Dienstag, Dezember 27, 2005

arrigato gozaimasu



Keiner kann mir vorwerfen, dass ich während meines weihnachtlichen Aufenthaltes in Japan nicht aktiv war. Gestern begutachtete ich bei heiterem Sonnenschein und einer steifen Brise die Hafenstadt Yokohama und heute stand DER Klassiker, die Tempelstadt Nikko, auf dem Programm.
Früh morgens Japanzeit beziehungsweise spät abends Schweizerzeit schob ich das Duvet zur Seite und verlies noch bei Dunkelheit das stille Hilton in Narita. Dass die Japaner über die Weihnachtstage ihr Bruttoinlandprodukt aufpolieren, merkte ich spätestens am Bahnhof auf dem Perron. In langen Schlangen standen die Salarymen diszipliniert in einer Reihe und warteten schlotternd auf den Zug nach Tokio. Die Komposition fuhr ein, hielt millimetergenau vor den Markierungen still und öffnete seine Schleusentore. Die Menschenmasse ergoss sich förmlich in die engen Wagen und Sekunden später schlossen auch schon wieder die Pforten. Da stand ich nun eingepfercht zwischen frisch geduschten Bürolisten und versuchte mich so gut wie möglich an den Haltegriffen festzukrallen. Meine rechte Niere wurde von einer Laptoptasche malträtiert, im Sekundentakt schlug mir eine viel zu tief montierte Reklametafel an den Hinterkopf und die kleine Japanerin im kurzen Rock hinter mir ruhte sich entspannt an meinem breiten Rücken aus.
Die Fahrt dauerte ja nur noch knapp eine Stunde und ich habe in meinen ersten Yogalektionen schliesslich gelernt, dass erstens die Atmung stimmen muss, zweitens Balance nur möglich ist, wenn Bauch- und Arschmuskulatur angespannt sind und drittens der feste und richtige Stand die erfolgsversprechende Ausgangslage darstellt.
Meine Massai Barfusssandalen mit ihrer ‚gageligen’ Sohle waren da wohl nicht die optimale Wahl heute Morgen. So versuchte ich bei jeder noch so kleinen Bodenwelle meinen Glutaeus Maximus und die Bauchmuskulatur zu kontrahieren und so den Balancepunkt zu halten. Dieses morgendliche Muskelspiel wiederum regte meine Verdauungstätigkeit an und das bereitete mir in diesem Getümmel noch zusätzliche Sorgenfalten. Der Wirkung meiner Fürze bewusst, versuchte ich das Unheil mit aller Gewalt abzuwenden und Passagiere vor würzigen Gerüchen am frühen Morgen zu bewahren.
Unfallfrei und ohne rufschädigenden Zwischenfall habe ich letztendlich das erste Zwischenziel meiner Reise erreicht und gönnte mir in Ueno eine Gallone Milchkaffee.
Von jetzt an war es Nasenwasser. Eine kurze Fahrt in der Ginza Line nach Asakusa, in den reservierten Sitz des Schnellzuges fallen lassen, den iPod einstellen, die Zeitung lesen und nach einer Stunde und 40 Minuten auf den Regionalzug umsteigen.
Die Chillout Musik und das Surren in den Beinen genoss ich nach den Strapazen im Morgenzug sehr. Neben mir schoss die Landschaft vorbei, der Schaffner schlich fast lautlos durch die Gänge und die Airconditioning summte leise vor sich hin.
Ein zärtliches Schütteln holte mich schon bald aus meinen Träumen zurück. Eine wild gestikulierende Putzfrau versuchte mich auf irgendein Unglück aufmerksam zu machen. Das Unglück hiess Endstation und hörte sich irgendwie überhaupt nicht an wie mein Ziel Nikko. Ich landete in Kinugawa-Onsen, einem Ort in dem der letzte englischsprechende Zeitgenosse vor über 10 Jahren auswanderte.
Das Beiwort Onsen erheiterte mein Gemüt ein wenig. Onsen steht für heisse Quelle und war genau das, was ich nach zwei Stunden Schlaf in Kauerstellung jetzt brauchte.
Mit einem ausschliesslich in japanischen Schriftzeichen gehaltenen Plan machte ich mich auf den Weg zu den heissen Quellen am Berghang. Der Dampf der Bäderlandschaft am Horizont erwies sich als wesentlich bessere Orientierungshilfe als die seltsame Skizze aus dem Fremdenverkehrsamt und ich kam dem entspannenden Nass mit jeder massai’schen Abrollbewegung näher.
Mit dem gewohnten Samuraikampfgeschrei hiess mich der Bademeister als Kunde im Onsen willkommen und auf meinen Armen stapelten sich schon bald ein Berg von Frottiertüchern. Um Peinlichkeiten und grobe Verstösse gegen japanische Sitten und Rituale zu vermeiden, wurde mir ein Sekundant zur Seite gestellt. Dieser instruierte mich mit Handzeichen, wann ich die Schuhe ausziehen soll, zu welchem Zeitpunkt ich mir die Kleider vom Leibe reissen darf und mit welchem Tuch ich welchen Körperteil reinigen muss.
Dank zahlreichen Instruktionen von Röne-Sensei in den letzten Jahren, habe ich mich korrekt japanisch und sehr routiniert vor dem Bad im 45° C warmen Wasser gewaschen, meine Körperhaare ausgerichtet und mich für den entspannenden Taucher im Bassin bereit gemacht.
Man muss wissen, dass der Japaner beim Duschen sitzt. Das finde ich grundsätzlich sehr sympathisch. Man packt einen kleinen Plastikstuhl, setzt sich gemütlich vor die Duschbrause und nimmt sich extrem lange Zeit, um jede Pore des Körpers einzeln zu reinigen. Das wird nicht etwa in einer Einzelkabine erledigt, sondern sauber nebeneinander aufgereiht. Dazu wird geredet, gelacht, politisiert und getratscht.

Nach dem sensationellen Bad im heissen Quellwasser und der Selbstverstümmelung mit einem Einwegrasierer fand ich doch noch mit Hilfe einer Ticketverkäuferin die schnellste Bahnverbindung zum ursprünglichen Ziel Nikko.
Die unglaubliche Parklandschaft hat mich dort genauso fasziniert, wie die farbenfrohen Tempel und die frisch verschneiten Wege. Einmal mehr hatte ich mit meinen MBT-Schuhen auf den eisglatten Wegen einen nicht zu unterschätzenden Nachteil. Statt wie eine Schweizer Berggeiss, schlich ich wie ein weisser Massai durch das Weltkulturerbe der Präfektur am Rande der japanischen Alpen.
Es hätte nicht viel gefehlt, und ich wäre in ein hybridgetriebenes und kubikförmiges Taxi gestiegen und hätte mich wie ein Amerikaner zu den Sehenswürdigkeiten chauffieren lassen.


Apropos Hybrid, die hier in Japan nehmen es mit dem Sparen von knappen Rohstoffen sehr ernst. Neben den Hybridantrieben für Motorfahrzeuge, die helfen Unmengen teures Benzin zu sparen, haben die Inselbewohner sogar hybride Meerestiere auf dem Speiseplan. Um die knappe Ressource Fisch zu schonen, legen die Köche einfach eine Schicht günstigen Reis unter den wertvollen Rohstoff und nennen das Ganze dann Sushi.

Ich glaube der Schlafmangel setzt mir langsam zu……..Tasukete!

Sonntag, Dezember 25, 2005

eine extrem stille Nacht

“Swiss one six eight, the wind is calm, you’re cleared for takeoff runway 16”, die vier Gashebel werden an den vorderen Anschlag geführt und die A340 bewegt sich langsam Richtung Opfikon. Die Reise Richtung Japan kann an diesem Heiligabend beginnen.
Nach wenigen Höhenmetern verschwindet unser Vogel im Nebel und gefühlsvoll fliegt der Kapitän die erste Linkskurve über den Dächern von Bassersdorf.
Unter uns Familien die Weihnachtsbäume schmücken, Mütter die Geschenke einpacken, Nachwuchs der sie bald wieder auspackt, Kinder die aufgeregt vor dem Fernseher sitzen, Enkel die der Grossmutter alle Folgen von Sissi programmieren, Alkoholiker die den guten Tropfen aus dem Keller holen, EKZ Monteure die stromlose Stadtteile reelektrifizieren und Metzger die wie wahnsinnig Fondue Chinoise verkaufen.
Über dem Thurgau durchschiessen wir die Wolkendecke und trotz blendender Sonne sehe ich den Säntis in aller Pracht vor mir.
Heuer können sich also alle Schweizer über weisse Weihnachten freuen, die Unterländer in Form von Hochnebel und die Bergler als Schümli über dem Pflümli in der Skihütte bei herrlichem Sonnenschein.
Ich vergesse für einen kurzen Zeitpunkt meine Arbeit und träume vor mich hin, während draussen die herrliche Bergwelt vorbeizieht.
München will etwas von mir und holt mich aus meinen Tagträumen. Kaum einer wünscht dem anderen am Funk schöne Weihnachten. Wenn man an diesem Tag arbeitet, will man nicht noch alle drei Minuten daran erinnert werden, dass zuhause Fondue Chinoise, Bescherung oder die erste Folge von Sissi verpasst werden.
Es dunkelt langsam und Russland kommt näher. Moskau wird im Slalomkurs überflogen, die aufgestellte Kollegin aus der ersten Klasse fragt wie wir Fröhlichen in dieser Nacht noch gestillt werden können und ich bestelle, was ich in so einer Situation immer bestelle: einen Nespresso.
Es ist still am Funk in dieser besinnlichen Nacht. Wo sich in der Regel Piloten aus allen Nationen auf den verschiedenen Frequenzen verständigen, hört man heute nur deutsche Akzente. Austrian, Lufthansa und wir von der Lufthansa Süd scheinen die Einzigen zu sein, die sich in dieser Nacht nicht zuhause den Bauch vollschlagen, Tannenbäume abfackeln und Berge von Geschenken auspacken.
Novosibirsk kommt näher und die Wettermeldung bestätigt mir, was ich an der rauhen Stimme des Fluglotsen schon geahnt habe: Es herrschen dort unten Temperaturen, wo es Gallonen von Glühwein braucht, um wenigstens ein bisschen Wärme zu spüren.
Weihnachten ist immer weiter weg und zu unserer Erleichterung hatten wir keinen Zwischenfall mit Rentiergespannen und anderen fliegenden Festtagsüberraschungen.
Meine Schicht ist zu Ende und ich suche im Ruhebett etwas Stille und Besinnlichkeit. Es will einfach nicht so schlafen, wie ich mir es vorgestellt habe. Weder Engel zählen noch rhythmisches Drehen von links nach rechts bringt mich in einen Dämmerzustand.
Ich kapituliere, starte das Bordunterhaltungsprogramm und konsumiere in dieser christlichen Nacht einen sehr unchristlichen Voodoofilm (the skeleton key).
Nicht ganz dem festlichen Datum entsprechend, aber immer noch besser als Sissi!

Donnerstag, Dezember 15, 2005

die WTO ist in der Stadt

Wenn sich Diplomaten aus aller Welt zu ihren Klassenzusammenkünften verabreden, dann ist die Wahl des Standortes von immenser Wichtigkeit. Es soll schön sein und genügend prunkvolle Hotels haben. Infrastruktur für die Sitzungen und die abendlichen Saufgelage dürfen genauso wenig fehlen, wie die zahlreichen Einkaufsmöglichkeiten, um all die Präsente für die daheimgebliebenen Sekretärinnen aufzutreiben.
Natürlich ist auch das Konferenzdatum entscheidend. Der Dezember bietet sich hier geradezu an. Während sich zuhause die Weihnachtsapéros jagen, Freunde und Verwandte zu Gelagen einladen als würden diese im 2006 verboten und Glückwunschkarten zu Hunderten eintreffen, sonnt sich der Spitzendiplomat am Hotelpool und schaut aus der Ferne den in der Bay schwimmenden Demonstranten zu.
Frau Botschafterin kauft sich mit der platinfarbigen Kreditkarte durch die Handtaschenläden von Kowloon und ihr Gemahl lächelt in die zahlreichen Fernsehkameras oder isst mit einem Vertreter einer Nichtregierungsorganisation mediengerecht eine Noodlesoup in einer Garküche um die Ecke.
Rechtzeitig vor den Festtagen fliegt man mit der landeseigenen Fluglinie in erster Klasse nach Hause und freut sich auf die ruhige Januarwoche am WEF im tiefverschneiten Davos. Im Landwassertal werden dann die aufschlussreichen Gespräche fortgesetzt, die in Hongkong wegen des anspruchsvollen Rahmenprogrammes nicht stattfinden konnten. Frau Gemahlin kauft im Schneetreiben eine neue Handtasche vom Heimatwerk und die Sekretärinnen zu Hause kriegen statt Tigerbalsam eine Flasche Röteli.

Und irgendwo mitten im ganzen Zirkus muss das Leben in den betroffenen Städten weitergehen. Das gemeine Volk will arbeiten, sich normal bewegen und am Abend gemütlich an einer Bar ein Bierchen nippen. Sind aber die ach so wichtigen Konferenztouristen in der Metropole, ist an ein normales Leben nicht mehr zu denken.
Überall Polizei, Strassensperren, geschlossene Lokale, rauchende Köpfe, tränende Augen, verstopfter Luftraum, überbuchte Flugzeuge und ausverkaufte Handtaschenshops. Stört mich Letzteres wenig, beschäftigen mich die anderen Punkte umso mehr.
Das gemütliche Bierchen im Joe Banana um 4 Uhr in der Früh fiel wegen dem WTO-Treffen genauso ins Wasser, wie das Essen bei meinem Lieblingsinder. Mein Curry musste ich in einem mir unbekannten Lokal zu mir nehmen, was auch fast meine Gesundheit ruinierte.
Es scheint, als ob mich der kopfschüttelnde Turbanträger im Lokal mit dem klingenden Namen ‚Bombay Dreams’ für einen koreanischen Demonstranten hielt und würzte das Chickencurry mit dem restlichen Pfefferspray der Morgendemonstration.
Zwei Liter Kingfisherbier halfen genau so wenig wie eine Flasche Mineralwasser aus französischer Quelle. Etwas Musik und einige Pitcher einheimischer Braukunst hätten Linderung gebracht aber eben, im Wan Chai war alles wegen dem WTO geschlossen.

Ich habe auf jeden Fall genug vom ganzen Zirkus und bin auf die Seeräuberinsel Cheng Chau geflüchtet. Glaubt man Jean Ziegler, haben die Spitzendiplomaten eine ähnliche Gesinnung wie die ehemaligen Piraten. Trotzdem hat es hier garantiert keine Schlipsträger und auch die Gattinnen sind Mangels Handtaschenläden in weiter Ferne.
Ich hab mein Paradies für heute gefunden!

Mittwoch, Dezember 14, 2005

Geheimnisse einer Grossstadt

Jede Metropole hat ihre Geheimnisse, die einem Fremden ein Leben lang verborgen bleiben. Tanzt eine ganze Stadt um einen weissen Böög herum um die Tatsache zu feiern, dass dank der längeren Tage wieder bis zum Läuten der Sechsuhrglocke gearbeitet werden kann, versteht das der Fremde genau so wenig wie den seltsamen Brauch in den Vorstädten, einbrechende und grell beleuchtete Samichläuse an die Fassade zu hängen.
Auch Hongkong kennt diese Rituale, die den Einheimischen im Blut stecken und beim Besucher Kopfschütteln auslösen.
Nehmen wir zum Beispiel den Verkehr. Die Insel vor dem Festland Chinas war lange ein Vorposten des Commonwealth und demzufolge rollt der Verkehr logischerweise auf der linken Strassenseite. Der Autofahrer hält sich mangels Alternativen in der Regel daran und für Fussgänger, die nicht aus den von der Krone eroberten Ländern stammen, wird vor den Strassenübergängen look right auf den Asphalt gepinselt.
Eine sympathische Geste, die durchaus unnötiges Blutvergiessen vermeidet.
Weniger klar präsentiert sich die Lage auf den Gehsteigen. Hier haben die britischen Eroberer klar versagt und verpasst, deutliche Richtlinien zu etablieren.
Bei genauerem Überlegen verwundert das auch nicht sonderlich, schliesslich vermieden es die Kolonialherrschaften tunlichst, in diesem tropischen Klima auch nur einen Schritt zu viel an der frischen Luft zu machen.
Es herrscht mit anderen Worten glatte Anarchie in den Fussgängerbereichen der Weltstadt am Pazifischen Ozean. Was im Bündner Oberland nicht der Rede wert wäre, ist hier ein echtes Problem. Denn man redet hier nicht von Fussgängerströmen, sondern von Lawinen. Zu Tausenden quetschen sich die kleinen, aber wendigen Körper der Chinesen aneinander vorbei und versuchen auf jedem Meter Zeit gutzumachen. Wie ein Wildwasserfahrer sucht sich der geübte Tourist den schnellsten Strom und mogelt sich so unversehrt und einigermassen zügig durch die Massen. Der Vergleich mit einem tosenden Wildbach trifft den Nagel auf den Kopf. Für Aussenstehende in einer nicht nachvollziehbaren Bahn schlängeln sich die Massen aneinander vorbei. Kreuzungen, Gegenverkehr und übergewichtige, viel zu langsame Besucher stören den Fluss genau so wenig wie bedrohlich nahe kommende Taxis und Überlandbusse. Die Frage ob man rechts oder links gehen soll, stellt sich erst gar nicht. Als Fremder ist man froh, wenn man nicht von den abertausenden Chinesen überrollt wird.
Wer denkt die chinesische Bürokratie habe diesen Zustand kampflos akzeptiert, sieht sich getäuscht. An jeder Ecke stehen Schilder mit der Aufforderung, dass man Links gehen soll und mit baulichen Massnahmen in den Untergrundschächten versucht die Obrigkeit die Passanten zu bündeln. Nett gemeint, aber kaum beachtet. Arbeitssame Chinesen mit einfachen Schildern lenken zu wollen ist etwa gleich aussichtslos, wie mitten in einen Ameisenhaufen eine Rotlichtanlage zu installieren.
Ich kann gut damit leben, dass ich noch lange nicht alle Geheimnisse dieser Insel verstanden habe. So lasse ich mich auch weiterhin im Strom treiben und halte mich stets an durchaus gut gemeinten Ratschläge auf dem feuchten Asphalt: you better look right!

Montag, Dezember 12, 2005

Ende Pulverschnee


Ferien zu Ende!

Ganz leicht gefallen ist es mir ehrlich gesagt nicht, die herrlichen und tief verschneiten Loipen im Oberengadin zu verlassen und die Flugzeugnase wieder in den Wind zu stellen.
Jetzt heisst es wieder in die Uniformhosen einzutauchen und Hut statt Snowboardhelm aufzusetzen.

Melde mich bald wieder aus Hongkong

Dienstag, November 22, 2005

kleine New Yorker Nachtmusik

Ecke 16th/7th, es ist kalt, nass und der Wind pfeift durch die Gassen. Die Passanten eilen mit einem heissen Kaffee in der einen und einem Regenschirm in der anderen Hand auf die nächste Subwaystation zu, die Hüte sind tief ins Gesicht gezogen und die Mantelkrägen hochgeklappt.
Ich sitze mittendrin in einem Starbucks und schaue dem hektischen Treiben fasziniert zu. Alles ist extrem in dieser Stadt. Es hat extrem viele Leute, es wird extrem viel geschuftet, es hat extrem viele Bettler, man kann am Abend extrem viel anstellen, alles ist extrem teuer und die Hotels sind extrem alt.
Heute wo das Flugticket weniger kostet als eine Übernachtung in Manhattan, haben es die preisbewussten Airlines besonders schwer, zahlbare Zimmer für ihre Angestellten zu finden.
Unser temporäres Heim für 24 Stunden ist so ein extrem alter Kasten. Über 2000 Betten hat das Haus aus dem letzten Jahrtausend und die Zimmer versprühen einen Charme, wie ein Zivilschutzbunker in der Innerschweiz.
Die Infrastruktur des Zimmers funktioniert in der Regel gut. Als am zuverlässigsten zeigt sich einmal mehr der Kühlschrank. Alle fünf Minuten beginnt die etwa zweiminütige Kühlphase mit einem leichten Vibrieren gefolgt von einer sanften Rüttelbewegung. Die Zimmer sind ziemlich hellhörig und da die einzelnen Geräte nicht synchronisiert sind, geht ein dezentes Schwingen durch jeden Hotelflur.
Unterbrochen wird dieses esoterische Hintergrundgeräusch nur durch ankommende Fahrstühle. Es sind deren 10 eingebaut und jeder macht den im Jahre 1896 patentierten und unüberhörbaren ‚Ping-Ton’.
Die Kombination dieser Töne bildet den Klangteppich der kleinen New Yorker Nachtmusik. Dieses harmonische ‚GRRRROOOOOOOOM, PING PING GROOOOMMMM, PING, PING PING…’ wird rhythmisch durch das permanente Hupen der Yellow Caps und den Sirenen von Polizei, Ambulanz und Feuerwehr aufgepeppt.
Jetzt liegt es am Besucher bzw. am Bewohner dieser Stadt, so müde ins Bett zu gehen, dass man trotzdem einschlafen kann. Vermutlich ist das der Grund für das tolle Nachtleben in Manhattan.
Doch Vorsicht, auch wenn man noch so schlapp ist, sollte der vor einem liegende Stotterschlaf sorgfältig geplant werden. Die faktisch nicht vorhandene Fensterisolation kombiniert mit der nur sporadisch funktionierenden Heizung, kann das Raumklima auf SAC Hüttenniveau senken. Da Daumendecken den Weg nach Amerika noch nicht gefunden haben und die Bettlaken in der Regel mehr als ein Loch aufweisen, ist der Gebrauch einer heimischen Decke angebracht.
Ich vertraue seit Jahren auf den Mammut Kuschelschlafsack mit Minustemperaturgarantie bis -20°C. Das gibt ein angenehmes Körperklima und legt zumindest noch eine dünne schützende Schicht Stoff zwischen meine Haut und die leider zahlreich vorhandenen fremden Körperhaare im angeblich frisch gemachten Bett.
Eingekuschelt in ungarische Daunen lässt es sich zur kleinen New Yorker Nachtmusik bestens einschlafen.
So gegen 0300 Uhr stören dann die ersten Disharmonien die vertrauten Klänge. Die Schicht der Kehrrichtleute hat begonnen und jeder Abfallsack entlang der Strasse wird hupend begrüsst.
Viele Hotelgäste nehmen den gut hörbaren Arbeitsantritt der Müllmänner zum Anlass, ein kleines Geschäft zu tätigen. Die Toilettenspülungen rülpsen in allen Stockwerken und spätestens nach 3 Minuten ist jeder wach und der Wasserdruck ist so zusammengefallen, dass die eigene Schüssel den Dienst verweigert. Die Verwischung der eigenen Spuren muss bis am Morgen warten und der Stotterschlaf geht weiter.

Wer will denn da über zu wenig Schlaf klagen! Wir sind hier schliesslich in New York, eine Stadt, die nie schläft, nie ruht und vor allem nie neue Hotels baut.

Samstag, November 12, 2005

Hektik? Nein Danke!

Ich habe schlecht geschlafen! Egal ob in Hongkong, in Tokio oder zu Hause in der Schweiz, wenn ich schlecht gepennt habe bin ich gereizt.
Erschwerend kommt dazu, dass es in den Strassen in Hongkong von nervösen Menschen nur so wimmelt, das Thermometer schon über 30° gestiegen und zu allem Elend noch Samstag ist. Am Wochenende sind schon früh am Morgen alle meine Lieblingsplätze in den Starbucks besetzt, die Büros haben die offenen Internetnetze nicht eingeschaltet und alle ausser mir sind glücklich. MAN BIN ICH GEREIZT!

Nach einigen Kaffee Latte im Stehen(!) läuft mein Motörchen schon etwas runder und zum ersten Mal am heutigen Tag bemerke ich, dass sich über Hongkong ein seltenes Naturschauspiel ereignet. Blauer Himmel, das habe ich in dieser Stadt schon lange nicht mehr gesehen. Mein Gemüt erhellt sich ein wenig und so etwas wie Unternehmungslust kommt auf. Die Strassen in, um und unter Hongkong sind heute absolut Tabu. Wie in jeder Metropole dieser Erde strömen am Samstagmorgen Heerscharen von Männlein und Weiblein (aber vor allem Weiblein) in die Einkaufstempel der Stadt und verbreiten eine Hektik, die ich in meinem aktuellen labilen Zustand keine Sekunde ertrage.

Lamma heisst die Lösung! Ich meine weder Dalai Lama noch das gemütliche Tier, sondern die ebenso beruhigende Insel 30 Bootsminuten von Central entfernt.
Schon das Tuckern des alten Sulzer Diesels hat mein Gemüt in den grünen Bereich zurückgebracht und mit dem iPod im Ohr habe ich dem letzten Passagier an Bord klar gemacht, dass ich absolut keine Lust auf Smalltalk habe – ABSOLUT KEINE! Die Taktik funktionierte tadellos.

Leicht entspannter als ich den Tag gestartet habe, bin ich am Hafen von Yung Shue Wan angekommen.
Als ich dann noch ein gemütliches Strandkaffee mit einem offenen Netz und Fässer voller Cappuccino gefunden habe, war der Tag definitiv gerettet!
Zwischen streunenden Hunden, verwirrten Touristen und stinkenden Fischernetzen schreibe ich diesen Bericht, meine Kaffeetasse ist noch dreiviertel voll, der Wind sorgt für angenehmes Klima, ich werde in Kürze den rund 60 minütigen Spaziergang zum anderen Hafen in Angriff nehmen und bin restlos zufrieden.

So sieht die Welt doch wieder ganz anders aus und der Schlafmangel vermag meine Lebenslust nicht mehr zu trüben.

„He, habt ihr alle gesehen, ich habe meinen iPod ausgeschaltet. Man kann wieder mit mir reden!“

Donnerstag, November 10, 2005

steif wie eine Bockleiter

Es kommt immer häufiger und in regelmässigen Abständen: das Gefühl, dass man irgend etwas substanzielles an seinem Lebensstil ändern sollte.
Ich habe immer auf die Gesundheitsapostel gehört und mich viel und intensiv bewegt. Acht Jahre bin ich mit meinem Kajak wilde Wasser hinuntergefahren, habe jahrein und jahraus unzählige Stunden im feuchten Boot verbracht, trainierte mit klammen Fingern den ganzen Winter durch auf dem Wasser und war am Ende froh, dass ich trotz meines chronisch unterkühlten Kreuzes noch das Siegerpodest besteigen konnte.
Es folgten 15 Jahre Engadin Skimarathon. In engen, viel zu kühlen Dresses skatete ich hunderte von Stunden im Reizklima des Engadins, fror mir dabei fast die Zehen ab und musste dank ebenbürtiger Konkurrenz zum Glück nie das Siegertreppchen erklimmen.
Mit Dreissig habe ich dem Wettkampfsport den Rücken gekehrt und hatte nur einmal beim New York Marathon einen Rückfall.
Seither jogge ich in den Wäldern der Umgebung, erschrecke Rentner auf dem Bike und laufe im Engadin mit ausreichend wärmenden Kleidung auf den Langlaufskiern von Gaststätte zu Gaststätte.
Mit diesem vorbildlichen Lebensstil sollte ich eigentlich der Vorzeigekunde der Krankenkassen sein und mich geschmeidig und fit fühlen. Leider ist es nicht so.

Meine Muskulatur ist seit einigen Jahren am Morgen härter als nach einem Krafttraining bei Kieser Werni, der Rücken schmerzt fast ununterbrochen und die Länge meiner Rumpfmuskulatur hat sich in den letzten Dekaden auffälligerweise der idealen Liegeposition der Fernsehcouch angepasst.
Mein Selbstversuch, die Muskulatur durch übermässigen Fonduekonsum geschmeidiger zu machen muss als gescheitert betrachtet werden.
So stehe ich jetzt einmal mehr an einem Scheidepunkt meines Gesundheitszyklus. Soll ich mich dem Wellnesstrend beugen und mich wochenendweise in schlammige, unappetitliche Bäder setzten und dabei eine kombinierte Hirse-, Dinkel-, Gersten- und Maistinktur inhalieren? Soll ich meine Langlaufstöcke zweckentfremden und wie die lustigen Weiber vom Limmattal debattierend und mit Stöcken bewaffnet durch die Wälder ziehen? Soll ich mein sicherlich schon zwanzigjähriges Gelübde brechen und mit Stretching beginnen? Nein, so stark sind die Schmerzen doch noch nicht.

