Donnerstag, Mai 17, 2018

Zeitdruck

Druck ist gut, Druck fordert und fördert. In genau 18 Minuten muss ich beim Apéro erscheinen. Das bedeutet 10 Minuten für diesen Text, drei Minuten um ihn bei diesem langsamen Netz hochzuladen, eine Minute zum Wasserlösen, 20 Sekunden zum Händewaschen und drei Minuten 40 Sekunden zum Liftfahren. Habe ich richtig gerechnet? Egal. Die Buchstaben müssen auf das Papier bzw. den Bildschirm.

Draussen auf den Strassen in Sao Paulo das übliche Chaos. Stau wo man hinsieht und Smog in allen Ecken. Die Leute sind genervt und gestresst – wo bleibt da die Brasilianische Leichtigkeit?

Nein, das ist nicht meine Lieblingsdestination. Der Flug ist lang, die Nacht tiefschwarz und das Wetter über Afrika und dem Südatlantik unruhig und gefährlich. Geschlagene zwei Stunden dauert die Busfahrt vom Flughafen zum Hotel und das Wetter will auch hier nicht ganz mitspielen.

Schneckentempo in Brasilien. Das will zu diesem Text nicht so recht passen, wo jeder Fehlgriff auf der Tastatur Zeitverslust bedeutet. In der Regel habe ich vor dem Schreiben einer Geschichte zumindest im Ansatz eine Idee, um was es sich in der Story handeln soll. Nicht selten verlasse ich meinen ursprünglichen Plot und lande ganz wo anders.

Zum Glück fliege ich nicht so.

Noch zehn Minuten.

In genau zehn Minuten erwartet mich die Crew. Hungrig sind sie alle, durstig auch, müde sowieso. Trotz Zeitverschiebung werden wir unseren Mägen ein halbes Rind zumuten und die Verdauung mit etwas Caipirinha anregen. Es wird gelacht, geredet, da und dort geflirtet und ich bin bei meiner pilotisch und altersbedingten Schwerhörigkeit froh, wenn ich die Hälfte aller Gespräche mitbekomme.

Noch acht Minuten; hoffentlich habe ich nicht zuviele Tippfehler gemacht. Zur Korrektur reicht es nicht mehr.

Noch drei Sätze mehr? Noch eine unerwartete Pointe, ein schlüpfriges Geständnis? Sorry, das passt nicht mehr in das enge Zeitkorsett. Ich muss -, ich muss wasserlösen, Händewaschen, auf den Lift warten, Apéro geniessen, Fleisch essen und vielleicht etwas flirten.

Gute Nacht zusammen. Noch 10, 9, 8, 7, 6 …

Freitag, Mai 11, 2018

Achtung Werbung - die ersten Schritte als Influenzer


Pilot sein heisst nicht zwingend, dass man die ganze Zeit in Flugzeugen oder Hotels herumlungert, man ist auch zwischendurch einmal zu Hause.

Wobei «zu Hause» für mich seit einem Jahr eine ganz neue Bedeutung hat. Als Neo-Engadiner mit Arbeitsort 8058 Zürich-Flughafen liegt der Konflikt auf der Hand. Selbst mit der pfeilschnellen und überpünktlichen RhB schaffe ich es nicht zeitig an jeden Event, den mir meine Firma geplant hat. Ein Zweitwohnsitz musste her, ich wurde Wochenaufenthalter.

So hat mich der Zufall und viel Glück nach Opfikon verschlagen, wo ich die feine Steuerführung meiner Kollegen ganz bequem aus dem Liegestuhl beobachten kann. Die fliegen so tief über meine Birne, dass ich die Flugzeugtypen nur an der Anzahl Nieten unterscheiden kann. Ein Paradies für Flugzeugfans!

