Montag, Januar 30, 2012

Pechsträhnen

Der Arbeitsbeginn nach den Ferien ist immer ein Spezieller.
Unglaublich wie schnell es das Hirn schafft, Sachen zu vergessen, Probleme zu verdrängen. Nicht allen gelingt das gleich schnell, ich bin darin ein Weltmeister.

Kommt man so hirnleer zum Arbeitsplatz, ist man über Hilfe mehr als froh. Frau Holle hatte Erbarmen mit mir und lies die Himmelspforten just in diesem Moment öffnen, als ich mir überlegte, ob ich wohl die Flügel abspritzen solle.
Drei Zentimeter Nassschnee befreiten uns von weiteren Überlegungen und wir reihten uns in der Warteschlaufe vor dem Alkoholausschank ein.

Es dauerte etwas länger, was meinem Arbeitstempo nach den Ferien etwas entgegen kam. Nach genau einer Stunde und acht Minuten wurde die heisse Brühe, bestehend aus grüner Flüssigkeit mit einem alkoholischen Gehalt, die den Jugendlichen an den Fensterplätzen die Tränen in die Augen jagen, über unsere Flügel ergossen.

Bald darauf stiegen wir in die Luft. Man könnte sich über die Verspätung ärgern, Sinn macht das nicht. Vor allem wenn man an diesem Samstagmorgen Richtung Barcelona fliegt, wo seit ein paar Stunden die Flugzeuge der Spanair am Boden blieben. Etwas, das niemand erleben möchte...

Beim Rückflug war unsere Kiste zum Bersten voll. Unter den vielen Personen mit einer Pechsträhne gab es auch ein paar Glückliche, die in unserer A320 Platz fanden. Wir rasten Richtung Zürich, wo wir mit leichter Verspätung zu landen hofften.
Das WEF machte uns einen Strich durch die Rechnung. Die ach so wichtigen Herren, die eine Privatveranstaltung in Davos besuchten, machten sich auf dem Flughafen dermassen breit, dass alles viel langsamer ging. Da ich weder für den Anlass, noch für die teilnehmenden Personen viel übrig habe, ärgerte ich mich offensichtlich viel zu viel. Pechsträhne Nummer zwei am Samstag voriger Woche. Doch was soll ich mich aufregen, es gibt weit Schlimmeres.

Heute Montag Morgen, Start in Fuimicino. "Proceeeede däirecte Elba", sagte der Kontroller im typisch italienischen Dialekt. Direkt Elba war nicht nur eine willkommene Abkürzung, sondern brachte uns auch genau über die Insel Giglio. Da lag sie nun, die Costa was auch immer. Wie ein toter weisser Wal, hell beleuchtet von Scheinwerfern lag sie im Hafen der kleinen Insel auf der Seite. Das Cockpit war zum Bersten voll. Jeder wollte einen Blick erhaschen. "Ob das nicht moralisch bedenklich sei, wenn wir auf das Unglück hinunter gaffen?", fragte eine Kollegin. "Vielleicht", meine Antwort. Aber wie hat das ein Tagi Journalist letzte Woche in einem Kommentar erklärt: In der Geschichte der Menschheit gab es mehr Unglück, weil die Leute wegschauten, als weil sie hinschauten. Wie Recht er doch hat!

Wir haben hingeschaut, und zwar auf den Star des Tages! Sorry, aber das ist auf der Kurzstrecke "must to know"!
Josephine heisst die Glückliche vom heutigen Tag und sie sorgt dafür, dass ihr Chef wohl heute die Pechsträhne seines Lebens hat.

Lesen sie selber (zitiert aus dem Interview):


Josephine (21) aus Gretzenbach SO ist Assistentin der Geschäftsleitung. Der Star des Tages (1,70 m, 60 kg, Jungfrau) lebt mit Freund und zwei Katzen zusammen. (…)

(…)
Sex nicht im Bett, sondern...
nach Arbeitsschluss im Büro auf dem Schreibtisch.


Dienstag, Januar 24, 2012

Kindergeburtstag


Du warst kein Wunschkind! Gezeugt unter eher undurchsichten Umständen, erblicktest Du die Welt am 31. März 2002. Ein Uneheliches, ein Bastard – ganz und gar kein «Love Child»! Im Gegenteil, kaum geboren verliess Dich Dein Umfeld und legte Dich in ein Babyfenster im Baselbiet. Ausgerechnet die, die beim Geburtsakt am lautesten schrien, verabschiedeten sich im Rekordtempo aus der Verantwortung. Es fehlte Dir ein richtiger Vater, eine Mutter, Geborgenheit.

