Mittwoch, Oktober 27, 2004

EKG

Ich werde bald 40 und da muss man einfach über das Alter nachdenken! Wenn ich ehrlich bin erkenne ich noch keine wirklichen Nachteile beim baldigen Überschreiten dieser Alterhürde, aber man muss sich ja schliesslich Vorbereiten!
Ein guter Indikator für das Älterwerden sind die sich häufenden Besuche bei den verschiedenen Gesundheitseinrichtungen. Eine wichtige Rolle spielen bei diesen Konsultationen die Wartezimmer.
Früher habe ich mich bei Physiotherapeuten und berühmten Sportärzten in den Vorzimmern mit den aufliegenden Sportzeitschriften begnügt. Dann kamen nach einigen Jahren die grossen Revisionen beim Gebiss und die ersten kleineren Gebrechen im Bewegungsapparat. Bei dieser Spezies der Ärzte liegen altergerechte Zeitschriften wie Fit for Fun, Stern oder gar ein Playboy auf.
Heute nun der erste Schritt Richtung Vierzig. Meine Pumpe hat beim jährlichen Medical-Check der der Swiss etwas zaghaft ausgeschlagen. Ich behaupte das kommt vom vielen Training und die Ärzte behaupten gar nichts, meinten aber ich könnte schwer krank sein.
Jetzt sitze ich also quasi als Strafe für die täglichen Dauerläufe zum Egelsee im Wartezimmer eines Herzspezialisten. Neben mir hat eine ältere Dame Platz genommen, die von ihrem Mann bei diesem Gang zum Arzt begleitet wurde. Gegenüber ein gebrechlicher Herr mit rotem Kopf. Ein schwerer Duft, der mich an ein Altersheim erinnert, liegt in der Luft. Ich wühle etwas in der Zeitschriftenauslage und finde lauter Glücks Post, Prospekte von Baumeler’s Wanderreisen und eine Broschüre eines Treppenliftherstellers.
Die Tür geht auf, eine Frau kommt herein und das Gesicht der älteren Dame neben mir heitert sich auf. Die Seniorinnen scheinen sich zu kennen. ‚Ja Grüezi Frau Müller, wie gaaaaaahts?’, fragt meine Nachbarin mit lauter Stimme. Noch bevor die eintretende Frau antworten konnte, fiel ihr meine Nachbarin ins Wort: ‚mir gahts nöd guet! Die neue Herzpille nützed nüt und ich chume devo schaurige Durchfall über!’ Sofort war das ganze Wartezimmer über die Stuhlprobleme von Frau Nötzli informiert.
Die Praxishilfe trat glücklicherweise just in diesem Moment ein und begleitete mich in den Nebenraum. Ruhe-EKG, Ultraschall und Hometrainer folgten. Ich fühlte mich wieder in meine aktive Wettkampfzeit zurückversetzt und genoss die vielen Kabel an meiner Brust. Mit Ruhepuls 49 (staunt nur!) begann ich mein Belastungs-EKG und drückte nach 12 Minuten epofreie 400 Watt auf dem Ergometer mit Puls 157. Der Arzt freute sich, animierte mich zur Teilnahme an der Tour de France der Senioren und klopfte mir bewundernd auf meine verschwitzte Schulter. ‚Praxisrekord!’, rief der Herzspezialist durch die Räume während die Arztgehilfin meine Schweisslache am Boden aufnahm. Stolz und verschwitzt entstieg ich dem Rad und genoss den kleinen Sieg am virtuellen Aufstieg zur Alpe d’Huez. ‚Herz gesund und Praxisrekord!’ Mit diesen Worten entliess mich der Mann in Weiss in die Mittagspause.
Mein Rekord machte mich nur kurze Zeit glücklich. Im Wartezimmer waren alle Stühle besetzt und einer der alten Patienten nickte anerkennend als ich die Praxis fluchtartig verliess. Rekorde sind relativ!

