Montag, April 18, 2005

Lobby Mumbai

Solche Räumlichkeiten findet man vermutlich nur noch in Indien. Ein hoher Raum mit majestätischen Stühlen und Tischen verstellt, empfängt die Gäste aus aller Welt. Diskret im Hintergrund eine ganze Kompanie Bedienstete, die in edle Stoffe gehüllt nur darauf warten, dem Gast jeden Wunsch von den Lippen abzulesen. Während draussen umbarmherzig die Sonne auf die sich bräunenden Touristen am Pool niederbrennt, sorgen acht noble und bedrohlich wankende Windräder an der Decke für einen angenehmen Luftzug in der Lobby.
Auf der Bartheke steht eine übergrosse Espressomaschine aus italienischer Produktion und wartet förmlich darauf, mich glücklich zu machen. Hinter dem grossen, glänzenden Kaffeeautomaten tanzen zwei junge Inderinnen in einem unbemerkten Moment zu einheimischer Musik.
Es herrscht eine seltsame Stimmung in diesen alten, man möchte schon fast sagen ehrfürchtigen Hotelhallen. Eine Mischung von Geschäftigkeit, Wichtigtuerei, Lockerheit, Überlegenheit, Arroganz und Langeweile.
Neben mir ein Tisch mit Geschäftsleuten. Es liegen vier Handys, zwei Mappen mit Fotos und ein Laptop auf dem kleinen Tisch und die ständig klingelnden Telefone stören die Besitzer nicht im Geringsten. Hier in Indien scheint es noch nicht ein Fauxpas zu sein, wenn der ‚Nokia-Standardklingelton’ in Werkstattlautstärke die Besprechung unterbricht. Das Gegenteil ist der Fall. Je öfter das hässliche Gerät klingelt und je lauter dieser penetrante Ton eingestellt, desto grösser das Ansehen des Handybesitzers.
Ein Tisch daneben ein junges hübsches Paar. Auch hier geht es um Geschäftliches, auch hier viele Papiere auf dem Tisch und auch hier umweltverschmutzendes Handygeläut.
Ich schweife mit meinem Blick weiter. Es stehen alte, im Kolonialstil gefertigte Möbel herum und tragen das ihrige zur melancholischen Stimmung bei. Ein amerikanisches Paar betritt die Lobby. Immer für eine Überraschung gut, beobachte ich das ältere Gespann in ihren Bermudashorts. Der Kellner fragt das weitgereiste Paar etwas und scheint ihr Englisch nicht zu verstehen. Ich habe keine Ahnung worum es bei dem Gespräch geht, erkenne aber an der Gestik des Inders (ein nicht zu beschreibendes, seitliches Kopfschütteln), dass etwas unverstanden blieb. Ein Klingelkonzert vom Nebentisch lenkt mich ab und ich merke, dass in der Zwischenzeit mein Espresso kalt geworden ist.
Für einen kurzen Moment sehne ich mich in die gute alte Zeit zurück, als lustig gekleidete Butler mit Schiefertafeln ausgestattet, auf denen ein Name stand, durch die Hotelhallen liefen und ununterbrochen mit einer Fahrradsklingel für Aufmerksamkeit sorgten. Wurde ein Gast auf diese Art und Weise gesucht, kam das schon fast einem Ritterschlag gleich. Ja die guten alten Zeiten - jetzt fange ich auch schon damit an…..
Meine Lobbybeobachtungen werde ich gleich beenden und den Frontbericht aus Indien abschliessen. Was wollte ich eigentlich mit meinen Zeilen aussagen? Ich weiss es ehrlich gesagt auch nicht mehr. Doch vielleicht beschreibt gerade das die Hotellobbys auf der ganzen Welt am besten. Man sitzt unschlüssig in einem feudalen, grossen Stuhl, lässt die Zeit verstreichen, versucht sich abzulenken, gibt sich geschäftig und ist zu Tode gelangweit. Ich muss jetzt Schluss machen – mein Handy klingelt.

