Montag, Mai 20, 2013

Tabubücher



Ich lese gerne Texte aller Art. Die geistreichen, spitzformulierten und zuweilen auch bissigen, haben es mir besonders angetan. Es gibt ein paar Publikationen, die ich richtiggehend verschlinge, ich mich auf die Veröffentlichung der neuen Nummer freue. Nein, Werbung werde ich an dieser Stelle keine machen, denn wer Werbung für Lesestoff macht, tut das in erster Linie um sein eigenes Image zu pflegen – und das, liebe Leserinnen und Leser, sollten mittelalterliche Herren so um die 47 wirklich nicht nötig haben.

Wer einmal bei mir zu Besuch war, der vermutet hinter dem Bewohner der Zürcher Vorstadtwohnung keine Leseratte. Bücher findet man, von wenigen Ausnahmen einmal abgesehen, in meiner Wohnung keine. Kaum gelesen, gebe ich die Werke weiter oder lösche sie von meinem iPad. Weg sind sie dadurch nicht, ich versuche die Geschichten so lange wie möglich in meinem Kopf drehen zu lassen und träume nicht selten auch davon. Denn nur in meinem Kopf treffen sich Herr Wolkenbruch und Kommissar Hole zum Bier in irgendeiner Kneipe und tauschen Boshaftigkeiten mit viel Witz aus.
Doch leider macht die träumerisch freie Auslegung von Büchern und Geschichten nicht immer Sinn. Mit der Bibel soll man nicht spassen, mit dem Koran schon gar nicht und auch das rote Abstimmungsheft ist Tabu.

Wehe dem, der im Gedankenrausch zwei Religionen durcheinander bringt oder den eidgenössischen Abstimmungstext umformuliert. Im besten Fall droht die Kreuzigung, vom schlechtesten wollen wir an dieser Stelle gar nicht schreiben. Doch das schlimmste, das gefährlichste und das tabureichste Buch der zivilisierten Welt ist das Operational Manual von Flugzeugen. Auf tausenden von Seiten werden Systeme, Prozeduren und Farbcodes erklärt in einer Sprache, die hunderte von Anwälten absegnen mussten. Der Unterschied von «should» und «shall» kann einem die Lizenz kosten, ein Nichtbeachten von einer «Note» führt unweigerlich zu Kaffee und Kuchen beim Chefpiloten.

In regelmässigen Abständen werden von Heerscharen von Spezialisten Revisionen durchgeführt, die dem Benutzer, also dem Piloten, in kleinen und gut versteckten Häppchen serviert wird. Kommissar Hole hätte die Verursacher dieser Tragödie durch Oslos Vorstädte gejagt und Wolkenbruch hätte Mottele auf die Bösewichte angesetzt.

Uns Piloten fehlt die Portion Abgeklärtheit, die Boshaftigkeit oder vielleicht auch die Coolness, solche Revisionen Revisionen sein zu lassen und unbeschwert, wie es Oskar Bider vor hundert Jahren machte, ein Flugzeug zu besteigen und den Alpenkamm zu überfliegen. Ganz ohne Papier, ganz ohne Juristen und weder mit «shall», noch mit «should». 

Sonntag, Mai 19, 2013

der Kugelschreiber-Räuber

Kennt ihr ihn auch, den Kugelschreiber-Räuber? Kein Schreibgerät ist vor ihm sicher, er packt sich alles, womit er Papier zutexten kann.
Ich oute mich hier und jetzt, ich gehöre zu dieser Spezies.

Könnten sie hier unterschreiben? Der Fragesteller ist sich des Verlust seines Schreibgeräts sicher!
Würden sie bitte ihren Namen und ihre Adresse notieren? Pech gehabt, ihr Caran d'Ache ist jetzt mein!
Hat jemand meinen Füller gesehen? Äh, ja, Entschuldigung...

Dabei mache ich das gar nicht bösartig. Es ist ein Reflex, eine antrainierte Unsitte. Was soll man von einem Buchstabensüchtigen auch erwarten?

Das nervt nicht nur meinen Arbeitgeber, sondern auch meine Mitstreiter im Cockpit und meine Frau zu Hause, wenn sie in allen möglichen und unmöglichen Taschen meiner Jeans vor und nach dem 40° Waschgang Schreibzeug aus chinesischer Manufaktur findet. Die blauen Flecken harmonieren in den seltensten Fällen mit dem Muster oder der Farbe der Jeans, was zu langen Putzeinlagen mit ätzender Chemie führt.