Die Lösung all meiner Probleme flatterte letzte Woche mit einem Flyer ins Haus. Release Yoga heisst mein neuer Hoffnungsträger. Gestern war die erste Lektion und ich bin begeistert. Damit ich mit meiner Elastizität, die derer einer Bockleiter gleicht nicht allzu blöde dastehe, griff ich zu meiner Geheimwaffe aus vergangener Zeit.
Ein Fondue eine Stunde vor der Lektion sollte die notwendige Geschmeidigkeit geben und die Extraportion Knoblauch sorgte für die bei meiner Masse notwendige Bewegungsfreiheit. Die Lektion war ein Hammer und obwohl Release Yoga deutlich anstrengender ist als das ähnlich klingende Relax Yoga, bin ich restlos begeistert. Ich werde nächsten Mittwoch wieder antreten und hoffe, dass ich in ein paar Jahren im Schneidersitz schwebend das Fernsehprogramm geniessen kann!

Donnerstag, November 03, 2005

Miami Blues

Um ein Haar hätte es mich wieder erwischt. Der Blues kam heute Morgen immer näher und ich konnte der Schwermütigkeit noch einmal im letzten Moment entkommen.
Doch eigentlich hätte ich überhaupt nichts zu klagen. Meine Firma schickte mich gestern für drei Tage an den Strand von Miami, das Wetter präsentiert sich in Hochform und weit und breit ist kein Hurricane im Anzug.
Für die Stürme selber lohnt sich der Umweg über Florida eh nicht mehr. Wilma hat ganze Arbeit geleistet und die Infrastruktur ist empfindlich verletzt. So gibt es zur Zeit zweierlei Bewohner in der Ferienecke der USA. Solche mit Strom und solche ohne. Wer keine Elektrizität hat, lebt ohne Dusche, ohne Airconditioning, ohne Kühlschrank, ohne Fernseher, ohne Weihnachtsbeleuchtung, ohne Computer, ohne Handy und ohne Mikrowelle.
Folglich wird weniger telefoniert, die Leute lesen mehr Zeitung, die Fastfoodbeizen sind voller als sonst und im Bus stinkt es zum Himmel.
Wer in Amerika Bus fährt, ist ein Looser oder ein Angestellter einer Airline, hat kein Auto, arbeitet körperlich hart, schwitzt mehr als der Bürolist, bekommt in letzter Priorität wieder Strom und riecht im Moment völlig unverschuldet etwas strenger als sonst.
Und da bin ich wieder bei meinem Blues. Von unserem Hotel aus hat man genau zwei Möglichkeiten für Ausflüge ohne Auto. Entweder man fährt mit dem Bus „S“ nach Norden ins Shoppingcenter oder mit der gleichen Blechbüchse nach Süden an die Southbeach. Wären da nicht die Stromlosen, hätte ich zwei Tage zwischen diesen beiden Fixpunkten gependelt. Aber eben, die Duftnoten von sechs elektrizitätslosen Tagen vertrieben mich schon nach wenigen Minuten aus dem öffentlichen Bus und die Schwermut schlich sich von hinten an mich ran.
Zwei Optionen blieben mir offen: Mich mit Bud light zu betrinken oder ein Auto zu mieten. Für das Erste fehlte mir eindeutig die Zeit! Um mit dem amerikanischen Lightbier räuschig zu werden, braucht man mehr als drei Tage Dauerkonsum…..

So stolzierte ich zielstrebig in die nächste Autovermietung und sicherte mir den letzten unverbeulten Wagen in Miami. Es war wirklich nur noch einer da. Take it or leave it – meinte der gut riechende Angestellte lächelnd. Ich zückte elegant meine Visa und beglich die Schuld mit Unterschriften auf mindestens 13 Papierbögen.
Plötzlich stand der brandneue Cadillac vor mir und der Blues, der noch vor einigen Sekunden bedrohlich nahe war, verzog sich mit einem Überschallknall aufs Meer hinaus.
Falls ich es in den restlichen zwei Tagen noch schaffe den Navigationscomputer von der Klimaanlage zu unterscheiden, werde ich die Fahrt nach Key West unter die Räder nehmen, mich mit meinem Laptop auf eine Terrasse mit Meersicht setzen, einen weiteren Bericht verfassen und mich dabei wie Hemingway oder Endo Anaconda* fühlen!

* Wer Endo nicht kennt ist selber schuld. Von ihm stammt übrigens der grosse Satz: Das Leben ist wie Snowboarden, entweder man kann es oder man kann es nicht!
Ich freue mich so auf den Winter!

Dienstag, November 01, 2005

wieder stabil


Mein Bereitschaftsdienst ist nach 30 Tagen endlich Vergangenheit und ich kann mich wieder an fixen Einsatzplänen orientieren und mein Privatleben auch dementsprechend organisieren.
Instabiler Monat nennt die Planung diese jährlich wiederkehrende Periode. Instabil wird aber vor allem das Gemüt.

Genug gejammert! Morgen stürze ich mich wieder in das reguläre Arbeitsleben und werde fleissig von Diesem und Jenem aus aller Welt berichten.

Bis bald!

Dienstag, Oktober 25, 2005

dépanneur

Meine Knochen sind noch steif und ich entsteige nach einem unruhigen Schlaf dem Hotelbett. Der Wecker zeigt 0517 Uhr, draussen ist es stockdunkel und ich stelle mit Genugtuung fest, dass ich über 9 Stunden geschlafen habe. Weder Montréal noch der Warmwasserboiler scheinen wach zu sein. Ich verschiebe meine Morgendusche auf einen späteren Zeitpunkt, blicke aus meinem Fenster auf die Stadt und sammle meine Gedanken.

Diese Stadt zu meinen Füssen muss man einfach mögen!
Montréal und die Schweiz verbindet so einiges. Im Jahre 1988 haben uns die Québécois Céline Dion hinübergeschickt, damit die Schweiz für einmal am Eurovision Song Contest den letzten mit dem ersten Platz tauschen konnte und wir übernahmen als Gegenleistung den arbeitslosen Formel 1 Rennfahrer Villeneuve ins Sauber Team. Letztes Jahr belagerten Eishockeysöldner aus der Stadt am Fusse des Mont Royal die Schweizer Stadien und heute spielt Mark Streit bei den Canadiens mit der Nummer 32.
Die Chemie zwischen Montréal und der Schweiz scheint zu stimmen. Speziell erwähnt werden muss die besondere Situation bei den Landessprachen. Montréal pflegt Französisch zu sprechen und das will akzeptiert werden. Als Schweizer hat man hier gegenüber anderen Gästen einen uneinholbaren Vorsprung. Selbst wenn man wie ich nach der ersten Lektion in der Sekundarschule das Interesse an der Sprache Molières verloren hat, wird nur schon der Versuch, den accent aigu richtig zu betonen, mit Wohlwollen belohnt.
Als Deutschschweizer, der wie mein Jahrgang mit dem Lehrbuch von Staenz (où est la clef - voici la clef – elle est ici…) gepeinigt wurde, ist die Sprachtoleranz der Einheimischen ein Segen. Nicht wie unsere Freunde aus dem Welschland, die bei einer Annäherung eines Deutschweizers sofort auf die superschnelle und unverständliche Variante des Französischen wechseln, gibt sich der Bewohner Montréals richtig Mühe, deutlich und l a n g s a m Antwort zu geben.

Innerhalb Kanadas können die Québécois aber richtig auf stur schalten. Gemäss einer Verordnung aus dem Jahre 1977 müssen sämtliche Beschriftungen in öffentlichen Gebäuden, im Strassenverkehr und an privaten Gebäuden strikte Französisch beschriftet werden.
So kaufe ich meine Wasserflaschen beim Dépanneur, der Autofahrer hält vor einem Arrèt und nicht vor einem Stopp Schild und sogar die Fastfoodkette KFC (Kentucky fried Chicken) musste innerhalb Québéc’s auf PFK (Poulet frit Kentucky) umgetauft werden. Irgendwie erinnern mich die Québécois an unsere Jurassier, die dieses Jahr den Unspunnenstein einmal mehr entwendeten und das Ungetüm damit unfreiwillig vor den Augusthochwassern retteten.

Bei dieser Liebe zu der eigenen Muttersprache verwundert auch nicht, dass selbst im ach so regulierten Luftverkehr innerhalb der Sonderregion nicht selten Französisch am Flugfunk zur Anwendung kommt. Doch auch hier haben wir Schweizer einen uneinholbaren Vorsprung. Hinter dem Mikrofon am Flughafen Pierre Elliott Trudeau sitzt nämlich ein weiterer Kulturexport aus Schweizer Landen. Während wir die Flugzeugnase Richtung Nordatlantik drehen, werden wir von einer weichen, weiblichen Stimme mit einem ‚tschau zäme, händ na en schöne Flug!’ in die dunkle Nacht entlassen. Noch bevor der Pulsschlag sich beruhigt, bin ich einmal mehr davon überzeugt, dass Montréal eine Reise wert und Züridüütsch eine Weltsprache ist.

Freitag, Oktober 21, 2005

ratlos

Als Pilot hat man immer eine Antwort bereit, das meinen zumindest die Passagiere hinten im Flieger. Auch wir sind alles andere als perfekt und stehen manchmal vor unlösbaren Problemen.
Es hat sich bewährt, mögliche Ereignisse und Zwischenfälle vorher durch den Kopf gehen zu lassen und verschiedene Lösungsansätze zu speichern.
Vorbereitung ist alles und darum versuche ich mir schon jetzt eine Strategie bereitzulegen, was ich bei der nächsten Einreise in die USA auf den landwirtschaftlichen Deklarationszettel schreiben soll.
Seit Jahr und Tag muss ich dem Einwanderungsamt des angeblich demokratischsten Landes der Welt beichten, ob ich in den vergangenen 14 Tagen auf einem Bauernhof war. Meine Antwort war in der Vergangenheit immer die Gleiche – NEIN.
Ich will nicht sagen, dass ich gelogen habe, aber ganz korrekt platziert war das Kreuz bei der Antwort nie. In meiner letzten Wohngemeinde logierte ich zwischen zwei Bauernhöfen und an meinem jetzigen Lagerplatz ist der nächste landwirtschaftliche Betrieb auch ohne Brille in Sichtweite.
Ein schlechtes Gewissen musste ich in der Vergangenheit trotzdem nicht haben. Schliesslich reisten verschiedenste eidgenössische Minister, Diplomaten und Bundesbeamte während der letzten Jahre in das gelobte Land und ich bin überzeugt, dass die wenigsten beim Einreiseamt der USA zugegeben haben, dass es im Bundeshaus von Bauern nur so wimmelt.

Aber seit heute ist alles anders. Bundesbern hat den Hühnern Hausarrest verordnet und das Legen von Freilandeiern unter Androhung der Todesstrafe verboten. Und genau hier beginnt mein Problem. Kurz nach Mittag degradierte Bern die Freilandhühner zu Stallhühnern und kurz vor Mittag habe ich beim Bauern noch 6 frischgelegte Freilandeier gekauft. Natürlich werde ich die herrlichen Naturprodukte weichgekocht geniessen und natürlich habe ich absolut kein schlechtes Gewissen dabei. Doch was sage ich dem kurzgeschorenen Einwanderungsbeamten in den Staaten und wo zum Henker soll ich mein Kreuzchen auf dem Deklarationszettel machen?
Fragen, wichtige Fragen bleiben unbeantwortet.

Zum Glück geht meine nächste Reise nicht nach Amerika und zum Glück habe ich noch ein paar Wochen Zeit, mir eine geeignete Strategie bereitzulegen. Vielleicht realisieren die Behörden bis dann, dass es auf dem Planeten noch viele andere ansteckenden Krankheiten gibt und entlassen die Hühner meines Nachbarn wieder aus der Beugehaft. GodverTAMIFLU!

Donnerstag, Oktober 13, 2005

Thromboserisiko bei Flugbesatzungen

Neulich erkundigte sich eine Fluginteressierte aus Deutschland in einem Internetforum nach dem Thromboserisiko bei Langstreckenpiloten und wie die medizinischen Verantwortlichen in den Firmen mit diesem umgehen bzw. ob wir auf Thromboseanfälligkeit untersucht werden.

Hier meine fundierte Antwort


Hallo Frau Petra

Nein, meines Wissens machen die Medizinmänner und -frauen mit uns keine Untersuchungen bezüglich Thrombose. Das heisst natürlich nicht, dass sich die Verantwortlichen in unserer Firma nicht um das Wohl von uns Flugzeugführern kümmern.

Diverse Programme wurden in der Vergangenheit eingeführt, um den Gesundheitszustand von Piloten im Allgemeinen und Langstreckenpiloten im Speziellen zu verbessern.


Crewbunk (Schlafkoje) A340

Obwohl die harte Unterlage anfangs unter den Besatzungen für Reklamationen gesorgt hat, sind die meisten der Luftkutscher heute von den angenehmen Nebenwirkungen der Nonstop-Akkupressur überzeugt und begeistert. Gerade die im Nierenbereich drückende Sicherheitsgurte regt die Tätigkeit des malträtierten Organes an und sorgt dafür, dass man alle 45 Minuten Wasser lösen kann.
Auch auf FL380 gelten die Gesetze von Murphy und so ist die Toilette in der Regel im Notfall durch ein sich schminkendes Flight Attendant besetzt. Die mindestens 15 minütige Wartezeit kann durch ein abwechslungsreiches Hüpfen vom linken auf den rechten Fuss verkürzt werden was wiederum einen positiven Effekt auf die Thromboseprävention hat.
Weiter neigen Piloten zu einer hypermobilen Nackenmuskulatur. Einerseits kommt das vom vielen Umdrehen beim Öffnen der Sicherheitstüre und andererseits vom Umschauen nach hübschen Frauen im Nightstop.
Auch hier ist die Firma mit einer rettenden Idee zur Hilfe geeilt. Neuerdings wird für 3 Piloten nur noch ein dünnes Kissen abgegeben, was wesentlich zur Wiederversteifung der besagten Nackenmuskulatur beigetragen hat.

