Dienstag, Juli 19, 2005

das halbjährliche Ritual

In Brasilien ist Winter und Brasilien friert. Draussen auf der Geschäftsstrasse Paulista haben sich die Geschäftsleute die Jacken bis zum Hals zugeknüpft und drinnen im Café Bella Paulista laufen die heissen Getränke wesentlich besser als der Caipirinia.
Mir ist das eher kühle Wetter gerade recht. Nach der Schwitzerei in der Schweiz geniesse ich es, wieder einmal einen langen Pullover und eine dicke Jacke anzuziehen.
Zum Herumlungern in der Stadt hätte ich heute sowieso keine Zeit gefunden. Mein halbjährlicher Simulatorcheck steht an und die Materie will gelernt werden. Vor mir lagen also bis vor einer Stunde zwei dicke Schinken, beide gegen 10 cm dick auf den Hoteltisch und beschäftigten mich intensiv. Obwohl der Airbus, wie böse Zungen immer wieder behaupten sogar von Affen geflogen werden kann, braucht es auch bei diesem Flugzeug Bedienungsanleitungen. Geschlagene sechs Stunden quälte ich mich durch die verschiedenen technischen Kapitel und frischte mein Wissen in den verlangten Bereichen auf. Nicht dass ich mich beklage, aber in Brasilien gäbe es spannenderes zu machen……
Als die Konzentration abnahm, wagte ich mich an den handwerklichen Teil meiner mitgebrachten Pendenzen. Im firmeneigenen Postfach fanden sich wieder einmal zwei Pins für die Uniform. Auch das ist in der Zwischenzeit ein halbjährliches Ritual geworden.
Neues Management, neuer Korperationsvertrag, neuer Namen, neue Strategie, neue Sparrunde und immer gibt es den passenden Pin dazu, der dann wie im Begleitschreiben vermerkt ‚uniformgerecht am Jackett angebracht werden soll’.
Hätte ich alle Instruktionen kritiklos befolgt, sähe ich heute aus wie ein mit Orden behängter russischer Veteran an der 1. Mai Militärparade auf dem roten Platz in Moskau. Zu Beginn meiner Fliegerkarriere gab es einen schlichten Swissair-Pin. Bald darauf fand ich im Postfach den Qualiflier-Pin gefolgt vom TQL-Abzeichen (total quality leadership – ein internes Programm das die interne Qualität verbessern sollte).
Zum Glück feierte zwischendurch unsere Gewerkschaft einen runden Geburtstag und wir erhielten einen weiteren Anstecker, den wir gefälligst mit Stolz zu tragen hätten. Unsere Kolleginnen von der Kabine wollten uns in keiner Weise nachstehen und kreierten kurzerhand einen Metallschriftzug mit der Aufschrift Kapers. Sabena kam dazu, LTU folgte, LOT und die französische Airline wurden übernommen und Austrian Airlines verärgert. In Südafrika kaufte Bruggisser die ganze Bodenabfertigung und unsere Gewerkschaften zelebrierten weitere Jubiläen. Und wer es glaubt oder nicht, zu fast jedem Anlass gab es einen neuen Pin.
Das Grounding der Swissair brachte dann eine Beruhigung an der Anstecker-Front. Das Geld fehlte sowohl für das Metall als auch für das Papier um die Montageanleitung mit passender Vermassung zu drucken.
Doch gerade in dieser Zeit hätten wir Angestellten Anerkennung gebraucht. Für die seelischen Verletzungen und die Diffamierungen von Mosers Sepp stünde uns das purple Heart für unsere im Wirtschaftskrieg erlittenen Wunden zu. Weiter wäre es gerechtfertigt gewesen, uns Angestellten für die verspekulierten Pensionskassenvermögen einen 18-karätigen Pin mit der Zahl 92, dem nach den gewagten Finanztransaktionen noch vorhandenen Deckungsgrad, an die Brust zu heften.
Die Anerkennungen blieben aus, die Wunden verheilten und das Sparziel meines Pensionskassenvermögens stagniert wegen der Affäre zwischen einem Hedge Fond und meinem Vermögensverwalter für immer auf einem tieferen Niveau.
Viel Zeit ist vergangen und ich bin in einer neuen Firma, die ganz dem Trend entsprechend, in einer ununterbrochenen Sparübung steckt. In Krisenzeiten erinnert man sich gerne alten Tugenden und so werden auch in der neuen Unternehmung wieder fleissig Pins verteilt. Die neuste Kreation besteht aus einem farbigen Blech mit den Flaggen von Lufthansa und Swiss. Es versteht sich von selbst, dass dieser nicht neben dem knapp jährigen oneworld Pin angesteckt werden soll.
Im Postfach fand sich neben der deutsch-schweizerischen Anstecknadel auch ein goldener Wing, der den Träger als Helden der Lüfte kennzeichnet. Das Flügelsymbol muss genau 25mm über dem Namensschild angenagelt werden und soll selbstverständlich auch mit Haltung getragen werden.
Würde ich jetzt noch das Sportabzeichen der Aushebung, die Kameradenhilfeplakette und das Scharfschützenabzeichen anheften, dann hätte ich auf meiner Uniformjacke gar keinen Platz mehr für den sicherlich im Herbst erscheinenden Star Alliance Pin.

1 Kommentar:

  1. Dem einen Leid, dem anderen Freud`. Dem einen sind die Pins zu viel, der Andere würde alle zehn Finger genau nach jenen ablecken.
    Vorschlag: Ebay freut sich - und ich werde lauern :-)

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