Du seist zu gross, zu dick, zu fett, zu unbeweglich, zu schwach, um auf dieser Welt zu bestehen. Aus allen Ecken gaben sie Tipps und kritisierten, doch zahlen wollte niemand. Nur dank grosszügigen Sozialleistungen überlebtest Du die ersten Monate. Dein Vormund gab unnötigerweise Unmengen von Geld aus und kaufte Dinge, die ein Neugeborenes nie und nimmer braucht, viele Verkäufer und Nutzniesser aber unglaublich glücklich und reicht machte.

Du bekamst einen holländischen Pflegegrossvater. Er hatte schon ein Kind, das kurz vor der Heirat mit einer Fränzösin stand. Er nahm sich Zeit für Dich, aber viel zu wenig. Fünfzig Prozent seien genug, meinte der Dutchman und überliess dem Vormund viel zu viele Freiheiten.

Du hattest eine schwere Kindheit. Niemand wollte mit Dir spielen und keiner mochte Dich richtig. Da hatte der holländische Pflegegrossvater eine Idee und suchte bei den Engländern einen Spielkameraden für Dich. Es gab da einen mit einer grossen Clique. Doch wer in diese Clique wollte, musste ein Aufnahmeverfahren bestehen und etwas Tafelsilber mitbringen. Der holländische Pflegegrossvater und der Baselbieter Vormund liessen das Tafelsilber im Keller und brachten stattdessen reines Gold in die Nähe von Windsor. Dankend nahm der Engländer das Geschenk an, heftete Dir das Cliquenzeichen an die Windeln, liess Dich aber weiterhin alleine und einsam zurück.
Das ging Dir so nahe, dass Du fast das Zeitliche gesegnet hast. Nein ganz ehrlich, wir hatten wirklich Angst um Dich.

Doch wie in Deinem Lieblingsbuch «Heidi», kam ein Fräulein Rottenmeier aus Frankfurt und nahm Dich unter Deine Fittiche. Die alte Jungfer führte ein hartes Zepter, schaute aber viel besser zu Dir, als der Baselbieter Vormund und der holländische Pflegegrossvater.
Du bist prächtig gewachsen, bekamst rote Bäckchen und riskiertest hie und da auch eine freche Lippe. Fräulein Rottenmeier hatte ihre Freude an Dir und Du bekamst mit jeder Woche neue Freundinnen und Freunde.

Was Fräulein Rottenmeier aber erstaunte und erfreute, war Dein ungebremster Arbeitswille. Du hast weit mehr als Deine Freundinnen und Freunde geschuftet, obwohl Du als Kleinste am wenigsten vom Suppentopf bekamst.

Nun wirst Du zehn mein Lieber. Ich bin so stolz auf Dich. All diejenige, die nach Deiner Geburt über Dich gelästert haben, sind entweder ruhig geworden, oder sonnen sich in Deinen Erfolgen. Fräulein Rottenmeier warnt unaufhörlich, dass schwierige Jahre auf Dich zukommen werden. Ich weiss gar nicht, was die Alte bloss hat. Ist doch logisch, dass es schwieriger wird, schliesslich steht Dir die Pubertät bevor. Doch was die alte Jungfer nicht wissen kann oder will, nach den pubertären Schwierigkeiten wird es richtig spassig und Du wirst sehen, anfänglich kannst Du gar nicht genug von diesem Spass bekommen.

Doch das ist Zukunftsmusik. Erst feiern wir Deinen zehnten Geburtstag und zwar mit einem unvergesslichen Kindergeburtstag. Fräulein Rottenmeier darf auch kommen, soll aber die Käsebrettli zu Hause lassen. Gratuliere liebe Swiss, ich bin stolz auf Dich!

Montag, Januar 23, 2012

Voice-Recorder

Leserin oder Leser Majorityreport möchte wissen, über was wir uns im Cockpit so unterhalten.
Das ist gar nicht so eine einfache Frage, darum antworte ich juristisch korrekt:

Es kommt darauf an!

Also, auf der Langstrecke ist die Kommunikation zwischen den zwei Piloten wichtig. Auch ganz einfache Themen haben Potential, eine längere Diskussion auszulösen, was wiederum, die Wachsamkeit erhöht und die Gefahr des Einschlafens reduziert. Wie das etwas so vonstatten geht, zeigt ein Video eines leider verstorbenen Kommunikationsfachmanns aus dem hohen Norden. Das Beispiel zeigt ein Ehepaar, ist aber selbstverständlich auch auf ein Cockpitteam anwendbar:


Bei der Kurzstreckenfliegerei ist ein schnellerer Takt angebracht. Man hat nicht ewig Zeit, sich an heikle Themen heranzutasten und vorspielähnlich den Kern der Sache anzuschleichen. Bei Flugzeiten von unter einer Stunde, in denen tatsächlich auch noch gearbeitet werden muss, ist die private Kommunikation auf ein Minimum zu reduzieren.
Zwischen Männern ist das einfach. Noch vor dem ersten Kaffee ist man in der Regel informiert. Wie es um die Liebe steht ist nach fünf Minuten genauso klar, wie die wohnliche Situation, Herkunftsland oder -kanton, Automarke, PS-Stärke, sexuelle Ausrichtung und andere lebensnotwendige Infos, die Männer voneinander halt so wissen müssen.

Mit Damen ist das anders, aber nicht minder interessant. Die Themen sind tendenziell intelligenterer Natur und der Schlüpfrigkeitsgrad um Faktoren tiefer. Was ich auch nicht grundsätzlich falsch finde.

Selbstverständlich gibt es Tabuthemen im Cockpit. Für mich sind das Politik und Glauben. Für die Politik fehlt die Zeit und für den Glauben die Geduld. Ich beobachte immer wieder, dass der Arbeitsaufwand während der Reiseflugphase von Aussenstehenden unterschätzt wird. Neben der Kommunikation mit dem TWRMädel, planen wir den nächsten Flug, bestimmen und bestellen die Treibstoffmenge, Informieren uns, wo unser Flugzeug zu parken ist und versuchen herauszufinden, wo die Maschine für das nächste Teilstück steht. Ausserdem möchten unsere Kolleginnen und Kollegen der Kabine noch wissen, wo der Trennvorhang zwischen der Business- und der Economy-Klasse zu hängen kommt und wie es um die Anschlussflüge der Gäste steht. In der restlichen Zeit vernünftig über Sex, Drugs und Rock n'Roll reden, kann man um Gotteswillen nur mit einem Mann.

Eine weitere Frage (von cbs) war, wie die Line-Checks so ablaufen. Da bin ich seit einer Woche ein ausgewiesener Fachmann, da ich diese jetzt abnehmen darf. Bei Line-Check geht es darum, das Wissen, Können und das Auftreten des Prüflings zu beurteilen. Das kann der Experte mit Zuschauen, aber auch mit Fragen stellen. Im oberen Abschnitt wurde erklärt, was eine Besatzung im Reiseflug so zu erledigen hat. Hier ein Zeitfenster für tiefgründige Fragen zu finden, ist gar nicht so einfach. Von einem ausgewiesenen Fachmann haben wir ein Schulungsvideo zugespielt bekommen und wenden seine Sprech- und Fragetechnik bei Line-Checks auf der Kurzstrecke 1:1 an.


Ich wiederhole mich, die typische Kommunikation im Cockpit gibt es nicht. Es kommt wirklich darauf an.
Damit die Worte aber nicht einem grösseren Publikum zugänglich sind, kann der Cockpit Voice Rekorder nach dem Setzen der Parkbremse und dem Abschalten der Triebwerke gelöscht werden. Schade kann man das nicht auch in anderen Lebenslagen…

Sonntag, Januar 22, 2012

Winterfreuden

TWRMädels Wunsch sei mir Befehl!

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JoBo lebt noch. Nach seinen Langstreckenabenteuern und der Umschulung zum Kapitän, gönnt er sich ein paar freie Tage in der Engadiner Bergwelt. 
Dunkle Wolken ziehen über dem Engadin auf. 
"Herr Bohnenblust, hören sie mich?»
«Ich glaube der ist weg.»
«Hallo Herr Bohnenblust, hören sie mich?»

JoBo lag ausgestreckt auf der Skipiste auf 2430 Meter über Meer und blutete leicht aus der Nase. Sein Skistock war an drei Stellen gebrochen und die Brille voller Schnee. Um ihn herum standen drei Personen, zwei davon ausgesprochen hübsche Rettungssanitäterinnen. Er träumte, die anderen reanimierten, schufteten, halfen.