Auch die Haut leidet unter den unnatürlichen klimatischen Verhältnissen in der Blechröhre. Passagiere der ersten Klasse pflegen ihr Leder mit einer Crème auf der Basis von Kaviar, während wir Besatzungen eine wesentlich effizientere und kostengünstigere Variante anwenden. Dank einer langen Evaluationszeit, konnte für den Crewbunk eine Decke mit einmaliger Beschaffenheit besorgt werden. Die rauhe Oberfläche sorgt für ein in der Qualität unnerreichtes Hautpeeling.
Den Mimosen unter den Piloten wurde ein Seidenschlafsack auf der Basis von PE abgegeben (mit grünem Punkt!).

Verpflegung

Als Langstreckenpilot kann ich mich wirklich nicht beklagen. Dank der Völlerei in der ersten Klasse und den damit verbundenen Essensresten, kann ich in der Regel die offizielle Verpflegung auslassen und die von den Passagieren nicht angetasteten Menues verdrücken. Das hat leider einen negativen Einfluss auf meinen BMI - wobei wir wieder beim gestiegenen Thromboserisiko wären.
Offiziell verdrücken wir Zwischenmahlzeiten von Nestlé. Kitkat fehlt genauso wenig wie das LC-1 Joghurt. Früchte wurden wegen den eingesetzten Schädlingsbekämpfungsmitteln auf ein Minimum reduziert und dafür Fertigsuppen aus dem Hause Knorr eingeführt.Wie jedes Kind weiss, sollen Passagiere und Besatzungsmitglieder viel Trinken. Wasser ohne Kohlensäure ist da die ideale Variante. Da Kohlensäure bläht, ist der Einsatz von Sprudel in einem 2-Mann Cockpit nicht ideal. Im 3-Mann Cockpit spielt dies wiederum keine Rolle - da kann man die dem Arsche entschwundenen Winde immer noch einem anderen anhängen.
Zuviel trinken ist aber auch nicht das Gelbe vom Ei. Mineralstoffe und Vitamine könnten in zu grossen Mengen aus dem Körper geschwemmt werden und die Piloten wären an der Destination noch müder als sie eh schon sind.
Darum werden seit geraumer Zeit dem Cockpit Produkte von den Phillipinen serviert. Dieses entkeimte und gefilterte Wasser ist für uns im Wasserschloss Europas lebenden Eidgenossen gelinde gesagt eine geschmackliche Zumutung, aber gute Medizin soll ja bekanntlich bitter schmecken.
All diese Massnahmen haben aber leider den Nebeneffekt, dass man nicht mehr weiss, ob der Dünnpfiff von der Mangoglacé in Bombay oder von den Bakterienkulturen im Joghurt stammt.

Arbeitsplatzergonomie

Der Tisch im Cockpit muss als Erstes erwähnt werden. Endlich sind wir Piloten den Flight Engineers gleichgestellt und können mit Stil speisen. Danke Airbus.

Im Cockpit fehlt es etwas an Ablagefläche, was bei einer 'paperless cockpit philosophie' auch nicht notwendig wäre. Noch nicht ganz paperless ist die Informationspolitik von oben. Aufgrund der vielen Bulletins (aus Spargründen doppelseitig und mit Schriftgrösse 4pt. bedruckt), muss der Papierkrieg gut organisiert werden. Das wiederum fördert die Aktivität was wiederum positiv für die Thromboseprävention ist.

Einen enormen Fortschritt bezüglich der Gesundheitsvorsorge wurde bei der Entwicklung des Toilettenstandortes geleistet. Ist beim A330 das stille Örtchen unmittelbar neben der Cockpittüre, wurde dieses beim A340 zwei Meter weiter hinten platziert. Das ergibt pro Toilettengang vier Meter mehr Bewegung - unnötig zu sagen, wie positiv sich das auf die Thromboseverhütung auswirkt!

Auch auf die zahlreich auftretenden Krankheiten wurde umgehend reagiert. Nach der letzten Maul- und Klauenseuche hat das Management umgehend gehandelt und auf den Einbau von bequemen, flauschigen Lammfellen auf den Sitzen verzichtet. Auch diese Massnahme stiess anfangs auf Widerstand im Corps. Doch heute sind sich praktisch alle einig, dass der Hitzestau im Rücken eine angenehme Abwechslung zu der chronisch unterkühlten Schulter ist.

Leider hat die schusssichere Cockpittüre so manche gut gemeinte Aktion zunichte gemacht. Es ist erwiesen, dass die Mobilität der Besatzungen im Flugzeug seit der Einführung des 'war against terrorism tool' markant abgenommen hat. Gerade für Cockpitbesatzungen wirkt sich das äusserst negativ aus.
Neben dem Bewegungsmangel wurde aufgrund der stark abnehmenden Cockpitsbesuche vereinzelt ein Einsamkeitssyndrom beobachtet. Um die Sozialkompetenz zu steigern und die Kommunikation im Cockpit anzuregen, haben die Airbusstrippenzieher zusammen mit diversen pädagogischen Hochschulen ein Konzept erarbeitet. Neuerdings kommentieren wir unsere Handlungen während der Checklistenarbeit 'aileron left - aileron right - neutral' und damit es nicht bei Selbstgesprächen bleibt, darf der Kamerad im Cockpit das Ganze mit einem lauten und deutlichen 'checked' bestätigen. Da die Massnahme noch relativ jung ist, kann über eine gesteigerte Kommunikationstätigkeit im Cockpit noch nichts genaueres gesagt werden.

Petra, wie du siehst, sind wir Flugzeugführer bei unseren Medizinmännern in guten Händen. Ich hoffe Dich genügend informiert zu haben und verbleibe.

Samstag, Oktober 08, 2005

he DU

Ich bin ein Anhänger von flachen Hierarchien. Dienstwege sind für mich wie Serpentinen in den Alpen, abkürzen macht Spass und bringt Zeitgewinn. Ausserdem bin ich der Meinung, dass Persönlichkeiten und nicht Rangabzeichen Achtung verdienen.
Natürlich hat mir diese Lebensphilosophie vor allem in meiner kurzen Militärzeit einiges an Ärger eingebracht. Interessanterweise störten sich ausschliesslich die unteren Chargen an meiner Haltung, während die hohen Herren den direkten Kontakt weitgehend schätzten. Für mich ein zusätzliches Indiz dafür, dass Dienstwege zum Abkürzen da sind.

Seit nunmehr 13 Jahren arbeite ich in einem Flugzeugrumpf. Praktisch alles wurde X-Mal neu erfunden, umstrukturiert, verschlimmbessert und den aktuellen Managertheorien angepasst. Nur zwei Sachen sind geblieben, das fast schon heilige rot-weisse Kreuz an der Schwanzflosse und das ‚Duzis’ unter den Flugbesatzungen.
Jetzt muss man aber wissen, dass dieser Umstand früher ganz und gar nicht üblich war. Am Anfang stand die Hierarchie über allem. Herr Kapitän war Gott näher als jedem anderen Besatzungsmitglied und ausschliesslich ihm war es vorenthalten, gewissen Untergebenen das DU anzubieten. Und dies lief, wie konnte es anders sein, nach streng vorgegebenen Ritualen ab.
Am ersten Abend stiess man mit dem Chef auf den gelungenen Start an, am zweiten Abend auf den schönen Sonnenuntergang, am dritten Abend auf die bevorstehende Surfstunde, am vierten Abend auf den guten Single Malt, am fünften Abend kam man sich näher, am sechsten Abend schloss man Freundschaft und am siebten Abend erfolgte dann der Adelsschlag – aus Herrn Kapitän wurde Hans, Sepp, Ruedi oder was auch immer.
Die Lebern wurden grösser, die Rotationen kürzer und der Respekt vor den Göttern der Lüfte sank.
Urplötzlich war es da das DU. Innerhalb der Aluminiumröhre fielen die Förmlichkeiten und die Stimmung wurde lockerer. Wer es genau eingeführt hat und warum es plötzlich da war, weiss ich im besten Willen nicht mehr. Aber es war da, nicht mehr wegzukriegen. Piloten wurden in Führungspositionen gehisst und erklommen die Karriereleiter im Unternehmen im Eiltempo. Und ehe man es sich bewusst wurde, war man mit dem halben Topmanagement per DU.

Nach einer unruhigen und unwirtschaftlichen Phase, wo eine Mischung aus Basler-Deig und fliegenden Holländern die Geschicke meiner Firma leiteten, sind jetzt die Preussen da und Preussen lieben Hierarchien. Ein enormer Systemwechsel für einen Romantiker wie mich! Gottseidank haben die Deutschen etwas studiert und uns einen Boss mit zwei Vornamen geschickt. Ruft man dem CEO einmal im Affekt durch die Gänge ‚He Franz’ zu, könnte dies auch als Mundartfassung von ‚Herrn Franz’ interpretiert werden.
Trotz allem, ich muss mich zwangsläufig wieder an Befehlsstrukturen gewöhnen und übe vorsichtshalber regelmässig die Achtungsstellung vor dem Garderobenspiegel. Es gibt leider auch schon Kapitäne, die ihre Transformation vom Sepp über den Herrn Kapitän zum Gott der Lüfte begonnen haben. Harte Zeiten stehen an!

Mittwoch, Oktober 05, 2005

Vorbereitung auf STBY Duty


Morgen Donnerstag, 0500 Uhr gilt es wieder ernst. Das Telefon muss eingeschaltet sein und ich werde zwölf Stunden lang sprungbereit da stehen, um bei Besatzungsengpässen für einen fehlenden Copiloten einzuspringen.
Wie in fast jedem Bereich des Lebens, kann durch gute Vorbereitung der Stressfaktor markant gemindert werden. So sind z.B. die Flugunterlagen für Reisen in alle Himmelsrichtungen bereit, die Copilotenstreifen schon am Uniformhemd und der Gillette Mach17 für die abendliche Rasur frisch geschärft.
Herbst ist nicht die schlechteste Zeit für Bereitschaftsdienst. Man muss weder mit arktischen Stürmen in Montreal noch mit saunakompatiblen Temperaturen in Jeddah rechnen. Das zu erwartende Temperaturband bewegt sich so zwischen 15°C in Boston und 40°C in Saudi Arabien und das macht das Packen der Koffer um einiges leichter.
Neben den Kleidern gehört natürlich auch das überlebenssichernde Zubehör in den Koffer. Literweise Anti-Mückenmittel für die Malariagebiete in Afrika sind ebenso ein ‚must’ wie Unterhaltungsmaterial für schlaflose Nächte in Japan.
Etwas erschwerend kommt dazu, dass in den muslimischen Gegenden der Ramadan begonnen hat. Grund genug die eingepackte Literatur vorsichtig zu überprüfen! Sittenwächter haben es besonders auf barbusige Bilder abgesehen. Als Lesestoff haben ich einen Roman von Martin Suter eingepackt. Süffig zu lesen ohne allzu süffige Illustrationen – der schlüpft sicherlich durch die Kontrolle der Religionspolizei. Weltwoche, Stern und die Zeit kommen erst Morgen an die Kioske und sind die grossen Unbekannten. Die deutschen Erzeugnisse befassen sich sicherlich noch immer mit der grossen Koalition und das hat weder im erotischen noch im eigentlichen Sinne etwas mit dem ähnlich klingenden Wort Koitus zu tun und sollte darum nicht in der Zensur hängen bleiben.
In der Weltwoche ist der einzig unanständige Artikel die Kolumne von Mörgeli und ich zähle jetzt einmal darauf, dass die muslimischen Gesetzeshüter dem Deutsch nicht mächtig sind und den Text nicht deuten können. Nicht vergessen darf man während des Ramadans die Ohrenstöpsel. Muslimische Geistliche haben das unangenehme Bedürfnis, in aller herrgottsfrühe – Pardon, mohammedsfrühe, von hohen Zinnen aus das Morgengebet zu verkünden. Klingt in meinen Ohren so unangenehm, wie für einen muslimischen Gast in unserem Land die allviertelstündlich erklingenden Kirchglocken.
Eine besondere Vorbereitung erfordert aber diesmal die Destination Miami. Seit das neue Gesetz in Kraft ist, das Bürgern erlaubt, sich mit aller Waffengewalt bei Bedrohung zu verteidigen, bezeichne ich nicht mehr die Malariamücke Anopheles als meinen Hauptfeind während meiner Arbeitszeit.
Wie soll ich mich bloss verhalten? Lese ich z.B. in einem Starbucks die Mörgeli Kolumne oder ein Mail vom Management und ärgere mich dabei grün und blau - ich könnte glatt von einer 45-er Magnum niedergestreckt werden. Jogge ich z.B. am Strand entlang und kann wegen dem mexikanischen Essen vom Vorabend meine übelriechenden Winde nicht zurückhalten - ein Vietnamveteran könnte einen Giftgasanschlag vermuten und mich mit einer Salve aus einer Uzi niedermähen.
Man stelle sich einmal vor was passieren würde, wenn ich am Abend in einem Restaurant einen Sekundenbruchteil zu lange in die Augen der Tischnachbarin schaue, die neben einem frustrierten SUV-Fahrer sitzt, dem gerade das Geld für den Treibstoff seines Vehikels ausgegangen ist. Mir wird Angst und Bange!
Das sind echte Probleme, für die ich im Moment keine Lösung bereithabe. Doch was mache ich mir Gedanken, Morgen geht gar kein Flug nach Miami und vielleicht bleibt das Telefon den ganzen Tag ruhig.

