Mittwoch, Juni 22, 2005

Regen in Hong-Kong

Es regnet in Hongkong. Die tiefschwarzen Wolken entlassen das kühlende Nass in einer Intensität, wie sie es nur in diesem Teil des Erdballes machen. Die Temperaturen bewegen sich trotz sinnflutartigem Regens immer noch jenseits der 30° Marke, Kleider kleben am Körper und es spielt eigentlich keine Rolle, ob die Ursachen der feuchten Bekleidung beim Regen oder beim Schweiss zu suchen sind.
Wer Hongkong kennt weiss, dass ein Spaziergang durch die engen, mit tausenden von Leuten gefüllten Gassen schon bei idealen Verhältnissen ein Überlebenskampf darstellt. Ungemein schwieriger präsentiert sich die Stadt bei Regen und Sturm. Die kleingewachsenen Chinesen halten sich an ihren bunten Regenschirmen fest und laufen fast panikartig dem kühlenden Nass davon. Es entsteht ein buntes und undurchdringliches Chaos von schutzsuchenden Individuen unter ihren farbenfrohen Dächern.
Mir bietet sich mit meinen 1.96m ein bizarres Schauspiel. Ich bin rund 40 cm grösser als der durchschnittliche Einheimische und falle sichtlich aus der Norm. Ein Riese in der Welt der Zwerge hat es immer etwas schwieriger. Wenn Dreikäsehochs Reklametafeln aufhängen, befindet sich die Unterkante der beleuchteten Werbebotschaft auf ungefähr einem Meter neunzig, also etwa auf meiner Nasenhöhe. Laufen Dreikäsehochs mit einem Regenschirm durch die Gegend, dann befinden sich die Schirmspitzen auf meiner Kinnhöhe. Die Werbebotschaften sind nicht in Gefahr, meine Fassade jedoch schon.
Ich bin also in Fernostasien andauern gezwungen, mit leicht geneigtem Gang durch die Gegend zu watscheln und wie ein Panzerfahrer durch einen kleinen Schlitz zwischen Schirmen und Reklametafeln den Weg zu suchen. Die ganze Übung hat den Vorteil, dass meine Rückenmuskulatur und die Oberschenkel dabei gestärkt werden. Dass Regen schön macht, hat also aus dieser Sicht durchaus seine Berechtigung.
Natürlich muss ich mir bei dieser Dauergymnastik ab und zu eine Pause gönnen. Die feuchtheissen Temperaturen und das Workout fordern ihren Tribut. Wer mich kennt vermutet richtig, dass ich diese Erholung am liebsten bei einem guten Kaffee im Starbucks suche. Beim verlassen der Biosauna ‚Hongkong’ und dem Eintreten in den Frigo ‚Starbucks’ fühlt man sich wie beim Kneipp-Bad in Leukerbad.
Damit der heisse Kaffee mit dem wunderbaren Milchschaum auch bei tropischen Temperaturen schmeckt, haben die Shopmanager den Laden auf 16° heruntergekühlt. Mit nassem T-Shirt bekleidet, bereiten die tiefen Temperaturen nicht lange Freude. Hühnerhaut bildet sich auf der ganzen Haut und der Organismus versucht die Körperoberfläche auf überlebensnotwendigen Werten zu halten. Die Fettverbrennung setzt ein und die Kalorien, die in Form von ‚grande Latte’ eingeflösst werden, reichen nicht aus um den Energieverbrauch zu decken. Die Ernährungswissenschaftler sprechen von Minuskalorien, mit anderen Worten man verliert Gewicht.
Ein angenehmes Gefühl, das man solange wie möglich aufrechterhalten will. Nach spätestens zwei grossen Milchkaffees ist aber Schluss. Zu der Hühnerhaut hat sich ein sichtbares Zittern dazugesellt und es drohen gesundheitliche Dauerschäden. Fluchtartig wird das Etablissement verlassen und das Weite gesucht. Draussen auf der Strasse dann das grosse Glücksgefühl. Im T-Shirt bekleidet und mit leicht bläulicher Haut stehe ich mitten auf der Strasse im Dauerregen und geniesse, wie der warme Regen auf meine unterkühlte Haut prasselt. Regen macht nicht nur schön, sondern auch glücklich!

