Dienstag, Juli 26, 2016

Der Hub-rist ist überall

Für Normalsterbliche unleserlich, verkündet mit eine Tafel auf der Flughafenautobahn, dass mein bevorzugtes Parkhaus 6 heute für das Personal gesperrt ist. Ferienanfang – Freude für die Einen, Umwege für die Anderen... Ein kleiner Fussmarsch vor dem Flug hat noch niemandem geschadet. So laufe ich halt in Vollmontur durch die Flughafenhallen und beteuere jeden zweiten Meter, dass ich keine Ahnung hätte, ob dieser oder jener Ferienflug pünktlich abheben werde.

«Euer SLOT ist im Moment noch grauenhaft, wir versuchen alles!», begrüsste uns der Dispatcher in Zürich, als wir die Planungsunterlagen abholen wollten. Über Frankreich ist das Flugaufkommen gross und die Ferien haben begonnen. Für einmal haben wir Verständnis, das Land ist im Moment genug geprüft.

Mit einem kleinen Umweg über die Kaffeemaschine suchen wir den Briefingraum der Kabinenbesatzung. Auch wenn schon fast alle Sitze besetzt sind, scheinen noch zwei Kolleginnen zu fehlen. Unfall am Gubrist, die Kolleginnen kommen etwas später, dafür mit erhöhtem Puls. 

Mittlerweile hat sich die SLOT-Situation noch immer nicht geklärt und der Dispatcher erklärt uns, dass wir im schlimmsten Fall über Deutschland Richtung Montreal fliegen könnten. Es bräuchte allerdings etwa drei Tonnen extra Fuel, die wir bitte für den Fall der Fälle mitnehmen sollen. Knapp reicht es dank zusätzlichen Fuel und dem obligaten Rückenwind auf unserer Homebase nicht für einen Start auf der 28. Das bedeutet, dass wir uns später im Stau vor der 16 wiederfinden werden.

Es sind alle Besatzungsmitglieder eingetroffen, die Passagiere angeschnallt, die SLOT-Probleme fast gelöst (40 Minuten Verspätung) und die Freigabe für den Motorenstart eingeholt. Um 13:46 Uhr heben wir auf der 16 ab und die Tennisspieler in Opfikon freuen sich wenige Augenblicke später über das wunderschöne Langstreckenflugzeug, das so elegant die Linkskurve beginnt.

Mit M 0.85 und Heading West geht es der Destination entgegen. Um 19:05 Uhr Lokalzeit befiehlt mein Kollege mir, dass ich das Fahrwerk ausfahren solle. Wenige Minuten später landet er zum ersten Mal eine B777 mit Passagieren an Bord. Eine ganz edle Landung – Kompliment!

Vor der Immigration ein Riesenstau. Leider nicht nur bei den Passagieren, sondern auch beim Crewschalter. Als Letzter passiere ich die Schranke und werde freundlich in Kanada willkommen geheissen. Die Crew wartet derweil schon sehnlichst auf unser Gepäck. Was normalerweise blitzschnell geht, scheint heute eine Ewigkeit zu dauern. Nach einer Wartezeit von 20 Minuten greife ich zum Telefon und versuche die Verantwortlichen zu erreichen. Keine Antwort, das Warten geht weiter. 

Endlich die Koffer! Im Stechschritt Richtung Ausgang an der letzten Einwanderungshürde vorbei. Eine Kollegin scheint dem Beamten, der die Einreiseformulare einsammelt, so zu gefallen, dass er einen Spotcheck anordnet. Die nicht zu beneidende Kollegin verschwindet in einem dunklen Raum und wartet, bis ein weiterer Beamter die Zeit findet, sich ihrer anzunehmen. Es dauert 30 Minuten...

Es ist tatsächlich noch hell, als der Bus die Fahrt Richtung Stadtzentrum in Angriff nimmt. Bis zu ersten Rotlicht läuft es flüssig wie am Gubrist um 3 Uhr in der Früh. Nach dem besagten Rotlicht finden wir uns in der Realität wieder: Gubrist um 17 Uhr. Der Bus wird vom Stau geschluckt. Dieser sollte uns die nächsten 75 Minuten nicht mehr freigeben.