«Reich mir mal die Taschenlampe! Die Pupillen reagieren, also vermutlich kein Schädel-Hirn-Trauma. Diese Unterländer! Kaufen sich einen Helm und einen Rückenpanzer und glauben danach, sie seien Cuche!»

JoBo träumte von pilotischen Heldentaten, Seitenwindlandungen am Limit des Flugzeugs und heiklen Notfällen, die nur dank seines beherzten Eingreifens glimpflich ausgingen. Er war ein Held, der als letzter von Bord ging, zumindest in seinen Träumen.

In der Ferne hörte man das Geknatter des REGA-Hubschraubers näher kommen. Mit dem Lärm kamen die Gaffer, mit den Gaffern die Probleme. Skistöcke wurde herumgewirbelt und Skimützen verabschiedeten sich von den Köpfen der Besitzer Richtung Tal. Drei Schümli-Pflümli wurden auf Tisch 12 weggeblasen und die klebrige und braune Flüssigkeit verteilte sich auf dem Kunstfell der weissen Bognerskijacke einer deutschen Skiläuferin. Den Hubschrauberpiloten interessierten die Probleme modebewusster Deutscher nicht, er landete sicher auf seinen zwei Kufen und ein Arzt spurtete zu JoBo.

JoBo erwachte kurz aus seinen Träumen. Er blickte in zwei wunderschöne dunkle Augen, die einer Rettungssanitäterin in roter Kluft gehörte. Noch im Spital war er davon überzeugt, dass ihn Melanie Winiger persönlich mit dem Hubschrauber abholte. Die Schmerzmittel taten ihre Pflicht und JoBo verabschiedete sich wieder in das Reich der Träume.

Das Nächste, an was sich JoBo erinnerte, war Knoblauchgeruch. Langsam öffnete er seine Augen und erblickte neuerlich das Gesicht einer Frau. Nicht so jung, nicht so hübsch und neben den blauen Augen bildeten sich Grübchen, die bei Melanie vorher nicht da waren.


«Bongiorno Signore Bohnenblust., mi chiamo Alessandra.»

JoBo verstand kein Italienisch, kombinierte aber schnell. Alessandra stand auf dem Namensschild über der riesengrossen Brust und darunter stand Krankenschwester Klinik Gut. An ihrem Atem erkannte er, dass die Signora Spaghetti Aglio et Olio liebte, das Zähneputzen weniger. Er schlief wieder ein.

Kurz vor der Arztvisite erwachte JoBo mit Schmerzen am ganzen Körper. Er schaute sich im Zimmer um und brauchte eine Weile, bis er sich orientiert hatte. Er war offensichtlich in einem Spitalbett. Schläuche links und rechts seines Körpers waren gefüllt mit undefinierbaren Flüssigkeiten und hinter seinem Kopf piepte es im Takt des Herzens. Er lebte, wenn auch mit grossen Schmerzen und wenig Hoffnung auf Mitleid.

Die Türe wurde schwungvoll aufgestossen. Ein braungebrannter Arzt trat ins Zimmer, im Schlepptau hatte er drei Damen unterschiedlichen Alters und unterschiedlicher Schönheit. Der Arzt war Deutscher mit schwäbischem Akzent. 

«Na Herr Bohnenblusch, sie hend wohl ihre Skikünschde überschädzd, gell? Die charmande Frau Candrian wird ihne ebbes Blud abnehme, d Verbänd wechseln und sie so zurechd mache, dess sie für ihre Beddnachbarn, dr gleich oigelieferd wird, angenehm rieche.»

Und schon war der Herr Doktor wieder weg.
Frau Candrian schien für Sorgen, Schmerzen und «Bebechen» von verunfallten Flugkapitänen kein Verständnis zu haben. Schnell, Gründlich und ohne Respekt für intime Zonen, wurde JoBo gewaschen, gepudert und zurecht gemacht.

Nach dieser Tortur schlief er wieder ein.

Mit lautem Gerümpel und Gepolter wurde die Türe aufgestossen und begleitet von zwei Damen und lauten Flüchen, wurde JoBo's Leidensgenosse ins Zimmer gestossen.

«Ich bin Privatversichert, habe Anrecht auf ein Einzelzimmer und will, wenn schon im Zweibettsaal, am Fenster liegen!»
«Nun beruhigen sie sich doch Herr Huber. Der Herr neben ihnen ist auch Privatversichert und ich bin sicher, dass sie sich unter Piloten bestens verstehen werden!»