Mittwoch, Oktober 13, 2004

Mumbay

Den südlichen Teil von Iran unter uns versuche ich auf Kurzwelle Karachi zu erreichen. Keine leichte Aufgabe! Einige Versuche sind notwendig, bis der pakistanische Beamte am Funkgerät Zeit findet meine freundlichen Worte zu erwidern. Die Vorschriften verlangen, dass ich 10 Minuten vor Einflug in den Staat in der politisch aktiven Region eine ‚air defence clearance’ einhole. Ich folge der Aufforderungen in meinen Unterlagen kritiklos, schliesslich ist Pakistan in Besitz von Atomwaffen……
Indien und somit unsere Destination Bombay bzw. Mumbai, wie sich die Metropole seit einigen Jahren nennt, kommen näher. Der Flug war locker. Ein lustiger Kapitän, eine aufgestellte Crew und ein guter Freund auf Sitz 1A sorgten für Kurzweile. Sürli auf Geschäftsreise nach Südindien kreuzte einmal mehr meinen Arbeitsplan. Obwohl wir unsere Flugpläne nicht aufeinander abstimmen, sehe ich meinen Nachbarn und alten Freund öfter in Hongkong und Bombay als im heimatlichen Limmattal!
Gemütlicher als früher mit dem Jumbo gondeln wir Richtung Bombay International Airport. Das Wetter ist gut und der starke Anflugverkehr beschert uns einen unerwarteten Rundflug über das indische Hinterland. Nach einer Viertelstunde zeigt der Kontroller erbarmen und lässt uns nach der kurzen Flugzeit von 8 Stunden in der Hafenstadt am Indischen Ozean landen.
Der erste Kontakt mit der indischen Bürokratie ist jedes Mal ein Erlebnis. Ganze zwei A4 Seiten müssen vor der Einreise ausgefüllt werden. Neben den üblichen Angaben der Personalien, verlangt die indische Einwanderungsbehörde eine ganze Reihe von weiteren Informationen. Seriennummer von Fotoapparaten und Laptops gehören genau so dazu wie Uhrenmarke und Handyhersteller. Gewissenhaft muss alles ausgefüllt werden und der Formularbenutzer hat tunlichst darauf zu achten, dass die diversen Kohlenpapiere nicht verrutschen. Kopien in mehrfacher Ausführung halten den Behördenapparat schliesslich am Leben. ‚Where is the Copilot?’, schreit eine in einen roten Sari gekleidete Inderin durch die Menge und schüttelt dazu elegant ihren Kopf hin und her.
‚Was habe ich bloss wieder falsch eingetragen?’ Reuig und unter strengen Blicken meiner Kollegen schreite ich zur Beamtin hin und bereite mich auf einen Rüffel vor. ‚You didn’t declare your watch, sir’, tadelte mich die Beamtin. Meine Erklärung, dass ich in der indischen Hitze gerne auf die Schweissspuren unter dem Armband verzichte und darum meine Uhr zu Hause in der Schweiz gelassen habe, akzeptiert die Beamtin nicht. Ich nehme meinen Griffel, trage in das Formular nicht ganz der Wahrheit entsprechend ‚Swatch’ ein und die indische Bürokratie ist zufrieden.
Nach dem Passieren der nächsten Kontrolle und dem neuerlichen Röntgen unseres Gepäckes entlässt uns eine Schleuse in die bekannte Mischung aus gelb-schwarzen Taxis und streunenden Hunden. Bombay, durch den Monsun frisch gewaschen, präsentiert sich ungewöhnlich gut riechend.
Eine kurze Dusche, einige Bier zusammen mit Sürli, zwei Teller mit herrlich scharfem indischen Curry, ein wenig Fernsehen und dann ab ins Bett! Sofort entschwinde ich im Reich der Träume.
Nach der kurzen Orientierungslosigkeit unmittelbar nach dem Erwachen bin ich mir schnell wieder bewusst in welchem Land und welcher Stadt ich mich befinde. Der Weg ins Badezimmer ist glücklicherweise kurz und Sekundenbruchteile nachdem ich mich explosionsartig erleichtert habe, grüsst mich mein Stuhlgang aus der Toilette: ‚welcome to India my dear nff!’

Sonntag, Oktober 10, 2004

Sehnsüchte

Ich sass schon viele Male in New York in einem Starbucks und beobachtete die Geschäftsleute auf dem Weg zur Arbeit. Oft war ich auf die gut gekleideten Businessleute eifersüchtig. Nicht wegen den schmucken Anzügen und nicht wegen ihres gestressten Ganges, sondern wegen der Aufgabe, die auf sie an den Arbeitsplätzen wartete. Vermutlich haben die verschlafenen New Yorker mitleidig in das Restaurant geschaut und gesehen, wie ein ausgeschlafener Copilot gemütlich über seiner Zeitung sitzt und das Treiben auf den Strassen beobachtet.
Einige haben das Gefühl an der Arbeit zuwenig gebraucht zu werden und andere leiden darunter, dass sie von den gestellten Aufgaben erdrückt werden. Ist wohl ein Naturgesetz, dass der Mensch immer das will, was er nicht bekommt. Doch mir fehlt am Arbeitsplatz eine Aufgabe, die mich fordert und wo ich etwas bewegen kann. Die Fliegerei mag ja für Aussenstehende faszinierend und sexy sein, am Arbeitsplatz hinter dem Steuerknüppel sieht es aber etwas nüchterner aus. Bewegen kann man als Copilot höchstens den elektronischen Steuerknüppel. Etwas rauf, etwas runter oder gar links bzw. rechts. Bei der Pilotenselektion werden Ansprüche an Fertigkeit und eine minimale Intelligenz vorausgesetzt. In der täglichen Arbeit reduzieren sich die Handlungen aber auf routinemässige Abläufe und langweiliges Überwachen. Im Cockpit kann man etwas gut oder sehr gut machen, nicht aber etwas verändern. Haben die gut gekleideten Geschäftsmänner die gleichen Probleme? Vermutlich schon, trotzdem bin ich überzeugt, dass diese mit immer neuen Herausforderungen konfrontiert werden. Mit Verstand und Kreativität werden die Hürden aus dem Weg geräumt, Abläufe optimiert und hinterfragt. Hinterfrage ich etwas, dann ist das gegen die ‚Flottenphilosophie’. Dieser Prozess fehlt mir in der Fliegerei. Probleme tauchen laufend auf, mehr als manchen Passagieren lieb ist und wir sind ausgebildet diese prioritätsgerecht zu lösen und aus der Welt zu schaffen. Da die Fliegerei und speziell ein modernes Flugzeug ein ungemein komplexes System ist und eine Fehlentscheidung Menschenleben kosten kann, wurden Problemlösungen so gut als möglich standardisiert. Informelle Sitzungen und das beiziehen von Spezialisten ist aus Zeit- und Ressourcengründen in der Regel nicht möglich. Kreative Lösungsfindung, wie ich es früher als Entwicklungsingenieur erlebte, bleibt weitgehend auf der Strecke. Und genau das vermisse ich im Cockpit.

Was erzähle ich da in meinem Bericht? Bin weder im Cockpit noch in New York. Ich sitze in Hongkong in einem Starbucks und geniesse es, etwas zu philosophieren! Über die Kopfhörer höre ich die RED HOT CHILI PEPPER und mein vaio muss meine geschriebenen Gedanken verdauen. Der ‚grande Latte’ schmeckt wie auf der ganzen Welt und ich kann von meinem Tisch aus die Skyline von Hongkong Island überblicken. In den hohen Officetürmen, auf der anderen Seite der Bay, sitzen die Angestellten in ihren unterkühlten Büros eng gedrängt und werden von ihren Vorgesetzten mit Arbeit und Problemen förmlich zugedeckt. Ihre Mailbox überläuft und eines der drei Telefone auf dem Pult läutet pausenlos. Manch einer der gequälten Bürogummis wird jetzt sicherlich aus dem Fenster schauen und den startenden Flugzeugen zusehen. Er wird für einige Momente seine Arbeit vergessen und die Piloten beneiden, die an ihrem Arbeitsplatz eine ruhige Kugel schieben, sich von den Hostessen kulinarisch verwöhnen lassen und so kreative Sachen wie Passagieransagen oder Blickkreuzworträtsel machen . Warum ist der Mensch nie zufrieden?

