Mittwoch, Oktober 06, 2004

Migroseinkauf

Bin wieder zuhause und habe schon einige Stunden horizontal im Bett gelegen. Das bringt den Körper nicht wieder ins Gleichgewicht, hilft aber trotzdem etwas, die Zeit bis zum Abend einigermassen lebenswert durchzubringen.
Erfahrungsgemäss ist man nach einem Nachtflug kaum belastbar und muss seine Tätigkeiten auf Sachen wie Einkaufen und Internetsurfen reduzieren.
Mit einem kleinen Hungergefühl, machte ich mich auf den Weg Richtung Stadt. Die grösste Bausünde im Zentrum ist mein Ziel. Treffsicher steuere ich meinen Passat durch die enge Einfahrt, ergattere mit einer akrobatischen Einlage ein Einfahrtsticket und Suche auf Ebene 1 einen Parkplatz. Kurz nach Mittag ist eine gute Zeit um in der Migros einzukaufen. Die Pensionäre liegen zuhause auf ihren Sofas und gönnen sich einen Mittagsschlaf.
Der Lift bringt mich bequem in den 1. Stock. Zu meiner Freude habe ich ein 2 Fr. Stück für den Einkaufswagen im Portemonnaie und eine hübsche Angestellte grüsst mich beim vorbeilaufen – wenn das kein gutes Omen ist!
Das Kundengatter passiert, tauche in die Frischwarenwelt ein. Ein etwas hilfloser Gatte einer resoluten älteren Frau steht verloren mitten in der Hauptverkehrsachse und blockiert den Warenfluss zwischen der Früchte- und der Gemüseabteilung. Seine Angetraute versucht mit ihrer Enkelin an der Hand einen Sack mit Äpfeln zu füllen. Jede der künstlich aussehenden Früchte nimmt die kritische Frau unter die Lupe und lässt nur die vermeintlich Besten in ihre Tasche gleiten. Sieben Stück haben die harte Selektion bestanden und werden bei dem älteren Pärchen in den nächsten Tagen die Früchteschale auf dem Eichenbuffet schmücken. Dass die Äpfel aus Neuseeland kommen, stören weder die Frau noch die Enkelin.
Ich fülle meinen Wagen speditiv und wechsle von der Frischwaren- in die Brotabteilung. Wieder steht der eingeschüchterte Kerl mit seinem Einkaufwagen im Weg. Seine bessere Hälfte drückt sich in der Zwischenzeit durch die Brote. Ihre Enkelin beobachtet hustend aus Distanz ihre Grossmutter, wie sie jeden Brotlaib wendet und kritisch prüft. Wie oft im Tag muss sich das Gebäck wohl dieser Tortur stellen? Die alte Dame hat sich für ein Kartoffelbrot entschieden und schreitet mit ihrem Mann und der Enkelin im Schlepptau Richtung Milchprodukte. Äpfel kann man waschen, Brote nicht. Ich entscheide mich, zuhause einen Teig zu kneten und ein eigenes Brot zu backen. Wer weiss wo die alte Dame schon überall ihre Finger hinein gesteckt hat. Bei den Milchprodukten scheint es nicht viel zum Drücken zu geben. Das Pärchen ist nicht zu sehen und ich habe freie Fahrt.
Die scharfe Kurve nach den Teigwaren ist mir heute fast zum Verhängnis geworden. Genau nach Kurvenende steht das alte Pärchen mit der Enkelin mitten im Weg und quatscht mit einer Bekannten. Beim Ausweichmanöver bekomme ich einige Brocken der Konversation mit. ‚Meine Enkelin hat die ‚wilden Blatern’ und wir passen heute auf den Goldschatz auf’, sagt die Grosmutter zu der Bekannten und putzt dem schwerkranken Kind die Nase.
Ich passiere die Gruppe und bin froh, dass in meinem Einkaufswagen kein Brot und keine Äpfel zu finden sind. Als ich in der Tiefgarage die zwei Altpapiertaschen in den Passat lade, sehe ich meine Kollegen wieder. Jetzt wo man sich dem Auto nähert, ist der Opa wieder der Chef. Er wirft einige Münzen in den Automaten, entnimmt das Ausfahrtsticket und steckt dieses sogleich in den Mund. Mit 2 schweren Taschen an den Armen und dem Ausfahrtsticket zwischen den Zähnen schreitet er auf einen alten Mercedes zu. Eine Frau in einem blauen Seat Arosa mit einem ‚Flims’ Abziehbild am Heck passiert die Szenerie. Mir fällt auf, dass auch diese Frau das frisch gezogene Einfahrtticket mit den Lippen fixierte. Ebenfalls mit dem Ticket im Mund verlässt ein junger Mann im aufgemotzten Golf die Parkgarage. Ein kalter Schauder läuft mir über den Rücken. Ich bin sicher, dass die Tickets wieder verwendet werden und der Geschmack der Aus- und Einfahrtscheine somit täglich variiert. Einkaufen in der Migros kann ihre Gesundheit gefährden!

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