Donnerstag, Mai 18, 2017

Skybars, schnelle Beine und lange Nächte

«Politics is show business for the ugly people» – das habe ich neulich irgendwo gelesen. Politiker scheint es in dieser Skybar keine bis gar keine zu haben, von Politikerinnen ganz zu schweigen. Schöne Leute beherrschen die Szenerie und schöne Leute sind so schlecht ja nicht. Der jüngere Teil der weiblichen Crew wollte den Abend unbedingt in eben dieser Skybar beginnen und der alte Kapitän soll gefälligst auch mitkommen. Nicht dass ich ein hübscheres Gesicht hätte, als all die Hibster mit ihren Bärten, aber der Geldbeutel des Vierstreifers hat bei diesen Preisen eine gewisse Anziehungskraft.



Während die Jüngeren Selfies aus allen möglichen Positionen mit möglichst jedem beleuchteten Hochhaus im Hintergrund aufnehmen, betrachten wir Älteren die Frauen als Ganzes und fragen uns ernsthaft, warum diese stets ihr Gesicht ablichten, wenn der Rest doch genau so schön ist. Die Drinks sind weg, die jungen Damen bedanken sich höflich beim Herrn Kapitän und verschwinden so schnell wie der Schnee an der Engadiner Frühlinssonne. Man sieht sich.

Die Herren Piloten haben Blut geleckt und können von schönen Beinen nicht genug kriegen. Es ist Mittwochabend und im «Happy Valley» sind Pferderennen. Nicht so wie in Ascot mit Hüten und teuren Roben, nein eher wie in einem deutschen Fussballstadion. Biertheken gibt es zahlreiche und diese bieten Bölkstoff aus allen Kontinenten an. Wurststände verkaufen peinliche Kopien von Bratwürsten und Marktschreier versuchen in den Rennpausen allerlei Unnützes an Mann und Frau zu bringen. Das alles unter freiem Himmel bei Temperaturen um die 28°C. Mit einem Auge verfolgt der Mann die Pferde, die mit 60 Stundenkilometern über den Rasen laufen und das andere Auge versucht keine der weiblichen Kopien von «Penelope Cruz» zu verpassen.



Das macht Appetit und die Herren Piloten verschieben langsam nach «Lan Kwai Fong». Scharfes Curry und noch schärfere Vorspeisen bringen Unruhe in den Magen und die ersten Zeichen von Müdigkeit schleichen die Beine hoch. Zu Hause ist es erst 17 Uhr und wer jetzt schlafen geht, begeht einen grossen Fehler. Denn nach ein paar Stunden ist man automatisch wieder wach und das wäre suboptimal für das Schlafmanagement des ganzen Aufenthalts und des Heimflugs.
Gut, dann halt weiter an die «Staunton Street» im Soho. Nicht angeschrieben und hinter dicken Plüschvorhängen versteckt liegt unser nächstes Ziel. Wer es zum ersten Mal von aussen betrachtet ist sich sicher, dass sich hinter den rustikalen Vorhänden entweder eine Opiumhöhle oder ein Bordell versteckt. Weder noch! Dieser kleine und feine Club ist eine Cocktailbar, in der sich die Crewmitglieder der «Star Alliance» vor dem Gang in den Tanzclub gerne treffen. Mit zwei Crews aus der Schweiz und zwei Crews aus München ist das Lokal genau richtig ausgelastet und das Verhältnis alte Männer zu jungen Damen in einem aus meiner Sicht ausgewogenen Verhältnis. Als mich meine Damen erkennen, ertönt ein lautes Hallo und wird auch gleich wieder vom dicken Vorhang geschluckt. Man erinnere sich, nicht mein hübsches Gesicht lässt die Frauenherzen höher schlagen, sondern mein Geldbeutel.

Der Lufthansakapitän gesellt sich zu mir an die Bar, tut es mir gleich und bestellt für seine Mädels Gläser gefüllt mit farbigen, süssen und leicht alkoholisieren Getränken. Es wird mit den Damen geschäkert, mit dem Käpitän über die Unterschiede von A340 und B777 geredet und wieder geschäkert. Schweizerzeit 20 Uhr ist Zeit, dass die älteren Herren die Bühne verlassen und ins Hotelbett schlüpfen – alleine wohlverstanden. Die Star-Alliance-Damen wollen auf den Tanz und das ohne zitrigen Anhang.
Eine Stunde später döse ich ein und frage mich, was eigentlich alle so gut finden an Hong-Kong…

Freitag, Mai 05, 2017

Brotkrümel in Hong-Kong

Es ist gut, dass sich nicht alles im Schnellzugtempo ändert. Ein gewagter Satz, wenn man bedenkt, dass ich im Moment in einem belgischen Kaffee mitten in Hong-Kong sitze und dem energiegeladenen Treiben auf der Strasse zusehe.

