Montag, Juni 13, 2005

moralische Grenzen

Als Copilot bin ich ein Vielleser. Zeitungen aller Couleur und Illustrierten werden im Cockpit während den langen und einsamen Stunden richtiggehend verschlungen. In der Regel beginnt der Lektürenmarathon mit dem Blick, gefolgt von der NZZ und dem Tagi. Nach dem Essen kommen dann das Facts, die Weltwoche und der Stern an die Reihe. Bei viel Gegenwind oder nicht sehr gesprächigen Kapitänen reicht es dann und wann auch noch für den Spiegel. Soweit unterscheidet sich der Pilotenberuf vom Parlamentarier wenig, beide sitzen viel und lesen dabei Zeitung. Der Unterschied liegt vielleicht darin, dass wir Piloten Gewitter umfliegen und die Parlamentarier Unwetter produzieren. Doch das ist ein anderes Thema.

An grossen Themen fehlte es diese Woche wahrlich nicht. Die europäischen Probleme füllten die Blätter im ganzen deutschsprachigen Raum. Deutschland will gemäss Spiegel neben Schröder auch noch den Euro abschaffen und Frau Merkel scheint endlich eine eurotaugliche Frisur gefunden zu haben die in allen Redaktionsstuben ankommt. Die europäische Verfassung hat niemand gelesen oder gar studiert, aber alle wollen sie ablehnen.
In der beschaulichen Schweiz versucht man derweil Schengen/Dublin zu verdauen und poliert bereits die Hellebarden für die nächste Schlacht im September.

Man könnte fast schwermütig werden bei all diesen politischen Themen. Zum Glück werden die Publikationen nicht nur wegen den ernsten Stories gekauft, sondern auch wegen den vielen Geschichten die das Leben halt so schreibt. Man erfährt zum Beispiel im Blick, dass ein Traumjob nicht automatisch einen Traumchef beinhaltet und der Stern versucht schon zum x-ten Mal das Geheimnis von der ewigen Liebe zu lüften. Etwas voyeuristisch geniesse ich natürlich auch die zahlreich gezeigte nackte Haut in der Weltwoche, dem Spiegel, dem Tagi, dem Facts, dem Blick, der Zeit, dem Stern, der Annabelle, und und und ……

‚Sex sells’, das gilt auch hier in Japan. Beim durchstreifen der lebhaften Strassen in dieser Grossstadt sieht man allerlei Kurioses. Von allen Plakatwänden winken einem leichtbekleidete Mädchen mit abenteuerlichen Frisuren entgegen und in der Kochshow am Fernseher lächelt nicht Alfred Biolek hinter der Bratpfanne hervor, sondern ein vermutlich noch minderjähriges Mädchen mit einem knappen Jupe bekleidet. Der Hauptzweck der Sendung scheint nicht darin zu liegen ein neues leckeres Menü kennen zu lernen, sondern den Zuschauern so oft als möglich einen Blick unter den kurzen Rock der Jungköchin zu gewähren.
Wo sogar ich den Kopf schüttle und moralische Bedenken habe, kugeln sich andere vor Lachen. ‚Andere Länder, andere Sitten’ lasse ich nicht unbedingt als Entschuldigung gelten. Übertriebene Freizügigkeit kann zu enormen Problemen führen. In Japan mussten wegen der vielen Grabscher in den Zügen sogar Frauenwagen eingeführt werden.

Bei uns in der Schweiz ist alles viel besser! Im September können wir Stimmbürgerinnen und Stimmbürger zum Sittenverfall endlich Stellung nehmen! Kampf den Miss Sixty Jeans! Weg mit den bauchfreien T-Shirts! Schützt unsere jungen Frauen vor zukünftigen Nierenproblemen! Flipflops gehören in die Badi und nicht ins Büro! Es lebe Schlips und Anzug bei 30 Grad am Schatten! Darum geht es glaube ich bei der Personenfreizügigkeit, darum würde ich heute mit meinem Wissensstand die Urner, Schwyzer, Appenzöller und Obwaldner unterstützen und ein Nein in die Urne werfen. Jawohl, Punkt, Basta!

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen