Sonntag, November 14, 2004

Shopping in Japan

Es ist 14 Uhr Ortszeit in Tokyo (6 Uhr in der Schweiz) und ganz Japan frönt seinem Hobby dem Einkaufen. Ein Sonntag zusammen mit Kind und Kegel im Einkaufszentrum gehört zu den schönsten Freizeitbeschäftigungen im Land der aufgehenden Sonne. Alle scheinen sich mit den Einheimischen zu solidarisieren und sämtliche gestrandeten Menschen aus den verschiedenen Kontinenten versammeln sich im nahe gelegenen Aeon Center zum Kollektiveinkauf. Ich bin schon lange wach (seit 3 Uhr Ortszeit = 19 Uhr MEZ), es regnet in Narita, ich war schon in der Sauna, habe schon auf dem Laufband geschwitzt, schon einen DVD gesehen (Bend it like Beckham) und die Weltwoche gelesen. Also solidarisiere ich mich mit der taifun- und erbebengeplagten Bevölkerung und besteige den Bus 150 zum Einkaufsparadies. Der Busfahrer schaut mich verwundert an und die Passagiere grinsen, als ich mich nach dem Preis erkundige. ‚Nomen est omen’ würden die Lateiner sagen – Bus 150 kostet 150 ¥. Eigentlich logisch, oder? Mit dieser Marketingstrategie könnte das Problem der Zürcher Verkehrsbetriebe glatt gelöst werden. Die S12 (12 Franken – logo, oder) wäre dann immer schön leer und die S3 sähe aus wie ein japanischer Vorortszug am Morgen. Wer sitzen will muss zahlen, wer sparen will geniesst die Nähe und das verschwitzte Hemd des Nachbarn. So revolutionär ist meine Idee auch wieder nicht. In der Swiss haben das die Meisterstrategen schon lange implementiert. So kostet LX16 nach New York und LX17 zurück so um die 33 Franken und der Passagier mit LX828 nach Hannover wird kräftig gemolken
Zurück zu Tokyo. Im Shopping Center angekommen sehe ich einen gigantischen Sportladen mit Kleidern, die im Swiss Miniature eine gute Figur machen würden. XXXXXXXL gibt es leider nicht und XL entspricht etwa der Grösse des bauchfreien T-Shirts von Britney Spears. Mein Shoppingabenteuer ist dank etwas beschränkter Auswahl schnell vorbei und ich mogle mich an mit Plastiktüten behangenen Stewardessen aus aller Welt vorbei in den Starbucks. Der grande Latte ist dank Globalisierung hier exakt so gross wie in Chicago und wird etwa bis zum Wirtschaftsteil der Zeit reichen.
Ein Schlürfgeräusch, das wenig später aus meinem Pappbecher entsteigt, zeigt mir unmissverständlich den tiefen Pegelstand meines Getränkes an. Ein Zweiter liegt noch drin und ich beginne mit dem anspruchsvollen Feuilletonteil. Bald zeigt sich aber mein Schlafmangel, die Augenlider werden schwerer und ich entscheide mich, den 150 Yen Bus Richtung Hilton zu besteigen.
Mittlerweile bin ich wieder im Hotel und studiere, was ich um 15 Uhr Ortszeit (7 Uhr Schweizerzeit) in meinem Hotelzimmer bloss treiben soll. Denn Schlafen ist jetzt Tabu! Döse ich jetzt ein, dann bleiben die Augen in der Nacht offen und der Weckruf morgen um 0830 Ortszeit (0030 MEZ) schlägt dann ziemlich brutal auf die gute Laune.
Jetzt bin ich im Dilemma. Soll ich nun Richard Reichs ‚das Leben in der Turnhalle’ oder den Stern lesen? Vielleicht verkürzt aber auch der Film minority report die lange Zeit bis zum nächsten Sushi.
Was würde ich jetzt geben, wenn ich ausgeschlafen am Frühstückstisch die nervenden Geschichten vom Detektiv Malony auf DRS3 hören könnte!
Vielleicht wird es ja nächstes Wochenende besser. Wieder einmal Los Angeles, wieder einmal 9 Stunden Zeitverschiebung auf die andere Seite und wieder einmal ein Körper, der wie ein schlaffer Waschlappen im Stuhl hängt.
Es ist jetzt genau 15:05 Uhr (07:05 Uhr Schweizer Zeit, 22:05 Uhr Los Angeles Zeit) und ich habe soeben eine schwierige Entscheidung getroffen: der Stern muss dran glauben!

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