aberdeen kommt näher und der zunehmende Verkehr zwingt den Fahrer zu einem gemässigteren Tempo. Die Erholungszeit ist knapp, wieder eine Serpentine und wieder das Knallen von Ästen. Noch 2 Kilometer nach Stanley - noch 3 Minuten Adrenalin. Der Busfahrer gibt alles und freut sich nach der Zieldurchfahrt über die erreichte Zeit. Erleichtert und durchnässt verlasse ich zusammen mit den anderen Buspassagieren die Rennbolide und freue mich, noch am Leben zu sein. Ich fühle mich in meiner Annahme bestätigt: Selber ein Formel 1 Rennen bestreiten, ist wesentlich aufregender, als chipsessend vor dem Fernseher das monotone Geschehen über sich ergehen zu lassen. Ich bin übrigens trotz Sturm und hohem Wellengang im Schiff nach Central zurückgefahren…..

Samstag, August 13, 2005

Schlaraffenland

Südafrika verbinde ich unweigerlich mit gutem Essen, gehaltvollem Wein und gemütlichen Tischrunden im Butcher Shop gleich neben dem Hotel. Es gibt sie hier noch, die riesigen T-Bone Steak, die kaum auf den Teller passen und soviel kosten, wie bei uns der Tomaten-Mozzarella Salat als Vorspeise.
Dazu werden jeweils gartenfrisches Gemüse und ein mit wenig Knoblauch gewürzter Kartoffelstock serviert. Bei grossem Appetit empfiehlt es sich, den einmaligen Spinat, angerichtet in einem Blätterteigbett, als zusätzliche Beilage zu bestellen. Damit der Gaumen nicht austrocknet, gönnt sich der Gast eine Flasche lokalen Rotweines und zum Dessert einen Dépéro aus heimischer Produktion.
Wenn die Qualität stimmt und die Preise so tief sind, sind die Airlinecrews nicht weit. Der Wirt dankt den Besatzungen die Treue mit gratis Wein oder anderen netten Überraschungen - ein Schlaraffenland!
Hat man die Schwelle zum 40. Altersjahr überschritten oder ist wie ich kurz davor, kommt unweigerlich die Frage nach den Nebenwirkungen solcher Eskapaden auf. Vorbei sind die Zeiten, als man um das Gewicht zu halten einfach ein Zusatztraining einschalten konnte. Als gewichtsbewusster Enddreissiger bin ich so quasi im dauernden Übertraining.
In der Vergangenheit konnte ich mich, dank einer guten Balance zwischen Fressorgien und Spitzensport, in einer gesunden Gewichtsbandbreite bewegen. Doch seit der Ölpreis rasant steigt und unser A340 etwas weniger, sind Übergewicht und der damit verbundene Mehrverbrauch von Kerosin zur überlebenswichtigen Frage der Fluggesellschaften geworden. Ein Crewmitglied ist gemäss internen Vorschriften inklusive Gepäck 90 kg schwer. Stehe ich auf die Waage, nackt und mit geschnittenen Zehennägeln, zeigt das Ding aus deutscher Produktion eine dreistellige Zahl an. Jetzt kommen noch die Uniform, der hässliche Hut, die vielen Pins, meine zahlreichen BAZL-Lizenzen, die zwei Pässe, Flugunterlagen, Notebook, iPod, Fotoapparat, Zeitungen, Kleider, Schuhe Grösse 48, nochmals Schuhe Grösse 48, der Samsonite-Koffer und das Handy dazu.
Meine Waage stoppt bei 130 kg. Ich schätze, dass ich zusammen mit der gesamten Ausrüstung gegen 150 kg wiege – vor dem Essen versteht sich. Sechzig Kilogramm über dem Sollgewicht, ich habe ein schlechtes Gewissen! Zugegeben, wenn ich trotz täglichem Sport nach dem Duschen in den Spiegel schaue, erkenne ich Ansätze von kleinen Pölsterchen an den Hüften. Natürlich erscheinen diese wegen meiner gut trainierten schrägen Bauchmuskulatur etwas grösser, aber es wäre gelogen, wenn ich behaupten würde, dass es sich hier nicht um Fett handelt.
Ein Griff in die Fachliteratur soll zeigen, ob mein leichtes Übergewicht gesundheitsschädigend ist. Studierte Gesundheitsapostel haben den so genannten ‚Bizeps-Michelin-Index (BMI)’ ins Leben gerufen. Anhand von diesem Index kann man seine Proportionen einer bestimmten Gruppe zuordnen und auf einen Blick sehen, ob und wie stark man übergewichtig ist.
Ich beginne also zu messen. Mein Bizeps misst dank Werni Kieser stolze 39 cm im Umfang. Auch der Michelinwert ist schnell bestimmt. Im Sitzen sehe ich bei mir zwei Würste am Bauch. Der Untere gross und der Obere etwas kleiner. Während der Untere voll ausgebildet ist, darf der Obere nur zu ¾ gezählt werden. Ich teile also den Bizepsumfang von 39 cm durch die 1.75 Michelin und erhalte einen Wert für meinen BMI von 22.3. Ein Blick in die Literatur zeigt schnell, dass ich mit diesem BMI als absolut normalgewichtig gelte!
So kann ich heute Abend in Johannesburg sorgenfrei mein halbes Rind geniessen und nächste Woche ohne Angst vor einem Rüffel beim ärztlichen Dienst auf die Waage stehen. Denn Zahlen und im speziellen Indizes lügen nie, dass habe ich bei den Buchhaltern der alten Swissair gelernt!