Mittwoch, Oktober 06, 2004

Migroseinkauf

Bin wieder zuhause und habe schon einige Stunden horizontal im Bett gelegen. Das bringt den Körper nicht wieder ins Gleichgewicht, hilft aber trotzdem etwas, die Zeit bis zum Abend einigermassen lebenswert durchzubringen.
Erfahrungsgemäss ist man nach einem Nachtflug kaum belastbar und muss seine Tätigkeiten auf Sachen wie Einkaufen und Internetsurfen reduzieren.
Mit einem kleinen Hungergefühl, machte ich mich auf den Weg Richtung Stadt. Die grösste Bausünde im Zentrum ist mein Ziel. Treffsicher steuere ich meinen Passat durch die enge Einfahrt, ergattere mit einer akrobatischen Einlage ein Einfahrtsticket und Suche auf Ebene 1 einen Parkplatz. Kurz nach Mittag ist eine gute Zeit um in der Migros einzukaufen. Die Pensionäre liegen zuhause auf ihren Sofas und gönnen sich einen Mittagsschlaf.
Der Lift bringt mich bequem in den 1. Stock. Zu meiner Freude habe ich ein 2 Fr. Stück für den Einkaufswagen im Portemonnaie und eine hübsche Angestellte grüsst mich beim vorbeilaufen – wenn das kein gutes Omen ist!
Das Kundengatter passiert, tauche in die Frischwarenwelt ein. Ein etwas hilfloser Gatte einer resoluten älteren Frau steht verloren mitten in der Hauptverkehrsachse und blockiert den Warenfluss zwischen der Früchte- und der Gemüseabteilung. Seine Angetraute versucht mit ihrer Enkelin an der Hand einen Sack mit Äpfeln zu füllen. Jede der künstlich aussehenden Früchte nimmt die kritische Frau unter die Lupe und lässt nur die vermeintlich Besten in ihre Tasche gleiten. Sieben Stück haben die harte Selektion bestanden und werden bei dem älteren Pärchen in den nächsten Tagen die Früchteschale auf dem Eichenbuffet schmücken. Dass die Äpfel aus Neuseeland kommen, stören weder die Frau noch die Enkelin.
Ich fülle meinen Wagen speditiv und wechsle von der Frischwaren- in die Brotabteilung. Wieder steht der eingeschüchterte Kerl mit seinem Einkaufwagen im Weg. Seine bessere Hälfte drückt sich in der Zwischenzeit durch die Brote. Ihre Enkelin beobachtet hustend aus Distanz ihre Grossmutter, wie sie jeden Brotlaib wendet und kritisch prüft. Wie oft im Tag muss sich das Gebäck wohl dieser Tortur stellen? Die alte Dame hat sich für ein Kartoffelbrot entschieden und schreitet mit ihrem Mann und der Enkelin im Schlepptau Richtung Milchprodukte. Äpfel kann man waschen, Brote nicht. Ich entscheide mich, zuhause einen Teig zu kneten und ein eigenes Brot zu backen. Wer weiss wo die alte Dame schon überall ihre Finger hinein gesteckt hat. Bei den Milchprodukten scheint es nicht viel zum Drücken zu geben. Das Pärchen ist nicht zu sehen und ich habe freie Fahrt.
Die scharfe Kurve nach den Teigwaren ist mir heute fast zum Verhängnis geworden. Genau nach Kurvenende steht das alte Pärchen mit der Enkelin mitten im Weg und quatscht mit einer Bekannten. Beim Ausweichmanöver bekomme ich einige Brocken der Konversation mit. ‚Meine Enkelin hat die ‚wilden Blatern’ und wir passen heute auf den Goldschatz auf’, sagt die Grosmutter zu der Bekannten und putzt dem schwerkranken Kind die Nase.
Ich passiere die Gruppe und bin froh, dass in meinem Einkaufswagen kein Brot und keine Äpfel zu finden sind. Als ich in der Tiefgarage die zwei Altpapiertaschen in den Passat lade, sehe ich meine Kollegen wieder. Jetzt wo man sich dem Auto nähert, ist der Opa wieder der Chef. Er wirft einige Münzen in den Automaten, entnimmt das Ausfahrtsticket und steckt dieses sogleich in den Mund. Mit 2 schweren Taschen an den Armen und dem Ausfahrtsticket zwischen den Zähnen schreitet er auf einen alten Mercedes zu. Eine Frau in einem blauen Seat Arosa mit einem ‚Flims’ Abziehbild am Heck passiert die Szenerie. Mir fällt auf, dass auch diese Frau das frisch gezogene Einfahrtticket mit den Lippen fixierte. Ebenfalls mit dem Ticket im Mund verlässt ein junger Mann im aufgemotzten Golf die Parkgarage. Ein kalter Schauder läuft mir über den Rücken. Ich bin sicher, dass die Tickets wieder verwendet werden und der Geschmack der Aus- und Einfahrtscheine somit täglich variiert. Einkaufen in der Migros kann ihre Gesundheit gefährden!