So ein Mietshaus hat grosse Vorteile gegenüber einem Eigenheim: Man ist nie alleine. Als wir neulich zusammengesessen sind (kommt sehr selten vor), kamen wir zum Schluss, dass es im Haus von Genies nur so wimmelt und wir eigentlich ein Startup gründen sollten. Wir haben Finanzexperten (Hallo Mathias, gugguseli Ale), eine Innenarchitektin mit einer gewissen Nähe zu den Beatles (gäll Domi), IT-Genies (Simon und der Kollege aus der Attika), den Multi-Media-Mann mit dem grössten Fernseher aber ohne Team an der Fussball-WM (Ciao Sergio) und die Social Media Frau schlechthin (Ljubi sei gegrüsst). Als unschlagbares Security-Duo amten Coco und Jack und als Chauffeur stelle ich mich zur Verfügung. Fast hätte ich unser Catering-Team Nici und Raphi vom Frohsinn vergessen, doch zu ihnen später.

An einem dieser Abenden lernte ich, was ein Influenzer ist. Dass da auf meinem aviatischen Blog Potential für Ruhm und Reichtum schlummert, merkte ich sofort. Das Social Media Genie (Ljubi!!!) brachte mich schnell auf den Boden der Realität zurück, doch sie unterschätzte meinen Willen und meine Ausdauer. So versuche ich in diesem Beitrag, ohne dass die Leserinnen und Leser es merken, etwas Werbung zu verstecken. Damit bin ich jetzt auch ein Influenzer!

Ich möchte ihnen an dieser Stelle mein Zweitwohnort Opfikon ein bisschen vorstellen und beginne gleich mit dem Restaurant Frohsinn bei mir um die Ecke. Ein Gasthof, den es leider in dieser Form immer weniger gibt. Wenn sich Beizer wegen fehlenden Gästen beklagen, dann müssen sie nicht den Bumann um Hilfe bitten, sondern einmal ganz entspannt im Frohsinn vorbeischauen. Was hier an Freundlichkeit und Qualität geboten wird, sucht seinesgleichen. Die Besitzer sind keine Gastronomen, sondern Gastgeber. Das Personal arbeitet nicht einfach im Frohsinn, sie fühlen sich wohl und die Köche beherrschen das Handwerk der Frischzubereitung aus dem Effeff. Die Portionen sind gross, die Preise nicht, die Küche ist einheimisch und international zugleich, die Gäste auch.

Wer auf der Terrasse oder dem Gastraum keinen Platz findet, der ist in der Lounge-Bar willkommen. Liebe Leserinnen und Leser, mit dem Bus 759 erreichen Sie den Frohsinn in sechs Minuten, das ist genau so lange, wie sie im Mc-Donalds auf ihr Happy Meal warten. Sechs Minuten ihres Lebens, die sie nicht bereuen werden. Wenn die Franzosen oder Tifosi wieder einmal streiken und ihr Flug nach irgendwo verspätet ist, geniessen sie vor ihrem Abflug eine Köstlichkeit aus dem Hause Frohsinn. Wenn sie Freunde und Bekannte an den Flughafen chauffieren, bedanken sie sich bei ihren Liebsten mit einem Gaumenschmaus aus dem Hause Grimm. Die Ferien beginnen nicht am Flughafen, sie beginnen in Opfikon kurz vor dem Kreisel!

Zurück zur Villa P, wo ich Zweitheimischer bin. An so einem Zweitwohnsitz spielt der Briefkasten eine untergeordnete Rolle. Rechnungen und Mahnungen landen am Erstwohnsitz und persönliche Briefe auch. Zweitwohnsitzbriefkästen sind nur für Werbung da – und zwar ausschliesslich.

Interessiert durchforstete ich heute Morgen die vielfarbigen Prospekte. Ein Getränkehändler warb für seine Dienstleistungen und erinnerte mich daran, dass mein Vorrat an hopfenhaltigen Getränken eine beängstigende Grösse angenommen hat. So machte ich mich auf ins Nachbardorf und lud einen Kasten Chopfab Pale Ale Bleifrei auf den Einkaufskarren. Der Kassierer, freundlich und gepflegt, frage mich folgenden Satz: «Hast du Nuss Leder?»

