Sonntag, Juli 10, 2005

ein Sonntag in Kalifornien

Sonntagmorgen, 0400 Uhr lokale Zeit, ich bin wach und freue mich über den langen Schlaf. Wer bis vier Uhr am Morgen in Kalifornien durchschlafen kann, gilt unter den Besatzungen als Glückspilz. Ich geniesse den Triumph über die Zeitverschiebung und zelebriere die Langsamkeit. Jede Minute, die zu so früher Morgenstunde verstreicht, ist ein Augenblick weniger, bis Kalifornien erwacht und das Land entdeckt werden kann.
Also langsam einen Filterkaffee brauen, langsam den Computer aufstarten, langsam den aktuellen Stand der Tour de France abchecken, langsam duschen und langsam den Tag planen. Wo solle ich nur mit meinem midsize SUV, gemietet für 39,99$ (all incl.), heute hinkutschern? Die Karte liegt vor mir und ich versuche krampfhaft ein lohnendes Ziel auszumachen.
Schon lange habe ich einen Besuch im Paul Getty Museum geplant. Da müsste ich mit meinem benzinsaufenden Buick von Long Beach aus den 405 Richtung Beverly Hills fahren und beim Sunset Blvd den Highway verlassen. Sind etwas mehr als 50 Meilen auf der siebenspurigen Schnellstrasse. Doch es ist Wochenende und die Einwohner aus dem Hinterland wollen an den Strand. Das bedeutet Stau bei der Kreuzung des 710-er, des 110-er und des 105-er. Bekannte Namen wie Venice Beach, Manhattan Beach, Redondo Beach und Santa Monica ziehen die Sonnenhungrigen an wie der Speck die Fliegen. Mir stinkt es siebenspurig im Stau zu stehen und die vielen Aufkleber mit dem Aufdruck ‚we support our troops’ auf den zahlreichen Geländewagen anzuschauen.
Auch der Norden ist an einem Sonntag nicht unbedingt zu empfehlen. Im Hinterland befinden sich die zahlreichen Mega-Shoppingcenter, die mit zahlreichen Aktionen und Geschenken zum Einkaufsabenteuer laden. Wer nicht an den Strand kann oder will, geht am Sonntag mit Kind und Kegel einkaufen. Strandbesucher und Einkaufssüchtige treffen sich an den Kreuzungen Santa Monica Freeway und Harbor Freeway, sowie an der Ecke 55-igste und 5-te. Auch das führt regelmässig zu Rückstaus, die an den Osterverkehr am Gotthard erinnern.
Auch dazu habe ich nicht wirklich Lust und bleibe lieber in der Umgebung. Zur 2nd Avenue in Belmont ist es nur ein Katzensprung und ich freue mich dort auf den Kaffee und den freien Internetzugang bei Polly’s.
Da lese ich die Zeit, verfolge die Tour auf der Homepage von ard.de, quatsche etwas mit meinem Nachbarn über Politik und geniesse das laue Lüftchen, das von Pazifik herüber weht. Meine Herkunft kann ich in dieser Kaffeerösterei nicht verbergen. Erstens habe ich einen Akzent wie der Gouverneur des Staates Kalifornien und zweitens lese ich Zeitungen in einer europäischen Sprache. Man will wissen woher ich komme und was ich hier in diesem einsamen Coffeeshop so mache. Die Zeit verstreicht und inzwischen ist es schon nach 10 Uhr. Ich setze mich wieder in meinen durstigen SUV und tuckere zurück zum Hotel Hyatt. Nicht weit von meinem Nachtlager entfernt, befindet sich der Kinokomplex von Long Beach. Ab 11 Uhr laufen die neusten Hits ununterbrochen in 14 Kinosälen. Freizeit habe ich genug und entscheide mich, zwei Filme anzuschauen. Dabei schütte ich literweise Diet-Coke in mich hinein und geniesse die Kühle der Klimaanlage.
Nach dem Filmabenteuer schnell etwas Kleines essen, die 59 Kanäle des Fernsehprogramms durchzappen und am Abend zusammen mit dem Kapitän im nahen Huntington Beach bei lauter Musik ein amerikanisches Standardmenue geniessen.
Ein Sonntag in Kalifornien vergeht und ich habe mich wie ein richtiger Amerikaner verhalten. Langeweile kommt nie richtig auf, spannend und herausfordernd ist es aber auch nicht wirklich.
Schade um den schönen Sonntag!

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