Mittwoch, Juni 09, 2004

Hitze

Die Bauern müssen hitzeresistent sein! Die Quecksilbersäule hat schon deutlich die 30° überschritten, die Luft ist schwer und dunstig, kaum ein Luftzug kühlt die verschwitzte Hautoberfläche ab und meine Nachbarn schneiden und wenden das Gras frisch fröhlich und scheinen dabei noch Spass zu haben.
Kaum einer der Familie Bräm scheint sich im Klaren zu sein, was sie mir damit antun. Pollen terrorisieren mich seit dem langen grossen Regen anfangs Woche ununterbrochen. Meine Schleimhäute sind zu Höchstform aufgeschwollen und die Lunge keucht wie die amerikanischen Pendants in der Marlboro Werbung. Ein Zürcher Produkt Namens Zyrtec hält mich seit einer guten Woche am Leben. Ein Hoch auf die Pharma-Ingenieure!

Es beschäftigen mich also heute die Pollen und die Temperatur! Kühlung gäbe es im Fondli im 23-grädigen Wasser. Doch da sind neben den Pollen auch die schreienden Jung-Dietiker. Mittwochnachmittag - Schulfrei - no go Badi ...... Zum Glück war ich schon am Morgen. Wasser 23°, Luft 23° und etwas über 23 Leute im ganzen Areal. Neben einer (vermutlich phil I) Studentin waren da nur noch grauhaarige, etwas runzlige Rentner im Freibad. Zu meiner Freude hatte es kaum eine handvoll Pensionisten im Wasser. Bei acht Bahnen kein Problem. Doch ‚Obacht’, ich bin in ein fast heiliges Gebiet eingedrungen. Um 10 Uhr in der Früh fällt ein UVI (under vierzgi) ziemlich auf. ‘Student ist er nicht mehr, wie ein Asylant sieht er nicht aus, also muss er arbeitslos sein!’ Und genau so wurde ich die folgenden 20 Längen behandelt!
Ich startete auf Bahn 3. Bahn 2 war von einer mit Ryffel’s wet west ausgestatteten Frau besetzt. Bahn 4 nutzte ein Rentner für ’Rückenschwumm an Ort’. Überhaupt nicht beobachtet gefühlt genoss ich die erste Länge. Der ältere Kollege verschluckte sich wohl beim passieren meiner Bugwelle und erklärte mir für die nächste Viertelstunde den Krieg. Als ob er sich vor jeder Passage von mir einen kräftigen Grappa gegönnt hätte, wechselte er kurz vor dem Kreuzungspunkt mit mir von ‘Geradeausschwumm’ zum ‘Kurzschwing-Schwumm‘, steuerte von Bahn 4 in ‘meine’ Bahn 3 und dank eines Zwischenspurts meinerseits konnte die Kollision vermieden werden.
Die ‘Ryffel-Wet-West-Lady’ solidarisierte sich sogleich mit dem Kollegen auf Bahn 4 und schränkte meine Freiheit auf Bahn 3 weiter ein. Wie eine Wasserbombe aus dem 2. Weltkrieg (da war sie gerade 12 Jahre alt), legte sie sich perfid in meine Fahrrinne. Rücksichtnahme meinerseits: ’es sind ja alte Leute; gut machen sie wenigstens etwas’, wechselte von Minute zu Minute Richtung Wut. Ich war drauf und dran nach 8 Längen ‘meine’ Bahn 3 aufzugeben und auf den Bahnen 5 bis 8 mein Glück zu suchen. Aber Hoppla, auf den vorhin freien Bahnen scheint sich die Hälfte des Altersheim Ruggachers versammelt zu haben. Plötzlich trafen sich die Pensionisten an den Rändern des Beckens zum Schwatz. Ein Wenden ohne Berührung der runzligen Körper mit garantiertem Protest wäre unmöglich gewesen. So setzte ich meinen Kampf auf Bahn 3 fort und beendete meine Trainingseinheit.

Noch jetzt bin ich überzeugt, dass die Bahnen 1-8 nach meinem Verlassen des Beckens leer waren und die lieben Rentner (‘Hände Weg von meiner AHV‘) auf den übergrossen Frottétüchern auf den nächsten UVI, Asylanten oder Arbeitslosen warteten. Und das jeden Morgen, Tag für Tag, darum sind die Saisonkarten für Pensionisten auch günstiger........