Ja, ich gebe es ja zu, meine Nüsse sind etwas ledrig aber ich denke das ist in meinem Alter normal. Trotzdem muss ich ihm das nicht auf die Augen binden.

Er wieder: «Hast du Nuss Leder?»

«Entschuldigen sie, ich verstehe die Frage nicht.» Die Frau hinter mir in der Kolonne greift zu einem Nastuch und tupft sich die Tränen ab.

«Ich weiss nicht was sie meinen…»

Er greift unter den Tresen und reicht mit eben diese Werbung, wegen der ich das Verkaufslokal betreten habe. «Das ist unser Nuss-Leder mit einem Coupon für ein Viererpack Tonicwasser.»

Ich werde in Zukunft die Newsletter genauer lesen.

Nun bin ich bereits am Ende meines Berichts als Influenzer und habe tatsächlich die versteckte Werbung vergessen. Nun ja, wenn ich sie schon angekündigt habe, kann ich sie ja nicht mehr gut verstecken. Darum Achtung: Es folgt jetzt Werbung:

Morgen ist in Wallisellen Chasperli-Theater. Kommt Ihr auch?


Sonntag, April 29, 2018

Groudhog Day – und täglich grüsst das Murmeltier

Manchmal komme ich mir wirklich vor, wie Bill Murray im Klassiker von 1993. Es ist wieder einmal Sonntag, ich sitze wieder einmal in einem Starbucks, der Schweiss läuft immer noch und ich bin einmal mehr in Bangkok.

Es könnte schlimmer sein. Ich mag den Starbuckskaffee, es gibt gähnenderes als die südostasiatische Metropole und manchmal habe ich echt das Gefühl, dass Bill Murray mein eigenes Leben spielt. Erinnern Sie sich an den Film „Lost in Translation“. Vermutlich nicht, denn den Film finden nur die genial, die wie ich viele schlaflose Nächte in Japan verbrachten und während des Tages wie auf Drogen durch das irre und wirre Tokio streunten.

Doch wie sieht eingentlich so ein Groundhog Day eines 52-jährigen Flugkapitäns aus? Im Gegensatz zu der jungen Generation bevorzuge ich Tageslicht. So beginnt mein Tageswerk gegen 7:30 Uhr in der Früh. Zu Hause sind um diese Uhrzeit noch nicht einmal die Bäcker wach, aber das stört mich wenig. Nach einem kleinen Frühstück und 10km auf dem Laufband…

Sind sie noch dabei? Langweilig, oder?

Wenn sich auf dieser Seite jemand durch den Tagesablauf eines alten Kapitäns liest, dann nur in der Hoffnung, dass irgendwann die Pointe oder eine schlüpfrige Anspielung kommt. Es ist Sonntag und ich möchte der Leserschaft nicht die wertvolle Familienzeit stehlen. Also kommen wir ohne Umschweife zum Thema, mit dem ein männlicher Besucher in Bangkok zwangsläufig in Berührung kommt: Der Massage mit Happy End.

Sie wissen nicht was ich meine? Dann können Sie an dieser Stelle getrost den Artikel beenden und weiter in der Sonntagszeitung blättern.

Allen anderen Männern sage ich in aller Deutlichkeit: Schämen Sie sich! Spass bei Seite, kommen wir zum Thema.

Bangkok bedeutet für mich viel Sport. Ich laufe während meines Aufenthalts mindestens 30km auf dem Laufband, vertreibe mir so die Zeit und arbeite gleichzeitig an der Ausdauer, die ich zu Hause bei meinen zahlreichen Outdoor Abenteuern gebrauchen kann. Die Muskeln werden strapaziert, sind verhärtet und auch müde.
Wenn man dann noch zusätzlich stundenweise in der schwülen Hitze durch die Strassen schlendert, dann kann man den zahlreichen Institutionen, die Massagen in allen Formen anbieten, kaum widerstehen.