Selbst im Hotel scheint einiges los zu sein. Ein Bus voller fülliger Amerikaner ist wenige Minuten vor uns angekommen und nun warten die Schwergewichte auf einem Haufen vor den drei Liften. Don't worry - be happy!

Irgendwann sitzt der grösste Teil der Crew gemütlich in einem Pub, geniesst das kalte Getränk und die ausgezeichneten Bisonburger. Die Stimmung ist ausgelassen und der erfolgreiche Flugtag wird gefeiert. 

Kein Gubrist auf dieser Welt kann uns das vermiesen.

Dienstag, März 15, 2016

An den Arsch gewachsen

Alles Alte, soweit es den Anspruch darauf verdient hat, sollen wir lieben; aber für das Neue sollen wir eigentlich leben.
Theodor Fontane

Zurück aus dem fernen Amerika liege ich ausgestreckt auf dem Bett im klirrend kalten Engadin und blicke auf den Winter zurück, den ich statt auf der Loipe, vorwiegend im Simulator verbracht habe. Das Kürzel B777 hat mich in Beschlag genommen und mir neben fünf Kilogramm mehr auf den Rippen, auch sehr viel Freude und Zufriedenheit gebracht.
Aussenstehende mögen sich wundern, dass sonst ein so ruhiger und besonnener Zeitgenosse, der auf ein halbes Jahrhundert Lebenserfahrung verfügt, wegen einer Aluminiumröhre so in Extase verfällt. Erklären muss ich das nicht, geniessen darf ich es!

Wähnte ich mich während der ersten Stunden auf einem Hürlimann-Tracktorsitz, ist mir die B777 in der Zwischenzeit an den Arsch gewachsen; fragte ich mich zu Beginn der Umschulung, wie ich wohl die gigantischen Ausmasse auf dem Flughafen um die Ecken bringe, fahre ich jetzt bereits Stilsicher Slalom auf den engen Kehren des John F. Kennedy Flughafens. Es ist viel passiert in den letzten Monaten. Der Weg dahin war anstrengend, jedoch zu jedem Zeitpunkt faszinierend und befriedigend.

Morgen fliege ich mit Skatingskis im Tiefflug über die Seen und sorge dafür, dass die fünf Kilogramm in den nächsten Wochen wieder von den Rippen verschwinden. Wer weiss, vielleicht fühlt sich der B777-Sitz danach wieder an wie der auf einem alten Hürlimann...

Montag, Februar 08, 2016

49



Fünf Monate Vorbereitung, tausende Seiten gelesen, keinen einzigen Loipenkilometer absolviert, viel gelacht, auch geschwitzt, unmengen Wissen gebüffelt, Simulator als Zweitwohnung angemeldet, Richtung Norden im Gubriststau gestanden, Richtung Süden im Gubriststau gestanden, hektoliterweise vom Automatenkaffee getrunken, gestaunt, wieder gelacht und immer wieder geschwitzt.

Als Lohn gab es vergangene Woche 49 Minuten Flugzeit und 6 Landungen. In den nächsten Wochen kommen noch unzählige dazu. Ich freue mich.

Sonntag, Januar 31, 2016

Mille Lira

Guten Tag liebe Leserschaft und herzlich willkommen zurück im einzigen Theater der Welt, in der es nur Hauptdarsteller gibt: der Fliegerei.

Es gibt einiges, das einem in einem Umschulungskurs den Schweiss aus den Poren jagt. Neben den üblichen Gemeinheiten, die sich in einem handelsüblichen Simulator so finden, gibt es durchaus auch nichtfachliche Stolperfallen. 
So steige ich morgen nach fünfmonatiger Abstinenz wieder einmal in die Uniformhosen. Die Angst vor einem zu engen Hosenbund war nach der Festtageszeit durchaus berechtigt. 
Doch siehe da, der Gurt geht zu, der Hosenknopf auch und das Hemd sitzt auch wie angegossen. Nur der Hut will einfach nicht sitzen, aber an das habe ich mich in den vergangenen 24 Jahren gewöhnt.