Montag, Oktober 04, 2004

wieder einmal Hong-Kong

Was am Vorabend gegen 23 Uhr begonnen hat, findet jetzt nach rund 11 Stunden Flug langsam sein Ende. Der Kontroller in Guangzhou gibt uns in schwer verständlichem Englisch die Anweisung zum Sinkflug. Nach einem Nachtflug sind die Reaktionen etwas träger und ich muss mich zwingen, den Körper wieder in Betriebsbereitschaft zu bringen. Ich sitze jetzt schon 8 Stunden im Sitz und greife zum ersten Mal aktiv in den Flugverlauf ein. Nicht dass ich vorher untätig gewesen wäre, aber meine Aufgaben begrenzten sich auf das Überwachen und das Wachbleiben.
Macao wird auf 8000 Metern über Meer überflogen und der Chinese am Funk schickt uns auf die Anflugfrequenz von Hongkong. Mit perfektem englischem Akzent begrüsst uns der sehr effiziente Lotse. Beeilen sollen wir uns mit dem Sinkflug, meinte der relaxte Brite auf 134.3 MHz. Er offerierte uns eine Abkürzung von über 100 Km zum publizierten Flugweg. Die Abkürzung spart unserer Firma rund eine Tonne Kerosin, die Passagiere sind 20 Minuten früher im Hotel, die Kabinenbesatzung muss sich mit dem Servieren des Frühstückes beeilen und ich als fliegender Pilot komme leicht in Stress. Bin etwa 1500m über dem idealen Gleitwinkel von 3° - Nase runter und Bremsklappen raus. Einen sportlichen Anflug nennt man das im Fliegerjargon. Nicht wirklich das, was man sich nach einem harten Nachtflug wünscht. Einige Minuten später befinden wir uns auf dem idealen Gleitweg und die Piste 07L taucht aus dem Dunst auf. Hongkong hat mich nach 1 ½ Jahren wieder.
Schon wenig später geniesse ich im Lan Kwai Fong Quartier ein herrliches Thailändisches Essen unter freiem Himmel. Das Bier schmeckt nach dem langen Flug himmlisch und die Gespräche mit den Kolleginnen und Kollegen lassen die Erschöpfung vergessen.
Interessanterweise kommt bei mir in dieser Stadt nie melancholische Stimmung auf. Trotz schon über 30 Besuchen in dieser Metropole, kann ich mich an kleinen Sachen wie der Überfahrt mit der Star Ferry und dem Frühstück beim Stanley Market noch immer erfreuen. In keiner Stadt der Welt sind Reichtum und Armut, Tradition und Dekadenz so nahe nebeneinander. Schlendern in der Nathan Road, wo man pausenlos geschupst und gestossen wird ist genauso faszinierend wie eine einsame Wanderung auf einer der zahllosen Inseln oder im Hinterland von Kowloon.
Seit der Airbus nach Hongkong fliegt, haben wir auch viele Greenhörner in der Besatzung. Einige der Piloten waren noch nie in Fernen Osten und kommen mit grossen Erwartungen und gut vorbereitet in die pulsierende Stadt am Südchinesischen Meer. Mit dicken Reiseführern ausgestattet flitzen diese dann durch die engen Gassen und entdecken so die schöne Ecken. Es ist als ‚Kenner’ und fast Einheimischer immer wieder faszinierend, wie wenig man eigentlich von einer Stadt weiss und kennt. Erstaunlich, wie ich mich über Jahre an Muster und einen in den Grundzügen oft identischen Tagesablauf in den verschiedenen Städten gewöhnt habe. Bekannte Rituale vermitteln Sicherheit, verhindern aber auch Neues zu entdecken. In der Politik benutzt man dafür die Begriffe ‚konservativ’, ‚traditionell’ oder ganz einfach ‚SVP’.
Gerade beim Schlendern durch eine mir bekannte Stadt mit einem Greenhorn im Schlepptau, entdeckt man neue Paradiese. Viele der über Jahre eingebrannten Bräuche werden so neu überdenkt. Ein überraschend erfrischender Prozess übrigens! Ich habe mir fest vorgenommen, in Zürich in den nächsten Freitagen eine Stadtrundfahrt zu buchen und einen Reiseführer zu kaufen! Vielleicht kann mir ein Greenhorn ‚meine’ Stadt an der Limmat aus einer neuen Perspektive zeigen. Fast wäre ich versucht gewesen, alle Stimmbürger die am letzten Abstimmungssonntag bei den Ausländerinitiativen NEIN gestimmt haben zu einer Stadtführung mit einem Greenhorn bzw. einem Ausländer zu verdonnern. Aber eben, das funktioniert ja gar nicht. Erstens lassen sich die konservativen Eidgenossen kaum für etwas Neues begeistern und zweitens leben die von der Abstimmung betroffenen Ausländer schon seit Jahrzehnten in unserem Land und sind alles andere als Greenhörner.