Sonntag, August 01, 2004

Long Beach

Erster August, morgens um 0100 Uhr, nüchtern und keine Bratwurst auf dem Grill! Ich sitze stattdessen im Hotelzimmer in Long Beach und warte auf den ‚wake up call’ in rund 40 Minuten. Eigentlich hätte ich jetzt Lust mich etwas auf das Bett zu legen und mich vom amerikanischen Einheitsfernsehprogramm berieseln zu lassen. Doch leider habe ich mir vorgenommen, von jeder Rotationen wenigstens einige Zeilen ins Notebook zu schreiben und sitze nun vor dem berühmten weissen Blatt.
Was soll man bloss über Long Beach schreiben? Der Name löst bei Personen, die das Pflaster südlich von Los Angeles nicht kennen, sicherlich schöne Bilder aus. Die Realität ist zumindest im Umkreis des Hotels eher nüchtern. Bürogebäude und Wohnkomplexe dominieren die Szenerie und bilden jedes Jahr, wenn das Autorennen im Dorf ist, eine urbane Kulisse. Für Jogger, Wanderer und Naturliebhaber eher eine triste Angelegenheit. Zum Glück ist aber das Meer in unmittelbarer Nähe und da lassen sich die Amerikaner in der Regel nicht lumpen. Schöne Sandstrände, wunderbare Bike- und Laufwege entlang des pazifischen Ozeans laden zum Outdoorvergnügen ein. Für 20$ den Tag haben wir zu viert je einen ‚Beachcruiser’ gemietet. Was sich sehr modern bezeichnet, ist in Tat und Wahrheit ein einfaches Fahrrad mit sehr unbequemem Sattel. Von Long Beach 19 Meilen Richtung Huntington Beach standen auf dem Programm. Schon nach wenigen Metern Fahrt, wird man durch unzählige Hinweise und Tafeln auf die Regeln aufmerksam gemacht. Vorschriften wie: ‘do not park here’, ‚pedestrians only’, ‚max speed 5 mph when pedenstrians present’, ‘max speed 10 mph when no pedestrians present’, ‘do not swim after 8 p.m.’ sorgen auf der 2 stündigen Fahrt für Unterhaltung und werden konsequent ignoriert.

Hier waren die Zeilen vor einer Woche fertig. Vermutlich hat mich ein schräges Fernsehprogramm oder der Weckruf vom Computer weggezogen. Jetzt ist über eine Woche später und ich sitze wieder in Long Beach im Hilton und warte auf den ‚wake up call’. Die Computeruhr hat gerade auf Mitternacht gewechselt und ich gönne mir noch ein paar freie Minuten bevor der Stress in der dunkelblauen Uniform wieder weitergeht. Long Beach oder auch Los Angeles sind wie ständige Fluchtversuche. Letzte Woche versuchte ich dem Rotationsblues mit Sport zu entfliehen und als Quittung zog ich mir wegen übermässigem Joggen am Strand eine Wadenzerrung zu. Diese Woche mietete ich ganz einfach ein Auto. Mit meinem Chevy ging es nach dem Frühstück auf den Highway 710 Richtung Interstate 405. Nach genau 13 Minuten Fahrzeit fand ich mich im ersten Stau wieder. Nicht zweispurig wie am Gubrist, nein siebenspurig standen die Autos Richtung Norden. Das Aussenthermometer zeigte 36 Grad an und die Aircon des Chevys lief auf Volltouren. Niemand schien sich aufzuregen und so entschloss auch ich mich, die Sache ruhig anzugehen. Nach über einer Stunde in der Blechlawine erreichte ich das erste Ziel. Ein Shopping Center so gross wie das Tivoli und das Glattzentrum zusammen. Nach dem kurzen Einkauf wollte ich noch schnell an die Venice Beach um dort ein Paar Inlineskates zu mieten. Die Verkehrssituation Richtung Westen war ähnlich wie vorher. Hier standen die Autos allerdings nur auf sechs Spuren – wie beruhigend. Die Zeit lief und ich begrub die Idee vom Strandbesuch. Schnell auf Nebenstrassen nach Beverly Hills und dann auf den Interstate 95 wieder Richtung Hotel. Viel von Los Angeles habe ich nicht gesehen, aber wenigstens war wieder ein Tag rum.
Ich weiss, meine Berichte klingen immer etwas schwermütig und negativ. Aber nur wer Los Angeles wie ich schon zum 25. Mal besucht hat und sich immer wieder fragt, was die vielen Leute denn so toll finden in der kalifornischen Metropole, kann mir nachfühlen. Leute geniesst die Schweiz! Keine Zeitverschiebung, trotz allem nette Leute und nur zweispurige Staus!

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