Montag, Oktober 04, 2004

wieder einmal Hong-Kong

Was am Vorabend gegen 23 Uhr begonnen hat, findet jetzt nach rund 11 Stunden Flug langsam sein Ende. Der Kontroller in Guangzhou gibt uns in schwer verständlichem Englisch die Anweisung zum Sinkflug. Nach einem Nachtflug sind die Reaktionen etwas träger und ich muss mich zwingen, den Körper wieder in Betriebsbereitschaft zu bringen. Ich sitze jetzt schon 8 Stunden im Sitz und greife zum ersten Mal aktiv in den Flugverlauf ein. Nicht dass ich vorher untätig gewesen wäre, aber meine Aufgaben begrenzten sich auf das Überwachen und das Wachbleiben.
Macao wird auf 8000 Metern über Meer überflogen und der Chinese am Funk schickt uns auf die Anflugfrequenz von Hongkong. Mit perfektem englischem Akzent begrüsst uns der sehr effiziente Lotse. Beeilen sollen wir uns mit dem Sinkflug, meinte der relaxte Brite auf 134.3 MHz. Er offerierte uns eine Abkürzung von über 100 Km zum publizierten Flugweg. Die Abkürzung spart unserer Firma rund eine Tonne Kerosin, die Passagiere sind 20 Minuten früher im Hotel, die Kabinenbesatzung muss sich mit dem Servieren des Frühstückes beeilen und ich als fliegender Pilot komme leicht in Stress. Bin etwa 1500m über dem idealen Gleitwinkel von 3° - Nase runter und Bremsklappen raus. Einen sportlichen Anflug nennt man das im Fliegerjargon. Nicht wirklich das, was man sich nach einem harten Nachtflug wünscht. Einige Minuten später befinden wir uns auf dem idealen Gleitweg und die Piste 07L taucht aus dem Dunst auf. Hongkong hat mich nach 1 ½ Jahren wieder.
Schon wenig später geniesse ich im Lan Kwai Fong Quartier ein herrliches Thailändisches Essen unter freiem Himmel. Das Bier schmeckt nach dem langen Flug himmlisch und die Gespräche mit den Kolleginnen und Kollegen lassen die Erschöpfung vergessen.
Interessanterweise kommt bei mir in dieser Stadt nie melancholische Stimmung auf. Trotz schon über 30 Besuchen in dieser Metropole, kann ich mich an kleinen Sachen wie der Überfahrt mit der Star Ferry und dem Frühstück beim Stanley Market noch immer erfreuen. In keiner Stadt der Welt sind Reichtum und Armut, Tradition und Dekadenz so nahe nebeneinander. Schlendern in der Nathan Road, wo man pausenlos geschupst und gestossen wird ist genauso faszinierend wie eine einsame Wanderung auf einer der zahllosen Inseln oder im Hinterland von Kowloon.
Seit der Airbus nach Hongkong fliegt, haben wir auch viele Greenhörner in der Besatzung. Einige der Piloten waren noch nie in Fernen Osten und kommen mit grossen Erwartungen und gut vorbereitet in die pulsierende Stadt am Südchinesischen Meer. Mit dicken Reiseführern ausgestattet flitzen diese dann durch die engen Gassen und entdecken so die schöne Ecken. Es ist als ‚Kenner’ und fast Einheimischer immer wieder faszinierend, wie wenig man eigentlich von einer Stadt weiss und kennt. Erstaunlich, wie ich mich über Jahre an Muster und einen in den Grundzügen oft identischen Tagesablauf in den verschiedenen Städten gewöhnt habe. Bekannte Rituale vermitteln Sicherheit, verhindern aber auch Neues zu entdecken. In der Politik benutzt man dafür die Begriffe ‚konservativ’, ‚traditionell’ oder ganz einfach ‚SVP’.
Gerade beim Schlendern durch eine mir bekannte Stadt mit einem Greenhorn im Schlepptau, entdeckt man neue Paradiese. Viele der über Jahre eingebrannten Bräuche werden so neu überdenkt. Ein überraschend erfrischender Prozess übrigens! Ich habe mir fest vorgenommen, in Zürich in den nächsten Freitagen eine Stadtrundfahrt zu buchen und einen Reiseführer zu kaufen! Vielleicht kann mir ein Greenhorn ‚meine’ Stadt an der Limmat aus einer neuen Perspektive zeigen. Fast wäre ich versucht gewesen, alle Stimmbürger die am letzten Abstimmungssonntag bei den Ausländerinitiativen NEIN gestimmt haben zu einer Stadtführung mit einem Greenhorn bzw. einem Ausländer zu verdonnern. Aber eben, das funktioniert ja gar nicht. Erstens lassen sich die konservativen Eidgenossen kaum für etwas Neues begeistern und zweitens leben die von der Abstimmung betroffenen Ausländer schon seit Jahrzehnten in unserem Land und sind alles andere als Greenhörner.

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