Wichtige Handgriffe pflegen wir im Cockpit gemeinsam zu erledigen. Wir überwachen uns gegenseitig und nennen das respektvoll «Closed Loop Principle». Diese Überwachung ist wichtig und verhindert Fehler. Trotzdem gibt es Handlungen, bei denen man ab und zu selber Hand anlegen muss.
Spätestens nach einer Stunde im Crewbunk sollte in die Seitenlage gewechselt werden. Der Rücken schmerzt, der Nacken ist blockiert und die Blase droht zu platzen. Natürlich würde der Gang auf die Toilette Erleichterung bringen, doch dann wäre die wunderbare Schwere im Körper wie weggeflogen. Also vorsichtig die Beine anziehen, das Schienbein unter dem praktischen Tablar hindurchzwängen und weiter träumen. Was der Blase Entspannung bringt, belastet den linken Arm. Er findet auf der schmalen Unterlage keinen Platz und hängt regungslos über dem schmutzigen Teppich.
Eine weitere Stunde später schläft nur noch der linke Arm. Durch den Druck auf die Gefässe wurde die Blutzufuhr unterbrochen und nur ein leichtes Kribbeln bestätigt, dass dieses schlaffe Teil zum eigenen Körper gehört. Die Extremität ist nicht nur taub, sondern dank der Zugluft auch unterkühlt. Dies wirkt sich wiederum negativ auf die Stimmung der Blase aus. Die Entleerung duldet keinen Aufschub mehr.
Ist der Kopf hart am oberen Bett aufgeschlagen, das Hemd zugeknöpft, die Hose geschlossen und die Frisur im Lot –, kann die Crewbunktür guter Hoffnung geöffnet werden. Nur zwei Schritte trennen den schlaftrunkenen Copiloten vom Ort der Erleichterung. Zwei Schritte nur, um eine drohende Katastrophe abzuwenden. Doch die Chancen auf eine freie Toilette stehen vor der Landung etwa ähnlich schlecht, wie die auf den Hauptgewinn bei der «Euro Millions» Ziehung. Kein Wunder, möchten sich doch acht Gäste aus der ersten Klasse nach dem langen Aufenthalt unter der Daunendecke etwas frisch machen, ihren Schlafanzug ausziehen und allerlei Duftstoffe verteilen. Mit Schminkkoffer in der einen und dem «Deux Pièces» in der anderen Hand, verschwindet die Dame von 1A einen winzigkleinen Moment vor mir im engen Raum.
Ein «Ratsch» quittierte meine schmerzliche Niederlage. Mit diesem «Ratsch» wechselt der Schieber von Rot nach Grün. Grün, die Farbe der Hoffnung – Gelb, die meiner Augen! Minuten später ein erster Hoffnungsschimmer: die Spülung wird betätigt. Ein Mann würde sich jetzt noch kurz die Hände waschen, einen letzten Kontrollblick tätigen und das Klo schnellstmöglich verlassen. Nicht so die Dame von 1A. Mit zwei gut hörbaren «Klonk» wird der Schminkkoffer aus edler Manufaktur geöffnet. Als Zuhörer kann man nur ahnen, wie lange die sanfte Renovation der Aussenfassade von 1A dauern könnte. Zur Ablenkung hüpft der geplagte Copilot von einem Bein auf das andere und lenkt sich ab. Den angebotenen Espresso hätte er gerne getrunken, muss ihn aber aus Kapazitätsgründen ins Holding schicken.
Eine Ewigkeit später die Erlösung. Ein «Ratsch» und aus Rot wird Grün – endlich! Aus dem Nichts kommend schiesst der Kapitän an mit vorbei und bittet um Entschuldigung. Schliesslich sei man bald im Anflug, schliesslich warte anspruchsvolle Arbeit im Cockpit.
Wieder «Ratsch».
Brutal, es wäre so schön gewesen.
Sein Geschäft hat er schnell erledigt. Eine Minute später steht er vor mir. In meinen Augen kann er die nackte Panik ablesen. Denn auf 2A erhebt sich ein Mann und läuft zielstrebig Richtung Toilette. Ich will am Kapitän vorbei, kann aber nicht. Dieser steht im Weg und schlürft genüsslich den Espresso, der eigentlich für mich vorgesehen war. Dabei verstellt er den Durchgang für den wartenden Copiloten, was Passagier 2A geschickt ausnutzt. «Ratsch» und der Schieber steht wieder auf Rot. Aus Verzweiflung beisse ich in ein fettiges Croissant und schaue mich nach Alternativen wie leeren Champagnerkübeln oder Pet-Flaschen um. Aus Sekunden werden Minuten, aus Minuten Stunden.
Lange nachdem ein leuchtendes Symbol die Passagiere an den Sitz fesselte, verlässt 2A das Klo. Die Erleichterung lässt sich nicht in Worte fassen. Doch die Freude ist nur von kurzer Dauer. Schon beim nächsten Flug wird sich das Theater wiederholen. Darum reden Copiloten, die in der zweiten Schicht schlafen müssen, auch vom «Closed Loo Principle».
Gelebte Toleranz
Vor 3 Stunden