Huber fackelte nicht lange und ging auf Angriff:

«Wer die grössere Kiste fliegt, darf am Fenster schlafen! Ich fliege den Gulfstream G650!»
«A321»
«Also, wer fliegt den schnelleren Jet? Höchstgeschwindigkeit des G650 ist M 0.925.»
«Tiger F-5, Maximalgeschwindigkeit M 1.64.»

«OK, dann frage ich anders: Wer fliegt den Jet neuster Technologie?»
«Kannst den Fensterplatz haben…»

Huber klingelte wie wild und nacheinander betraten ein Arzt, die Chefkrankenschwester und Alessandra das Zimmer. Schlussendlich blieb Alessandra und das Zimmer füllte sich mit Knoblauchduft. Es brauchte 15 Minuten und viel Schweiss, bis die schweren Spitalbetten da waren, wo sie Herr Huber wollte. Zufrieden war der G650 Kapitän nur wenige Minuten. Er klingelte wieder:

«Es blendet!»
«Willkommen in der Engadiner Bergwelt mit dem berühmten Sonnenlicht!»

Alessandra verliess den Raum kopfschüttelnd.

Den Herren Bohnenblust und Huber wurde es nicht langweilig. Sperrt man zwei Piloten in ein Zimmer, die vor Jahren noch im gleichen Konzern (SAirGroup) aber nicht in den gleichen Firmen (Crossair und Swissair) gearbeitet haben, geht der Gesprächsstoff nie aus.

«Moritz war ein Held.»
«Blödsinn, der hat nur wegen unseres Geldes überlebt.»

«Ihr habt zuviel verdient, darum ging die Bude pleite.»
«Ihr seit zu langsam geflogen, darum gingen die Passagiere zu Air Berlin.»

«Ihr hattet viel zu viele Langstreckenflugzeuge.»
«Ihr hattet viel zu viele technische Probleme auf euren Kisten.»

«Ihr seit nur ILS hinuntergerutscht.»
«Wir flogen in Kai Tak den IGS13 und noch heute den Canarsie in New York.»
«Nichts gegen London City und Lugano!»
«Ach wegen ein paar Grad Anflugwinkel mehr…»
«Ihr braucht ja ein Care Team nach der Landung, wenn der Gleitwinkel 3° übersteigt!»
«Und ihr braucht ein Care Team, wenn ihr mehr als 20 Tonnen landen müsst.»

«Ihr arbeitetet zu wenig.»
«Ihr arbeitetet zu viel.»

«Eure Uniform war wie ihr: Hässlich, aber Hauptsache teuer und und durchgestylet.»
«Eure Uniform war …»

… und wenn sie nicht genesen sind, dann streiten sie sich noch heute!

Samstag, Januar 21, 2012

Gedanken zum Stuhlgang

Nie ist es so ruhig, wie wenn es schneit. Geräusche werden gedämpft, Aktivitäten entschleunigt. Ab und zu donnert es aus der Ferne, wenn mit Sprengstoff eine Lawine ausgelöst wurde, damit Skifahrer und Snowboarder nicht zuviel Schnee in die Nase ziehen.
Die Lopien ruhen noch unter einem halben Meter Neuschnee und warten auf die Raupenfahrzeuge, die aus dem Pulver eine harte Unterlage machen.
Hund Jack ist zufrieden, pflügt sich durch das weisse Hinderniss und findet auch unter der tiefsten Schneedecke noch Pferdescheisse, die es zu beschnuppern lohnt.

In der Zwischenzeit sind wir vom ersten Spaziergang zurück und ich löse mein Versprechen ein, Wünsche von Leserinnen und Lesern zu tastatieren.

Heute kommt "nightyhawk" zu Zug. Obwohl er sich in den Kommentaren etwas ausfällig über mitreisende Damen auf dem Jumpseat äusserte, erfülle ich ihm seinen Wunsch, über spezielle oder gar sonderbare SOPs zu berichten.

Keine Angst, der Begriff SOP wird gleich erklärt. SOPs sind nichts anderes als Vorschriften, wie ein Flugzeug bewegt, geflogen und behandelt werden will und soll. Wenn ich mich nicht täusche, heisst SOP nichts anderes als "standard operation procedures" oder so ähnlich.