Die computerisierte Einsatzplanung hat mich nach siebenjähriger Abwesenheit endlich wieder einmal nach Hong-Kong geplant – und das gleich zwei Mal hintereinander. Ich kenne diese Stadt sehr gut, vielleicht sogar besser als die kleinste Grossstadt der Welt, die nur zwölf S-Bahnminuten von meinem Wohnort in eben dieser Agglomeration liegt.

Nach sieben Jahren hat sich aus meiner Sicht nicht viel geändert. Das gleiche Hotel, das gleiche Design der Octopus-Karte, die gleichen U-Bahn Tarife, die gleichen Ausgehmeilen und die gleiche und damit unerträgliche Musik-Lautstärke in Lokalen wie das «dust till dawn» und anderen.
Ok, natürlich ist meine Meinung nach nur einem Tag Aufenthalt alles andere als aussagekräftig, aber wenn man etwas mit (sieben Jahren) Distanz betrachtet, ist das Bild nicht selten objektiver. Eine Kleinigkeit, die es in dieser Form vor sieben Jahren so nicht gegeben hat, ist diese europäische Oase zwischen der Hennessy und der Johnson Road, nahe unseres Hotels. Kopfsteinpflaster, schattenspendende Bäume, Kaffees mit Tischen unter dem in die Höhe gewachsenen Grünzeug und jede Menge Bäckereien aus aller Welt. Diese Bäckereien sind sehr gut und teuer – sauteuer. Aber die angebotenen Frischwaren inklusive Brot sind einzigartig. Neben einer belgischen, in der ich gerade kaffeeschlürfend unter Bäumen sitze, gibt es noch Teig- und Zuckermanufakturen aus Korea (ausgezeichnet), Japan (mmmmhhhhh) und – hört, hört – aus der Schweiz.

Dieser Schweizer Patisserie-Magier hat genau das im Angebot, was meinen Gaumen hibbelig macht. Schon beim ersten Bissen merkt man, dass kaum eine Beilage mit einer E-Nummer abgekürzt werden muss. Frisch, gut, unwiderstehlich! Auch Brot hat der Herr Dubois im Angebot. Das Kilo zu 150 HK$, was ungefähr 20 Schweizerfränkli entspricht. Wer bezahlt denn diese Preis für einen alltäglichen Artikel? Die Antwort it so einfach wie logisch: Brotliebhaber wie ich, die fest davon überzeugt sind, dass Anbieter von Fertigbackwaren, die sich Bäcker nennen, wegen Betrug ins Gefängnis gehören.
Vermutlich interessieren die Leser meine Vorlieben für Sauerteigbrot wenig, darum lasse ich das Thema ruhen. Auf geht’s in neue Abenteuer. Hongkong ruft und ich bin unternehmenslustig genug, mich mit allen anderen Unterhaltungshungrigen ins freitagabendliche Getümmel zu stürzen. Das geht in diesem Teil der Erde für einen wie mich, der in der Regel um 22 Uhr bereits tief schläft, wegen der Zeitverschiebung problemlos.
Bis zum nächsten Eintrag in ein paar Tage. Dann voraussichtlich wieder aus Hongkong, sofern sich der Einsatzcomputer nicht umbesinnt.

Donnerstag, März 23, 2017

Gopfridstutz

Gopfridstutz! Genau 17 Jahre ist es her, dass ich das letzte Mal in diesem Singapur ausgestiegen bin. Die Firma hiess anders, das Flugzeug hatte einen Motor mehr (als Geschwür am Schwanz) und die Welt war dankbar, dass der Millenium-Bug keinen Schaden angerichtet hat. Junge Leserinnen und Leser mögen sich vermutlich nicht mehr an diesen Bug erinnern – das macht aber auch nichts. Was geblieben ist in Singapur ist das Wetter. Heiss und schwül begrüsst mich die Stadt und sie hält auch an der Tradition vom täglichen Gewitter stur fest.