Meine Schwester hat mir nach fast 47 Lebensjahren ein verfrühtes Geburtstagsgeschenk gemacht. Eine geschätzte Million Schreibstifte mit einem wichtigen Aufdruck fanden mit Geschenkpapier umwickelt den Weg in mein Heim. Das ist besser als jede Visitenkarte, origineller als Vitaminpillen für Personen jenseits der 45 und stärkt zudem mein Selbstvertrauen.


Ich werde bei Gelegenheit die Dinger unter die Leute bringen, um mich für all die Diebstähle in den vergangenen 47 Jahren zu entschuldigen. Geburtstag habe ich übrigens am 22. – es muss diese Jahr kein Füller sein :-)

Machets guet, ich gehe jetzt an den Beach Club in die Sommerferien. Soll ich Euch ein bisschen Eifersüchtig machen? Im nächsten Bild seht ihr einen Screenshot der Web-Cam von heute Morgen...

Adieu



Donnerstag, Mai 16, 2013

Schuld ist am Schluss immer das Shampoo!


Neulich war ich in Nizza. Das ist die Stadt am Mittelmeer ohne Sand, dafür mit einem lustigen Flughafen und einer Standpromenade, die den Engländern gewidmet ist. Man liess mich am Flughafen aussteigen und etwas französische Luft schnuppern. Ein deutsches Automobil brachte mich in die Nähe der grossen Hotels, wo ausser Russisch fast nichts anderes gesprochen wurde. Russen mögen das Opulente, das Luxuriöse, ich das Einfache und das Traditionelle.
So liess ich Meer Meer sein und bummelte durch die engen Gassen der Altstadt. An der ersten Boulangerie gönnte ich mir ein Éclaire, in der zweiten ein oder vielleicht auch zwei der köstlichen Macarons.
Ein Bistro weiter nahm ich Platz und liess mir vom Garçon einen Pastis und etwas ofenwarmes Baguette an den Tisch bringen. Mit dem Messer strich ich zentimeterdick Tabenade auf das Weissbrot und verlangte nach einem zweiten Anisgetränk. Ob ich noch etwas Hunger hätte?, fragte mich der Garçon freundlich, was ich mit leichtem Akzent bejahte. Er hätte ein ausgezeichnetes Filet de Rougets, serviert auf einem Ratattouile, meinte er mit einem spitzen Lächeln auf der Lippe. Ich bestellte das Empfohlene und verlangte nach einem Glas Hauswein.
Der Tagesteller mundete herrlich und der abschliessende Käseteller, serviert mit frischen Feigen, war die Krönung der kleinen Zwischenmahlzeit. Bald versteckte sich die Sonne hinter den Russen-Hotels und die Blumenhändler brachen ihre Zelte ab. Ich bezahlte, bedankte mich, zog den Hosenbund über den Bauch und erkundete die nächste Gasse.

Ein kleines Geschäft, geschmückt mit Malereien aus der Provence, verkaufte Nougatstangen, die mich an meine Kindheit erinnerten. Ich gönnte mir zwei davon – eine für den Heimweg und eine für Heimflug am nächsten Tag. Doch bereits nach ein paar Metern verstaute ich die angeknabberte Köstlichkeit, denn vor mir stand eine Verkaufstheke, die frisch zubereitete Glacé hinter einer meterlangen Scheibe zum Verkauf anbot. Zwei Kugeln wurden es schlussendlich, eine mit Mandeln und eine mit Pistazien. Der Spaziergang fand ein vorläufiges Ende in einem Dépanneur, wo ich mich mit Frischwasser und einem kleinen Sack zuckerüberzogenen Mandeln eindeckte.
Was für ein schöner Abend! Ein Leben wie Gott in Frankreich.

Bei all diesen Köstlichkeiten muss in Zeiten der grossen Diäten die Frage nach dem schlechten Gewissen auftauchen. An dieser Stelle sei ganz deutlich gesagt: Ich hatte und habe auch in Zukunft kein schlechtes Gewissen, sei mein BMI auch noch so hoch. Schuld für den Ranzen ist nicht das Essen, sondern einzig und alleine das Shampoo.
«For extra Body and Volume» steht auf jeder Flasche. Selberschuld, wer das Kleingedruckte nicht studiert!  Wer abnehmen will, benutze für die Haar- und Körperpflege zukünftig Kernseife! Die Éclaire haben nichts, aber auch gar nichts mit dem Übergewicht zu tun!
 Bon Appétit!