Diese SOPs füllen ganze Büchergestelle und werden laufen ergänzt und aufdatiert. Was mit einer Vorschrift begann (have fun and come back safe), ist in der Zwischenzeit auf eine stattliche Bibliothek angewachsen. Die Entwicklung der Vorschriften erinnert ein wenig an die Sage des Weizenkorns und des Schachbretts. Mit dem ersten Flug gab es die eine Vorschrift und mit jedem weiteren wurden diese verdoppelt. Vielleicht steht das S in SOP auch für Sissa ibn Dahir…
Doch zur Verteidigung der SOP muss man sagen, dass wir Piloten diese wirklich schätzen. Ohne verbindliche Vorgaben wäre ein Verkehrsflugzeug moderner Art kaum mehr in die Luft zu bringen und letztendlich sind viele dieser Gesetzesparagrafen nach tragischen Vorfällen in das Buch der Bücher aufgenommen worden. Sie helfen uns, richtige Entscheidungen zu treffen und die Situation nicht noch bedrohlicher zu machen.

Und das wichtigste aller Gesetze? Es ist immer noch das gleiche wie vor über hundert Jahren: "Have fun and come back safe!" Dennoch erstaunt es immer wieder, dass sich einige Piloten nicht mehr daran erinnern und den Spass am ganzen gänzlich verloren haben. Die vielen Bücher, über die ich geschrieben habe, heissen OMs. OM steht für Operational Manual. Im OM A wimmelt es von Regeln der Luftfahrt, Beschreibungen von Idealvorstellungen von Kapitänen und den Subalternen, Beschreibungen von gefährlichen Gütern und Hinweise, wie man mit gefährlichen Menschen umgehen soll.
Das OM B ist ganz für das Flugzeug da. Im Band 1 werden die technischen Systeme rudimentär erklärt und im Band 2 finden sich die Betriebsanleitung und die Grenzen der Einsatzmöglichkeiten. Das OM C ist voll mit Vorschriften bezüglich Planung des Flugs und Erklärungen, welche Pistenmarkierungen weltweit so existieren. Zwischen den Buchdeckeln von OM D stehen Wegleitungen zum Training der Crews und was wann überprüft werden muss und wie das vonstatten zu gehen hat.
Alles klar? Hoffentlich nicht, sonst wäre ich frustriert, denn selbst nach 20 Jahren blickt man da nicht immer durch.

Zurück zum Tastatierauftrag. Nightyhawk sucht nach SOPs, über die es sich zu berichten lohnt. Da grabe ich tief und suche nach einer Vorschrift, die auch den Lesern zunutze kommt, die nicht im aviatischen Bereich tätig sind.
Nach langem Recherchieren bin ich im OM A fündig geworden. Das ganze Kapitel 6 in diesem Buch sorgt sich um die Gesundheit der Piloten. Es steht ob wir tauchen dürfen, ob Blutspenden sinnvoll ist, welche Medis wir nehmen können und warum Speiseeisessen in Mumbay Russischem Roulett gleich kommt. Natürlich ist auch erwähnt, wie lange wir nach einer Operation pausieren müssen und wo Typhus vorkommt.

Wir lesen nicht nur abenteuerliche Krankheiten auf, sondern erkranken auch einmal an einem normalen Durchfall. Um fachmännisch einen solchen zu diagnostizieren, hilft der Paragraf 6.5.7:

Any crew member with persisting diarrhoea (i.e. unhabituel, more than 4 unformed bowel movements during the day) should usually refrain from work, whatever the cause of the diarrhoea may be. 

Also, liebe Leserinnen und Leser. Wenn am Montagmorgen der Pulverschnee und die Sonne lockt, rufen sie ihren Chef an und beschreiben sie das, über das man sonst nicht spricht. Three unformed bowel movements during the day liegen noch drin, bei vier ist Schluss.

Ich bin gespannt auf Ihre Erfahrungen!

Freitag, Januar 20, 2012

Wenn es knistert im Cockpit


Mit dem Hund habe ich schon Schneeflocken gejagt und beim Bäcker frisches Brot gekauft. Das Frühstück ist im Bauch verschwunden, die Tageszeitung schon gelesen und darum habe ich kurz Zeit zu tastatieren.

Bin überwältigt, wie viele Leserinnen und Leser sich gemeldet haben. Da fühle ich mich natürlich motiviert, ein paar Zeilen zu schreiben.

Ich entscheide mich heute für ein Thema, das menschlicher nicht sein könnte: Der Konflikt.