Sonntag, April 10, 2005

permanenter Versuch gescheiter zu werden

Ich bin es mir langsam gewöhnt, dass wichtige Entscheidungen ohne mich gefällt werden. Als der HCD Schweizermeister wurde, lag ich eingeklemmt zwischen Sicherheitsgurten, Bordküche und Verkabelung des Cockpits und träumte von einem ruhigen, weichen Bett. Heute wählen die Kantone Neuenburg und Zürich neue Regierungsmitglieder und ich trotte mit Laptop und Zeitungen durch das belebte Kowloon. Unter den vermutlich 500'000 Shoppingpilgern bin ich etwas ganz besonderes – ich will überhaupt nichts kaufen! Selbst wenn ich wollte, meine Jumbogrösse hätten die Verkäuferinnen in diesen Breiten sowieso nicht im Angebot.
So sitze ich einmal mehr in einem Kaffeehaus aus Seattle und verfluche mich selber, dass ich den Aktienkauftipp von Pius 1996 nicht ernst genommen habe. Hinter vorgehaltener Hand empfahl er mir damals in einer dunklen New Yorker Bar, ich solle an der Börse in ein mir unbekanntes Kaffeehaus mit dem Namen ‚Starbucks’ investieren – quasi ein Insidertipp. Hätte ich doch…..
‚We don’t need no education…’, trällert mir Pink Floyd im iPod vor, ich ignoriere den Ratschlag und blättere in den Zeitungen weiter.
Wenn Sepp Moser nicht in der Weltwoche schreibt und man einige rechtslastige Artikel und Kolumnen grosszügig übersieht, dann kann man das Studium des Wochenheftes durchaus unter Horizonterweiterung abbuchen.
Auf Seite 47 das erste gute Zitat. Zitate gehören momentan einfach zum guten Ton. Wer sich zum rechten Zeitpunkt auf eine bekannte Persönlichkeit berufen kann, ist sich der Annerkennung sicher. Vorsicht ist aber bei der Wahl der zitierten Person geboten. Bei der durch PISA attestierten Bildungslücke, sollte man die alten Philosophen vermeiden. Die kennt eh kein Mensch mehr. Ein guter Einstieg bietet das gesagte und nicht gesagte von Churchill. ‚No sports’ passt praktisch immer und zu jeder Gelegenheit. Der Sprüche: ‚der Ball ist rund’ oder ,das Spiel dauert 90 Minuten’ von Sepp Herberger, sollte man ausserhalb von Fussballerkreisen besser weglassen. Das erwähnte Zitat auf Seite 47 der Weltwoche stammt von Kurt Schildknecht. Wer ihn nicht kennt, soll einen Bekannten fragen, der beim BZ-Bank-Debakel (Ebner) etwas Geld in den Sand gesetzt hat. Es ist vor dem Stellen der Frage aber unbedingt ein Sicherheitsabstand von zwei Metern einzuhalten.
Schildknecht meint staatsmännisch: ‚das Leben ist ein permanenter Versuch, gescheiter zu werden’. Das gefällt mir! Ich lese weiter im Wochenblatt.
Erst auf Seite 86 (Kulturteil) horche ich wieder auf. Es ist nicht die Filmkritik von John Travoltas neuem Streifen, der mir ins Auge sticht, sondern das Inserat von Pfizer. Ob die Werbung zufällig neben dem Artikel über den alternden Schauspieler Travolta steht, sei einmal dahingestellt.
Pfizer, die der breiten und männlichen Bevölkerung durch ihre blauen Pillen Namens ‚Viagra’ bekannt wurde, haben einen Journalistenwettbewerb laufen. ‚Gesund altern’, so das Thema des Schreibwettkampfes des Jahres 2005. ‚Ob ich mich wohl daran beteiligen solle?’, frage ich mich sofort und bestelle in der Euphorie noch einen ‚grande Latte’. Bevor ich aber in die Tasten haue und mich aufmache das Preisgeld von 10'000 Franken abzuholen, kommt mir die Kolumne von Professor Mörgeli in den Sinn. ‚Die Wochenzeitung WOZ sei am verlumpen und brauche Geld’, lästert der notorische Besserwisser sichtlich schadenfreudig in seiner Spalte am Anfang dieser Ausgabe. Da packt mich das schlechte Gewissen und ich überlasse das schon fast sicher geglaubte Preisgeld den Journalisten der WOZ. Apropos Mörgeli, vielleicht sollte er es einmal mit den Weisheiten von Kurt Schildknecht versuchen. Sie müssen keine Angst haben Herr Professor, gescheiter werden tut garantiert nicht weh!