Sonntag, August 07, 2005

global identity

Fliegen wird nach 13 Jahren irgendwie zur Routine. Damit meine ich nicht unbedingt das Handwerk als solches, sondern die Aufenthalte in den verschiedenen Ländern. Die Bettüberwürfe sind dank rigoroser Durchsetzung der ‚Corporate Identity’ in allen Hiltons auf der Welt einheitlich, das Angebot der gezapften Biere in den Hotelbars über den Globus verteilt gleicht sich fast aufs Haar und selbst bei den aufgelegten Zeitungen in der Lobby scheint man sich global geeinigt zu haben.
Und trotz oder gerade wegen dieser versuchten Standardisierung stechen die kleinen lokalen Ausnahmen ins Auge. Hier in Muskat, wo ich übrigens zum ersten Mal meine Zelte aufgeschlagen habe, gehört zu den lokalen Eigenheiten natürlich der Charme aus 1001 Nacht. Die Frauen sind auch muslimischen Glaubens, haben aber im Gegensatz zu ihren arabischen Geschlechtsgenossinnen einiges mehr an Freiheiten. Es gibt sie auch, die bis auf einen kleinen Sehschlitz vermummten Wesen der strenggläubigen Kaste, aber die meisten weiblichen Geschöpfe verstecken ihre Gesichtszüge wie die westlichen Artgenossinnen hinter Sonnenbrillen, die sich windschlüpfrig der Kopfform anpassen und in ihrer Grösse an Motorradhelmvisiere erinnern. Scheint ein Modediktat dieses Sommers zu sein, quasi eine ‚Fashion Identity’.
Eine angenehme Überraschung erlebte ich heute Morgen beim Frühstücksbuffet. Normalerweise sind diese Orte der Völlerei bis ins Letzte reguliert. Der gestresste Businesstraveler soll auf der ganzen Welt die gleichen Eierspeisen geniessen können und die Konsistenz des Frühstückgetränkes muss international völlig identisch sein. Die Qualitätsvorlage gab hier das amerikanische Filtergebräu, das nur dank der Farbe annähernd an Kaffee erinnert. Diese globale ‚Breakfast Identity’ garantiert, dass die Tabletten der Manager gegen Sodbrennen überall auf dem Planeten zuverlässig wirken.
Jetzt zu der angenehmen Überraschung heute Morgen. Als ich mich routiniert dem Buffet näherte, kam ich plötzlich ins Stocken. Vor mir lag ein Tablett mit Gipfeli, die mich an meine Kindheit erinnerten. Von Hand gebogene Teigrollen, alle mit unterschiedlicher Grösse und Kurvenradius, lagen schön präsentiert in Griffweite. Ich zögerte nicht lange und legte zwei der leckeren Frühstücksgebäcke auf meinen Teller.
Vor dem ersten Biss hielt ich inne und schloss die Augen. Ich führte die gekrümmte Teigrolle langsam zu meinem Mund und biss erwartungsvoll zu. Keinen Augenblick wurde ich enttäuscht. Wie bei einer Weindegustation verteilte ich die Teigmasse langsam in meiner Mundhöhle und versuchte die verschiedenen Geschmacksrichtungen zu ergründen. Exzellent im Gaumen, gut in der Konsistenz und überwältigend im Abgang, so würde dieses Teigprodukt wohl an einer Degustation charakterisiert.
Dieser einmalige Geschmack und die eigenwillige Form sind natürlich ein schwerwiegender Verstoss gegen die von Freddy Hiestand ins Leben gerufene ‚Gipfeli Identity’.
Und plötzlich verstehe ich, warum die Touristen bei Temperaturen von 40 Grad und einer Luftfeuchtigkeit von annähernd 100% dieses Land bereisen. Es sind nicht die Strände, es ist nicht der Sonnenschein, nicht das blaue Meer und schon gar nicht der Sand, es ist das in der Schweiz nicht mehr vorhandene Bäckerhandwerk, dass die Reisenden aus purer Sehnsucht in diesen Glutofen zieht. Etwas gewagt meine Theorie, aber ich finde sonst keine Erklärung für die Qualen, denen sich Touristen bei diesen klimatischen Bedingungen aussetzen. Was Hiestand mit den Bäckern schaffte, versuchen jetzt die Airlinemanager in Europa mit den Piloten. Die neue ‚Flying Identity’ heisst weniger Lohn, höhere Produktivität, weniger Freitage, mehr Zeitverschiebung, weniger Ruhezeit und grössere Flexibilität. Das Resultat wird ähnlich sein wie bei den Gipfeli: Das Produkt wird vereinheitlicht, die Qualität sinkt, jeder Tankstellenwart kann das ehemalige Qualitätserzeugnis anbieten und Fachkräfte ziehen an den Golf nach Dubai, Abu Dhabi oder Muskat.
Trotz Gipfeli aus 1001 Nacht, einer mietfreien Villa, einem Captainsitz auf dem A330/340, gutem Lohn, Steuerfreiheit, gratis Krankenkasse und Aussicht auf das stahlblaue Meer, schlage ich die Offerte einer Fluggesellschaft vom Golf aus und bleibe der Schweiz treu. Ich habe die Hoffnung noch nicht aufgegeben, dass in ferner Zukunft das Brot in der Schweiz wieder mit Hefe statt mit irgendeinem chemischen Treibmittel gebacken wird und die Gipfeli schmecken wie am Frühstücksbuffet in Muscat.