Mittwoch, September 28, 2005

alles etwas fremd



Die Arbeit hat mich nach drei Wochen Ferien wieder. Ich habe mich am Flughafen nicht verfahren, der Personalausweis hat an der Sicherheitsschranke noch funktioniert und die vielen Knöpfe im Cockpit kamen mir alle noch irgendwie bekannt vor.
Trotzdem ist der Gang zum Arbeitsplatz nach 21 schönen, nachtflugfreien Tagen seltsam anders. Der Crewbag fühlt sich schwerer an, die Krawatte schränkt die Bewegungsfreiheit ein und die Uniformhosen kratzen wie früher die tannigen Militärkleider.
Zum Glück heisst die erste Destination Hongkong - eine Stadt, die ich mittlerweile recht gut kenne und unbestritten zu meinen Lieblingsdestinationen zählt.
Doch auch nach der Landung fühle ich mich nicht recht wohl. Etwas hat sich auch hier verändert. Ich brauche lange, bis ich meine Sinne geordnet habe und erkenne, was mir an dieser Stadt heute so seltsam vorkommt. Logisch, es ist das Wetter! Schon lange nicht mehr habe ich es erlebt, dass es in dieser Metropole weder regnet noch stürmt. Keine Regenschirmkämpfe auf den Gehsteigen und endlich freie Sicht auf die oberen zwei Drittel der imposanten Wolkenkratzer.
Mein ganzer Tagesplan muss aufgrund des seltenen Ereignisses umgestellt werden. Statt im Schutz von tiefen U-Bahnschächten und roten Taxis, kann ich mich heute ganz ungezwungen und ohne Angst vor nassen Socken in den Strassen bewegen.
Durch die engen und geschäftigen Gassen spaziere ich zu meinem ersten Ziel, der Star Ferry. Gemütlich tuckert die Fähre, die vermutlich vor nicht so langer Zeit noch mit Dampf betrieben wurde, Richtung Hongkong Island. Nach dem Anlegen ist es mit der Ruhe vorbei, das Boot spuckt mich aus und ich kämpfe mich mit allen fairen und unfairen Mitteln durch die Menschenmasse beim Statue Square.
Viele Zweikampfsiege und einige Niederlagen später, besteige ich das Tram Richtung Causeway Bay. Tram ist wohl nicht die richtige Bezeichnung für dieses fahrende Museum. Es sieht eher aus wie eine aufgestellte Schuhschachtel und ist so schmal wie ein Smart aus der Schmiede von Mercedes. Ich bezahle den Museumseintritt, erklimme das obere Deck und versuche meinen Hintern im engen Holzsitz zwischen zwei älteren Chinesinnen zu platzieren. Personen mit meinem Körpergewicht sollten sich vermutlich aus Schwerpunktgründen eher auf der unteren Etage niederlassen. Ich ignoriere diesen physikalischen Grundsatz und warte gespannt auf die Abfahrt.

Es geht rasant los und wegen der Beschleunigung drückt es mich in meine neben mir sitzende Nachbarin hinein. Ein Lapsus, der in Amerika mit einer Klage wegen sexueller Belästigung geendet hätte, wird von der Einheimischen neben mir nicht einmal wahrgenommen.
Gespannt schaue ich auf die Strasse und in die engen Seitengassen. Aufregend, was man hier alles erblickt. Getrocknete, marinierte Hühner sind neben Fahrradreifen aufgereiht, warten geduldig auf Käufer und stinken vor sich hin. Geschäftigkeit, wo man hinsieht. Im Augenwinkel erspähe ich plötzlich eine fernöstliche Apotheke und erinnere mich an den Einkaufszettel, den ich von einer chinesischen Heilerin aus dem Engadin erhalten habe und im Rucksack mittrage. Dank viel Glück und Kampfgeist erreiche ich im letzten Moment den Ausgang und stürme zwischen den unzähligen Autos auf die Apotheke zu.
Die Gespräche verstummen, als ein zwei Meter grosser Riese mit blonden Haaren den chinesischen Laden betritt. Nachdem sich die Verkäufer vergewisserten, dass der Eindringling mit guten Kaufabsichten kommt und nicht im Sold einer europäischen Tierschutzorganisation steht, beginnt das Verkaufsgespräch auf Kantonesisch. Sofort halte ich dem Medizinmann ein paar fernöstliche Schriftzeichen vor die Nase und der Kerl verschwindet hinter einem Vorhang. Ich muss gestehen, dass ich mich zwischen den getrockneten und pulverisierten Körperteilen der verschiedensten Tierarten nicht besonders wohl fühlte. Nach einigen Minuten kam der Apotheker mit meinem Einkaufszettel aus dem Lager zurück und stellte mir ein paar Flaschen übelriechendes Massageöl vor die Nase. Auftrag ausgeführt, stehe ich wieder auf der Strasse und schwitze vor mich hin. Nach dem Besuch im bizarren Medizinladen war es wieder da, das Gefühl, dass alles etwas fremd wirkt.
Da hilft nur eines, so schnell wie möglich den nächsten Starbucks ansteuern, im unterkühlten Etablissement einen heissen grande Latte geniessen und die Gedanken wieder ordnen.

Montag, September 19, 2005

Osterweiterung

Die vielen Wander- und Velokilometer im Engadin scheinen Wirkung zu zeigen. Mühelos schraube ich mein Bike den steilen, letzten Anstieg zum Egelsee hoch und betrachte stolz meinen Quadrizeps, der sich kräftig unter der engen Radlerhose abzeichnet. Ich trete höhere Gänge als üblich und atme, dank der sauerstoffgesättigten Luft im Limmattal, praktisch mit Ruhekadenz.
Der höchste Punkt meiner kleinen Ausfahrt kommt näher und trotz übersäuerten Muskeln, bleibt mein Blick einen kurzen Moment an einer Gedenktafel hängen. Polnische Soldaten, die sich im 2. Weltkrieg auf der Flucht vor den Deutschen Streitkräften verlaufen haben, sind in unserem wehrhaften Land festgehalten worden und in ‚Kriegsgefangenschaft’ geraten. Die erwähnte Tafel erinnert die Spaziergänger und Biker noch 60 Jahre nach dem Krieg daran, dass die sogenannten Polenarbeiter ganz ohne Osterweiterungsverträge meine Trainingsstrecke buddelten. Unweigerlich denke ich an die Abstimmung vom kommenden Wochenende und steuere mein ‚Fully’ verschwitzt und mit viel Schwung in die enge Abfahrt hinein. Mein personalfreizügiges Gedankenspiel erweist sich, wie ich ein paar Hundertstelsekunden später bemerke, als fataler Fehler. Nur dank beherztem und gleichzeitigem Einsatz der Vorder- und Hinterbremse kann ich eine Kollision mit einem Rentner, der sich breitbeinig vor mich hinstellt, akrobatisch vermeiden. Noch während der sportliche Senior Luft holt um mich nach allen Regeln der Kunst masszuregeln, muss ich ab dem Erscheinungsbild des Waldbesuchers schmunzeln. Tirolerhut und Wanderstock fehlen genauso wenig wie aufklappbare Sonnenbrille und rote Socken. Das Lachen vergeht mir aber relativ schnell. Nicht die Bergpredigt des völlig zu recht aufgebrachten Pensionärs stimmt mich stutzig, sondern die heranrollende Verstärkung.
Augenblicklich versperren mir ein halbdutzend Wandervögel den rettenden Fluchtweg. „Hat dich der junge Velofahrer bedrängt?“ „Solche Rowdies gehören grundsätzlich nicht in den Wald und überhaupt, wieso arbeitet er nicht um diese Tageszeit?“ „Ist bestimmt ein Arbeitsloser oder sonst so ein Sozialschmarotzer!“ Von allen Seiten bombardieren mich die aufgebrachten grauen Panther und ich kann mich weder entschuldigen noch rechtfertigen.
„Wenn wir am Sonntag JA stimmen, dann ist ab nächster Woche der Wald voll mit solchen osteuropäischen arbeitslosen Velorasern!“, poltert der pfeifenrauchende Endsiebziger mit der dunkelgrünen Nylonjacke. Politische Parolen mitten im Wald, da muss ich einfach kontern. Argumente, Gegenargumente, Behauptungen und Unterstellungen – das Streitgespräch mit der Nachkriegsgeneration entpuppt sich schwieriger als ich erwartete. Selbst meine Feststellung, dass ich in 10 Jahren vielleicht froh sein werde in Polen arbeiten zu können, prallt an den Senioren ab. Erst als ich die Gruppe darauf aufmerksam mache, dass ja gerade die AHV-Bezüger um jede neue Arbeitskraft froh sein müssten, die unsere erste Säule mit Beiträgen füllen, kommt Dampf in die Diskussion. Nun ist es für mich höchste Zeit zu gehen. Die Wanderstöcke werden zu Waffen umfunktioniert und ich kann nur um Haaresbreite der aufgebrachten Menge entkommen.
Während der Abfahrt, die ich nebenbei in einem Höllentempo absolviere, frage ich mich, warum die ältere Generation die Tragweite der Abstimmung, bzw. die Folgen für die Schweiz nicht einsehen will.
Liegt es an der Propaganda? Vielleicht. Müsste ich den Wahlkampf für die Personenfreizügigkeit führen, würde ich statt intellektuellen Plakaten mit zweifarbigen Bäumen im SFDRS die Sendung Da Capo wieder aufleben lassen und in der Woche vor der Abstimmung jeden Nachmittag den alten Rühmann Schinken ‚ich denke oft an Piroschka’ einspielen. Vorteil der Kampagne: Die älteren Stimmberechtigten verlören die Angst vor den OsteuropäerInnen und ich hätte jeden Nachmittag den Wald ganz für mich alleine!

Mittwoch, September 14, 2005

ÄSSYUUWEE

Sie sind nicht mehr aus unserem Strassenbild wegzudenken, verstopfen die engen Gassen, brauchen gleich zwei Parkplätze und saufen Fässer voller Benzin. SUV oder ausgeschrieben Sport Utility Vehicle, nennen sich die aufgemotzten Geländewagen.
Sobald die Garagenzufahrt steiler als 2% ist, werden in den Familienräten die Budgets überprüft und über die Anschaffung eines dieser Wunderautos gesprochen. Endeten früher solche Diskussionen über Autokäufe häufig vor dem Scheidungsrichter, sind heutzutage die Frauen ganz und gar nicht abgeneigt, einen solchen Zivilpanzer zuzulegen.
Da wundert es einem auch nicht, dass der Coop Parkplatz am Vormittag aussieht wie an einem Treffen eines Geländewagenclubs im Berner Oberland. Meine Nachbarin hat einen, Elvira Colani hat einen, unser Gärtner hat einen (kann ich verstehen), mein Zahnarzt hat einen (kann ich nicht verstehen) und ich habe bald einen.
Ja, ihr habt richtig gelesen. Ich habe mich entschieden, nächstes Jahr eines dieser ÄSSYUUWEE’s zu kaufen. Auch ich werde älter und auch ich habe meine Bedürfnisse mich zu verwirklichen. Schliesslich mache ich nächstes Jahr den wichtigen Schritt vom UVI (unter vierzig) zum UHU (unter hundert). Was passt da besser, als einen SUV zu posten?
Mein bereits geordertes Gefährt ist bulliger, grösser, gewaltiger, angsteinflössender und schöner, als alles andere was bis anhin auf unseren Wegen herumfuhr. Schon sein Name zeigt, wie kraftvoll er daherkommt. Ransom 10 nennt sich die Neuheit, die erst nächstes Jahr auf dem Markt erscheint. Ransom, englisch für Lösegeld, verlangt nach einem schwarzen Outfit mit hochgelegten Achsen. Und genauso präsentiert er sich: Karbonschwarz seine Hülle, extrem lang seine Federwege, Equalizer-TC-Dämpfer und Power Stabilizer sorgen für nie da gewesene Federung, das Intelligent Rebound Valve unterdrückt das Wippen und ein multifunktionell verstellbarer Sitz sorgt für Komfort bei langen Fahrten.
Natürlich hat so ein Gefährt auch seine Nachteile. Über den Preis rede ich lieber nicht, schliesslich ist es quasi ein Geschenk an mich selber. Aber die Grösse des Vehikels bereitet mir etwas Kopfzerbrechen. Ich weiss noch nicht, ob es in den dafür vorgesehenen Abstellplatz hinein passt. Doch was mache ich mir Sorgen? Bis zum Eintreffen des Fahrzeuges schaue ich jetzt jeden Abend den Prospekt des amerikanischen Herstellers an und träume von den langen Ausfahrten im nächsten Frühling. Warum bloss haben Träume immer so lange Lieferfristen? Ich kann es kaum erwarten, dass ich mein neues Mountainbike durch die Wälder dirigieren kann! Ein echtes Sports Utility Vehicle eben!

Samstag, September 10, 2005

Sudoku

Meine Frau ist süchtig, viele meiner Kapitäne sind süchtig, Flight Attendants sind süchtig und Zeitungsmacher sind süchtig. Wo man hinschaut, versuchen sonst durchaus romantische und kommunikative Persönlichkeiten Zahlen hin und her zu schieben und erdulden während des Ausfüllens der Vierecke keinerlei Störung. Sudoku nennt sich das mir unbekannte Logikrätsel und fasziniert ausser meiner Wenigkeit Gross und Klein.
Ich verhalte mich wie immer, wenn ich einen Trend verschlafen habe. Im Moment befinde ich mich in der Phase der Ignoranz. Ich ignoriere einfach die Faszination des Spieles und gebe mich cool gegenüber der Anziehungskraft der Zahlenquadrate.
Das habe ich schon mit Erfolg in den 80er Jahren bei der Bancomatkarte, in den 90er Jahren beim Natel und letztes Jahr mit dem iPod durchgezogen. Diese Phase der Ignoranz ist ganz ok. Man fühlt sich überlegen, trendresistent und irgendwie abgeklärt.
Wie die Temperaturen im Frühling steigt dann irgendwann die Neugierde rapide an. Plötzlich bleibt der Blick an den Quadraten in der Zeitung hängen, die Spielanleitung wird überflogen, Leute beim Knobeln beobachtet, Nachbarn nach der Faszination gefragt und immer deutlicher darauf hingewiesen, dass man sich überhaupt nichts aus dem neuen Volkssport macht. Das nennt man die Phase der Transformation. Die Prinzipien siegen im Moment noch über die Neugierde und den Drang den neuen Trend auszuprobieren. In dieser kurzen Transformationsphase erklärt man zum Beispiel seinem besten Freund, der innerhalb Minutenfrist 200 Franken aus dem Geldautomaten bezieht, dass so eine unpraktische Plastikkarte nie den persönlichen Kontakt zum Schalterbeamten ersetzen kann und ein weltoffener Zeitgenosse grundsätzlich immer genügend Bargeld auf sich trägt. Oder man lobt die Vorteile der stinkenden Telefonkabinen gegenüber den aufdringlichen Mobiltelefonen, die sowieso viel zu teuer sind und die Umwelt mit Elektrosmog verpesten.
Die Zeit kommt, wenn selbst der Prizipientreuste einmal völlig blank vor einem geschlossenen Bankschalter steht, die einzige Telefonzelle weit und breit demoliert und die Busfahrt so langweilig ist, dass man sich nach ein bisschen Musik im Ohr sehnt. Die Phase der Rechtfertigung beginnt. Zum Glück bieten sich unzählige Gelegenheiten, wo sich die Vorteile der nicht mehr ganz neuen Trends offensichtlich zeigen und der Zweifler zumindest seine aufgeflammte Neugierde gegenüber den vorher verschmähen Gegenständen entschuldigen kann. Es ist die Zeitspanne, wo Bankomatkartenanträge diskret in der Mappe verschwinden, im Media Markt mit hochgeklapptem Kragen die Mobilfunkabteilung besucht und im Crew Bus voyeuristisch dem Flight Attendant auf dem Vordersitz zugeschaut wird, wie diese virtuos den iPod bedient.
Der Schritt zum Ausfüllen des Kartenantrages und zum Kauf des Mobiltelefones bzw. des iPod ist dann nicht mehr gross. Es beginnt die Phase der Inkonsequenz. Die Bancomatkarte verschwindet routiniert im Geldbeutel, das Handy wird benutzt als wäre es ein eigenes Körperteil und das weisse iPod Kopfhörerkabel hängt beim Gang durch die belebten Strassen lässig aus der Jeansjackentasche. Weder den Betroffenen noch das Umfeld stört dieser Wankelmut. Denn schon längst ist ein neuer Trend am aufflammen und der Prinzipienreiter kann neuerlich beweisen, wie resistent er gegenüber dem neusten Hype ist.Zurück zum Sudoku, weiterhin löse ich mit grossem Eifer die diversen Kreuzworträtsel und bin noch immer davon überzeugt, dass stupides Herumschieben von Zahlen dem anspruchsvolleren Suchen nach Synonymen und Wortwendungen total unterlegen ist. Liege ich falsch? Die nächsten Wochen werden es zeigen.

