Montag, Juni 06, 2005

Weltveränderer

Als wir neulich mit Freunden am Tisch sassen und begannen statt über den Wein über die Welt zu philosophieren, kam die Frage auf, was das Leben auf dem Planeten in der Zukunft nachhaltig verändern könnte. Was hätte eine Verdoppelung oder gar eine Verdreifachung des Ölpreises zur Folge? Was, wenn der unsympathische Kerl mit dem Namen H5N1 sein Betätigungsfeld erweitert und statt in Vietnam Hühner und Vögel zu infizieren auf den Menschen überspringt und in grösserem Stil unter der Bezeichnung Vogelgrippe die Einwohner unseres Planeten unter die Erde bringt? Was, wenn Roger Federer endlich Roland Garros gewinnt?
Alles hypothetische Fragen, die ich mir jetzt wieder durch den Kopf gehen lasse. Ich sitze einmal mehr fern ab der Schweiz vor meinem kleinen Computer und versuche die Langeweile mit zugegebenermassen nicht sehr hoch stehenden philosophischen Gedanken zu vertreiben. Zuerst eine kleine Standortbeschreibung. Meine Zelte habe ich dieses Wochenende in Tokyo aufgeschlagen. Es gewittert wie in der Schweiz und die Einheimischen auf der Pazifikinsel machen am Sonntag das Gleiche wie die Bewohner zuhause in der Alpenrepublik. Man schaut Formel 1, sofern ein Rennen stattfindet, oder man geht Shoppen, sofern Sonntagsverkauf ist. Zürich kennt den Sonntagsverkauf an wenigen Wochenenden, Japan an genau 52.
Zu kaufen gibt es für mich in Japan wenig. Die längsten Hosen gehen mir bis zu den Knien und selbst die XXL T-Shirts spannen an allen Ecken und Enden. Für farbige Tischtücher habe ich keine Verwendung und der nächste Schuhladen, der Grösse 48 im Sortiment führt, liegt 9 Flugstunden in östlicher Richtung.
Und trotzdem lohnt sich die Fahrt mit dem Bus 150 ins Shopping-Center AEON immer wieder. Erstens ist es während den sinnflutartigen Regenfällen trocken und zweitens hat es ein Starbucks Café. Jetzt sind wir wieder bei den Dingen, die die Welt nachhaltig verändern.
Für den gemeinen Reisenden wie mich, ist die Kaffeekette zum Ort der Stille und des Genusses geworden. Seit die freundlichen Angestellten die Welt mit ihren grünen Schürzen eroberten, finden Gestrandete wie ich in fast jeder Stadt der Welt einen Ort um in sich zu gehen. Es herrscht eine friedliche Stille in diesen Lokalitäten. Egal in welchem Kontinent man sich befindet, sitzen Leute in den bequemen Sesseln, trinken Kaffee in verschiedenen Variationen, lesen Trivial- oder Fachliteratur und diskutieren angeregt.
Es ist fast wie in einer Kirche - ein ‚Frappuccino-Tempel’ sozusagen.

Bei der weltverändernden Diskussion kamen wir nach ein paar Stunden zur Erkenntnis, dass unsere Gesellschaft dringend wieder eine Revolution braucht. Exponenten, die unsere Gewohnheiten radikal hinterfragen und der Bevölkerung aus der unerträglichen Lethargie verhelfen.
Dafür braucht es eine Leitfigur, einen Bezugsort, einen Slogan und vor allem Musik. Weder Slogan noch die Leitfigur kommen mir so auf die Schnelle in den Sinn. Als Bezugsort würde sich das Starbucks zweifelsohne eignen. Das wäre dann keine lokale Revolution wie ‚Züri brännt’ im AJZ, sondern eine globale!
Musik gibt es im Frappuccino-Tempel auch, doch diese ist so durchschnittlich, dass sie selbst bei maximalem Volumen kaum wahrgenommen wird. Welche Musik ist für eine globale Aufruhr geeignet? Bob Dylan, die Stones und Eric Clapton singen zwar immer noch, haben aber schon im Sommer 68 für eine Revolution ihren Kopf hinhalten müssen. Klassische Musik eignet sich auch nicht, denn die Alt-68er, die sich bei den Jugendunruhen in den 80-er Jahren noch vor das Opernhaus gestellt haben, besitzen heute Jahresabonnemente von der gleichen Institution. Die Revolutionsrechte an der volkstümlichen Musik haben sich die Veranstalter der ‚Buurezmorge’ gesichert und Jazz ist und bleibt eine zu abgehobene Stilrichtung.
Der einzige Song, der alle Schichten in allen Kontinenten gleich begeistert und aufwühlt, ist der Nokia-Standart-Klingelton. Mit dieser Erkenntnis ist die kleine Revolutionsflamme in mir erloschen. Statt die Welt zu verändern, warte ich zusammen mit allen anderen auf einen neuen Guru mit besseren Ideen als die meinen.
Nächste Woche bin ich noch einmal in Tokyo, vielleicht kommt mir dann der zündende Gedanke. Ich verlasse jetzt den Frappuccino-Tempel und wechsle in eine andere Religionsstätte unserer Zeit. Im Fitnesszentrum des Hilton Narita wartet ein Laufband auf mich.

1 Kommentar:

  1. Heute deine Website gefunden und von hinten angefangen zu lesen bis hier gekommen und gleich zum kommentieren verpflichtet gefühlt :)

    Du schreibst wirklich sehr schön...habe beim lesen lange nicht mehr so viel gelacht.

    Eine Revolution hat unsere Gesellschaft tatsächlich nötig und ist zur Zeit ja bereits voll im Gange - einen neuen Guru sollten wir uns dennoch nicht suchen der Weg zu wahrer Freiheit führt über Eigenverantwortung. Freiheit hatten wir bisher tatsächlich nur in dem Masse wie sie unsere Produktivität steigert bestes Beispiel Berufsfreiheit...es wird jedoch schnell wieder klar wer der Lehnsheer ist wenn es an die Zahlung des Schutzgeldes aka der Steuer geht.

    Leider ist ja mittlerweile auch die Schweiz an den globalen Finanzfaschismus verkauft worden 2000 die Aufgabe des Goldstandards nun 2011 die Bindung des Franken an den Euro....bald wird sich alles zum positiven ändern vor der Dämmerung ist es immer am dunkelsten!

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