Sonntag, Mai 05, 2013

Sportflugzeug

Letzte Woche habe ich gelb-schwarze nach Madrid gebracht und heute rot-weisse nach Stockholm. Offensichtlich bringe ich Glück und das nicht zu wenig!
Liebe Sportlerinnen und Sportler, liebe Funktionärinnen und Funktionäre: Wenn Sie die Medaille auf sicher haben wollen, dann braucht es Training, in gewissen Sportarten einen guten Frauenarzt spanischer Herkunft und eben mich als Piloten.

Über meinen Arbeitgeber kann ich gebucht werden. Folgende Sportanlässe würden mich interessieren:

Internationale Kanurennen Muotathal 17.-20. Mai 2013
Champions League Final Wembley
Tour de France Alpe d'Huez Etappe oder die auf den Tourmalet
Fussball-WM Rio 2014
Olympische Winterspiele Sochi 2014 – oder wie man das schreibt.
... und weitere Sportanlässe ausser Tennis.

Donnerstag, Mai 02, 2013

Smoke on the Balkon


Jetzt rauchen sie wieder, die Weber's, die Grillrangers, die Kohlenpötte und die Freiluftfeuer. Landauf und landab stehen Männer vor Ungetümen und machen das, was sie sonst tunlichst vermeiden: Küchenarbeit.

Mit frivoler Schürze ausgestattet stehen sie vor dem gasgeheizten Berg Metall und machen ein Gesicht, als ob sie staatsmännische Pflichten zu verrichten hätten. Der Gashahn wird voll aufgedreht, Rekordwerte an Temperatur angestrebt.

Hier grillt der Chef, die Frau spielt höchstens die Neben-Neben-Rolle. Neben-Neben-Rolle heisst, dass sie den Tisch deckt, für Biernachschub sorgt, den Salat wäscht, die Beilagen zubereitet, den Wein aus dem Keller holt und das Brot in kleine Stücke schneidet.
Während dessen steht der Mann am Grill und malträtiert das Fleisch mit einer BBQ-Sauce, von deren Wirkung auf die Geschmacksnerven er seit Jahren überzeugt ist.

Wenn der richtige Zeitpunkt gekommen ist, um das Fleisch auf den Grill zu werfen, entscheidet der Mann und ausschliesslich er.
Unabhängig von den Vorarbeiten der Neben-Neben-Darstellerin, wird das Stück Rind auf den Grill geworfen, wo die ach so gute BBQ-Sauce sofort Feuer fängt und umliegende Liegenschaften mit einer dicken Rauchschwade umhüllt.
Es zischt, funkt, stinkt und brodelt, als sässe man am Schlund des Ätna kurz vor einer Eruption. Der GroGriMe (grosse Grillmeister) behauptet, dass so – und nur so der unvergessliche Geschmack entstehe, für den seine Grilladen bekannt seinen. Abwechslungsweise kratzt sich der GroGriMe am Arsch und drückt danach mit dem Daumen im Fleisch herum, damit der Garpunkt auch nicht verpasst wird.

In der Küche rotiert die Neben-Neben-Darstellerin wie wild herum. Ohne Absprache wurde das ännet der Grenze gekaufte Rindsfilet auf den Grill geworfen, obwohl die Beilagen noch weit von der optimalen Betriebstemperatur entfernt sind. Es wird hektisch – sowohl am Grill, als auch in der Küche. Die Frau Gemahlin schneidet, rennt richtet an und deckt den Tisch. Der Herr Gemahl verbrennt sich seinen Daumen, flucht, nimmt ihn zur Kühlung in den Mund und kratzt sich danach noch einmal am Arsch, bevor er den Filet-Druckpunkt fasst und das Teil elegant wendet.
Aus der braunen BBQ-Sauce wurde eine schwarze Kraterlandschaft. "Ideal" vermeldet der Arschkratzer und lässt Richtung Küche verlauten, dass man in drei Minuten speisen könne.

Besucher werden an den Tisch gebeten, der genauso aus weissem Plastik ist, wie die Stühle und der Sonnenschirmhalter. Das Bier ist warm doch niemand getraut sich etwas zu sagen.
"Perfekt!", verkündet der GroGriMe stolz und bestellt in der Küche mit preussischem Unterton die Frau mit Zutaten an den Tisch.
Pampiger Salat an Fertigsauce wird gereicht und fast rohe Kartoffen findet den Weg auf den Teller.
"Es geht nichts über einen gemütlichen Grillabend!", frohlockt der GroGriMe, während die Gäste versuchen mit den Messern das Stück Kohle in mundgerechte Stücke zu schneiden.