Montag, Juni 13, 2005

moralische Grenzen

Als Copilot bin ich ein Vielleser. Zeitungen aller Couleur und Illustrierten werden im Cockpit während den langen und einsamen Stunden richtiggehend verschlungen. In der Regel beginnt der Lektürenmarathon mit dem Blick, gefolgt von der NZZ und dem Tagi. Nach dem Essen kommen dann das Facts, die Weltwoche und der Stern an die Reihe. Bei viel Gegenwind oder nicht sehr gesprächigen Kapitänen reicht es dann und wann auch noch für den Spiegel. Soweit unterscheidet sich der Pilotenberuf vom Parlamentarier wenig, beide sitzen viel und lesen dabei Zeitung. Der Unterschied liegt vielleicht darin, dass wir Piloten Gewitter umfliegen und die Parlamentarier Unwetter produzieren. Doch das ist ein anderes Thema.

An grossen Themen fehlte es diese Woche wahrlich nicht. Die europäischen Probleme füllten die Blätter im ganzen deutschsprachigen Raum. Deutschland will gemäss Spiegel neben Schröder auch noch den Euro abschaffen und Frau Merkel scheint endlich eine eurotaugliche Frisur gefunden zu haben die in allen Redaktionsstuben ankommt. Die europäische Verfassung hat niemand gelesen oder gar studiert, aber alle wollen sie ablehnen.
In der beschaulichen Schweiz versucht man derweil Schengen/Dublin zu verdauen und poliert bereits die Hellebarden für die nächste Schlacht im September.

Man könnte fast schwermütig werden bei all diesen politischen Themen. Zum Glück werden die Publikationen nicht nur wegen den ernsten Stories gekauft, sondern auch wegen den vielen Geschichten die das Leben halt so schreibt. Man erfährt zum Beispiel im Blick, dass ein Traumjob nicht automatisch einen Traumchef beinhaltet und der Stern versucht schon zum x-ten Mal das Geheimnis von der ewigen Liebe zu lüften. Etwas voyeuristisch geniesse ich natürlich auch die zahlreich gezeigte nackte Haut in der Weltwoche, dem Spiegel, dem Tagi, dem Facts, dem Blick, der Zeit, dem Stern, der Annabelle, und und und ……

‚Sex sells’, das gilt auch hier in Japan. Beim durchstreifen der lebhaften Strassen in dieser Grossstadt sieht man allerlei Kurioses. Von allen Plakatwänden winken einem leichtbekleidete Mädchen mit abenteuerlichen Frisuren entgegen und in der Kochshow am Fernseher lächelt nicht Alfred Biolek hinter der Bratpfanne hervor, sondern ein vermutlich noch minderjähriges Mädchen mit einem knappen Jupe bekleidet. Der Hauptzweck der Sendung scheint nicht darin zu liegen ein neues leckeres Menü kennen zu lernen, sondern den Zuschauern so oft als möglich einen Blick unter den kurzen Rock der Jungköchin zu gewähren.
Wo sogar ich den Kopf schüttle und moralische Bedenken habe, kugeln sich andere vor Lachen. ‚Andere Länder, andere Sitten’ lasse ich nicht unbedingt als Entschuldigung gelten. Übertriebene Freizügigkeit kann zu enormen Problemen führen. In Japan mussten wegen der vielen Grabscher in den Zügen sogar Frauenwagen eingeführt werden.

Bei uns in der Schweiz ist alles viel besser! Im September können wir Stimmbürgerinnen und Stimmbürger zum Sittenverfall endlich Stellung nehmen! Kampf den Miss Sixty Jeans! Weg mit den bauchfreien T-Shirts! Schützt unsere jungen Frauen vor zukünftigen Nierenproblemen! Flipflops gehören in die Badi und nicht ins Büro! Es lebe Schlips und Anzug bei 30 Grad am Schatten! Darum geht es glaube ich bei der Personenfreizügigkeit, darum würde ich heute mit meinem Wissensstand die Urner, Schwyzer, Appenzöller und Obwaldner unterstützen und ein Nein in die Urne werfen. Jawohl, Punkt, Basta!

