Sonntag, April 10, 2005

permanenter Versuch gescheiter zu werden

Ich bin es mir langsam gewöhnt, dass wichtige Entscheidungen ohne mich gefällt werden. Als der HCD Schweizermeister wurde, lag ich eingeklemmt zwischen Sicherheitsgurten, Bordküche und Verkabelung des Cockpits und träumte von einem ruhigen, weichen Bett. Heute wählen die Kantone Neuenburg und Zürich neue Regierungsmitglieder und ich trotte mit Laptop und Zeitungen durch das belebte Kowloon. Unter den vermutlich 500'000 Shoppingpilgern bin ich etwas ganz besonderes – ich will überhaupt nichts kaufen! Selbst wenn ich wollte, meine Jumbogrösse hätten die Verkäuferinnen in diesen Breiten sowieso nicht im Angebot.
So sitze ich einmal mehr in einem Kaffeehaus aus Seattle und verfluche mich selber, dass ich den Aktienkauftipp von Pius 1996 nicht ernst genommen habe. Hinter vorgehaltener Hand empfahl er mir damals in einer dunklen New Yorker Bar, ich solle an der Börse in ein mir unbekanntes Kaffeehaus mit dem Namen ‚Starbucks’ investieren – quasi ein Insidertipp. Hätte ich doch…..
‚We don’t need no education…’, trällert mir Pink Floyd im iPod vor, ich ignoriere den Ratschlag und blättere in den Zeitungen weiter.
Wenn Sepp Moser nicht in der Weltwoche schreibt und man einige rechtslastige Artikel und Kolumnen grosszügig übersieht, dann kann man das Studium des Wochenheftes durchaus unter Horizonterweiterung abbuchen.
Auf Seite 47 das erste gute Zitat. Zitate gehören momentan einfach zum guten Ton. Wer sich zum rechten Zeitpunkt auf eine bekannte Persönlichkeit berufen kann, ist sich der Annerkennung sicher. Vorsicht ist aber bei der Wahl der zitierten Person geboten. Bei der durch PISA attestierten Bildungslücke, sollte man die alten Philosophen vermeiden. Die kennt eh kein Mensch mehr. Ein guter Einstieg bietet das gesagte und nicht gesagte von Churchill. ‚No sports’ passt praktisch immer und zu jeder Gelegenheit. Der Sprüche: ‚der Ball ist rund’ oder ,das Spiel dauert 90 Minuten’ von Sepp Herberger, sollte man ausserhalb von Fussballerkreisen besser weglassen. Das erwähnte Zitat auf Seite 47 der Weltwoche stammt von Kurt Schildknecht. Wer ihn nicht kennt, soll einen Bekannten fragen, der beim BZ-Bank-Debakel (Ebner) etwas Geld in den Sand gesetzt hat. Es ist vor dem Stellen der Frage aber unbedingt ein Sicherheitsabstand von zwei Metern einzuhalten.
Schildknecht meint staatsmännisch: ‚das Leben ist ein permanenter Versuch, gescheiter zu werden’. Das gefällt mir! Ich lese weiter im Wochenblatt.
Erst auf Seite 86 (Kulturteil) horche ich wieder auf. Es ist nicht die Filmkritik von John Travoltas neuem Streifen, der mir ins Auge sticht, sondern das Inserat von Pfizer. Ob die Werbung zufällig neben dem Artikel über den alternden Schauspieler Travolta steht, sei einmal dahingestellt.
Pfizer, die der breiten und männlichen Bevölkerung durch ihre blauen Pillen Namens ‚Viagra’ bekannt wurde, haben einen Journalistenwettbewerb laufen. ‚Gesund altern’, so das Thema des Schreibwettkampfes des Jahres 2005. ‚Ob ich mich wohl daran beteiligen solle?’, frage ich mich sofort und bestelle in der Euphorie noch einen ‚grande Latte’. Bevor ich aber in die Tasten haue und mich aufmache das Preisgeld von 10'000 Franken abzuholen, kommt mir die Kolumne von Professor Mörgeli in den Sinn. ‚Die Wochenzeitung WOZ sei am verlumpen und brauche Geld’, lästert der notorische Besserwisser sichtlich schadenfreudig in seiner Spalte am Anfang dieser Ausgabe. Da packt mich das schlechte Gewissen und ich überlasse das schon fast sicher geglaubte Preisgeld den Journalisten der WOZ. Apropos Mörgeli, vielleicht sollte er es einmal mit den Weisheiten von Kurt Schildknecht versuchen. Sie müssen keine Angst haben Herr Professor, gescheiter werden tut garantiert nicht weh!

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