Ich bin da keine Ausnahme. So betrete ich ein schummriges Lokal, das nach asiatischem Standard heruntergekühlt und mit Bildern des verstorbenen Königs vollgehängt ist. Die Masseurin bittet mich höflich, die störende Kleidung abzulegen und Platz zu nehmen. Im Nebenraum holt sie einen Eimer mit warmem Wasser und einem nicht mehr ganz fabrikneuen Waschlappen. Wie sie die Seife im Waschlappen scheuert und damit einen weissen Schaum erzeugt, kommt einem Teeritual sehr nahe. Gefühlsvoll und mit wenig Druck führt sie den Waschlappen über die empfindlichen Stellen und lächelt mich an, wann immer ich zucke. Ich bin hin und her gerissen. Einerseits könnte dieser Waschvorgang ewig dauern, andererseits kann ich die Massage kaum erwarten.

Sie legt den Waschlappen weg, nimmt ein Handtuch und trocknet mich vorsichtig ab. Es kitzelt und ich bin überempfindlich. Ein süsslicher Geschmack verteilt sich im Raum, der aus einer bunten Flasche entsteigt, die das Massageöl beinhaltet. Vorsichtig wird die handwarme Flüssigkeit auf meiner Haut verteilt. Die Masseurin lächelt, schaut das zu massierende Objekt an und sagt: „Oh, so big!“
Nun beginnt die eigentliche Massage. In regelmässigen und bewusst angesetzten Bewegungen werden die empfindlichen Stellen behandelt. Ich kann ein Stöhnen nicht unterdrücken, was wiederum ein Lächeln auf die Lippen der Dame zaubert.
Schmerz und Wohllust wechseln sich ab. Ich winde mich hin und her. Die Meisterin weiss genau, wo sie drücken und wo sie streicheln muss. Sie ändert die Frequenz von schnell nach langsam und dann wieder zu schnell. Es fröstelt mich von der Air Conditioning, doch nicht mal Frostbeulen könnten mich jetzt von der Massagepritsche verjagen.
Die Zeit vergeht wie im Fluge und das Ende naht. Und es es ist kein gewöhnliches Ende, es ist ein Happy End!
Mit einem einem gekonnten Griff zieht sie am grossen Zeh und es knacks laut. Was für eine Erlösung! Was für ein Happy End!

Diese Fussmassagen in Bangkok sind einfach unglaublich!

Sonntag, April 22, 2018

Den ganzen Tag rammeln

Entlarven Sie sich auch regelmässig dabei, dass Sie Wörter aus anderen Sprachregionen gebrauchen, deren Bedeutung Sie in ihrer Muttersprache gar nie hinterfragt haben?
So trinke ich wie so oft auf Reisen, meinen Kaffee im Sternenrammler –  im welturbanen Sprachschatz auch Starbucks genannt. Buck heisst laut meinem Sprachführer „Rammler“ und das nehme ich hier in der Hauptstadt der Rammler mit einen Lächeln auf den Lippen zur Kenntnis.

Richtig, ich bin in Bangkok. Läuft Ihnen beim Namen Bangkok ein Kopfkino ab? Logisch, man denkt an Klongs, Tuk-Tuk, scharfe Curries, noch schärfere Männer, grosse Bierbäuche und Sandalen aus dem Hause Adidas. Mit läuft nicht etwa ein Kopfkino ab, mir läuft der Schweiss aus allen Poren. Stolze 35° C zeigt das Thermometer an und der Wert der Luftfeuchtigkeit wird nur vom Feinstaubindex übertroffen. Bummel durch die Strassen oder Fahrt auf einem Flussboot? Auf so bekloppte Ideen kommen nur Touristen. Besuch eines Tempels oder des Wochenendmarktes? Sicher nicht!