Montag, August 01, 2005

Ansprache zum Nationalfeiertag

„Sehr geehrte Circlemember, geschätzte Erstklasspassagierinnen und Erstklasspassagiere, liebe Travelclubmitglieder, verehrte Businessklassgäste, werte Qualiflyermitglieder, Passagiere in der Holzklasse, Kolleginnen und Kollegen - es ist mir eine besondere Ehre, sie alle heute am 1. August auf diesem Flug zwischen Tokyo und Zürich begrüssen zu dürfen. Wir alle haben das Privileg, den Nationalfeiertag der Eidgenossenschaft wegen der Zeitverschiebung sieben Stunden länger geniessen zu können. Ich möchte daher die Gelegenheit am Schopf packen und die sonst so langweilige Ansage aus dem Cockpit für einmal etwas anders gestalten.
Passagiere, die jetzt versuchen statt meines Geschwätzes einen Musikkanal aufzuschalten, muss ich leider enttäuschen. Die Mitteilungen aus der Führerkabine haben absolute Priorität und können nicht ausgeblendet werden. Dafür beneiden mich Pfarrer als auch Politiker. Pfarrer, weil sie kaum 220 Seelen zusammen bringen und Politiker, weil mir die Zuhörer nicht davonlaufen können.

Ich habe mir lange überlegt, was ich zum Thema meiner ersten 1. August Ansprache wählen soll. ‚Politische Öffnung’ ist heute an den verschiedenen Höhenfeuern, verteilt über die ganze Schweiz, sicherlich ein grosses Thema. Aus Rücksicht auf einige konservative Passagiere, möchte ich auf dieses Thema nicht weiter eingehen. Sie werden heute Abend in den Gemeinden noch genügend Zeit haben, sich mit politischen Gegnern zu messen und zünftig zu raufen.
Bei der Themensuche für meine heutige Ansprache, habe ich zeitgemäss auf dem Internet recherchiert. Wer zum Beispiel ‚1. August’ im online Lexikon ‚Wikipedia’ eingibt, bekommt einen ganzen Berg von Informationen.

