Freitag, Juli 09, 2004

crew bunk

Acht Stunden bin ich jetzt gesessen und habe die Sonne fast von allen Seiten gesehen. Auf 11’110m haben wir Neryungi in Ost-Sibirien überflogen, als sich der Captain wieder zum Dienst zurückmeldete. Meine Schicht ist zu Ende und die beiden Kollegen werden den A340 jetzt über Khabarovsk und das Japanische Meer nach Tokyo bringen.
In der Schweiz ist jetzt 22 Uhr, mein Akku hat noch genau für 1:01 Saft und mein Auftrag lautet ‚Schlafen’.
Die Idee wäre eigentlich recht gut. Die Augen schmerzen vom grellen Licht und die Beine wollen gestreckt werden. Schon beim Liegen beginnt das eigentliche Problem. Der Chefingenieur von Airbus, sicherlich keine Nachtflugerfahrung und kaum grösser als 1.6 m, hat die Bettlänge auf genau 2,0 m bemessen. Passt also Loch-Loch bei mir. Von Breite kann man bei dieser Liege nicht sprechen. Mein Laptop hat gerade Platz, wenn ich die Gurte (auf Kopfhöhe) etwas zur Seite schiebe. Man soll sich nicht beklagen, meint mein Chefpilot und ich beisse wie befohlen in den sauren Apfel.
Mein Akku hat noch 57 Minuten Saft und ich darf noch mehr als 2 Stunden in meiner Zelle hoch über Sibirien verharren. Klar wären die bemitleidenswerten Gefangenen in den GULAGS unter mir vor einigen Jahrzehnten froh gewesen, wenn sie eine Zelle in dieser Grösse gehabt hätten, aber erstens bin ich kein Gefangener und zweitens muss ich mich gemäss Auftrag erholen.
Mein Akku hat noch 53 Minuten und der Rücken schmerzt zum ersten Mal auf der harten Unterlage. Man soll sich in der Freizeit fit halten und die Rückenmuskulatur stärken, predigen meine Chefs und der ärztliche Dienst unaufhörlich, doch bei diesen Betten fragen ich mich ernsthaft, wann sich die erste Bandscheibe eines alten Piloten (in der Swiss haben wir nur noch alte Piloten – die Jungen wurden alle gefeuert) bei einer leichten Turbulenz verabschiedet.
Fertig gelästert, ich beschreibe ihnen lieber meine nette Zelle. Mein Ruheraum misst genau 2 Quadratmeter und hat zwei unglaublich unbequeme Pritschen eingebaut. In diesem Ruheraum sind sage und schreibe 3 Telefone, 2 Fernbedienungen und ein LCD Monitor eingepasst. Zwei der drei Telefone haben via Satellit Verbindung zur Aussenwelt. Die Fernbedienungen dienen dazu, den LCD Monitor, den man übrigens von keinem der zwei Pritschen aus richtig sieht, zu bedienen. Etwa zehn verschiedene Lichtschalter, 3 Taschenlampen, eine Schwimmweste, zwei Sauerstoffnotsysteme und eine Schutzhaube die vor Rauch schützt, sind in dem 2 Quadratmeter grossen Raum eingebaut. Verständlich, dass da kein Geld mehr übrig blieb für bequeme Matratzen und einen vernünftigen Lärmschutz.
Der Akku hat noch knapp 50 Minuten Saft und ich werde gottlob müde. Nicht so die Passagiere und meine zwei Cockpitkollegen. Alle haben Hunger. Hunger löst in einem Dienstleistungsunternehmen immer auch Hektik aus. Trolleys werden herausgerissen, Türen zugeschlagen, Teller bereit gemacht, schusssichere Cockpittüre mit den elektronischen Bolzen geöffnet, Kaffee gebraut, Champagnerflaschen entkorkt, wieder Cockpittüre aufgeschossen, Messer auf den Boden fallen gelassen, Glas herausgenommen, schmutziges Geschirr weggeräumt und viel viel geredet. Das geschieht alles genau 15 cm neben meinem Kopf.
Ich habe noch 47 Minuten Saft und möchte schlafen. Ein Ofen heult auf und nach 4 Minuten riecht es nach frischem Brot. Der 3 cm grosse Spalt zwischen Zellentüre und Boden lässt neben dem Lärm und dem Licht auch den leckeren Geruch durch. Es riecht wirklich gut. Ich entscheide mich trotz dem Wasser, das mir im Mund zusammenläuft, das Licht zu löschen. Just als ich an meine Frau denkend einschlief, erreichen meine Kollegen die Küstennähe und Gewitterwolken lassen das filigrane Flugzeug hin und her tanzen. Mein Kopf, vorher ein Zentimeter von der Wand entfernt, knallt an die nicht isolierte Abdeckung, der Gurt auf Kopfhöhe löst sich aus der Verankerung und landet unsanft auf meinem Schädel. Schlafen in dieser Zelle – denkste!

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