Da tue ich es lieber den Rammlern mit den grossen Bierbäuchen gleich und vergnüge mich mit einer kaffeebraunen Schönheit – mit den Unterschied, dass sich meine kaffeebraune Schönheit in einer Keramiktasse befindet und auf den Namen Venti hört. Was heisst eigentlich Venti? Ich google und schäme mich. Logisch, dass heisst ja Zwanzig auf Italienisch. Ich trinke also zwanzig Cappuccinos…

Das Einkaufszentrum füllt sich gerade. Einheimische bevorzugen es, den Sonntag in diesen Konsumpalästen zu verbringen. Gekauft wird wenig, geschaut umso mehr. Eine Frau Namens Victoria verkauft ihre Geheimnisse und Paul der Bäcker süsse Sachen. Bei Victoria bin ich unerwünscht (sorry Sir – no Rammler allowed), dafür mag mich Paul umso mehr. So schlank, dass ich in Victorias Secrets passe, werde ich wohl erst nach dem Tod.

Im Erdgeschoss hat sich eine Spielwarenkette breit gemacht, die um die Gunst der Kleinen buhlt. Die reichen Kinder in Bangkok (sehr wenige in der Zahl) sind nicht anders als die reichen Kinder in der Schweiz (sehr viele an der Zahl). Sie tragen ein elektronisches Teil in der Hand, sind laut und nerven sowohl Eltern, als auch das Umfeld. Kein Wunder also, dass die Verkäuferin der Spielwaren noch lauter sein muss. Das geht bei den zarten Thai-Stimmen aber nur mit elektronischer Unterstützung. Da in diesem Land weder Höchstwerte für Temperaturen, noch Höchstwerte für Beschallung festgeschrieben sind, operiert der Lautsprecher nahe der Schmerzgrenze.

Das gibt leichte Abzüge in der Gemütlichkeit, doch wenn ich zwischen 35° C und 100dB wählen muss, entscheide ich mich für die Lautstärke.
In der Zwischenzeit füllt sich der Sternenrammler mit Gästen. Der freie Stuhl an meinem Tisch wird von einer freundlichen Engländerin in meinem Alter besetzt. Ihr Mann holt zwei Stück Cheesecake und zwei sehr süsse Getränke. Ich wage einmal zu behaupten, dass sie die Geheimnisse von Victoria auch nicht kennt. Vom Mann gar nicht zu sprechen. Wir 50+ teilen dieses Schicksal.

Mein Blick schweift von links nach rechts und ich beobachte das bummelnde Volk. Dass meine Augen trotz rigidem Eintrittsverbot immer wieder an den Auslagen von Victoria’s Geheimnissen hängen bleiben, hat vermutlich mit meiner Chromosomenkombination zu tun. So tue ich, was man in der vernetzten Welt so tut: ich recherchiere im Internet. „Victoria’s Secrets“ gebe ich in der Suchmaschine ein und drücke erwartungsvoll auf ENTER.
In Sekundenbruchteilen erscheint ein bedrohliches Symbol auf meinem Bildschirm, das einen amtlichen und dadurch hochoffiziellen Charakter hat. Irgend ein Ministerium wirft mir vor, dass ich das staatliche Internet dazu benutzen wollte, schlüpfrige Inhalte zu konsumieren. Die ersten vorwurfsvollen Blicke fallen mir zu und ich wähle die „Zurück“-Taste. Dass ich vorher im Hotel den Blick gelesen habe, auf dessen Homepage ein leicht bekleidetes Mädchen das Titelbild ausfüllt, hebt die Stimmung bei meinen Nachbarn auch nicht unbedingt. Ich bin abgestempelt und da bleibt nur die Flucht. Die Engländerin reisst ihren Ehemann vom Tisch weg und der versucht während der Flucht noch einen Blick von der Bademoden-Schönheit auf meinem Bildschirm zu erhaschen. Auch ich packe zusammen.

Gegenüber auf der anderen Strassenseite hat es ein anderes Einkaufszentrum. Auch da gibt es einen Sternenrammler und das ist gut so. Wenn ich die Kolleginnen und Kollegen heute Abend dann fragen, was ich den ganzen Tag gemacht habe, fällt mir die Antwort leicht: Den ganzen Tag gerammelt, was denn sonst?