Diese Gewitter begleiteten mich selbstverständlich auch im Anflug. Dank des hypermodernen Wetterradars konnten wir den Gefahren ausweichen, sogar den fast unsichtbaren. Gopfridstutz bin ich den Damen und Herren von Rockwell Collins dankbar! Die rote Fläche auf dem Wetterradarbild sieht man eher selten. „Predictive Over Flight Alert“ nennt sich die Funktion und warnt Piloten von starken Turbulenzen, ausgelöst von einer sehr schnell wachsenden Gewitterzelle, deren höchste Wolkenränder noch einige tausend Fuss unter der momentanen Flughöhe liegen. Passagiere an Bord und Mechaniker am Boden waren uns für dieses Ausweichmanöver dankbar.
Lustig war der Anflug dennoch. „Sorry Swiss 178, we changed the landing direction due to the thunderstorm activity in the vicinity of the aerodrome.“ Diesen Satz hörten wir genau drei Mal. Das heisst drei Mal den Computer umprogrammieren und drei Mal ein Approach Briefing machen. Gopfridstutz!



Teuer ist sie geworden diese Perle knapp am Äquator gelegen. Für ein Essen bezahlt man mehr als man sich von Asien gewohnt ist und das Bier kostet fast soviel, wie in einem Londonner Nachtlokal. Gopfridstutz! Schliesslich ist das Bier nach einem 12-Stundenflug quasi eine Medizin für die geplagte und verstubte Niere.

Trotzdem bezeichne ich den Trip nach Singapur als gelungenen Einstieg ins Arbeitsleben nach vielen wundervollen Tagen im winterlichen Engadin. Selbst der Temperaturunterschied ist so brutal nicht. Die Loipen und die Minusgrade vermissend, werde ich heute Nachmittag Snow City besuchen. Gopfridstutz freue ich mich auf den Schnee!



Samstag, März 11, 2017

Ein halbes Leben

Neulich klopfte mir der junge Copilot auf die Schulter und nickte anerkennend. Was denn los sei, wollte ich von ihm wissen. «Gratuliere zum Dienstjubiläum!», schrie er für die Umgebung gut hörbar heraus.
«Dienstjubiläum?»
«Ja, laut Firmenhomepage bist Du 25 Jahre in der Firma.»
«Das kann nicht sein, meinen Arbeitgeber gibt es ja erst seit 15 Jahren!», meine leise Antwort. Apropos 15 Jahre, warum feiert das niemand in unserer Firma?

Nachdem ich meinen Kopf etwas zur Seite neigte, lüftete sich der Schleier. Tatsächlich habe ich am 3. Februar 1992 die Ausbildung zum Piloten begonnen. Scheisse, das ist genau ein halbes Leben her!

Ich verschone die Leser an dieser Stelle und verzichte auf einen Rückblick auf meine Karriere und ihre Höhepunkte. Peinlichkeiten gäbe es viele zu erzählen und Heldentaten sowieso. Ich erinnere mich nicht mehr an die Namen aller Damen, die ich während meiner wilden Copi-Zeit in mein Herz geschlossen habe und auch schwierige Persönlichkeiten zu meiner Linken habe ich für immer aus dem Speicher gelöscht.


Doch eines bleibt mir immer in Erinnerung, das ist der Bananen-Mantel meiner ersten Uniform. Weltklasse – oder?

die "Colani -Uniform" der 90er Jahre


NZZ vom 6. Februar 1992 
als Vergleich: Swiss Zahlen von 2015

Samstag, März 04, 2017

124 Schritte bis Bangkok

Auch ich nenne eine dieser denkenden Uhren mein Eigen und lasse zahlreiche Parameter aufzeichnen, auswerten und darstellen. Dank dem Wunderding an meinem Handgelenk weiss ich, dass ich für die rund 9000 km nach BKK ganze 124 Schritte brauche. Die Thrombose lässt grüssen!

Sieben Schritte sind es vom Pilotensitz bis in die Toilette, deren 12 bis zur Kaffeemaschine. Erklimme ich den Crewbunk, schlägt sich das in der Statistik mit 20 Schritten nieder. Ein Gang ins Gerüchtehauptquartier der F/A’s, der Businessküche, würde mit sagenhaften 25 Schritten zu Buche schlagen. Der Konjunktiv ist bewusst gewählt. Erstens unterbricht des Kapitäns Anwesenheit die Nonstop Sendung von Rumor-Radio unnötig und zweitens lasse ich mit meinem zentnerschweren Gewicht die Bodenplatten dermassen erzittern, dass sich die Top Passagiere in ihrem Schlaf gestört fühlen. Die Businessküche ist für mich tabu.