So lange Menschen in der Steuerkanzel eines Flugzeugs sitzen, wird es Diskussionen und Ungereimtheiten geben. Es gibt unzählige Möglichkeiten solche Konflikte zu entflechten, die einfachste ich die Hierarchie. Der Chef hat immer recht! So sieht das Stromberg, die Schweizer Armee und bis Ende der 80er Jahre auch die Fliegerei.

Nach dem bis anhin schwersten Flugzeugunglück der Geschichte, dem Zusammenstoss zweier B-747 in Teneriffa, wurden auch Themen wie Hierarchie und Entscheidungsfindungsprozesse im Cockpit hinterfragt. Daraus entstand das Crew Resource Management (CRM), das heute für alle Flugbesatzungen vorgeschrieben ist.
Viele der Leserinnen und Leser mögen sich noch an den Absturz der Alitalia DC-9 am Stadlerberg erinnern. Dass der Kapitän das Durchstartmanöver abgebrochen hat, was der Copilot zuvor verlangte, zeigte in einer brutalen Deutlichkeit, wie wichtig die Schulung der Besatzungen in diesem Bereich ist.

Auf dem Flugzeug ist es wichtig, dass alle Sensoren berücksichtigt werden. Die wichtigsten Sensoren sind nicht etwa technischer Natur, sondern aus Fleisch und Blut. Darum werden auch die jüngsten Teammitglieder aufgefordert, ihre Beobachtungen zu melden, ihre Bedenken zu kommunizieren.

Tritt ein Notfall ein, ist der Faktor Zeit die wichtigste Komponente. Es gibt Aufgaben, die keinen Aufschub erlauben. Die Flugzeughersteller haben sich viele Gedanken gemacht und Verfahren entwickelt, damit Besatzungen in solchen Momenten Rezepte zur Hand haben und nach vorgängig eintrainierten Mustern handeln können. Schwierig wird es, wenn mehrere Probleme auftauchen, für die in dieser Kombination keine Checkliste zur Verfügung steht oder, wenn die Probleme nicht auf den ersten Blick erkennbar, bzw. die potentielle Gefahren nicht offensichtlich sind.

Die Zusammenarbeit in solchen komplexen Situationen wird halbjährlich im Simulator trainiert. Werkzeuge, um diese sehr komplexen und auch bedrohlichen Szenarien zu meistern, bekommen wir im CRM-Training.

Doch zurück zum Zwischenmenschlichen. Anton Tschekow hat einst gesagt, dass jeder Idiot eine Krise meistern kann, der Alltag es aber sei, der uns fertig mache.
Wie recht er hatte! Wenn es knistert im Cockpit oder innerhalb des Teams, muss dies unverzüglich zur Sprache gebracht werden. Diese langsam auflodernden Konflikte können in der Fliegerei gefährlicher sein, als ein Wintersturm über Zürich. Um solche schwellenden Konflikte zu erkennen, zur Sprache zu bringen und zu lösen, braucht es Sozialkompetenz und den Willen, dem Gegenüber zuzuhören, das Gegenüber ernst zu nehmen.
Trotz Bemühungen der Selektionsstelle und jahrelanger Ausbildung im CRM-Bereich, finden sich leider immer noch vereinzelte Individuen, die eben diese wichtigen Eigenschaften nicht mitbringen.

Mögen sie endlich aussterben…

Machen wir ein Fallbeispiel zum Thema CRM und den Gebrauch der wichtigsten Werkzeuge!

Fall 1: Ein Ehepaar fährt ins Glattzentrum zum Einkaufen.
Die Rollen sind eigentlich klar. Es gibt eine Person, die alle Fäden in der Hand hält: Die Macht über das Geld, die Zeit, den Menüplan, das Sozialleben, den Sex. Unnötig zu betonen, dass es sich hier um die Ehefrau handelt. Der Mann ist Mission Commander – er meint es wenigstens. Selbstverständlich setzt er sich ans Steuer, lässt den Motor aufheulen und biegt viel zu schnell in die Quartierstrasse ein. Was früher undenkbar gewesen wäre, ist heute eine Selbstverständlichkeit: Er hört auf die Intervention einer Frau. Dies ist nicht etwa dem familieneigenen CRM zu verdanken, sondern einer simplen technischen Innovation. Der Mission Commander hat sich ein Navigationsgerät gekauft und gehorcht der fremden Frau aufs Wort.