Mittwoch, April 11, 2018

B777 – die Leichtigkeit des Seins

Über seine Boeing zu schreiben, ist als ob man über seine Frau schreibt. Man liebt sie, kennt ihre Macken, ihre Vorteile, weiss zu welcher Zeit sie unausstehlich ist, wann wundervoll. Man weiss genau wo man streicheln darf, wo auf keinen Fall, kennt die Augenblicke der totalen Glückseligkeit und durchaus auch Momente der Verzweiflung, in denen man an seine Ex zurückdenkt. Kurz, ein Leben ohne sie wäre farblos, emotionslos, fade und unvollstellbar. Ein Redaktor einer Aviatikzeitschrift verlangte von mir nichts Geringeres, als meine aktuelle Liebe mit meiner Ex zu vergleichen. Glatteis pur! Trotzdem wage ich einen Versuch.
Als ich die Umschulung auf die B777 begann, hatte ich einen klitzekleinen Vorsprung gegenüber meinen Mitstreitern. Ich kannte die Familie meiner neuen Zugetrauten bereits von der B747 her und wusste, wie die so ungefähr ticken. „Keep it simple“ war das Motto bei der B747 Classic und so falsch konnte das bei der neuen Partnerin auch nicht sein. Ein Vorteil, wenn man bedenkt, dass eine Umschulung auf einen neuen Flugzeugtypen mit einem dreimonatigen Speeddating verglichen werden kann. Anstrengend, spannend, prickelnd und nie langweilig.
Meine Ex, also die A320, unterschied sich wenig von ihren grösseren Schwestern A340 und A330 (ja, ich gebe es ja zu, innerhalb der Airbusfamilie hatte ich sie fast alle). Die Airbusschwestern waren alle gleich gestrickt: Bevor es losging musste alles genau passen – die Atmosphäre, das Karma, die Bücher in der Bibliothek – ja sogar die richtigen Worte konnten über Höhenflug oder AOG entscheiden. Die A320 verlangte einen strikten Ablauf – man kann fast von Ritual sprechen. Das dämpfte zuweilen die Lust und bremste die Spontanität. Wenn es wie in jungen Jahren so üblich bis viel Mal am Tag zur Sache ging, eine etwas farblose Angelegenheit.
Die B777 ist da anders. Kaum wird das Cockpit betreten, meint man eine zärtliche Stimme zu hören, die einem lustvoll den Satz „ready for a ride?“ ins Ohr flüstert. Es wurde weder ein Feng Shui-Meister beim Cockpitdesign zu Rate gezogen, noch sind die korrekten Sitzpositionen ausgependelt. Es hat Platz für einen grossen Kaffeebecher, zwei grosse Hebel sorgen für Schub und ein Steuerhorn bestimmt die Richtung. Was braucht man mehr, um pure Emotionen zu erleben?
Zwei Mal im Jahr zeigen sich unsere Partnerinnen von der schlechtesten Seite. So schlecht, dass wir sie nicht in der Öffentlichkeit zeigen dürfen. Eingesperrt in einem Simulatorgebäude können sie ihre Launen ausleben und wir werden dabei beobachtet. Ein Paartherapeut vom Bundesamt delegiert, analysiert unser Verhalten und stellt uns danach ein Attest aus das besagt, ob eine Weiterführung der Beziehung überhaupt Sinn macht. So ein Frauending, dass uns Männern Mühe bereitet!
Auch in diesen Krisensituationen komme ich mit der jetzigen Partnerin viel besser zurecht als mit der Ex. Diese war mir bei Krisensituationen etwas zu weiblich. Die A320 kommunizierte über das ECAM wacker mit mir, meinte in Tat und Wahrheit aber etwas ganz anderes. Anstrengend! Damit man die richtigen Aktionen auch ausführen konnte gabe es ein Mann-Frau Interface in Buchform genannt QRH. Um die Komplexität noch zu erhöhen, entschloss sich die Familie meiner Ex, eben dieses Mann-Frau-Interface im regelmässigen Rythmus umzuschreiben. Was nützt einem in solchen Situationen das Feng-Shui Cockpit, die ausgependelten Instrumente?
Die B777 ist da ganz anders. Sie lässt mich stets im Glauben, dass ich der Kopf des Ganzen bin. Sie spielt dabei den Hals der dafür sorgt, dass mein Kopf stets in die richtige Richtung schaut. Wir mögen uns, auch in schwierigen Situationen.
Der intimste Moment in der Beziehung ist die Landung, man könnte auch vom Höhepunkt reden. Das ganze Vorspiel der Planung, der wilde Ritt über den Wolken, der energiegeladene Sinkflug – das alles gipfelt in diesem erlösenden Moment, wenn die Räder den Boden berühren. Wir reden vom 1.0 G-Punkt. Schön, wenn wir diesen magischen Moment gleichzeitig und in ähnlicher Intensität erleben. Beim Piloten verpufft die angestaute Energie in Sekundenbruchteilen und die B777 sinkt erleichtert und müde in die Stossdämpfer. 
Man weiss von zwischenmenschlichen Beziehungen, das dieser Moment nach dem Höhepunkt der wichtigste ist. Ein Kuss, ein verliebter Blick, eine Streicheleinheit – das alles ist wichtiger, als alle Paartherapien das ganze Jahr hindurch. Bei der B777 greife ich nach dem Akt zärtlich nach dem Speedbrake-Lever und bringe ihn vorsichtig auf die richtige Position zurück. Das ist mein Dank, Worte braucht es keine, den Moment der totalen Entspannung schöpfen wir beide maximal aus.
Meine Ex verlangte in diesen Momenten das richtige Wording, die immer gleichen Abläufe. Rituale, Rituale, Rituale… Liebe Frauen und Flugzeuge, wir Männer lieben es unkompliziert. Wir vermeiden unnötige Vorspiele wenn immer möglich und finden in Gottesnamen nicht immer die richtigen Worte. Sture Abläufe sind uns ein Graus und Rituale gehören aus unserer Sicht in Trinkhallen. Lasst uns Raum und wird werden es Euch mit Höchstleistungen danken. Gebt uns Freiheiten und erfreut Euch an den dadurch entspannten Männern. Nehmt Euch ein Beispiel an der B777.