Freitag, September 02, 2005

einfach nur müde

Ich bin gelandet, ich bin müde, ich brauche Ferien, ich freue mich! Für drei Wochen habt ihr Ruhe vor mir, denn mein Traumferienziel hat weder Wireless noch Festnetzinternet - ein Paradies auf Erden! Wandernd und bikend werde ich mit meiner Frau durch die Wälder und über die Hügel ziehen und meinen Kopf auslüften. Nach drei fluglosen Wochen bringt mich der A340 dann wieder einmal nach Hongkong, wo es hoffentlich für einmal nicht regnet.
Meine wirren Gedanken werden nach den Ferien wieder ins Netz gestellt!
Haltet meinen Arbeitgeber in der Luft, fliegt Swiss :-)

Dienstag, August 30, 2005

ein Traum im Crew Bunk

„Ich bin müde, die Beine werden schwer, ich atme ruhig, der Lärm stört mich nicht, ich bin müde, die Beine sind schwerer, ……“ Autogenes Training scheint tatsächlich zu wirken und ich döse in meiner Zelle auf 10'000 Metern Höhe ein. Draussen ist es hell, die Flugzeugnase zeigt Richtung Tokio und ich kann die gestrige Medienattacke der Sonntagsblätter gegen uns Piloten in Ruhe verdauen. Schon bald beginne ich zu schnarchen und sitze kurze Zeit später in meinem Traum als Zuschauer inmitten eines Fernsehstudios. Der Regisseur rennt nervös durch den Raum und ein Countdown kündet an, dass die Diskussion zwischen dem Aviatikexperten (AE) und dem nationalen Airlinechef (the Boss) in Kürze beginnt.

AE: Sehr geehrter Herr X (Name dem Träumer bekannt), vielen Dank, dass sie in dieser hektischen Phase Zeit gefunden haben, sich meinen Fragen zu stellen.

The Boss: Keine Ursache Herr Y (Name dem Träumer bekannt), für Journalisten finde ich immer ein paar freie Minuten. Ich bin froh, dass ich in dieser turbulenten Zeit aus erster Hand informieren kann.

AE: Die Bilanzmedienkonferenz letzte Woche war ein ziemlicher Hammer. Schon wieder schreibt die Airline Verluste und schon wieder werden Kapazitäten und Personal abgebaut. Wo sehen sie die Hauptprobleme und wie wollen sie diese aus dem Weg schaffen?

The Boss: Der steigende Dollar und der explodierende Ölpreis machen uns sehr viel Sorgen. Einerseits werden durch die hohen Kerosinkosten alle unsere Sparmassnahmen zunichte gemacht und andererseits werden die meisten Ausgaben in der amerikanischen Währung getätigt. Beides Parameter, die wir leider nicht beeinflussen können.

AE: Das ist eine Bestandesaufnahme, die uns allen bekannt ist. Was sind aber auch Sicht eines Airlinemanagers die mittelfristigen Herausforderungen?

The Boss: Das grosse Handelsdefizit in Amerika und das damit verbundene Währungsrisiko treiben mir Sorgenfalten ins Gesicht. Die Weltwirtschaft läuft Gefahr, durch eine Dollarschwäche in eine tiefe Rezession zu stürzen. Denn vergessen sie nicht, die meisten unserer Einnahmen fallen in amerikanischen Dollars an.

AE: Jetzt bin ich aber verwirrt. Soll jetzt der Dollarkurs aus ihrer Sicht sinken oder steigen?

The Boss: Es kommt drauf an.

AE: Auf was kommt es an?

The Boss: Fragen sie meinen Finanzchef!

AE. Zum Personal und im Speziellen zu ihrem Pilotenproblem. Gemäss gut unterrichteten Kreisen haben die Verhandlungen für die neuen Einsatzpläne, sie nennen das Rotationen, letzte Woche mit einem Eklat geendet. Was genau ist passiert?

The Boss: Es ging um den Flug nach New York. Wir kamen trotz substanziellen Angeboten unsererseits auf kein akzeptables Verhandlungsergebnis.

AE: Bitte klären sie uns auf!

The Boss: Die Pilotengewerkschaft wollte auf keinen Fall auf unsere Forderung eingehen. Obwohl wir quasi als Goodie einen langen und einen kurzen Aufenthalt vorschlugen, beharrten die arroganten Piloten stur auf der jetzigen Rotation, was Mehrkosten in Millionenhöhe zur Folge hat.

AE: Erklären Sie uns bitte die 3 verschiedenen Modelle genauer.

The Boss: Heute verschwindet die Crew nach dem kurzen Flug über den Atlantik in Manhattan für eine Nacht in einem teuren Hotel und vergnügt sich mit den von der Firma bezahlten Spesengeldern in der Weltstadt. Zukünftig, so unsere Forderung, sollen die Crews nach einem kurzen Aufenthalt von 1 – 2 Stunden den Rückflug in die Schweiz antreten. Damit auch die soziale Komponente nicht zu kurz kommt, haben wir als Goodie den sogenannten ‚langen New York’ vorgeschlagen. Die längere Bodenzeit ermöglicht es den Crewmitgliedern, den Duty Free zu besuchen oder bei Mc Donalds etwas reinzuhauen.

Es schüttelt etwas, ich drehe mich unruhig im Crew Bunk, beginne zu schwitzen, schlafe und träume aber glücklicherweise weiter. Die Fernsehsendung in meinen Träumen geht weiter….

AE: Aber Herr X (Name dem Träumer bekannt), das gäbe ja Einsatzzeiten von gegen 20 Stunden! Ist denn das noch sicher?

The Boss: Andere Airlines wie Singapore oder Emirates fliegen heute schon Strecken mit ihrem A340-500 von fast 18 Stunden ohne Pause. Für unsere Crews gäbe es in New York einen Unterbruch und frische, motivierte Passagiere für den Rückflug. Es ist ja eh fast alles automatisch in den modernen Cockpits von heute.

AE: Die Gewerkschaften geben sich kämpferisch. Neben den üblichen Drohgebärden wurde auch noch die Unterschriftensammlung ‚30 STUNDEN ZEITVERSCHIEBUNG PRO MONAT SIND GENUG’ lanciert. Haben sie ihre Personalverbände noch im Griff?

The Boss: Die spielen nur mit den Muskeln. Jeder der Piloten und Flight Attendants will in der Firma bleiben. Wer einen Job hat, ist glücklich und glückliche Piloten bzw. Flight Attendants leisten gute Arbeit, selbst bei Flügen über 20 Stunden.

AE: Wir kommen langsam zum Schluss der Sendung. Noch eine letzte Frage an sie Herr X (Name dem Träumer bekannt): Den Piloten weht einmal mehr ein steifer Wind aus der Presselandschaft ins Gesicht. Solche Negativschlagzeilen beschäftigen die Könige der Lüfte natürlich und können hie und da auch mal zu einer schlaflosen Nacht führen. Was geben sie den Flugzeugführern für einen Tipp mit auf den Weg beim Umgang mit der Presse?

The Boss: „Streite nie mit einem Idioten, er zieht dich auf sein Niveau hinunter und schlägt dich mit seiner Erfahrung!“

Schweissgebadet erwache ich - zum Glück war das nur ein böser Traum. Meine Uhr zeigt mir, dass ich in Kürze meinen Dienst antreten muss und in etwa 8 Stunden die Kiste auf der kurzen Piste in Narita landen darf. Kurz ist die Piste wirklich. Gemäss Tabellen brauchen wir 2050m um den Airbus zu stoppen. Die Piste ist 2160m lang, ich habe also ziemlich genau 110m Reserve, vorausgesetzt ich lege eine Punktlandung hin. Klingt ein wenig nach Heldentum, ist es aber nicht. Helden flogen vor 30 Jahren, stiegen nach 6 Stunden Flugzeit aus, liessen sich im Hotel verwöhnen um dann am nächsten Tag frisch die Weiterreise anzutreten. Früher war das Personal ein Erfolgsfaktor, heute sind wir nur noch Kostenfaktor. Ich schalte jetzt meinen kleinen Compi aus, gönne mir einen Espresso und schaue etwas verträumt in die Weite der sibirischen Steppe hinaus. Die Manager können mir gestohlen bleiben, wir haben trotz allem noch einen schönen Job und sind ein klein bisschen Helden, wenn nur ein klein bisschen.

Sonntag, August 21, 2005

Formel 1 in Hongkong

Nicht einmal die Einheimischen sind sich einig, ob es seit meinem letzten Besuch in Hongkong je einmal aufgehört hat zu regnen. Die Strassen sind nass, die Gehsteige wie immer voll von regenschirmtragenden Chinesen und ich pflege seit gestern wieder einmal die vielen blauen Flecken, eingefangen bei den unzähligen Kollisionen mit zu tief montierten Reklametafeln.
Wie in jeder Stadt unseres Planeten stellt sich bei solchem misslichen Wetter natürlich die Frage, was man mit der freien Zeit an einem verregneten Sonntag anfangen soll?
Für einmal habe ich mich entschlossen, es meinem Nachbarn zuhause gleichzutun und mich der Formel 1 zu widmen. Ich möchte das Rennen allerdings nicht am Fernseher als Zuschauer erleben, sondern heute ein Teil dieser Herausforderung sein.
Erwartungsvoll warte ich an der Bushaltestelle auf der gegenüberliegenden Seite des Hoteleingangs auf meine Rennbolide. Wenige Minuten nach meinem Eintreffen biegt der Bus mit der Startnummer 973 auf das Startgelände ein. Bevor ich den fahrenden Untersatz erklimme, werfe ich noch schnell einen Blick auf meinen Rennwagen. Die Serviceleute scheinen sich heute trotz regennasser Strasse für die profillosen Reifen entschieden zu haben. Ein mutiger Entscheid, den ich als Sportsmann natürlich akzeptiere. Ich werfe mich geistesgegenwärtig vor den Eingang des Busses und dank meiner Schnelligkeit, meiner Erfahrung und meines frühen Eintreffens, ergattere ich die Pole Position im Doppeldecker.
Ich sitze im ersten Stock ganz rechts - es kann losgehen! Der Fahrer teilt meine Ansicht und tritt kräftig auf das Gaspedal. Erste Positionskämpfe finden auf der vielbefahrenen Nathan Road statt und zu meiner Freude gehen wir aus den Duellen praktisch immer als Sieger hervor.
In voller Fahrt jagt der Bus Richtung Western Cross Harbour Tunnel. Eine Schikane (Radarkasten), zwingt den Fahrer zu einem akzentuierten Bremsmanöver. Wieder wird beschleunigt und der Kassenwart der Zahlstelle wird von unserem Fahrtwind beinahe aus seinem Sitz geblasen. Konzentriert erklimmt der Fahrer nach ereignisloser Durchquerung des Tunnels mit seinem breiten Gefährt die steilen Serpentinen hinauf zum Victoria Peak. Mit lauten Rufen versuche ich den Doppeldeckerpiloten vor jeder Reklametafel zu warnen. Es scheint zu nützen, wir können Schaden verhindern. Wo es raufgeht, geht es auch wieder runter. Ein Naturgesetz, das nur am Malojapass nicht zu gelten scheint. Der Fahrer beschleunigt und ich beginne trotz der Airconditioning aus allen Poren zu schwitzen. Bäume schmücken die steil abfallende Strasse auf beiden Seiten und derer Äste knallen im Sekundentakt an die Scheibe neben meinem Kopf. Dann plötzlich eine Vollbremsung - ach so, ein Rondell - schnell den Vortritt verweigern und wieder Vollgas. Die Reifen verlieren die Haftung zu meiner Freude nicht und die Leitplanke auf meiner Seite, die vor dem Sturz ins tiefe Tobel schützt, bleibt unversehrt. Aberdeen kommt näher und der zunehmende Verkehr zwingt den Fahrer zu einem gemässigteren Tempo. Die Erholungszeit ist knapp, wieder eine Serpentine und wieder das Knallen von Ästen. Noch 2 Kilometer nach Stanley - noch 3 Minuten Adrenalin. Der Busfahrer gibt alles und freut sich nach der Zieldurchfahrt über die erreichte Zeit. Erleichtert und durchnässt verlasse ich zusammen mit den anderen Buspassagieren die Rennbolide und freue mich, noch am Leben zu sein. Ich fühle mich in meiner Annahme bestätigt: Selber ein Formel 1 Rennen bestreiten, ist wesentlich aufregender, als chipsessend vor dem Fernseher das monotone Geschehen über sich ergehen zu lassen. Ich bin übrigens trotz Sturm und hohem Wellengang im Schiff nach Central zurückgefahren…..

