Sonntag, Oktober 10, 2004

Sehnsüchte

Ich sass schon viele Male in New York in einem Starbucks und beobachtete die Geschäftsleute auf dem Weg zur Arbeit. Oft war ich auf die gut gekleideten Businessleute eifersüchtig. Nicht wegen den schmucken Anzügen und nicht wegen ihres gestressten Ganges, sondern wegen der Aufgabe, die auf sie an den Arbeitsplätzen wartete. Vermutlich haben die verschlafenen New Yorker mitleidig in das Restaurant geschaut und gesehen, wie ein ausgeschlafener Copilot gemütlich über seiner Zeitung sitzt und das Treiben auf den Strassen beobachtet.
Einige haben das Gefühl an der Arbeit zuwenig gebraucht zu werden und andere leiden darunter, dass sie von den gestellten Aufgaben erdrückt werden. Ist wohl ein Naturgesetz, dass der Mensch immer das will, was er nicht bekommt. Doch mir fehlt am Arbeitsplatz eine Aufgabe, die mich fordert und wo ich etwas bewegen kann. Die Fliegerei mag ja für Aussenstehende faszinierend und sexy sein, am Arbeitsplatz hinter dem Steuerknüppel sieht es aber etwas nüchterner aus. Bewegen kann man als Copilot höchstens den elektronischen Steuerknüppel. Etwas rauf, etwas runter oder gar links bzw. rechts. Bei der Pilotenselektion werden Ansprüche an Fertigkeit und eine minimale Intelligenz vorausgesetzt. In der täglichen Arbeit reduzieren sich die Handlungen aber auf routinemässige Abläufe und langweiliges Überwachen. Im Cockpit kann man etwas gut oder sehr gut machen, nicht aber etwas verändern. Haben die gut gekleideten Geschäftsmänner die gleichen Probleme? Vermutlich schon, trotzdem bin ich überzeugt, dass diese mit immer neuen Herausforderungen konfrontiert werden. Mit Verstand und Kreativität werden die Hürden aus dem Weg geräumt, Abläufe optimiert und hinterfragt. Hinterfrage ich etwas, dann ist das gegen die ‚Flottenphilosophie’. Dieser Prozess fehlt mir in der Fliegerei. Probleme tauchen laufend auf, mehr als manchen Passagieren lieb ist und wir sind ausgebildet diese prioritätsgerecht zu lösen und aus der Welt zu schaffen. Da die Fliegerei und speziell ein modernes Flugzeug ein ungemein komplexes System ist und eine Fehlentscheidung Menschenleben kosten kann, wurden Problemlösungen so gut als möglich standardisiert. Informelle Sitzungen und das beiziehen von Spezialisten ist aus Zeit- und Ressourcengründen in der Regel nicht möglich. Kreative Lösungsfindung, wie ich es früher als Entwicklungsingenieur erlebte, bleibt weitgehend auf der Strecke. Und genau das vermisse ich im Cockpit.

Was erzähle ich da in meinem Bericht? Bin weder im Cockpit noch in New York. Ich sitze in Hongkong in einem Starbucks und geniesse es, etwas zu philosophieren! Über die Kopfhörer höre ich die RED HOT CHILI PEPPER und mein vaio muss meine geschriebenen Gedanken verdauen. Der ‚grande Latte’ schmeckt wie auf der ganzen Welt und ich kann von meinem Tisch aus die Skyline von Hongkong Island überblicken. In den hohen Officetürmen, auf der anderen Seite der Bay, sitzen die Angestellten in ihren unterkühlten Büros eng gedrängt und werden von ihren Vorgesetzten mit Arbeit und Problemen förmlich zugedeckt. Ihre Mailbox überläuft und eines der drei Telefone auf dem Pult läutet pausenlos. Manch einer der gequälten Bürogummis wird jetzt sicherlich aus dem Fenster schauen und den startenden Flugzeugen zusehen. Er wird für einige Momente seine Arbeit vergessen und die Piloten beneiden, die an ihrem Arbeitsplatz eine ruhige Kugel schieben, sich von den Hostessen kulinarisch verwöhnen lassen und so kreative Sachen wie Passagieransagen oder Blickkreuzworträtsel machen . Warum ist der Mensch nie zufrieden?

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