Sonntag, Juni 06, 2004

Reservedienst

Wohl die angenehmste Art seinen Arbeitstag zu verbringen. Während sich draußen der Himmel entleert und die Bäche schon in vielen Teilen der Schweiz über die Ufer treten, sitze ich an meinem neuen vaio und geniesse das Ausprobieren der frisch erworbenen Programme, die ersten Abstürze und - man verzeihe es mir - die Berichte des Radrennens 'Deutschlandtour' auf der ARD.
Sicher fragt sich jetzt der neugierige Leser, was der Schreiberling wohl arbeite. Schriftsteller kann er mit diesem Schreibstil nicht sein (obschon ich mich ehrlich mit dem Gedanken anfreunden könnte). Pilot heisst die Lösung und mein Auftrag lautet Reservedienst. So bin ich, nicht ganz ernst gemeint, seit 0800 Uhr wie auf Nadeln und hoffe dass mich das Telefon nicht aus meinem gemütlichen Zuhause entführt. Reservedienst oder STBY, wie es in der neuen Firma heisst (man gewöhnt sich genau so schlecht an die neuen Ausdrücke wie an die neue Firma…...) sind sehr wohl strukturiert! Das beginnt schon am Vorabend. Eine Rasur am Abend kann am Morgen wertvolle Minuten bedeuten, die man dann wieder vor dem Gubrist im Stau verbringt. Auch die notwendigen Accessoires wie der neue vaio, Leo's Turnschuhe sowie die wichtigsten Kleider sind schon im Koffer bereit oder wie im Falle des vaios zumindest schnell verpackt. Am Tage der Reserve macht man sich dann nach dem Aufstehen Gedanken, wo man sich am Abend ins Bett legt. Ein Anruf in den ersten Stunden bedeutet dann meisten sein Nachtlager in Amerika aufzubauen. Boston wäre wieder einmal fällig, die Lobster sind dort fantastisch. Auch Montreal ist nicht schlecht. Joggen in der Früh auf dem ‚Mont Jolie’ entschädigt für die Tatsache, dass die wirklich netten Montrealer ein schreckliches Französisch sprechen. Los Angeles als Stadt ist auch nicht schlecht, wäre da nicht die Zeitverschiebung. Neun Stunden sind recht happig. Um 2 Uhr in der Früh wach, um 6 Uhr joggend am Strand und am Nachmittag schlafend im Kino. Dann schon lieber New York. Nur 6 Stunden Unterschied aber leider ein Hotel neben der 'Ladder 26'. Ladder 26 ist eine Feuerwehrstation, die besonders Stolz auf ihre Sirenen sein muss. Auch hier frühe Tagwache und Joggen im Morgengrauen garantiert.
Das Biwak in Amerika scheint sich zu verabschieden. Der Zeiger der Uhr ist schon über 12 und auf DRS1 läuft das Mittagsjournal. Jetzt winkt Japan. Langer Flug aber ausgezeichnetes Essen, eine spannende Stadt, schräge Leute und ein traumhafter Rückflug am Tag über Sibirien wo man all die Flüsse aus den Kreuzworträtseln einmal live anschauen kann. Der Zeiger der Uhr bewegt sich vorwärts. Auch dieser Flug ist schon bald über den Dächern von Winterthur. Jetzt wird es spannend. Um 16 Uhr geht mein ungeliebter Flug Richtung Newark. Bei den Passagieren beliebt und von mir gehasst. Was soll ich bloss in New Jersey? Es gibt wohl einen Bus nach Manhattan, aber da kann ich ja gleich nach JFK fliegen! Bald wird klar, wieder einmal Glück gehabt, auch LX18 ist weg.
Die Staumeldungen am Radio werden länger und vor Birmensdorf versuchen die Pendler zum x-ten Mal der Blechlawine zu entkommen. Noch ein paar Optionen stehen offen. Die wohl bequemste ist schnell als Passagier nach Genf um dann Morgen von der Stadt am Lac Léman an die Stadt am Houston River zu fliegen. Das gäbe einen gemütlichen Abend in Crew House in Genf mit guten Gesprächen und sicherlich ein paar Bieren. Vor allem hätte ich im Gegensatz zu den anderen noch ausstehenden Möglichkeiten ein anständiges Bett am Abend. Die anderen Möglichkeiten heissen Bangkok, Hongkong, Sao Paulo, Johannesburg oder Nairobi. Alles super Destinationen, über die ich sicherlich später noch etwas schreiben werde, aber eben - es muss mit einer Freinacht teuer bezahlt werden. Was soll man da nur packen? Über 30° am Schatten aber unter 18°C in den Beizen. Probleme haben wir :-)

Die Zeit läuft und Coni kommt bald nach Hause. Zeit zu kochen und den evtl. freien Abend vorbereiten. Bier darf ich erst um 20 Uhr trinken nach einem happigen 12 Stunden Tag! Morgen dann wieder der gleiche Stress - da soll mal einer Sagen wir Langstreckenpiloten hätten einen 'Schoggijob'!