Samstag, August 13, 2005

Schlaraffenland

Südafrika verbinde ich unweigerlich mit gutem Essen, gehaltvollem Wein und gemütlichen Tischrunden im Butcher Shop gleich neben dem Hotel. Es gibt sie hier noch, die riesigen T-Bone Steak, die kaum auf den Teller passen und soviel kosten, wie bei uns der Tomaten-Mozzarella Salat als Vorspeise.
Dazu werden jeweils gartenfrisches Gemüse und ein mit wenig Knoblauch gewürzter Kartoffelstock serviert. Bei grossem Appetit empfiehlt es sich, den einmaligen Spinat, angerichtet in einem Blätterteigbett, als zusätzliche Beilage zu bestellen. Damit der Gaumen nicht austrocknet, gönnt sich der Gast eine Flasche lokalen Rotweines und zum Dessert einen Dépéro aus heimischer Produktion.
Wenn die Qualität stimmt und die Preise so tief sind, sind die Airlinecrews nicht weit. Der Wirt dankt den Besatzungen die Treue mit gratis Wein oder anderen netten Überraschungen - ein Schlaraffenland!
Hat man die Schwelle zum 40. Altersjahr überschritten oder ist wie ich kurz davor, kommt unweigerlich die Frage nach den Nebenwirkungen solcher Eskapaden auf. Vorbei sind die Zeiten, als man um das Gewicht zu halten einfach ein Zusatztraining einschalten konnte. Als gewichtsbewusster Enddreissiger bin ich so quasi im dauernden Übertraining.
In der Vergangenheit konnte ich mich, dank einer guten Balance zwischen Fressorgien und Spitzensport, in einer gesunden Gewichtsbandbreite bewegen. Doch seit der Ölpreis rasant steigt und unser A340 etwas weniger, sind Übergewicht und der damit verbundene Mehrverbrauch von Kerosin zur überlebenswichtigen Frage der Fluggesellschaften geworden. Ein Crewmitglied ist gemäss internen Vorschriften inklusive Gepäck 90 kg schwer. Stehe ich auf die Waage, nackt und mit geschnittenen Zehennägeln, zeigt das Ding aus deutscher Produktion eine dreistellige Zahl an. Jetzt kommen noch die Uniform, der hässliche Hut, die vielen Pins, meine zahlreichen BAZL-Lizenzen, die zwei Pässe, Flugunterlagen, Notebook, iPod, Fotoapparat, Zeitungen, Kleider, Schuhe Grösse 48, nochmals Schuhe Grösse 48, der Samsonite-Koffer und das Handy dazu.
Meine Waage stoppt bei 130 kg. Ich schätze, dass ich zusammen mit der gesamten Ausrüstung gegen 150 kg wiege – vor dem Essen versteht sich. Sechzig Kilogramm über dem Sollgewicht, ich habe ein schlechtes Gewissen! Zugegeben, wenn ich trotz täglichem Sport nach dem Duschen in den Spiegel schaue, erkenne ich Ansätze von kleinen Pölsterchen an den Hüften. Natürlich erscheinen diese wegen meiner gut trainierten schrägen Bauchmuskulatur etwas grösser, aber es wäre gelogen, wenn ich behaupten würde, dass es sich hier nicht um Fett handelt.
Ein Griff in die Fachliteratur soll zeigen, ob mein leichtes Übergewicht gesundheitsschädigend ist. Studierte Gesundheitsapostel haben den so genannten ‚Bizeps-Michelin-Index (BMI)’ ins Leben gerufen. Anhand von diesem Index kann man seine Proportionen einer bestimmten Gruppe zuordnen und auf einen Blick sehen, ob und wie stark man übergewichtig ist.
Ich beginne also zu messen. Mein Bizeps misst dank Werni Kieser stolze 39 cm im Umfang. Auch der Michelinwert ist schnell bestimmt. Im Sitzen sehe ich bei mir zwei Würste am Bauch. Der Untere gross und der Obere etwas kleiner. Während der Untere voll ausgebildet ist, darf der Obere nur zu ¾ gezählt werden. Ich teile also den Bizepsumfang von 39 cm durch die 1.75 Michelin und erhalte einen Wert für meinen BMI von 22.3. Ein Blick in die Literatur zeigt schnell, dass ich mit diesem BMI als absolut normalgewichtig gelte!
So kann ich heute Abend in Johannesburg sorgenfrei mein halbes Rind geniessen und nächste Woche ohne Angst vor einem Rüffel beim ärztlichen Dienst auf die Waage stehen. Denn Zahlen und im speziellen Indizes lügen nie, dass habe ich bei den Buchhaltern der alten Swissair gelernt!

Sonntag, August 07, 2005

global identity

Fliegen wird nach 13 Jahren irgendwie zur Routine. Damit meine ich nicht unbedingt das Handwerk als solches, sondern die Aufenthalte in den verschiedenen Ländern. Die Bettüberwürfe sind dank rigoroser Durchsetzung der ‚Corporate Identity’ in allen Hiltons auf der Welt einheitlich, das Angebot der gezapften Biere in den Hotelbars über den Globus verteilt gleicht sich fast aufs Haar und selbst bei den aufgelegten Zeitungen in der Lobby scheint man sich global geeinigt zu haben.
Und trotz oder gerade wegen dieser versuchten Standardisierung stechen die kleinen lokalen Ausnahmen ins Auge. Hier in Muskat, wo ich übrigens zum ersten Mal meine Zelte aufgeschlagen habe, gehört zu den lokalen Eigenheiten natürlich der Charme aus 1001 Nacht. Die Frauen sind auch muslimischen Glaubens, haben aber im Gegensatz zu ihren arabischen Geschlechtsgenossinnen einiges mehr an Freiheiten. Es gibt sie auch, die bis auf einen kleinen Sehschlitz vermummten Wesen der strenggläubigen Kaste, aber die meisten weiblichen Geschöpfe verstecken ihre Gesichtszüge wie die westlichen Artgenossinnen hinter Sonnenbrillen, die sich windschlüpfrig der Kopfform anpassen und in ihrer Grösse an Motorradhelmvisiere erinnern. Scheint ein Modediktat dieses Sommers zu sein, quasi eine ‚Fashion Identity’.
Eine angenehme Überraschung erlebte ich heute Morgen beim Frühstücksbuffet. Normalerweise sind diese Orte der Völlerei bis ins Letzte reguliert. Der gestresste Businesstraveler soll auf der ganzen Welt die gleichen Eierspeisen geniessen können und die Konsistenz des Frühstückgetränkes muss international völlig identisch sein. Die Qualitätsvorlage gab hier das amerikanische Filtergebräu, das nur dank der Farbe annähernd an Kaffee erinnert. Diese globale ‚Breakfast Identity’ garantiert, dass die Tabletten der Manager gegen Sodbrennen überall auf dem Planeten zuverlässig wirken.
Jetzt zu der angenehmen Überraschung heute Morgen. Als ich mich routiniert dem Buffet näherte, kam ich plötzlich ins Stocken. Vor mir lag ein Tablett mit Gipfeli, die mich an meine Kindheit erinnerten. Von Hand gebogene Teigrollen, alle mit unterschiedlicher Grösse und Kurvenradius, lagen schön präsentiert in Griffweite. Ich zögerte nicht lange und legte zwei der leckeren Frühstücksgebäcke auf meinen Teller.
Vor dem ersten Biss hielt ich inne und schloss die Augen. Ich führte die gekrümmte Teigrolle langsam zu meinem Mund und biss erwartungsvoll zu. Keinen Augenblick wurde ich enttäuscht. Wie bei einer Weindegustation verteilte ich die Teigmasse langsam in meiner Mundhöhle und versuchte die verschiedenen Geschmacksrichtungen zu ergründen. Exzellent im Gaumen, gut in der Konsistenz und überwältigend im Abgang, so würde dieses Teigprodukt wohl an einer Degustation charakterisiert.
Dieser einmalige Geschmack und die eigenwillige Form sind natürlich ein schwerwiegender Verstoss gegen die von Freddy Hiestand ins Leben gerufene ‚Gipfeli Identity’.
Und plötzlich verstehe ich, warum die Touristen bei Temperaturen von 40 Grad und einer Luftfeuchtigkeit von annähernd 100% dieses Land bereisen. Es sind nicht die Strände, es ist nicht der Sonnenschein, nicht das blaue Meer und schon gar nicht der Sand, es ist das in der Schweiz nicht mehr vorhandene Bäckerhandwerk, dass die Reisenden aus purer Sehnsucht in diesen Glutofen zieht. Etwas gewagt meine Theorie, aber ich finde sonst keine Erklärung für die Qualen, denen sich Touristen bei diesen klimatischen Bedingungen aussetzen. Was Hiestand mit den Bäckern schaffte, versuchen jetzt die Airlinemanager in Europa mit den Piloten. Die neue ‚Flying Identity’ heisst weniger Lohn, höhere Produktivität, weniger Freitage, mehr Zeitverschiebung, weniger Ruhezeit und grössere Flexibilität. Das Resultat wird ähnlich sein wie bei den Gipfeli: Das Produkt wird vereinheitlicht, die Qualität sinkt, jeder Tankstellenwart kann das ehemalige Qualitätserzeugnis anbieten und Fachkräfte ziehen an den Golf nach Dubai, Abu Dhabi oder Muskat.
Trotz Gipfeli aus 1001 Nacht, einer mietfreien Villa, einem Captainsitz auf dem A330/340, gutem Lohn, Steuerfreiheit, gratis Krankenkasse und Aussicht auf das stahlblaue Meer, schlage ich die Offerte einer Fluggesellschaft vom Golf aus und bleibe der Schweiz treu. Ich habe die Hoffnung noch nicht aufgegeben, dass in ferner Zukunft das Brot in der Schweiz wieder mit Hefe statt mit irgendeinem chemischen Treibmittel gebacken wird und die Gipfeli schmecken wie am Frühstücksbuffet in Muscat.

Montag, August 01, 2005

Ansprache zum Nationalfeiertag

„Sehr geehrte Circlemember, geschätzte Erstklasspassagierinnen und Erstklasspassagiere, liebe Travelclubmitglieder, verehrte Businessklassgäste, werte Qualiflyermitglieder, Passagiere in der Holzklasse, Kolleginnen und Kollegen - es ist mir eine besondere Ehre, sie alle heute am 1. August auf diesem Flug zwischen Tokyo und Zürich begrüssen zu dürfen. Wir alle haben das Privileg, den Nationalfeiertag der Eidgenossenschaft wegen der Zeitverschiebung sieben Stunden länger geniessen zu können. Ich möchte daher die Gelegenheit am Schopf packen und die sonst so langweilige Ansage aus dem Cockpit für einmal etwas anders gestalten.
Passagiere, die jetzt versuchen statt meines Geschwätzes einen Musikkanal aufzuschalten, muss ich leider enttäuschen. Die Mitteilungen aus der Führerkabine haben absolute Priorität und können nicht ausgeblendet werden. Dafür beneiden mich Pfarrer als auch Politiker. Pfarrer, weil sie kaum 220 Seelen zusammen bringen und Politiker, weil mir die Zuhörer nicht davonlaufen können.

Ich habe mir lange überlegt, was ich zum Thema meiner ersten 1. August Ansprache wählen soll. ‚Politische Öffnung’ ist heute an den verschiedenen Höhenfeuern, verteilt über die ganze Schweiz, sicherlich ein grosses Thema. Aus Rücksicht auf einige konservative Passagiere, möchte ich auf dieses Thema nicht weiter eingehen. Sie werden heute Abend in den Gemeinden noch genügend Zeit haben, sich mit politischen Gegnern zu messen und zünftig zu raufen.
Bei der Themensuche für meine heutige Ansprache, habe ich zeitgemäss auf dem Internet recherchiert. Wer zum Beispiel ‚1. August’ im online Lexikon ‚Wikipedia’ eingibt, bekommt einen ganzen Berg von Informationen.

Apropos Berg, vor genau 150 Jahren bestieg eine Gruppe Engländer unseren höchsten Gipfel, die Dufourspitze im Wallis. Im Eintrag steht da: ‚Die Erstbesteigung unter der Leitung von Charles Hudson fand am 1. August 1855 statt. Zwei Bergführer aus dem Wallis bahnten den Engländern den Weg.’ Mit anderen Worten machten zwei Einheimische, an einem Eidgenössischen Feiertag wohlverstanden, die Arbeit und andere strichen den Lohn ein. Da soll mal einer sagen, dass Bergsteigen keine politische Dimension hat!
Einige Zeilen weiter unten dann ein Eintrag, der unsere weiblichen Passagiere in der Businessklasse freuen dürfte. Haben sie gewusst, dass der Vorgänger ihres drei Tonnen schweren Freizeitgefährtes, der Jeep, heute Geburtstag hat? Er wurde am 1. August 1941 zum ersten Mal produziert.

Ich komme etwas von Thema ab. Unser Land, unsere Heimat, unsere Eidgenossenschaft hat heute etwas zu feiern und das gehört gewürdigt! Sind wir denn die Einzigen? Die Antwort heisst klar und deutlich NEIN. Neben dem kleinen Land Schweiz hat auch die kleine Republik Benin Geburtstag. Die ehemalige französische Kolonie Dahomey wurde 1960 von den Franzosen in die Unabhängigkeit entlassen. Bei der Vorstellung der Landes auf der besagten Internetseite, springt als erstes der Wahlspruch des zwischen Nigeria und Togo liegenden Landes in Westafrika ins Auge: ‚Fraternité, Justice, Travail’. Fast unglaublich diese Verwandtschaft zu Helvetien!
Benin hat noch mehr Gemeinsamkeiten mit der Schweiz. Beide haben etwas mehr als 7 Millionen Einwohner, beide sind in der gleichen Zeitzone, beide haben eine wunderschöne und abwechslungsreiche Natur und beide wurden von den Franzosen in früheren Jahrhunderten erobert. In Benin fiel die ‚Grande Nation’ gegen Ende des 19. Jahrhunderts ein und bei uns so um 1798. Aus der alten Eidgenossenschaft wurde damals die Helvetische Republik, etwa 5 Jahre später verordnete Napoleon in der Mediationsakte eine neue Verfassung und gab der Schweiz weitgehend ihre Autonomie zurück. Wir feiern also heute quasi etwas, dass es seit über 200 Jahren nicht mehr gibt.

Bevor wir zum Höhepunkt meiner Ansprache kommen, möchte ich noch darauf hinweisen, dass trotz des heutigen Nationalfeiertages das Abbrennen von Feuerwerk an Bord des Flugzeuges strengstens untersagt ist. Liebe Kinder, habt noch etwas Geduld. Nach der Landung in Zürich könnt ihr eure Frauenfürze knallen lassen. Der Flug dauert nur noch etwa 11 Stunden.