Problemlos findet das Team das Glattzentrum und folgt den Wegweisern zu den Parkplätzen. Mann bevorzugt Geschoss 4, Frau will einen Parkplatz, wo sie bequem aussteigen kann. Nach einem sorgsamen SPORDEC (Situation Catch, prelimery Actions, Options, Rating, Decision, Execution, Control) parkiert der Mann aus Mangel an Optionen auf Ebene 10, weit weg vom geliebten Apple-Store.

Frau hat die Einkaufsliste gemacht, Mann will sich den neusten iPad ansehen und mit dem langhaarigen Freak im Apple Shirt ein paar Worte wechseln. Nach einem neuerlichen SPORDEC findet sich Mann in der Shampoo-Abteilung der Migros wieder. Wenn schon nicht Apple, dann wenigstens Starbucks. Er kommuniziert nach dem Muster von NITS (Nature of Problem, Intentions, Time, Specials): "Ich habe Lust auf einen Kaffee, will in den Starbucks, brauche dafür 30 Minuten Zeit und Du darfst dafür kurz im Globus vorbeischauen." Zwölf Minuten später stehen sie in der Frauenunterwäscheabteilung des Globus und Mann ist weiter vom Starbucks weg, als ihm lieb ist. Mittlerweile bammeln je drei Einkaufstaschen an seinen Armen und es passiert, was passieren muss: Der Henkel der naturfreundlichen Migros-Tasche reisst und die Ohrenstäbchen, steril verpackt, fallen einzeln auf den unsterilen Boden. Der Mission-Commander reagiert professionell. Ein sauberes PPAA (Power Performance Analysis Action) rettet die Situation und jedermann im Umkreis von 50 Metern sieht und hört, dass hier jemand eine Notsituation mit der notwendigen Umsicht meistert.

Die Frau, stolz einen Fachmann zur Seite zu haben, riegelt die Unfallstelle ab und beruhigt die Schaulustigen. Mit der Sicherheit, dass der Herr Gemahl alles im Griff hat, verlässt sie den Unglücksort, gibt dem Mann noch letzte Anweisungen und verabredet sich mit ihm in 20 Minuten beim Fahrzeug auf Ebene… – ach wo war der Wagen gleich? "Bring doch die Sachen ins Auto und hole mich dann beim Globusausgang auf Ebene 4 ab. Ich muss noch etwas erledigen."
Mann sucht den Wagen zuerst auf Ebene 6, dann auf 8. Schliesslich findet er ihn auf Ebene 10, ganz hinten rechts. Schwitzend verstaut er die Taschen im Auto und fährt wie befohlen zum Globus-Ausgang auf Ebene 4. Frau steigt in den Wagen ein, küsst den Mann auf den Mund und lässt dabei einen kleinen Milchschaumrest mit Latte-Vanille-Geschmack auf Gemahls Wangen zurück.

"In vier Kilometern bitte rechts abbiegen", sagt die junge Frau aus dem Kästchen. Mann gehorcht, streichelt das Knie seiner Frau und freut sich über den erfolgreichen Einkaufstag.

Nachtrag: Meine Frau besteht auf der Klarstellung, dass wir nie im Glatt einkaufen, kein Navi besitzen und sie Starbucks nicht mag…

Donnerstag, Januar 19, 2012

Inkonsequenz oder Sucht?

Blog ruhen lassen? Von wegen! Kaum im Engadin eingetroffen lasse ich die Tasten tanzen.
Vielleicht bin ich süchtig, vielleicht sollte ich Hilfe anfordern?!?

"Hallo, ich heisse Peter, bin Blogger und seit 24 Stunden schreibabstinent"
"HALLO PETER…"

Der Schreibsüchtige in den 70ern mit fescher Hostess
Nein, das kann es nicht sein. Doch wenn man drauflos schreibt, noch keine Idee hat und dennoch bereits bei Zeile 9 (mit Leerzeilen) ist, hat man eventuell doch ein Problem.
Problem hin oder her, ich tastatiere (Wort des Jahres 2012 – ihr werdet sehen!) bis das Keyboard stöhnt und suche dabei ein Thema, das die Leserinnen und Leser interessieren könnte.

Doch was mache ich mir Gedanken? Warum frage ich nicht einfach die Expertinnen und Experten, worüber ich schreiben soll, worüber sie lesen möchten?

Wer die Antwort nicht scheut, schreibe den Themenwunsch in den Kommentar. Ich gehe jetzt Thai essen :-)