Mittwoch, April 06, 2005

viel Spass in Amerika

Nein, ich sitze zurzeit nicht in irgendeinem Starbucks in Amerika, sondern geniesse das traumhafte Wetter auf der Terrasse im Limmattal. Gearbeitet wird erst wieder Morgen und zwar in östlicher und nicht in westlicher Richtung.
Als vielgereister Mitmensch möchte ich meine Erfahrungen weitergeben und Euch einen möglichst guten Aufenthalt in fernen Gefilden ermöglichen. Gerade Reisen nach Amerika bedürfen einer ganz speziellen Vorbereitung. Wer allzu naiv in dieses Abenteuer steigt, kann dies später bereuen. Schon bei der Wahl des Reisedokumentes muss man vorsichtig sein. Ein roter Pass genügt schon lange nicht mehr für einen sorgenfreien Eintritt in das Land der Westernhelden. Gültig sollte er sein und maschinenlesbar. Wer noch stolz mit dem alten Dokument durch die Welt tingelt, braucht ein Visum der amerikanischen Behörden. Man bekommt dieses in der Botschaft in Bern. Vorsichtigen ,Visumsanträgern’ sei an dieser Stelle empfohlen, zuerst das ‚first certificate’ oder den ‚GMAT’ Test abzulegen und in der Stadt Bern ein Hotelzimmer für mindestens zwei Tage zu buchen.
Hat man einmal den leider noch nicht biometrischen Pass oder das Visa, geht es ans Packen. Seit ein ‚Bushcowboy’ an der Macht ist, wurde das Regelwerk für die Ein- und Ausreise immer dicker. Der neuste Gag ist ein striktes Verbot von Feuerzeugen auf den Flugzeugen, die nach Amerika fliegen. Rauchern sei empfohlen, Feuersteine und leicht brennbare Holzwolle als Notfallfeuerzeug auf sich zu tragen. Weiter sind jegliche Fleischwaren (Vogelgrippe, Maul- und Klauenseuche), Käseprodukte (ein hoher Regierungsbeamter scheint eine Laktoseallergie zu haben) und Mehl (könnte für ein anderes Pulver gehalten werden) absolut tabu. Nicht vergessen werden sollten die Bikinioberteile für weibliche Babys (oben ohne ist auch für Mädchen unter 3 Jahren strikte verboten!) und die weiten Badehosen für Männer (enge Badehosen dürfen nur noch von Mark Spitz getragen werden – man könnte ja etwas erkennen). Wem das zu kompliziert ist, packt einfach die Kreditkarte und die Bibel ein, beide werden in allen Bundesstaaten gerne gesehen.
Endlich kommt der Reisetag näher und Angehörige bringen einem nach Zürich Kloten. Nach dem Verlassen schweizerischen Hoheitsgebietes lockt das Shoppingparadies am Flughafen. Ab und zu findet man Raucherinseln (nicht zu verwechseln mit dem Fixerstübli), wo sich der süchtige Raucher noch einen Nikotinkick vor dem bis zu 11-stündigen Nichtraucherflug in das Ferienparadies Amerika holen kann. Am Gate sollte man zeitig ankommen! Der erste Pass und Visacheck wird noch vor dem Boarden des Airbusses gemacht.
Endlich im Flugzeug angekommen und den Sitz ergattert, meldet sich schon der Kapitän über die Lautsprecher. Im Namen der amerikanischen Transportbehörde TSA muss er die Passagiere darauf hinweisen, dass Warteschlangen vor den Toiletten nicht toleriert werden dürfen. Auf den Flugzeugen nach Amerika herrscht schon lange keine Versammlungsfreiheit mehr. Menschenansammlungen könnten konspirativer Natur sein und das muss im Namen der TSA verhindert werden. Mit den Rädern noch in Kloten fühlt man sich schon fast wie in Amerika…..
Wenn sich das gelobte Land endlich nähert und der Passagier aus dem kleinen Flugifenster die Badestrände von Florida erblickt, ist die Vorfreude auf die Ferien und bei Rauchern auf die erste Zigarette nach dem langen Flug gross. Doch so schnell lässt einem eine Weltmacht nicht in ihr Land. Zuerst Gesichts- und Fingerabdruckkontrolle. Die Schlange ist lang und man verflucht sich selber, dass die erste Gelegenheit für ein Angstbruni ausgelassen wurde. ‚Left Indexfinger, right Indexfinger – watch in the camera and don’t smile!’, das die Begrüssungsworte des mindestens 80-jährigen Einreisebeamten. Wehe man ist nicht freundlich und wehe man hat die Formulare nicht richtig ausgefüllt. Danach geht es plötzlich flüssig! Zuerst am Drogenschäfer und dann am Landwirtschaftspudel vorbei und man erblickt zum ersten Mal den blauen Himmel von Miami.