So lassen sich meine 124 Schritte gut erklären. Vier Mal Schiffen: 56 Schritte. Einmal Crewbunk und zurück: 40 Schritte. Ein Kaffee selber herauslassen: 24 Schritte. Uniformhose im Bunk ausziehen: 4 Schritte. Et Voilà, so einfach ist das.

Aus medizinischen Gründen wäre es wünschenswert, wenn ich mich auf 10000 Metern mehr bewegen würde. Doch Vernunft und Fliegerei lassen sich bei weitem nicht immer unter einen Hut bringen. Ein einziger und tragischer Zwischenfall hat dazu geführt, dass die Thrombosegefahr unter den Piloten sprunghaft angestiegen ist.
Von oberster Stelle wurde verfügt, dass immer vier Augen im Cockpit offen sein sollten, was diese allerdings zu fokussieren haben, regelt das Gesetz nicht. Öfters, als dies den Sicherheitsverantwortlichen lieb ist, tasten sich diese vier Augen gegenseitig die Iris ab. Lassen sie mich das an einem Beispiel erklären.

Ein junger Copilot in Ausbildung, nennen wir ihn Kevin, hat von einem Kollegen die Freigabe zur „2-Men-OPS“ bekommen. Das heisst nichts Anderes, als dass er ab subito mit seinem Ausbilder alleine unterwegs sein darf, ohne dass ihm ein Ausbildungs-F/O vom dritten Sitz nonstop über die Schulter schaut. Kevin hat eine zweistellige Anzahl Flugstunden auf dem Flugzeugtyp im Logbook vermerkt und kämpft noch mit diesem und jenem.
Der Fluglehrer, erfahren und grau, muss mal pinkeln. Gesetzeskonform wird ein F/A ins Cockpit zitiert, die ihre zwei himmelblauen Augen der Flugsicherheit zur Verfügung stellt. Das F/A, nennen wir sie Lara, ist jung, attraktiv und mit einem Körperbau gesegnet, der aus Männerträumen gemeisselt sein könnte. Lara setzt sich auf dem dritten Sitz und schnallt sich an. Laut Wikipedia geschieht in Kevins Körper interessantes: Verschiedene Botenstoffe sorgen für Euphorie (Dopamin), Aufregung (Adrenalin), rauschartige Glücksgefühle und tiefes Wohlbefinden (Endorphin und Cortisol) sowie erhöhte sexuelle Lust (Testosteron sinkt bei Männern, steigt bei Frauen).

Junge Männer sind trotz zur Schau gestelltem Selbstbewusstsein in solchen Situationen erstaunlich oft Scheu. Rote Wangen sind nur eines von vielen Zeichen dafür. Kevin zieht die Kopfhörer nach unten und fokussiert die Instrumente. Er hofft dadurch zu imponieren. 

In der Toilette sieht der Kapitän auf seinen tropfenden Hahn und ahnt nicht, welche hormonelle Katastrophe sich ein paar Meter weiter vorne abspielt.

Das F/A geniesst die Pause, hält die jugendliche Haut an die Sonne und stellt mit ihrem schwäbischen Akzent die Frage, die beim Copiloten alle Dämme zum Brechen bringt: „Kommsch heud Abend au a Bierle drinka?“

Das Fliegen geht vergessen, der Funk wird ignoriert und die Memory Items haben sich aus dem Memory verabschiedet. Der Stier in Kevin ist erwacht und er tut das, worauf ihn die Natur vorbereitet hat: Er denkt mit jeder Körperfaser an die Fortpflanzung.

Wer jetzt noch glaubt, dass das Vier-Augen-Prinzip die Flugsicherheit erhöht, glaubt auch an den Storch.
Liebe EASA, liebe Verantwortliche bei den Airlines: Zeigt Eier und kippt diese unnötige Vorschrift. Denn eines ist sicher: Unsere Copiloten haben Cojones!

Dienstag, September 13, 2016

warum der B777 keinen Pilotentisch hat

Gerne wird von Airbus-Fahrern behauptet, dass B777-Piloten verwahrloste und stillose Wesen seien. Ursache für diese Behauptungen und Unterstellungen sind zum einen die fehlenden Pilotentische und zum anderen der akute Mangel an Abfalleimern im braun gehaltenen Cockpit aus amerikanischer Manufaktur.

