Donnerstag, September 30, 2004

Tropfensystem

Letzten Dienstag hat es mich nach 5 gemütlichen Reservetagen zu Hause erwischt. Die Disponentin der Swiss bot mich für einen Flug nach Kairo auf. Am Morgen nach Ägypten und am Abend wieder zurück. Eigentlich gar nicht so schlecht möchte man meinen. Die grosse Unbekannte für mich war der Anfahrtsweg zum Flughafen während der Stosszeit am Morgen. Vom Tropfensystem am Gubrist wurde in den Medien viel berichtet. Limmattaler waren verärgert, Aargauer jubilierten. Ich plante am besagten Morgen auf jeden Fall genügend Zeit ein. Von der Fahrweid her kommend sah ich, dass der Verkehr auf der Autobahn flüssig lief. Auch der befürchtete Stau vor dem Tropfenzähler bei der Einfahrt Weiningen war marginal. Brav reihte ich mich vor den Lichtsignalen ein und wartete gnädig auf Einlass in den vielbefahrenen Tunnel. Wieder ging es schneller als erwartet. Später im Tunnel verursachten dann unschlüssige Automobilisten einen Stau mitten im dunklen Loch. Immer auf der Suche nach der flottesten Spur, wechselten sie die Seiten schneller als dem Tropfenzähler lieb war. Stau war die Folge und ich benutzte die Gelegenheit meine Staukollegen zu beobachten. Nicht die Frisuren, Brillen oder Kleider interessierten mich heute, sondern die Aufkleber auf dem Heck der verschiedenen Fahrzeuge. ‚Bivio – die Perle am Julier’ klebte schon etwas vergilbt an einem beigen Golf der ersten Generation. Fahrer und Untersatz stammen wohl beide aus den 80-er Jahren. Glaube kaum, dass der junge Schnösel schon einmal im Dorf am Julier weilte. Hinter mir wechselt gerade ein BMW X5 die Spur und überholt mich langsam. ‚Davos’ schimmert in edler silberner Schrift am Heck des teuren Zivilpanzers. Könnte mir vorstellen, dass der gut gekleidete Jungbanker eine kleine Ferienwohnung im urbanen Winterparadies besitzt.
Jetzt stock die linke Spur wieder und ich überhole den Davoser und den alten Golf auf der Schleichspur. Weit vorne angekommen sehe ich an der Rückseite eines Familienvans ein Aufkleber von Adelboden. Farbig und gross macht der Fahrer mit den 3 Kindersitzen im Innern gratis für die Berner Oberländer Gemeinde Werbung. Ist vermutlich ein Dauergast in einem Familienhotel. Wir stehen wieder auf der rechten Spur und die Linke kriecht an uns vorbei. Hinter mir stellt ein schwarzer Audi aus der 6-er Serie gestresst seinen Blinker und schiebt sich vor einen blauen Honda Civic. Dessen Fahrer muss abrupt auf die Bremse stehen und zeigt dem Audifahrer den Vogel. Der Audi schleicht an mir vorbei und zu meiner Verwunderung wirbt auch dieser für den Kurort seiner Wahl. ‚St. Moritz’ reflektiert neben dem Rotaryabzeichen und ich stelle mir vor, wie dieses arrogante Arschloch im Winter in seinem schwarzen Audi den Fussgängern beim Café Hauser den Vortritt verweigert.
Apropos Engadin, vielleicht sollte man im Winter während der Stausaison vor der Einfahrt ins Dorf St. Moritz auch so einen Tropfenzähler installieren. Man könnte sich dann jeden Morgen und jeden Abend im Stau bestens amüsieren und dabei auch die Abziehbilder der verschiedenen Autos deuten. Wäre schön zu sehen, wenn unsere Bündner Freunde sich auch so schmucke Dorfnamen an die Rückseite malen würden. ‚Dietikon’, ‚Schlieren’ oder ‚Schwammendingen’ an den Rostbüchsen, ‚Weiningen – die Perle am Gubrist’ an den Subarus und Orte wie ‚Lachen SZ’, ‚Freienbach’ und ‚Meilen’ an den Luxuskarossen. Eine wahrlich föderalistische Idee. Vielleicht sollte ich das einmal im Forum der Engadiner-Post vorschlagen. Ich weiss nicht, was grössere Wellen werfen würde: der Tropfenzähler oder die Zürcher Dorfnamen an den heiligen Karossen. Wäre ein Versuch wert!

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