Zur Uniform gehören aber nicht nur Hut und Veston, sondern auch der Koffer, der im Jargon Crewbag genannt wird. Die Form dieses Uniformteils hat sich seit der Zeit, als man noch mit vier Sternmotoren den Atlantik überquert hat, kaum verändert. Viereckig, dunkel, unbequem zu tragen und hässlich. Über die Jahre hat die mitzutragende Pflichtlektüre abgenommen und so sollte man glauben, dass sich das Gewicht des Teils zum Positiven verändert hat. Doch weit gefehlt! Vielleicht liegt es an den vielen Ladekabeln, oder an der Personal Hardware? Doch auch eine dritte Variante kommt als Gewichtstreiber in Frage: angesammelter Abfall.

Das heutige Ausmisten hat sich gelohnt, ich habe doch tatsächlich eine 1000 Lira Note gefunden...

Sonntag, November 29, 2015

Alles neu!

Guten Tag liebe Leserschaft und herzlich willkommen zurück im einzigen Theater der Welt, in der es nur Hauptdarsteller gibt: der Fliegerei!
Ja, ich tippe wieder, wenn auch mit reduzierter Kadenz. Gründe dafür finden sich im Titel dieses Beitrags, denn alles ist neu.
Nein, scheiden lasse ich mich nicht – zumindest nicht von meiner Frau. Doch von anderen Reizen weiblichem Geschlechts habe ich mich getrennt. Mein Arbeitsgerät ist ein anderes. Nach zwölf Jahren mit einer französisch-europäischen Arbeitspartnerin werde ich fortan wilde Nächte mit einer Nordkalifornierin verbringen. Falls sich ein Teil der Leserschaft an dieser Stelle über den stetigen Vergleich eines Flugzeugs mit einer charmanten Frau aus Fleisch und Blut stört, muss ich das zur Kenntnis nehmen, lasse mich aber nicht beirren.

So ein Arbeitspartnerinnenwechsel (was für ein schönes Wort!) ist gar nicht so einfach. Klar bleibt das Umfeld und das Handwerk das gleiche, aber die Werkzeuge könnten verschiedener nicht sein. Vergleichen lässt das das vielleicht am ehesten mit einem Jobwechsel eines Anwalts, der ein Mandat in einem fremden Land annimmt. Das Handwerk bleibt das Gleiche, die Gesetzestexte bei weitem nicht. Eine Zulassung muss er auch noch erwerben, der arme Anwalt, und das ist mit sehr viel Fleiss verbunden. Um genau diese Zulassung werde ich morgen Montag kämpfen, aber das ist ein anderes Thema.
Bei mir handelt es sich ja nicht um den ersten Wechsel des Arbeitsgerätes. Diese Nordamerikanerin bin ich bereits einmal in anderer Form – (jetzt wollte ich doch tatsächlich „geritten“ schreiben, aber ich glaube das ist doch zu viel des Guten...) – begegnet (so geht’s). Mit einer Südkalifornierin hatte ich auch schon in zwei verschiedenen Ausführungen Kontakte und dann war da eben diese französisch-europäische Wildkatze, die mir in diversen Formen, Grössen und Firmenlogos begegnet ist.

Die Taktik bei einer Umschulung auf ein anderes Fluggerät ist stets die Gleiche und ähnelt dem beim Aufbau einer neuen Beziehung sehr. Das Alte muss subito vergessen werden und ganz wichtig: man soll auf keinen Fall nicht mehr über das Vergangene reden. Wenn es sich nicht vermeiden lässt, können für den Notfall auch Synonyme benutzt werden. Zum Beispiel Renault, wenn Sie wissen was ich meine...

Einfach gesagt muss die alte Schublade raus, damit die neue rein kann. Und genau da sind wir an einem heiklen Punkt. Was soll ich machen, wenn die alte Schublade klemmt? Und sie klemmt manchmal wirklich...

Da hilft nur Arbeit und Fleiss. Neue Verfahren müssen gepaukt und so einiges Auswendig gelernt werden. Neue Limiten lösen andere ab und hie und da bleibt auch etwas gleich. Das Hirn läuft stets gut getaktet und die Schweissdrüsen unter den Armen freuen sich über Vollbeschäftigung. Als Aufheiterung werden uns Bilder vom werdenden Baby gezeigt. Über 3'000'000 Teile werden zusammengebaut und voraussichtlich morgen Montag in Form eines Flugzeugs das erste Mal das Licht der Erde erblicken. Wenn es zu heiss zu und her geht hilft ein Bad zu unmenschlicher Zeit im Hallenbad Oerlikon.