In ausgesuchten IKEA-Filialen kann der Airbus-Tisch unter dem Produktnamen „Fällbord“ (schwedisch für Klappertisch) erworben werden. Man findet Ihn in der Kinderabteilung zwischen der Hüpfburg und dem Krämerladen mit Produktimitationen aus dem IKEA-Knäckebrot-Shop. Der Tisch eignet sich ausgezeichnet dafür, die speziell für den Kinderkrämershop konzipierten Tabletts abzustellen. Tabletts aus handelsüblicher Herstellung – zum Beispiel die aus dem Flugzeug, sind leider in ihren Abmessungen zu breit. Zwingend müssen diese der Länge nach auf die Abstellfläche gestellt werden. Wegen des leichten Nose-Up Pitch des Tisches, rutschen die Tabletts gerne nach hinten. Um Unfälle und schmutzige Uniformhemden zu vermeiden, muss das Tablar zwingen mit dem Bauch fixiert werden. Übergewichtige Piloten sind da im Vorteil. Schlankere Piloten müssen den elektrisch betriebenen Pilotensitz bis zum Anschlag der Kniescheiben nach vorne fahren, damit die essbare Ware auch bei leichten Turbulenzen im Porzelan bleibt.

Bei Boeing wurde das Problem – wie so oft bei diesem Flugzeug, pragmatisch gelöst. Der Tisch wurde einfach weggelassen. Die Vorteile liegen auf der Hand, beziehungsweise nicht auf dem weissen Uniformhemd. Selbst bei dem von der EASA gefordertem Upset-Recovery-Training (UPRT) kann der Pilot Monitoring (PM) problemlos weiter dinieren. Zweckmässiges und dosiertes Anheben des entsprechenden Beins belässt das Tablett selbst bei abenteuerlichen Rollwerten in der Waagrechten. Die Suppe schwappt nicht über und so quasi als kostenloser Nebeneffekt wird durch das Bewegen der Beine die Trombosegefahr signifikant gesenkt.

Der Abfalleimer

Links und rechts des Pilotensitzes finden Airbus-Fahrer jeweils ein blaues Blechgefäss, das in etwa zehn auf zehn Zentimeter misst und deren 40 cm tief ist. Gut gestopft reicht das Volumen ungefähr einen ganzen Langstreckenflug weit. Ähnlich wie bei einem normalen Haushalt, wandern allerlei verschiedene Sachen in den Eimer. Kaffeebecher mit Restmengen, verschnupfte Papierttaschentücher, Deckel von Fertigmahlzeiten an denen undefinierte Speisereste hängen, wieder Kaffeebecher mit Restmengen, Werbebeilagen der Regenbogenpresse, bedrucktes ACARS Papier, Reste von Obst, Joghurtbecher, wieder Kaffeebecher mit Restmenge, und vieles andere findet den Weg in den Blechzylinder. Geleert wird der Eimer in der Regeln nach dem Flug vom dienstjüngsten Copiloten, der angewiedert versucht, das verkeilte Allerlei voneinander zu lösen und zu entsorgen. Ungewaschen landet der Blechkübel wieder am vorgesehenen Ort und wartet auf die nächsten Kaffeebecher. Derweil gedeit unweit der Piloten ein Kosmos von unappetitlich kleinen und kleinsten Lebewesen, die man an dieser Stelle nicht detailliert beschreiben möchte.
Einmal mehr hat Boeing dieses nicht zu unterschätzende Hygieneproblem durch weglassen der entsprechenden Entsorgungsvorrichtungen gelöst. Kleine Wegwerftüten, fantasievoll verteilt, dienen den Boeingpiloten ihre Abfälle zu entsorgen.

Wie der Leser unschwer erkennt, sind Boeing Piloten in keinster Weise verwahrlost oder gar stillos. Sie kultivieren im Gegenteil die Einfachheit und fördern dadurch sowohl die Flugsicherheit, als auch die persönliche Gesundheit.

Wünsche allzeit gute Flüge.

Dienstag, Juli 26, 2016

Der Hub-rist ist überall

Für Normalsterbliche unleserlich, verkündet mit eine Tafel auf der Flughafenautobahn, dass mein bevorzugtes Parkhaus 6 heute für das Personal gesperrt ist. Ferienanfang – Freude für die Einen, Umwege für die Anderen... Ein kleiner Fussmarsch vor dem Flug hat noch niemandem geschadet. So laufe ich halt in Vollmontur durch die Flughafenhallen und beteuere jeden zweiten Meter, dass ich keine Ahnung hätte, ob dieser oder jener Ferienflug pünktlich abheben werde.