Der Weber Grill leidet, andere auch…

Samstag, April 27, 2013

Seventy Knots!



Stapelweise flattert sie ins Haus, Ankündigungen von Verfahrensänderungen und Vorschriften.  Revisionen nennen wir Piloten das und die sind uns etwa gleich unsympathisch wie die Revisionisten. Ausdrücke wurden juristisch nachgeschliffen und verbeamtisiert, Checklisten angepasst und vereinfacht – da und dort auch verkompliziert und obligatorische Ausrufe von 80 auf 70 geändert – was sich in der Praxis als ziemlich hinterhältig herausstellte!

Das alles muss das nachfluggeplagte Hirn eines Piloten lernen und auch behalten. Lerntricks gibt es dabei zahlreiche. Die einen kleben sich Post-it's an jede mögliche und unmögliche Stelle und andere lernen die Checklisten in realitätsnaher Stellung auswendig, indem sie die Sätze militärisch korrekt und in Kasernenhof-Lautstärke immer und immer wieder hinausposaunen.
Diese realitätsnahe Stellung erreicht man am besten auf der Kloschüssel, was beim Einüben der neuen Verfahren immer wieder zu Eheproblemen führt, weil die Partnerin bei den vom Partner abgegebenen Lauten automatisch an den Konsum von illegaler Pornografie denkt.

Ziel muss es sein, dass am Tag X alle Piloten vom gleichen Verfahren sprechen, das am Tag X-1 noch strengstens verboten war. Probleme gibt es hin und wieder, wenn Pilot A am Tag X-1 aus längeren Ferien kam, bei denen er keine Internetverbindung hatte. Nach längeren Ferien pflegen ältere Piloten zwecks Erhaltung der Qualität, wichtige Checklisten noch einmal zu repetieren, um sich braungebrannt keine Blösse zu geben. Und sie ahnen es, liebe Leserinnen und Leser, dies macht man am besten in realitätsnaher Stellung, nämlich beim Heimflug auf der Bordtoilette. Dies wiederum kann zu Friktionen mit dem Kabinenpersonal führen, obwohl es letztendlich auch in ihrem Wohl wäre.

Tritt also so ein Pilot gut vorbereitet am Tag X seinen Dienst an kann es sein, dass sich die aviatische Welt ohne sein Wissen grundlegend verändert hat. Die Checklisten sind ihm fremd, die Crew sowieso. Spätestens wenn der Copilot bei der Landung den "80kts Call" auslässt und plötzlich "70kts" schreit, findet man sich in der neuen Welt wieder.

Es ist dann Zeit, sich zu Hause mit dem Computer ins Klo zu verziehen und das verpasste aufzuarbeiten. Pech, wenn es wie bei mir Spargeln gegeben hat, der Gestank – ach Sie wissen schon…

Dienstag, April 23, 2013

das grosse Warten

Unser firmeneigenes Computersystem läuft wieder einmal langsamer als die Fussgänger in Douala. Es dauert eine Ewigkeit, bis nur das Firmenlogo erscheint. Nein, das ist keine Attacke über das Internet – oder etwa doch?

Vermutlich sitzen Tausende von Kolleginnen und Kollegen jetzt vor ihren Computern und versuchen den Flugeinsatz vom Monat Mai herunterzuladen. So um den 23. des Vormonats wird dieser publiziert. Erst danach kann das Arbeits- und Sozialleben geplant werden. In den Agenden sind schon viele Termine mit Bleistift eingetragen. Frühlingsfeste, Familieneinladungen, Sportveranstaltungen, Vereinsanlässe – viele Kolleginnen und Kollegen warten auf eine Zu- oder Absage. Diese können aber erst gemacht werden, wenn der Monatseinsatz publik wird. Kein Wochenende ist fix Frei geplant, kein gesetzlicher Feiertag poppt als Freitag im Kalender auf. Ganze 31 Tage sind wir planbar im Mai, ein Traum für jeden Arbeitgeber, ein Albtraum für das Sozialleben.

Leider gibt uns auch kein Arbeitsrecht Rückendeckung, denn diesem unterstehen wir explizit nicht.

Doch es geht nicht nur um Freitage, sonder auch um Ferien. Falls diese nicht im Voraus bestätigt werden können, werden sie mit dem Arbeitseinsatz bestätigt. Pech, wer die Ferienwohnung bereits gebucht hat!

Ich versuch es noch einmal...