Doch bis ich mich das erste Mal mit dem Teil vergnügen kann, muss ich noch laaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaange  warten. Wer behauptet da, dass der Vergleich mit Frauen nicht stimme?

Dienstag, August 19, 2014

Nackt-Selfies im Cockpit

Im Alter gehört es einfach dazu, dass man gewisse Körperpartien nur noch mit technischen Hilfsmitteln zu Gesicht bekommt. Das ist insofern wichtig, weil eine regelmässige visuelle Überprüfung delikater Regionen von gesundheitlichem Weltinteresse ist! Man denke nur an die planetenweite Verbreitung von Epidemien und Käfern unappetitlicher Herkunft.
Mussten früher sperrige Spiegelreflexkameras zur Hilfe genommen werden, bieten sich heute sogenannte Smart-Phones an. Ein zugegeben seltsamer Name, denn er beschreibt nicht die Eigenschaften des Geräts, sondern definiert den Anspruch an die Intelligenz des Benutzers.

Im Gegensatz von Spiegelreflexkameras älteren Datums, wo das Ergebnis der Yoga-Übung «nackter Krieger» erst nach tagelangem Warten auf die Post aus dem Entwicklungslabor vorlag, liegt in der technikverrückten Gegenwart das Bild verborgener Körperteile sofort auf dem Bildschirm bereit.
Einmal Fingerspreizen genügt, und Mann ist von den Dimensionen angewachsener Haut- und Fleischfetzen tief beeindruckt. Dass dies ausschliesslich der gesundheitlichen Vorbeugung dient, sei an dieser Stelle noch einmal deutlich gesagt!

Nicht dass wir in den 60er Jahren geborene Babyboomer Hypochonder wären, aber es kann durchaus vorkommen, dass urplötzlich und unter Einfluss einer leichten Panikattacke Bedenken am eigenen Gesundheitszustand aufkommen. Dies wiederum führt bei einer so pflichtbewussten Generation, wie wir in den 60er geborenen halt sind, zu einem Aktionismus, der nach sofortiger Lösung des Problems schreit. Juckt und zwickt es an heikler Stelle, ist der Gurt der Hose hurtig geöffnet und das Smart-Phone für den Schnappschuss allzeit bereit. Selbst am Arbeitsplatz duldet die Überprüfung der juckenden Stelle an heikler Lage keinen Aufschub. Dies kann, – das sei hier in aller Deutlichkeit gesagt –, peinliche Folgen haben.

Mann sollte davon absehen, Bilder mit medizinischen Objekten über Kanäle mit seltsamen Namen an junge, weibliche Laien zu senden, denn die könnten den medizinischen Hintergrund der Anfrage missverstehen.

Trotz aller bereitliegenden Fettnäpfchen ist das Thema ernst zu nehmen! Darum sind auch wir älteren Piloten nicht vor dem erstellen von «Nackt-Selfies» befreit. Millionen Leser und wenige Leserinnen fragen sich jetzt sicherlich, wie das am Arbeitsplatz des Piloten vor sich gehen soll. Das ist in Tat und Wahrheit gar nicht so einfach. Ein Platz um delikate Bilder zu erstellen wäre zum Beispiel die Bordtoilette. Doch leider ist diese so eng, dass man nicht gleichzeitig die Hosen runder lassen und das Smart-Phone bedienen kann. Auch das Cockpit bietet sich als Photostudio kaum an. Spreizt ein Kapitän die Beine nur leicht, schaltet er mit dem linken Knie den Autopiloten aus und das rechte befiehlt «volle Kraft voraus». Auch die Bordküche fällt aus dem Rennen. Die jungen Kolleginnen zeigen kaum Verständnis für die Gebrechen von graumelierten Piloten, obwohl nicht wenige von uns reifen Männern dies allen Ernstes glauben.

Wenn die Verzweiflung am Grössten ist, ist der Staat schnell zur Stelle. Glücklicherweise arbeite ich in der Aviatik und glücklicherweise schaut Väterchen Staat viel zu gut zu mir. Ich gelte je nach Leseart, als gesundheitlich oder kriminelles Risiko und darum haben sich die Regulatoren entschlossen, mein altersbedingtes Problem mit hohem technischen und finanziellem Aufwand zu lösen:


Ich darf täglich durch einen Nackt-Scanner...