«Euer SLOT ist im Moment noch grauenhaft, wir versuchen alles!», begrüsste uns der Dispatcher in Zürich, als wir die Planungsunterlagen abholen wollten. Über Frankreich ist das Flugaufkommen gross und die Ferien haben begonnen. Für einmal haben wir Verständnis, das Land ist im Moment genug geprüft.

Mit einem kleinen Umweg über die Kaffeemaschine suchen wir den Briefingraum der Kabinenbesatzung. Auch wenn schon fast alle Sitze besetzt sind, scheinen noch zwei Kolleginnen zu fehlen. Unfall am Gubrist, die Kolleginnen kommen etwas später, dafür mit erhöhtem Puls. 

Mittlerweile hat sich die SLOT-Situation noch immer nicht geklärt und der Dispatcher erklärt uns, dass wir im schlimmsten Fall über Deutschland Richtung Montreal fliegen könnten. Es bräuchte allerdings etwa drei Tonnen extra Fuel, die wir bitte für den Fall der Fälle mitnehmen sollen. Knapp reicht es dank zusätzlichen Fuel und dem obligaten Rückenwind auf unserer Homebase nicht für einen Start auf der 28. Das bedeutet, dass wir uns später im Stau vor der 16 wiederfinden werden.

Es sind alle Besatzungsmitglieder eingetroffen, die Passagiere angeschnallt, die SLOT-Probleme fast gelöst (40 Minuten Verspätung) und die Freigabe für den Motorenstart eingeholt. Um 13:46 Uhr heben wir auf der 16 ab und die Tennisspieler in Opfikon freuen sich wenige Augenblicke später über das wunderschöne Langstreckenflugzeug, das so elegant die Linkskurve beginnt.

Mit M 0.85 und Heading West geht es der Destination entgegen. Um 19:05 Uhr Lokalzeit befiehlt mein Kollege mir, dass ich das Fahrwerk ausfahren solle. Wenige Minuten später landet er zum ersten Mal eine B777 mit Passagieren an Bord. Eine ganz edle Landung – Kompliment!

Vor der Immigration ein Riesenstau. Leider nicht nur bei den Passagieren, sondern auch beim Crewschalter. Als Letzter passiere ich die Schranke und werde freundlich in Kanada willkommen geheissen. Die Crew wartet derweil schon sehnlichst auf unser Gepäck. Was normalerweise blitzschnell geht, scheint heute eine Ewigkeit zu dauern. Nach einer Wartezeit von 20 Minuten greife ich zum Telefon und versuche die Verantwortlichen zu erreichen. Keine Antwort, das Warten geht weiter. 

Endlich die Koffer! Im Stechschritt Richtung Ausgang an der letzten Einwanderungshürde vorbei. Eine Kollegin scheint dem Beamten, der die Einreiseformulare einsammelt, so zu gefallen, dass er einen Spotcheck anordnet. Die nicht zu beneidende Kollegin verschwindet in einem dunklen Raum und wartet, bis ein weiterer Beamter die Zeit findet, sich ihrer anzunehmen. Es dauert 30 Minuten...

Es ist tatsächlich noch hell, als der Bus die Fahrt Richtung Stadtzentrum in Angriff nimmt. Bis zu ersten Rotlicht läuft es flüssig wie am Gubrist um 3 Uhr in der Früh. Nach dem besagten Rotlicht finden wir uns in der Realität wieder: Gubrist um 17 Uhr. Der Bus wird vom Stau geschluckt. Dieser sollte uns die nächsten 75 Minuten nicht mehr freigeben.

Selbst im Hotel scheint einiges los zu sein. Ein Bus voller fülliger Amerikaner ist wenige Minuten vor uns angekommen und nun warten die Schwergewichte auf einem Haufen vor den drei Liften. Don't worry - be happy!

Irgendwann sitzt der grösste Teil der Crew gemütlich in einem Pub, geniesst das kalte Getränk und die ausgezeichneten Bisonburger. Die Stimmung ist ausgelassen und der erfolgreiche Flugtag wird gefeiert. 

Kein Gubrist auf dieser Welt kann uns das vermiesen.