Montag, Juni 06, 2005

Weltveränderer

Als wir neulich mit Freunden am Tisch sassen und begannen statt über den Wein über die Welt zu philosophieren, kam die Frage auf, was das Leben auf dem Planeten in der Zukunft nachhaltig verändern könnte. Was hätte eine Verdoppelung oder gar eine Verdreifachung des Ölpreises zur Folge? Was, wenn der unsympathische Kerl mit dem Namen H5N1 sein Betätigungsfeld erweitert und statt in Vietnam Hühner und Vögel zu infizieren auf den Menschen überspringt und in grösserem Stil unter der Bezeichnung Vogelgrippe die Einwohner unseres Planeten unter die Erde bringt? Was, wenn Roger Federer endlich Roland Garros gewinnt?
Alles hypothetische Fragen, die ich mir jetzt wieder durch den Kopf gehen lasse. Ich sitze einmal mehr fern ab der Schweiz vor meinem kleinen Computer und versuche die Langeweile mit zugegebenermassen nicht sehr hoch stehenden philosophischen Gedanken zu vertreiben. Zuerst eine kleine Standortbeschreibung. Meine Zelte habe ich dieses Wochenende in Tokyo aufgeschlagen. Es gewittert wie in der Schweiz und die Einheimischen auf der Pazifikinsel machen am Sonntag das Gleiche wie die Bewohner zuhause in der Alpenrepublik. Man schaut Formel 1, sofern ein Rennen stattfindet, oder man geht Shoppen, sofern Sonntagsverkauf ist. Zürich kennt den Sonntagsverkauf an wenigen Wochenenden, Japan an genau 52.
Zu kaufen gibt es für mich in Japan wenig. Die längsten Hosen gehen mir bis zu den Knien und selbst die XXL T-Shirts spannen an allen Ecken und Enden. Für farbige Tischtücher habe ich keine Verwendung und der nächste Schuhladen, der Grösse 48 im Sortiment führt, liegt 9 Flugstunden in östlicher Richtung.
Und trotzdem lohnt sich die Fahrt mit dem Bus 150 ins Shopping-Center AEON immer wieder. Erstens ist es während den sinnflutartigen Regenfällen trocken und zweitens hat es ein Starbucks Café. Jetzt sind wir wieder bei den Dingen, die die Welt nachhaltig verändern.
Für den gemeinen Reisenden wie mich, ist die Kaffeekette zum Ort der Stille und des Genusses geworden. Seit die freundlichen Angestellten die Welt mit ihren grünen Schürzen eroberten, finden Gestrandete wie ich in fast jeder Stadt der Welt einen Ort um in sich zu gehen. Es herrscht eine friedliche Stille in diesen Lokalitäten. Egal in welchem Kontinent man sich befindet, sitzen Leute in den bequemen Sesseln, trinken Kaffee in verschiedenen Variationen, lesen Trivial- oder Fachliteratur und diskutieren angeregt.
Es ist fast wie in einer Kirche - ein ‚Frappuccino-Tempel’ sozusagen.

Bei der weltverändernden Diskussion kamen wir nach ein paar Stunden zur Erkenntnis, dass unsere Gesellschaft dringend wieder eine Revolution braucht. Exponenten, die unsere Gewohnheiten radikal hinterfragen und der Bevölkerung aus der unerträglichen Lethargie verhelfen.
Dafür braucht es eine Leitfigur, einen Bezugsort, einen Slogan und vor allem Musik. Weder Slogan noch die Leitfigur kommen mir so auf die Schnelle in den Sinn. Als Bezugsort würde sich das Starbucks zweifelsohne eignen. Das wäre dann keine lokale Revolution wie ‚Züri brännt’ im AJZ, sondern eine globale!
Musik gibt es im Frappuccino-Tempel auch, doch diese ist so durchschnittlich, dass sie selbst bei maximalem Volumen kaum wahrgenommen wird. Welche Musik ist für eine globale Aufruhr geeignet? Bob Dylan, die Stones und Eric Clapton singen zwar immer noch, haben aber schon im Sommer 68 für eine Revolution ihren Kopf hinhalten müssen. Klassische Musik eignet sich auch nicht, denn die Alt-68er, die sich bei den Jugendunruhen in den 80-er Jahren noch vor das Opernhaus gestellt haben, besitzen heute Jahresabonnemente von der gleichen Institution. Die Revolutionsrechte an der volkstümlichen Musik haben sich die Veranstalter der ‚Buurezmorge’ gesichert und Jazz ist und bleibt eine zu abgehobene Stilrichtung.
Der einzige Song, der alle Schichten in allen Kontinenten gleich begeistert und aufwühlt, ist der Nokia-Standart-Klingelton. Mit dieser Erkenntnis ist die kleine Revolutionsflamme in mir erloschen. Statt die Welt zu verändern, warte ich zusammen mit allen anderen auf einen neuen Guru mit besseren Ideen als die meinen.
Nächste Woche bin ich noch einmal in Tokyo, vielleicht kommt mir dann der zündende Gedanke. Ich verlasse jetzt den Frappuccino-Tempel und wechsle in eine andere Religionsstätte unserer Zeit. Im Fitnesszentrum des Hilton Narita wartet ein Laufband auf mich.