Apropos Berg, vor genau 150 Jahren bestieg eine Gruppe Engländer unseren höchsten Gipfel, die Dufourspitze im Wallis. Im Eintrag steht da: ‚Die Erstbesteigung unter der Leitung von Charles Hudson fand am 1. August 1855 statt. Zwei Bergführer aus dem Wallis bahnten den Engländern den Weg.’ Mit anderen Worten machten zwei Einheimische, an einem Eidgenössischen Feiertag wohlverstanden, die Arbeit und andere strichen den Lohn ein. Da soll mal einer sagen, dass Bergsteigen keine politische Dimension hat!
Einige Zeilen weiter unten dann ein Eintrag, der unsere weiblichen Passagiere in der Businessklasse freuen dürfte. Haben sie gewusst, dass der Vorgänger ihres drei Tonnen schweren Freizeitgefährtes, der Jeep, heute Geburtstag hat? Er wurde am 1. August 1941 zum ersten Mal produziert.

Ich komme etwas von Thema ab. Unser Land, unsere Heimat, unsere Eidgenossenschaft hat heute etwas zu feiern und das gehört gewürdigt! Sind wir denn die Einzigen? Die Antwort heisst klar und deutlich NEIN. Neben dem kleinen Land Schweiz hat auch die kleine Republik Benin Geburtstag. Die ehemalige französische Kolonie Dahomey wurde 1960 von den Franzosen in die Unabhängigkeit entlassen. Bei der Vorstellung der Landes auf der besagten Internetseite, springt als erstes der Wahlspruch des zwischen Nigeria und Togo liegenden Landes in Westafrika ins Auge: ‚Fraternité, Justice, Travail’. Fast unglaublich diese Verwandtschaft zu Helvetien!
Benin hat noch mehr Gemeinsamkeiten mit der Schweiz. Beide haben etwas mehr als 7 Millionen Einwohner, beide sind in der gleichen Zeitzone, beide haben eine wunderschöne und abwechslungsreiche Natur und beide wurden von den Franzosen in früheren Jahrhunderten erobert. In Benin fiel die ‚Grande Nation’ gegen Ende des 19. Jahrhunderts ein und bei uns so um 1798. Aus der alten Eidgenossenschaft wurde damals die Helvetische Republik, etwa 5 Jahre später verordnete Napoleon in der Mediationsakte eine neue Verfassung und gab der Schweiz weitgehend ihre Autonomie zurück. Wir feiern also heute quasi etwas, dass es seit über 200 Jahren nicht mehr gibt.

Bevor wir zum Höhepunkt meiner Ansprache kommen, möchte ich noch darauf hinweisen, dass trotz des heutigen Nationalfeiertages das Abbrennen von Feuerwerk an Bord des Flugzeuges strengstens untersagt ist. Liebe Kinder, habt noch etwas Geduld. Nach der Landung in Zürich könnt ihr eure Frauenfürze knallen lassen. Der Flug dauert nur noch etwa 11 Stunden.

Und jetzt zum angekündigten Höhepunkt. Wir werden unter Leitung von unserer musikalisch begabten Erstklass-Hostess den Schweizerpsalm durchstrophen. Schweizer Passagiere finden den Text auf Seite 89 des Bordmagazines und für unsere japanischen Gäste hat es auf Kanal 39 des Unterhaltungssystemes eine spezielle Karaoke Animation. Da wir leider zurzeit eine Zone mit etwas unruhiger Luft durchfliegen, bitte ich sie während der Landeshymne nicht aufzustehen. Jetzt bleibt mir nur noch ihnen, sehr geehrte Circlemember, geschätzte Erstklasspassagierinnen und Erstklasspassagiere, liebe Travelclubmitglieder, verehrte Businessclassgäste, werte Qualiflyermitglieder, Passagiere in der Holzklasse, Kolleginnen und Kollegen, einen schönen Nationalfeiertag zu wünschen.“

„Trittst im Morgenrot daher, seh'ich dich im Strahlenmeer, dich, du Hocherhabener, Herrlicher! …………………………….“