Mittwoch, März 30, 2005

Herr der Ringe

Die Füsse leicht ausgestreckt, sitze ich auf einem gemütlichen Sessel. Links neben mir eine Tasse warmen Milchkaffees und vor mir leuchtende Bildschirme. Im Spiegelbild des Fensters erkenne ich meine Umrisse und denke ganz spontan an den Epos ‚der Herr der Ringe’ – Herr der Augenringe in meinem Fall.
Ich bin gerade wie eine Raupe aus dem Kokon geschlüpft und habe meine Schicht Richtung Hongkong begonnen. Vor uns noch 8 Stunden Flug und unter uns Kasachstan. Mein Kollege redet mit ‚Astana Control’ und ich ergötze mich an den herrlichen Berglandschaften. Noch bin ich nicht ganz einsatzfähig, sitze auf dem Kapitänsstuhl und wecke langsam meine Geister mit einem doppelten Espresso. Im Moment ist keine Hektik angesagt, die abtrünnigen Republiken liegen weit genug im Süden und die Raketen auf dem Weltraumbahnhof ‚Baikonur’ ruhen. Der Schlaf ist noch nicht aus meinen Augen entschwunden und ich versuche die Augenringe mit meiner dunklen Sonnenbrille zu verdecken. Ich brauche Zeit nach dem kurzen und unruhigen Schlaf, lasse den Kollegen die A340 steuern und denke noch einmal an die gemütlichen Ostertage zu Hause zurück. Vier Tage frei sind letztendlich wie Ferien. Die Läden sind geschlossen und man hat endlich Zeit einfach in den Tag hinein zu leben. Die Gefahr, dass einem da plötzlich ganz abstruse Ideen kommen ist latent vorhanden. Auch uns hat es erwischt. So machten wir uns am Karfreitag auf, im Engadin Schnee zu suchen. Eine wirklich sonderbare Idee. Als wir die Julierhöhe hinter uns gebracht haben, lachten uns die grünen Wiesen aus und seltsam gekleidete Touristen mit Skiern auf ihren Schultern waren genau so verstört wie unserein. Am Samstag wieder zuhause schworen wir uns, nach der erfolglosen Schneesuche am Sonntag nicht den gleichen Fehler mit den Schoggiosterhasen und den Eiern zu machen. Gemütlich beim Frühstückszopf sitzend, bot sich uns am Ostersonntag ein seltsames Bild. Von überall her kommend, pilgerten grössere und kleinere Gruppen scheinbar orientierungslos an unserem Haus vorbei. In edle Stoffe gehüllt, versuchten die schlipstragenden Herren die Kinder in den Sonntagskleidern erfolglos davon abzuhalten, in die zahlreichen Wasserlachen zu springen. Man spricht davon, dass der Tag 3 in der Höhe der heikelste sei. Der Körper ist wegen der Anstrengung schlapp und der Geist rebelliert im besten Falle nur mit einem leichten Kopfweh. Der dritte Tag ohne Grosseinkauf und Shoppingcenterbesuch scheint in zivilisierten, flachen Gegenden ähnliches auszulösen. Die Gattung Mensch verhält sich plötzlich sehr seltsam um begibt sich in grösseren Gruppen ins Freie. Gekleidet in Lederjacke, Lederschuhe und eingewickelt in einen Jupe mit Karomuster laufen die seltsamen Gestallten durch die Wohnquartiere und überprüfen, wie es den anderen Artgenossen in ihren Häusern ohne Einkaufskick und Formel 1 so ergeht. Um der kollektiven Langeweile entgegenzuwirken, bringt Fernsehen DRS - idée suisse - das schon angesprochene Epos ‚Herr der Ringe’. Meine Frau und ich reagierten atypisch und begannen die Wohnung zu putzen.
Ach was träume ich herum. Jetzt wird gearbeitet. Das Flugzeug nähert sich Urumqi in der chinesischen Provinz Xinjiang und wir erhalten die Freigabe auf 11400m zu steigen. Rechts neben uns die nördlichen Ausläufer des Himalaja. Hongkong kommt näher, die Temperaturen steigen wie auch die Vorfreude auf ein leckeres indisches Mahl am Abend.
Nach der Landung entsteige ich müde dem Flugzeug, lasse mich in den unbequemen Bussitz gleiten und döse sofort ein. Die ruppige Fahrweise unseres Chauffeurs weckt mich kurz vor dem Hotel und ich entsteige dem Fahrzeug genauso müde wie ich es eine Dreiviertelstunde früher betreten habe.
Jetzt kann mich nur noch eine lange Dusche retten. Schnell verschwindet die Uniform im Kleiderschrank des Hotelzimmers und ich betrete nackt das geräumige Badezimmer. Was ich da im Spiegel erblicke, erinnert mich wieder an den ‚Herrn der Ringe’. Welche Ringe habe ich wohl jetzt gemeint?

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