Sonntag, Juni 06, 2004

Reservedienst

Wohl die angenehmste Art seinen Arbeitstag zu verbringen. Während sich draußen der Himmel entleert und die Bäche schon in vielen Teilen der Schweiz über die Ufer treten, sitze ich an meinem neuen vaio und geniesse das Ausprobieren der frisch erworbenen Programme, die ersten Abstürze und - man verzeihe es mir - die Berichte des Radrennens 'Deutschlandtour' auf der ARD.
Sicher fragt sich jetzt der neugierige Leser, was der Schreiberling wohl arbeite. Schriftsteller kann er mit diesem Schreibstil nicht sein (obschon ich mich ehrlich mit dem Gedanken anfreunden könnte). Pilot heisst die Lösung und mein Auftrag lautet Reservedienst. So bin ich, nicht ganz ernst gemeint, seit 0800 Uhr wie auf Nadeln und hoffe dass mich das Telefon nicht aus meinem gemütlichen Zuhause entführt. Reservedienst oder STBY, wie es in der neuen Firma heisst (man gewöhnt sich genau so schlecht an die neuen Ausdrücke wie an die neue Firma…...) sind sehr wohl strukturiert! Das beginnt schon am Vorabend. Eine Rasur am Abend kann am Morgen wertvolle Minuten bedeuten, die man dann wieder vor dem Gubrist im Stau verbringt. Auch die notwendigen Accessoires wie der neue vaio, Leo's Turnschuhe sowie die wichtigsten Kleider sind schon im Koffer bereit oder wie im Falle des vaios zumindest schnell verpackt. Am Tage der Reserve macht man sich dann nach dem Aufstehen Gedanken, wo man sich am Abend ins Bett legt. Ein Anruf in den ersten Stunden bedeutet dann meisten sein Nachtlager in Amerika aufzubauen. Boston wäre wieder einmal fällig, die Lobster sind dort fantastisch. Auch Montreal ist nicht schlecht. Joggen in der Früh auf dem ‚Mont Jolie’ entschädigt für die Tatsache, dass die wirklich netten Montrealer ein schreckliches Französisch sprechen. Los Angeles als Stadt ist auch nicht schlecht, wäre da nicht die Zeitverschiebung. Neun Stunden sind recht happig. Um 2 Uhr in der Früh wach, um 6 Uhr joggend am Strand und am Nachmittag schlafend im Kino. Dann schon lieber New York. Nur 6 Stunden Unterschied aber leider ein Hotel neben der 'Ladder 26'. Ladder 26 ist eine Feuerwehrstation, die besonders Stolz auf ihre Sirenen sein muss. Auch hier frühe Tagwache und Joggen im Morgengrauen garantiert.
Das Biwak in Amerika scheint sich zu verabschieden. Der Zeiger der Uhr ist schon über 12 und auf DRS1 läuft das Mittagsjournal. Jetzt winkt Japan. Langer Flug aber ausgezeichnetes Essen, eine spannende Stadt, schräge Leute und ein traumhafter Rückflug am Tag über Sibirien wo man all die Flüsse aus den Kreuzworträtseln einmal live anschauen kann. Der Zeiger der Uhr bewegt sich vorwärts. Auch dieser Flug ist schon bald über den Dächern von Winterthur. Jetzt wird es spannend. Um 16 Uhr geht mein ungeliebter Flug Richtung Newark. Bei den Passagieren beliebt und von mir gehasst. Was soll ich bloss in New Jersey? Es gibt wohl einen Bus nach Manhattan, aber da kann ich ja gleich nach JFK fliegen! Bald wird klar, wieder einmal Glück gehabt, auch LX18 ist weg.
Die Staumeldungen am Radio werden länger und vor Birmensdorf versuchen die Pendler zum x-ten Mal der Blechlawine zu entkommen. Noch ein paar Optionen stehen offen. Die wohl bequemste ist schnell als Passagier nach Genf um dann Morgen von der Stadt am Lac Léman an die Stadt am Houston River zu fliegen. Das gäbe einen gemütlichen Abend in Crew House in Genf mit guten Gesprächen und sicherlich ein paar Bieren. Vor allem hätte ich im Gegensatz zu den anderen noch ausstehenden Möglichkeiten ein anständiges Bett am Abend. Die anderen Möglichkeiten heissen Bangkok, Hongkong, Sao Paulo, Johannesburg oder Nairobi. Alles super Destinationen, über die ich sicherlich später noch etwas schreiben werde, aber eben - es muss mit einer Freinacht teuer bezahlt werden. Was soll man da nur packen? Über 30° am Schatten aber unter 18°C in den Beizen. Probleme haben wir :-)

Die Zeit läuft und Coni kommt bald nach Hause. Zeit zu kochen und den evtl. freien Abend vorbereiten. Bier darf ich erst um 20 Uhr trinken nach einem happigen 12 Stunden Tag! Morgen dann wieder der gleiche Stress - da soll mal einer Sagen wir Langstreckenpiloten hätten einen 'Schoggijob'!

Kommentare:

  1. Ein Genuss, Deine Bloggs zu lesen.
    Entspanne selten so gut beim Lesen.
    Mach weiter so.

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  2. Jetzt habe ich die letzten vier Jahre Deines Pilotenlebens begleitet und bin etwas traurig, in Zukunft immer auf Neues warten zu müssen :o)

    Ein wirklich schönes Blogg, das mich etwas auf meinen Platz vorne rechts in zwei Jahren beim Kranich vorbereitet.

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