Liebe B777, ich bleibe Dir treu auf immer und ewig!

Freitag, Februar 23, 2018

Ein Himmel voller Schmetterlinge

Das grösste Privileg des Langstreckenkapitäns sind weder die tollen Destinationen, noch die nicht mehr gar so tollen Hotels. Das grösste Privileg ist die Zeit, die einem der Arbeitgeber schenkt. Ein Aufenthalt in einer Stadt ist bei meinem Job mindestens 26 Stunden lang. Im Falle von Hongkong sind das gar 55 Stunden.
Zeit, die man tanzend, essend, laufend, rennend oder kaffetrinkend verbringen kann. Zeit, die man ganz ohne Zwänge selber ausfüllen kann. Zeit, die kaum fremdbestimmt ist.
Wer etwas MUSS, ist selber schuld. Man DARF und das jede Minute des Layovers.

Es gibt in der Tat einige, die mehr MÜSSEN als die anderen, das sind aber in der Regel die Jüngeren - die Küken in der Besatzung. Sie sind etwas mehr fremdbestimmt, manchmal von den eigenen Hormonen, manchmal auch von fremden.

Zeit haben und nicht MÜSSEN, das ist ein Zustand, der die meisten nicht mehr kennen. Ich versuche diesen einmal zu beschreiben:
Eine sehr gute Ausgangslage setzt man sich, wenn man die dicken Vorhänge im Hotel ganz fest zu zieht und das DO NOT DISTURB Zeichen gut sichtbar vor die Türefalle hängt.
Dann unbedingt den zimmereigenen Wecker vom Stromnetz trennen, denn es gibt immer wieder Spassvögel, die beim Verlassen des Hotelzimmers einen Wecker stellen. Zwölf Stunden Tiefschlaf sind einem nach einem Nachflug sicher. Zwölf Stunden!
Während die Küken bereits durch die Märkte rennen, stehe ich langsam auf und mache mich mit dem iPad unter den Armen auf in ein gemütliches Kaffee, dass guten Milchkaffee serviert und frische Backwaren anbietet. Mindestens zwei Stunden widme ich mich den Tages- und Wochenzeitungen, die aktuell auf dem iPad heruntergeladen auf das studieren und durchlesen warten. Im späteren Nachmittag erhebe ich mich von meinem Stuhl im Kaffee und begleiche die Rechnung, die so hoch ist, wie der Einkauf der Küken im Ladiesmarket.