Und jetzt zum angekündigten Höhepunkt. Wir werden unter Leitung von unserer musikalisch begabten Erstklass-Hostess den Schweizerpsalm durchstrophen. Schweizer Passagiere finden den Text auf Seite 89 des Bordmagazines und für unsere japanischen Gäste hat es auf Kanal 39 des Unterhaltungssystemes eine spezielle Karaoke Animation. Da wir leider zurzeit eine Zone mit etwas unruhiger Luft durchfliegen, bitte ich sie während der Landeshymne nicht aufzustehen. Jetzt bleibt mir nur noch ihnen, sehr geehrte Circlemember, geschätzte Erstklasspassagierinnen und Erstklasspassagiere, liebe Travelclubmitglieder, verehrte Businessclassgäste, werte Qualiflyermitglieder, Passagiere in der Holzklasse, Kolleginnen und Kollegen, einen schönen Nationalfeiertag zu wünschen.“

„Trittst im Morgenrot daher, seh'ich dich im Strahlenmeer, dich, du Hocherhabener, Herrlicher! …………………………….“

Dienstag, Juli 19, 2005

das halbjährliche Ritual

In Brasilien ist Winter und Brasilien friert. Draussen auf der Geschäftsstrasse Paulista haben sich die Geschäftsleute die Jacken bis zum Hals zugeknüpft und drinnen im Café Bella Paulista laufen die heissen Getränke wesentlich besser als der Caipirinia.
Mir ist das eher kühle Wetter gerade recht. Nach der Schwitzerei in der Schweiz geniesse ich es, wieder einmal einen langen Pullover und eine dicke Jacke anzuziehen.
Zum Herumlungern in der Stadt hätte ich heute sowieso keine Zeit gefunden. Mein halbjährlicher Simulatorcheck steht an und die Materie will gelernt werden. Vor mir lagen also bis vor einer Stunde zwei dicke Schinken, beide gegen 10 cm dick auf den Hoteltisch und beschäftigten mich intensiv. Obwohl der Airbus, wie böse Zungen immer wieder behaupten sogar von Affen geflogen werden kann, braucht es auch bei diesem Flugzeug Bedienungsanleitungen. Geschlagene sechs Stunden quälte ich mich durch die verschiedenen technischen Kapitel und frischte mein Wissen in den verlangten Bereichen auf. Nicht dass ich mich beklage, aber in Brasilien gäbe es spannenderes zu machen……
Als die Konzentration abnahm, wagte ich mich an den handwerklichen Teil meiner mitgebrachten Pendenzen. Im firmeneigenen Postfach fanden sich wieder einmal zwei Pins für die Uniform. Auch das ist in der Zwischenzeit ein halbjährliches Ritual geworden.
Neues Management, neuer Korperationsvertrag, neuer Namen, neue Strategie, neue Sparrunde und immer gibt es den passenden Pin dazu, der dann wie im Begleitschreiben vermerkt ‚uniformgerecht am Jackett angebracht werden soll’.
Hätte ich alle Instruktionen kritiklos befolgt, sähe ich heute aus wie ein mit Orden behängter russischer Veteran an der 1. Mai Militärparade auf dem roten Platz in Moskau. Zu Beginn meiner Fliegerkarriere gab es einen schlichten Swissair-Pin. Bald darauf fand ich im Postfach den Qualiflier-Pin gefolgt vom TQL-Abzeichen (total quality leadership – ein internes Programm das die interne Qualität verbessern sollte).
Zum Glück feierte zwischendurch unsere Gewerkschaft einen runden Geburtstag und wir erhielten einen weiteren Anstecker, den wir gefälligst mit Stolz zu tragen hätten. Unsere Kolleginnen von der Kabine wollten uns in keiner Weise nachstehen und kreierten kurzerhand einen Metallschriftzug mit der Aufschrift Kapers. Sabena kam dazu, LTU folgte, LOT und die französische Airline wurden übernommen und Austrian Airlines verärgert. In Südafrika kaufte Bruggisser die ganze Bodenabfertigung und unsere Gewerkschaften zelebrierten weitere Jubiläen. Und wer es glaubt oder nicht, zu fast jedem Anlass gab es einen neuen Pin.
Das Grounding der Swissair brachte dann eine Beruhigung an der Anstecker-Front. Das Geld fehlte sowohl für das Metall als auch für das Papier um die Montageanleitung mit passender Vermassung zu drucken.
Doch gerade in dieser Zeit hätten wir Angestellten Anerkennung gebraucht. Für die seelischen Verletzungen und die Diffamierungen von Mosers Sepp stünde uns das purple Heart für unsere im Wirtschaftskrieg erlittenen Wunden zu. Weiter wäre es gerechtfertigt gewesen, uns Angestellten für die verspekulierten Pensionskassenvermögen einen 18-karätigen Pin mit der Zahl 92, dem nach den gewagten Finanztransaktionen noch vorhandenen Deckungsgrad, an die Brust zu heften.
Die Anerkennungen blieben aus, die Wunden verheilten und das Sparziel meines Pensionskassenvermögens stagniert wegen der Affäre zwischen einem Hedge Fond und meinem Vermögensverwalter für immer auf einem tieferen Niveau.
Viel Zeit ist vergangen und ich bin in einer neuen Firma, die ganz dem Trend entsprechend, in einer ununterbrochenen Sparübung steckt. In Krisenzeiten erinnert man sich gerne alten Tugenden und so werden auch in der neuen Unternehmung wieder fleissig Pins verteilt. Die neuste Kreation besteht aus einem farbigen Blech mit den Flaggen von Lufthansa und Swiss. Es versteht sich von selbst, dass dieser nicht neben dem knapp jährigen oneworld Pin angesteckt werden soll.
Im Postfach fand sich neben der deutsch-schweizerischen Anstecknadel auch ein goldener Wing, der den Träger als Helden der Lüfte kennzeichnet. Das Flügelsymbol muss genau 25mm über dem Namensschild angenagelt werden und soll selbstverständlich auch mit Haltung getragen werden.
Würde ich jetzt noch das Sportabzeichen der Aushebung, die Kameradenhilfeplakette und das Scharfschützenabzeichen anheften, dann hätte ich auf meiner Uniformjacke gar keinen Platz mehr für den sicherlich im Herbst erscheinenden Star Alliance Pin.

Sonntag, Juli 10, 2005

ein Sonntag in Kalifornien

Sonntagmorgen, 0400 Uhr lokale Zeit, ich bin wach und freue mich über den langen Schlaf. Wer bis vier Uhr am Morgen in Kalifornien durchschlafen kann, gilt unter den Besatzungen als Glückspilz. Ich geniesse den Triumph über die Zeitverschiebung und zelebriere die Langsamkeit. Jede Minute, die zu so früher Morgenstunde verstreicht, ist ein Augenblick weniger, bis Kalifornien erwacht und das Land entdeckt werden kann.
Also langsam einen Filterkaffee brauen, langsam den Computer aufstarten, langsam den aktuellen Stand der Tour de France abchecken, langsam duschen und langsam den Tag planen. Wo solle ich nur mit meinem midsize SUV, gemietet für 39,99$ (all incl.), heute hinkutschern? Die Karte liegt vor mir und ich versuche krampfhaft ein lohnendes Ziel auszumachen.
Schon lange habe ich einen Besuch im Paul Getty Museum geplant. Da müsste ich mit meinem benzinsaufenden Buick von Long Beach aus den 405 Richtung Beverly Hills fahren und beim Sunset Blvd den Highway verlassen. Sind etwas mehr als 50 Meilen auf der siebenspurigen Schnellstrasse. Doch es ist Wochenende und die Einwohner aus dem Hinterland wollen an den Strand. Das bedeutet Stau bei der Kreuzung des 710-er, des 110-er und des 105-er. Bekannte Namen wie Venice Beach, Manhattan Beach, Redondo Beach und Santa Monica ziehen die Sonnenhungrigen an wie der Speck die Fliegen. Mir stinkt es siebenspurig im Stau zu stehen und die vielen Aufkleber mit dem Aufdruck ‚we support our troops’ auf den zahlreichen Geländewagen anzuschauen.
Auch der Norden ist an einem Sonntag nicht unbedingt zu empfehlen. Im Hinterland befinden sich die zahlreichen Mega-Shoppingcenter, die mit zahlreichen Aktionen und Geschenken zum Einkaufsabenteuer laden. Wer nicht an den Strand kann oder will, geht am Sonntag mit Kind und Kegel einkaufen. Strandbesucher und Einkaufssüchtige treffen sich an den Kreuzungen Santa Monica Freeway und Harbor Freeway, sowie an der Ecke 55-igste und 5-te. Auch das führt regelmässig zu Rückstaus, die an den Osterverkehr am Gotthard erinnern.
Auch dazu habe ich nicht wirklich Lust und bleibe lieber in der Umgebung. Zur 2nd Avenue in Belmont ist es nur ein Katzensprung und ich freue mich dort auf den Kaffee und den freien Internetzugang bei Polly’s.
Da lese ich die Zeit, verfolge die Tour auf der Homepage von ard.de, quatsche etwas mit meinem Nachbarn über Politik und geniesse das laue Lüftchen, das von Pazifik herüber weht. Meine Herkunft kann ich in dieser Kaffeerösterei nicht verbergen. Erstens habe ich einen Akzent wie der Gouverneur des Staates Kalifornien und zweitens lese ich Zeitungen in einer europäischen Sprache. Man will wissen woher ich komme und was ich hier in diesem einsamen Coffeeshop so mache. Die Zeit verstreicht und inzwischen ist es schon nach 10 Uhr. Ich setze mich wieder in meinen durstigen SUV und tuckere zurück zum Hotel Hyatt. Nicht weit von meinem Nachtlager entfernt, befindet sich der Kinokomplex von Long Beach. Ab 11 Uhr laufen die neusten Hits ununterbrochen in 14 Kinosälen. Freizeit habe ich genug und entscheide mich, zwei Filme anzuschauen. Dabei schütte ich literweise Diet-Coke in mich hinein und geniesse die Kühle der Klimaanlage.
Nach dem Filmabenteuer schnell etwas Kleines essen, die 59 Kanäle des Fernsehprogramms durchzappen und am Abend zusammen mit dem Kapitän im nahen Huntington Beach bei lauter Musik ein amerikanisches Standardmenue geniessen.
Ein Sonntag in Kalifornien vergeht und ich habe mich wie ein richtiger Amerikaner verhalten. Langeweile kommt nie richtig auf, spannend und herausfordernd ist es aber auch nicht wirklich.
Schade um den schönen Sonntag!

Freitag, Juli 01, 2005

inside Jeddah

Das Thermometer hat die 40°C Grenze schon überschritten und ich sitze noch immer etwas schlaftrunken im Hotelzimmer vor dem Computer und bereite mich auf das Verlassen meines Refugiums vor. Im Rest der Welt genügt vor dem Zuschlagen der Zimmertüre ein Griff in die hintere Jeanstasche um zu überprüfen, ob der Zimmerschlüssel auch wirklich auf Mann ist. Hier in Jeddah, ein Steinwurf von Mekka entfernt, braucht es etwas mehr Vorbereitung.
Zwei A4 Seiten DO’s and DON’Ts, zusammengestellt von unseren Sicherheitsexperten in der Firma, liegen vor mir und wollen genaustens studiert werden.
Schon mit dem ersten Punkt der DO Liste, ‚store valuables in the Hotelsafe’, habe ich meine liebe Mühe. Wie zum Henker soll ich meinen kleinen Computer, meinen iPod, meine 10 DVD’s und das Handy in den 10x10 cm grossen Zimmersafe bringen? Unmöglich!
Der zweite ‚DO-Punkt’ befasst sich mit der Kleiderordnung. ‚Halte dich gefälligst an die Kleidervorschriften der Religionspolizei MUTAWWA!’, so könnte man den fast eine halbe Seite langen Vorschriftenkatalog kurz umschreiben. Das Wichtigste in Kürze: Miss Sixty Jeans - geht nicht, bauchfrei – unmöglich, Shorts – ein Tabu, enge Tights im Fitness – eine Todsünde! Frauen werden gleich nach der Ankunft in die schwarze und bis zu den Knöcheln gehende Abbaya eingekleidet und fühlen sich erstaunlich wohl darin. Motzen hat keinen Sinn, wir sind schliesslich in diesem Land zu Gast und haben uns entsprechend zu verhalten.
Jetzt habe ich aber die Nase von all den Vorschriften voll und schaue, was ich als Ungläubiger in dieser Hotelanlage alles anstellen kann.
Ein Bus fährt zu einem Strand und Männlein und Weiblein ist es dort gestattet, hinter stacheldrahtgesicherten Mauern in europäischen Bikinis zu planschen. Die Sonne brennt senkrecht herunter, kein Schatten weit und breit und selbst Daylong 50 versagt bei diesen misslichen Verhältnissen in Kürze den Dienst. Ich bin übrigens der einzige der Crew, der heute nicht am Strand röstet.
Doch auch sonst bietet das Hotel noch einiges. Im Keller hat es einen gut ausgestatten Fitnessraum mit allem was das Herz begehrt. Statt zum Egelsee hoch zu rennen, kann man Al Jazeera schauend auf dem Laufband die Minuten zählen. Eigentlich könnte man das Gerät statt Laufband auch Depressionsbeschleuniger nennen! Es hat wenige Sportbegeisterte in den Räumlichkeiten, kein Wunder, denn an der Eingangstüre prangt ein goldenes Schild mit der Aufschrift men only.
Der Swimmingpool mit Ausblick auf das Meer und das Restaurant kann mit vielen Anlagen in den Tropen verglichen werden. Es gibt alkoholfreie Drinks, nette Liegestühle, viel Servicepersonal und auch hier ein diskretes, goldenes Schild mit der Aufschrift men only. Der Tennisplatz steht beiden Geschlechtern zur Benützung offen. Es sei aber darauf hingewiesen, dass Kleidervorschriften genaustens befolgt werden müssen. Viel Spass bei diesen Temperaturen!So sitze ich jetzt wieder in meinen ‚eigenen’ vier Wänden und hoffe, dass die Zeit zum Heimflug so schnell als möglich verstreicht. Es geht noch genau 52 Stunden, ich muss noch zwei Mal schlafen, habe noch 8 ungeschaute DVD, eine ungelesene Weltwoche, iPod Musik für neun Tage, viele Schreibprojekte im Kopf und die undankbare Aufgabe auf den halbjährlichen Check zu büffeln. Langweilig sollte es mir nicht werden, genug vom Land habe ich aber schon alleweil!