Frisch gestärkt auf in Fitnessstudio. Auf dem Laufband ein paar Podcasts geniessen und den Mitsportlern zuschauen, wie sie unter Stöhnen Eisen in die Höhe heben. Die Zeit vergeht schnell und es stört mich in keiner Weise.
Um vor lauter Genuss nicht sämtliche sozialen Kontakte zu vernachlässigen, treffe ich mich am Abend zum Essen mit den Älteren. Die Küken wollen nicht mit uns Zeit verbringen und das ist auch gut so.

Essen, ein paar Drinks, etwas Livemusik und der Himmel hängt voller Schmetterlinge.




Während die dunkelhäutige Sängerin Lieder von Amy Winehouse zu Besten gibt, stupft mich jemand von hinten an. „Hoi Chef, Du auch hier?“ 
Ü50 Chefs werden von ihren Mitarbeiterinnen nicht gerne im Ausgang gesehen...

„Hattest Du einen guten Tag?“, fragt mich das Küken fast schreiend.

„Perfekt, ich habe jede Minute genossen!“

„Und was machst Du morgen?“

„Exakt das Gleiche!“

Montag, Februar 19, 2018

Woche im Unterland

Bereits erreichen mich Mails mit der Bitte, doch endlich wieder einmal etwas zu publizieren. Der Vorwurf ist nicht unberechtigt, habe ich doch nach meinem Abstecher nach Seattle keine Zeile mehr verfasst.

Warum eigentlich? Ach ja, das war ja die Grippe... Taugt das als Entschuldigung? Schliesslich erlebt man im Bett ja so allerlej interessantes, das jüngere Mitbürgerinnen und Mitbürger so gerne öffentlich breitschlagen. Da wir aber hier in einem Blog sind (altertümlich) und nicht auf Instagramm (hipp), verzichte ich an dieser Stelle auf Nacktselfies (dieses Wort bringt wieder Klicks!) aus dem Schlafzimmer.

Nach der Wiederaustehung von den Kranken und Halbtoten fasste ich von der Crewplanung einen interessanten Einsatz über den es zu berichten gibt. Ein Simulatortraining für Instruktoren, bei dem wir durchaus auch mal die Welt (beziehungsweise die im Simulator dargestellte Welt) auf dem Rücken sahen (UPSET Rcovery). Am Tag darauf einen Flug nach London, wo ein Kollege das erste Mal einen B777 steuern durfte, danach wieder Kurzstrecke nach Hannover und übermorgen als Instruktor auf dem rechten Sitz nach Hongkong.

Spannender geht es fast nicht!

Als Neu-Engadiner mit einer über dreistündigen Anreise zum Flugplatz ist so ein Einsatz aus reisetechnischen Gründen nicht ganz ideal. So fragte ich bei einem Kollegen aus der Studienzeit um Asyl an, was subito bewilligt wurde. Da seine Partnerin unter der Woche in München lebt, war die Männer-WG perfekt.
Fernsehschauen während den Mahlzeiten, ungesundes Essen, ab und zu ein Bier - so wenig brauchte es, und die Studienzeit lebte wieder auf.
Doch ehrlicherweise muss ich gestehen, dass ich nach drei Monaten Engadin die Sonne im Unterland ziemlich vermisste...

Damit stehen endlich wieder einmal ein paar Buchstaben in einem neuen Blogeitrag. Ich verspreche mehr Text, wenn ich in Hongkong wieder etwas mehr Zeit habe. Danke für das Mitlesen! Ich muss nach Hannover ....